Samstag, 26. November 2016: Wenn Stille plötzlich hörbar wird

Ein wenig einsam ist das schon, denke ich, während ich die leer gefegten Straßen meiner neuen Heimat durchwandere. Es ist Samstag, kurz vor neun Uhr abends und eine kalte Stille hat sich breitgemacht. Ich grabe meine Hände tiefer in die warmen Taschen meiner Winterjacke und lege noch einen Zahn zu. Die spärlichen Straßenlaternen tauchen das Viertel in ein gelbliches Licht. Ich bin unterwegs um ein Bier in einem der kleinen Eckläden zu kaufen. Einen Grund zum Feiern gibt es nicht, denn heute Abend passiert nicht mehr viel. Eventuell ein Film, ein paar Folgen meiner Lieblingsserie und danach schlafen. Auf den Straßen ist schon nichts mehr los. Kein Straßenhund ist unterwegs und auch die Ecke, an der sonst viele der Jugendliche ihre Abende verbringen, ist heute wie leergefegt. Nur vereinzelt fegt ein Taxi mit überhöhter Geschwindigkeit an mir vorbei und durchbricht für einen Moment die Stille.
Der Kontrast ist stark. Die letzten Wochenenden war ich viel unterwegs. Habe Freunde besucht, Städte gesehen, in Clubs getanzt und in Bars getrunken. Dort flog die Zeit förmlich an mir vorbei – hier hingegen scheint sie stillzustehen. Doch ich fühle mich nicht unwohl, nicht fremd oder bemitleidenswert, sondern nur ein wenig einsam. Denn so ein Neuanfang, der ist nicht einfach. Seine Freunde, seine Familie, Heimat, Rituale und vorsichtig aufgebaute Beziehungen hinter sich zu lassen war schon in sich ein schwerer Schritt. Den gleichen Versuch, den gleichen Prozess von Neuem zu starten – daran habe ich noch immer zu kämpfen. Ich habe mich immer für einen extrovertierten Menschen gehalten, selbstständig und nicht scheu auf Menschen zuzugehen. Wie sehr diese Selbsteinschätzung zutrifft, wird hier, mehr als an jedem anderen Ort, auf die Probe gestellt.

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