Samstag, 03.12.2016: Von Sighisoara nach Viseu und was eigentlich so alles dazwischen liegt

Mit einem Sprung verlasse ich das Trittbrett des Zuges und sinke unweigerlich bis zur Wade in die Schneedecke ein. Willkommen in Viseu. Während der Zug sich hinter mir ächzend und ratternd in Bewegung setzt und beginnt in der weißen Hügellandschaft zu verschwinden, stapfe ich über die eingeschneiten Gleise, den Abhang herab und vor das alte Bahnhofsgebäude. Zu diesem Zeitpunkt bin ich bereits knappe 17 Stunden unterwegs, auf meiner abenteuerlichen Heimreise vom Zwischenseminar. Es ist viel passiert in den Stunden, aber irgendwie dann doch auch nicht. Eine klare Trennung zwischen Alltag und Abenteuer lässt sich immer schlechter ziehen und das ist auch gut so. Angefangen auf der abendlichen Autofahrt zum Bahnhof in Sighisoara, wo wir, im weiß flackernden Laternenlicht, mehrere Dörfer passieren deren Antlitz sich ähnelt. Viele kleine Häuser, schmiegen sich am Straßenrand aneinander, als würden auch sie die Kälte spüren. Die Fassaden sind bunt, verziert und bemalt, oft mit Baujahr, orthodoxen Kreuzen und einfachem Stuck verziert. Doch sie alle tragen auch Zeichen der Zeit, Makel, Risse, abblätternde Farbe und bröckelnder Putz.
Am Bahnhof passiert dann das absehbare: Witterungsbedingte Verspätung. Ein herzlicher, junger Mann hilft mir weiter – ob wir die Verspätung aufholen werden, kann er mir aber leider nicht sagen. Mit der Vorahnung meinen Anschlusszug zu verpassen und dem dazugehörigen mulmigen Bauchgefühl steige ich ein und hoffe aufs beste. In Brasov dann das Fiasko: Mein Zug und die Reservierung im Schlafwagon sind nun erstmal weg. Doch nach einigem hin und her am Fahrkartenschalter und 3 Stunden dösen auf den harten Plastikbänken des Bahnhofsgebäudes, zwischen Packpackern und Obdachlosen, kommt dann doch endlich ein Zug. Der freundliche Schaffner bei dem ich im Zug dann einen neuen Schlafplatz kaufe, haut mich beim Preis ein wenig übers Ohr, doch ich kann die Energie nicht aufbringen mich über 4 Euro zu streiten und bin nur froh, etwas Schlaf zu bekommen. Ich sehe es viel mehr als verkraftbaren Preis dafür, immer wieder auch mal etwas umsonst zu bekommen.
Um fünf Uhr vierzig klopft es dann an der Abteiltür, gleich ist mein Halt. Also, raus aus dem Zug, rein in den Warteraum des Umsteigebahnhofes, mitten im Nirgendwo. Vom äußersten Rande des Warteraumes beäuge ich die anderen Menschen und sie mich ebenfalls. Doch mit der Zeit, löst sich die Distanz und wie selbstverständlich, treffen sich dann doch alle in der Mitte. Vielleicht ist es die Gesprächigkeit der zwei Männern mit Fellmützen, oder die Fürsorge des Zimmermanns, der den wartenden Kindern auf der anderen Seite etwas zu Essen und einen Kakao beim Automaten kauft; vielleicht aber auch meine Geste, dem Mann der sich etwas Kaffee überschüttet ein paar Servietten zu reichen – irgendwann finden wir doch alle zueinander. Schnell wird klar, dass ich aus Deutschland bin und mein Rumänisch seine Grenze hat. Also geht es weiter, mit mehr Gesten und nicht weniger Fragen. Ob ich verheiratet sei, Kinder habe, wo ich arbeite und was ich eigentlich so verdiene. Irgendwie schaffe ich es dann doch jede der Fragen, wenn auch sehr simpel ausgedrückt, zu beantworten. Doch schon bald trennt uns die Ankunft des Zuges voneinander, und ich habe Glück nicht noch weitere Fragen über die Ausprägung meiner Konfession erläutern zu müssen. Mittlerweile ist die Sonne aufgegangen und das erste Mal, kann ich die Zugfahrt und den dazugehörigen Ausblick, auf Berge, Hügel, Wälder und teilweise zugefrorene Flüsse so richtig genießen. In Viseu de Jos angekommen dann der Sprung in den Schnee. Vor dem Bahnhofsgebäude habe ich dann schon wieder Glück. Ein junger Mann bietet zwei älteren Damen und mir an, uns nach Viseu de Sus zu fahren und erspart uns anderthalb Stunden Fußweg. Vorne zwei rauchende Jungs, auf der Rückbank die Omas und ich, dazu wummernde rumänische Rapmusik – irgendwas, erlebt man nun wirklich immer.

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