Donnerstag, 13.10.2016: „Buna dimineata soarele meu“

Rasant legt sich der weiße MiniBus in die Kurven der Maramureser Bergstraßen. Aus den Lautsprechern tönt rumänische Chartsmusik auf voller Lautstärke und die Besatzung singt lauthals mit. Bereits jetzt spüre ich, dass heute mitzufahren eine gute Idee war. Es ist kaum 48 Stunden her, dass Horst, der Leiter der örtlichen Jugend Tanzgruppe, mich fragte ob ich nicht mit auf ihr Workshop Wochenende in Sebes kommen wolle. Was da passieren würde wusste ich nicht. „Ein bisschen tanzen und Party“ die knappe Antwort. Doch ich entschließe mich mitzufahren und bereue es auch jetzt kein bisschen. Es geht höher und höher, über den Pass und auf der anderen Seite wieder hinunter. Vorbei an kleinen, verstreuten Dörfern, Flüssen mit zweifelhaften Hängebrücken und durch groß ausdehnende Waldlandschaften. Jemand steht auf und beginnt zur Musik zu tanzen, ungeachtet der holprigen Straßen und scharfen Kurven. Zwischendurch halten wir an, machen Pause am vom Regen verschlammten Straßenrand, rauchen Zigaretten und atmen ein wenig kalte Oktoberluft. Bis auf einen Jungen, spricht keiner der Jugendlichen Deutsch. Ein paar Brocken Englisch hier und da, der Rest läuft dann mit Händen und Füßen. Dennoch fühle ich mich gut aufgehoben: Denn das erste Mal seit einem Monat bin ich unter rumänischen Gleichaltrigen. Ein Mädchen fragt ob ich mit auf ihren Selfie möchte. Es wird der erste von vielen an diesem Wochenende.
Die Fahrt geht noch fünf weitere Stunden, und aus rumänischer Chartsmusik wird bald Volksmusik.
Auf der Hinfahrt bin ich noch recht still, weiß nicht, wie und über was ich sprechen sollte. Dennoch lässt mich die ausgelassene Stimmung im Bus nicht unberührt: Ich komme aus dem Grinsen schon fast nicht mehr raus.
Kaum sind wir angekommen, geht es schon los. Horst drückt mir einen Schlüssel in die Hand „Das ist offiziell dein Zimmer, schlafen kannst du aber wo du willst“ und zwinkert mir zu. Ich lache, beschließe aber innerlich, dass so ein offizielles Zimmer gar nicht mal so übel ist.
Der erste Abend ist wild, mit lauter Musik, Bier und dem omnipräsenten Schnaps, der nicht ganz ohne ist, wie ich am nächsten morgen schmerzlich feststelle. Am Abend besucht mich noch ein ein weiterer Kulturweitfreiwilliger der in Sebes arbeitet. Das erste Mal an diesem Tag, kann ich mich dann doch mal mehr, als mit nur ein paar Worten, verständigen.
Der Rest des Wochenendes vergeht beinahe wie im Flug. Alles scheint Schlag auf Schlag zu folgen. Erst lerne ich traditionelle Tänze aus Rumänien und Deutschland, dann finde ich mich plötzlich in einem Workshop zu Contemporary Dance wieder und tanze zu den Tunes der Chainsmokers. Am Samstag dann eine Tanzpräsentation, in der die 11 Tanzgruppen ihr Können zum Besten geben. Johanna und Leon (zwei weitere Mitfreiwillige) sind nun auch dazu gestoßen.
Bei der etwa 50 sekündigen Präsentation meines Workshops, glaube ich fast ihren Jubel heraus zu hören – könnte mich dabei aber auch gravierend irren.
Am Abend folgt der Ball, die große Party. Im Verhältnis mäßig kleinen Essens-Saal des Sebeser Hotels zwängen sich über hundert Jungs und Mädchen. Hier unten wird gemeinsam, zu deutscher Schlagermusik, bei der man bei uns nur die Augen verdrehen würde, wild getanzt, gefeiert und geschwitzt. Immer und immer wieder bilden sich Tanzkreise, bei denen im schnellen Tempo, leichten Fußes umher getanzt wird.
Auf der Rückfahrt spüre ich dann doch dass sich auf dem Wochenende etwas verändert hat. Meine Hemmschwelle für rumänische Volks- und Partymusik ist überwunden und bezwungen. Wie zum Triumph singe ich dann laut die einzige Zeile eines Liedes mit, die ich mir merken kann: „Buna dimineata soarele meu“ – „Guten Morgen meine Sonne“, und ernte dafür den enthusiastischen Beifall meiner Mitfahrer_Innen. Ein kleiner Erfolg also.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Zur Werkzeugleiste springen