Samstag, 28.01.2017: Stufen

Über den Dächern meiner Stadt spannt sich der Himmel, grau, nebelig und diesig. Die Sonne ist verschwunden, die große Kältewelle auch, zumindest für heute. Schnee und Eis scheinen zu bleiben und bedecken in fester Schicht Straßen und Bürgersteige. Meine schweren Winterstiefel schlittern über Eis und festgetretenen Schnee, von Abgasen, Straßendreck und Asche geschwärzt und gebräunt.
An meinen Füßen sammeln sich die Druckstellen und Blasen, Produkte eines harten Winters. Vermutlich des härtesten, den Rumänien seit 20 Jahren erlebt hat. Hier oben in Viseu war er nicht ganz so schlimm. Abgeschirmt von den Bergen, die uns umringen, sind wir verschont geblieben von der eisigen Kälte und den harten Winden, die so manche Ortschaft tagelang in Schneegestöbern eingeschlossen haben. Entgegen der Dörfer in den Ebenen des Südens ist hier das Leben weitergegangen und wurde nicht von Schnee und Eis gelähmt, eingefroren.
Dennoch, mein Besuch, Freiwillige und Freunde, ist schon Anfang dieser Woche gefahren und es ist wieder still geworden in Viseu. Ein wenig einsam, ein wenig zu ruhig, aber dennoch: Endlich wieder Zeit zum Nachdenken, zum Rekapitulieren. Es scheint Ewigkeiten her, dass ich das letzte Mal geschrieben habe. Immer wieder habe ich angesetzt, doch nichts hat seinen Weg auf die Seiten dieses Blogs geschafft – zumindest bis jetzt. Es kommt mir vor, als sei viel seitdem passiert und das stimmt vermutlich auch. Denn ich habe einen Entschluss gefasst, den Entschluss zu gehen.
Meine Monate hier, hier in Viseu, hier in Rumänien, hier in meiner Einsatzstelle waren lehrreich, prägend und ereignisreich. Und auch wenn mich immer wieder die Erinnerung an die allzu vielen einsamen Abende einholt, so kann ich doch nicht leugnen, viel gelernt und viel erlebt zu haben. Dennoch werde ich gehen, meine Einsatzzeit verkürzen und bereits im Februar wieder in meine Heimat aufbrechen. Ich sehne mich nach Neuorientierung, neuen Abenteuern und alten Freunden.
Ich glaube nicht, in meinem Vorhaben gescheitert zu sein. Hier in Viseu habe ich gelebt, erfahren und erlebt und die Dinge, die ich von hier mitnehme, werden mich mein Leben lang begleiten. Dennoch, wenn ich daran denke, wo ich die nächsten sechs Monate verbringen möchte, welche Ziele ich verfolgen möchte und was mir für die kommende Zeit wichtig ist, dann spüre ich, dass es richtig ist zu gehen. Das mag ein Sprung ins kalte Wasser sein, denn auch ich weiß nicht, wohin mich mein Weg einmal führen wird, aber wenn ich mich an eines hier gewöhnt habe, dann ist es Kälte und das, das gibt mir Mut. Ich sehe es wie ein Kapitel, ein Kapitel das ich abschließe, um mit einem neuen zu beginnen, oder wie Hermann Hesse es in seinem Gedicht „Stufen“ formulieren würde:

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
– Hermann Hesse, 1941

Die Zeit, die ich in meiner Einsatzstelle verbracht habe, war zumeist kurz. Oft spürte ich wenig Raum und wenig Luft für Neues, für meine Ideen. Dennoch ist das ein oder andere, wie Löwenzahn durch dichten Beton, herausgebrochen und erblüht. Sei es meine deutschsprachige Theatergruppe oder die Bastelstunden in der Vorschulklasse, die ich mit der Zeit mehr ins Herz geschlossen habe, als ich manchmal zugeben mag. Das wird mir sicher fehlen und sicher werden auch Momente kommen, an denen ich, von Nostalgie schwelgend, an Viseu zurückdenke. An Menschen, die mich berührt haben, Berge, die ich erklommen habe und auch die vereinzelte Kuh, die ich mal melken durfte. Und dann, in diesem Gedanken, kehre ich sicher einmal wieder hierhin zurück. Zurück, nach Viseu.

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