Sonntag, 23.10.2016: Eine Geschichte von Nebel, treuen Begleitern und Kokosriegeln

Am Sonntagmorgen ist es nass und kalt. Eigentlich soll der Tag heute schön werden, doch noch bedeckt ein dichter Nebel die umliegenden Hügel. Auf dem Weg zum Treffpunkt kann ich nicht mal das Ende der Straße erblicken. Neben mir laufen, eiligen Schrittes, mein Kumpel Tim und sein nepalesischer Mitbewohner. Sie sind dreieinhalb Stunden aus Baia Mare hierher gefahren, um mit mir in den umliegenden Bergen zu wandern, dabei sind wir uns jetzt nicht mal sicher, ob wir überhaupt etwas sehen werden können. Vor der Bäckerei treffen wir dann Emil, unseren Wanderführer und seinen Sohn. Keiner der beiden spricht Deutsch oder Englisch, aber das spielt für uns keine Rolle.
Gemeinsam brechen wir auf und stapfen, vorerst schweigend, eine unasphaltierte und schlammige Nebenstraße entlang. Auf einer Anhöhe passieren wir den katholischen Friedhof. Emil zeigt uns die Gräber gefallener deutscher Soldaten, des ersten und zweiten Weltkrieges. Langsam, aber sicher, entsteht ein Gespräch zwischen ihm und uns. Immer wieder verstehen Tim oder ich ein Wort oder zwei – der Rest erübrigt sich im Kontext.
Weiter geht es den Berg hinauf. Der schmale Weg, wird im Verlauf der Zeit immer steiler und die vom Regen ausgewaschenen Radspuren, sind stellenweise beinahe knietief. Doch wie der Steigung zum Trotz, wird die Straße noch immer von Häusern gesäumt. Aus einfachen Massivbauten werden schnell noch einfachere Blockhäuser, von deren Feldern und Gärten uns aufgebrachte Hunde anbellen. Aus einer kleinen Seitengasse erscheint plötzlich ein Straßenhund. Sein Fell ist ein wenig schmutzig und zerzaust, dennoch ist nicht zu übersehen, dass er ein schöner Hund ist. Wie selbstverständlich folgt er uns die Kurven der Bergstraße hinauf. Bei einer Blockhütte, mit besonders aufgebrachten Schäferhunden, nehmen wir den schüchternen Vagabunden schützend in unsere Mitte. Von diesem Zeitpunkt an, bleibt er unser treuer Begleiter. Wie ein Teil des Rudels trippelt er mit uns weiter die Straße entlang. Manchmal läuft er ein wenig vorweg, nur um dann einige Minuten später, mit wedelndem Schwanz, auf uns zu warten. Wir taufen ihn Sam.
Als wir bereits glauben keine weiteren Häuser mehr zu entdecken, werden wir vom Gegenteil überzeugt. Wie ein letzter Vorposten, thront eine einfache Holzhütte am Wegesrand. Hinter ihr fällt die vom Tau glänzende Weide steil ab und man meint fast, zwischen den Nebelschwaden, das Tal erkennen zu können. Vor der Hütte steht ein großer Hühnerstall, ein Wassertank, einige leere Fässer und ein Stapel Kürbisse, mit einer Plane bedeckt. Emil hält an, und grüßt die alte Dame, welche vor der Hütte ihrer Arbeit nachgeht. Sie kommt herüber und die Zwei unterhalten sich einige Zeit auf Rumänisch. Ihre Haut wirkt gegerbt, ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Sie trägt ein Kopftuch und schwarze Gummistiefel, vom Schlamm verdreckt. Ihre sehnigen, kräftigen Hände umfassen einen Wanderstock. Sie schenkt uns einige Wallnüsse, und während wir sie essen, werden wir ihr vorgestellt. Wir kämen aus Deutschland, bis auf Tezan, der sei aus Nepal. Die Frau schüttelt bloß ihren Kopf, wo Nepal sei, das wisse sie nicht. Auch Indien sagt ihr nichts, also verbleiben wir bei Asien. Als Dankeschön schenkt Tezan ihr ein Bounty und ich muss unweigerlich schmunzeln.
Sam folgt uns noch immer und staubt dafür die ein oder andere Wallnuss ab. Auf einer Wiese auf der Kuppe des Berges machen wir halt, verschnaufen und hoffen, dass die Nebelwand bald vorbeizieht. Nach einigen Momenten ist es tatsächlich soweit. Eine Nebelwand schiebt sich in der Entfernung vorbei, und für wenige Augenblicke erblicken wir einen noch größeren, noch höheren, bunt bewaldeten Berg in der Entfernung. Doch so schnell der Moment auch kommt, so schnell ist er auch wieder vorbei. Also ziehen wir weiter. Durch Wälder hindurch, schlammige Abhänge herab und über sonnenüberflutete Wiesen. Mit der Zeit verschwindet auch der dichte Nebel und wir können erste Anblicke der imposanten Landschaft aufnehmen. Der Oktober hat die Blätter bunt gefärbt und lässt das Tal und die endlosen Berge in der Sonne, wie ein Meer aus warmen Farben erscheinen.
3 Stunden lang folgt uns Sam auf unserer Reise durch die Berge. Zum Abschied schenke ich ihm ein Stück von meinem Wurstbrot. Hastig schlingt er es auf und macht sich gleich wieder auf den Weg ins nächste Abenteuer.

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