Samstag, 29.10.2016: Dort, wo die Romantik aufhört

Noch ist es dunkel und draußen trommelt leise der Regen auf das Wellblechdach des Schuppens. „Wer will denn bei so einem Wetter wandern gehen“, fragt Iuliana kopfschüttelnd und kann es noch immer nicht fassen. „Na wir“, antworte ich lachend und packe den Proviant in meinen Rucksack. Dann ziehen wir los, noch einmal, auf in die Berge. Dieses Mal allerdings in anderer Konstellation. Ein Freund, der ebenfalls mal hier im Ort einen Zivildienst geleistet hat und nun in einer naheliegenden Stadt Medizin studiert, ist zu Besuch und hat seine Freundin mitgebracht.
Wieder geht es am katholischen Friedhof hinauf und weiter nach oben, wo wir bereits von einem schwanzwedelnden Sam erwartet werden. Genau wie vor einer Woche, trottet der zottelige Straßenhund die gesamte Wanderung neben uns her, dem penetranten Nieselregen zum Trotz.
Ungeachtet der schlechten Wetterbedingungen, Nebel und schlammigen Wegen, steht die Stimmung gut. Auch ich freue mich, etwas Zeit außerhalb meiner vier Wände zu verbringen, etwas frische Luft zu schnappen und mich ein wenig mit den beiden zu unterhalten.
Gegen Ende des Weges stoßen wir wieder auf das Holzhaus der alten Dame, welche uns letztes Mal so großzügig Wallnüsse geschenkt hatte. Erneut kommen wir ins Gespräch, doch der Unterton ist schon nicht mehr der selbe. Ich verstehe wenig, nur einzelne Worte, doch Jonas spricht lange mit ihr. Plötzlich rollen ihr einige Tränen über die Wangen und ihre sehnigen Hände umgreifen das Geländer der Treppe immer fester. Es ist klar, dass etwas nicht stimmt, doch was genau, kann ich nicht greifen.
Später, als wir uns wieder aufmachen, übersetzt mir Jonas mit ernstem Gesicht viele der Dinge, die sie erzählte. Sie habe das Leben und die Arbeit dort oben genossen, doch jetzt werde sie alt. Habe zu kämpfen mit ihren Knochen und jetzt auch noch mit einem Magengeschwür. 17 Enkel habe sie, doch besuchen komme sie keiner. Überhaupt, es komme niemand mehr. Kaum jemand würde den Weg zu ihrem Haus noch in Kauf nehmen, vor allem nicht der alte Herr in der Stadt, dem sie vor drei Monaten großzügig Geld geliehen hatte.
Die Wallnüsse, die sie uns wieder anbietet, lehnen wir dankend ab. Es gab nicht viele dieses Jahr, und ihr müssen ja auch noch welche bleiben.
Zwischen all den Wäldern, Hügeln und Bergen, zwischen der schönen Aussicht und ihrer Romantik, haben wir vergessen, dass es Menschen gibt wie sie. Für die dieses Leben Alltag ist, weit ab von dem, was wir so schätzen. Noch lange habe ich einen Kloß im Hals.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Zur Werkzeugleiste springen