Samstag, 01.10.16: Ein wenig frische Luft

Etwas ermüdet und indigniert lasse ich die schwere, hölzerne Balkontür des Temeswarer Opernhauses hinter mir zufallen. Mit dem Schließen der Tür, erstickt das Geräusch des Festaktes und wird ersetzt durch den Jubel der Menschen auf dem Platz Victoriei, gepaart mit dem Klang der Band, die auf einer Open Air Bühne einen Song zum besten gibt. Der Tag war lang und ich bin erschöpft. Vorsichtig lehne ich mich gegen eine der wuchtigen Säulen, schließe die Augen und atme einmal tief durch. Langsam spüre ich wie die Kühle der weißen Säule durch den dünnen Stoff meines Jacketts schlägt.
Von diesem Balkon hielten einst 1989, zu Zeiten der rumänischen Revolution, Revolutionäre flammende Ansprachen. Doch heute wird nicht die rumänische Revolution, sondern der Tag der Deutschen Einheit gefeiert, wenn auch etwas verfrüht. Zusammen mit Hunderten anderen wurde ich vom deutschen Konsulat in Temeswar eingeladen. Um mich herum isst, trinkt und spricht das gesamte Kollektiv deutscher Interessenvertretung in Nordwest Rumänien und ich, ich mittendrin.

Beim Einlass streckte mir sogleich eine lächelnde Dame im Hosenanzug ihre Hand entgegen. Mit wem sie heute Abend die Ehre habe, wolle sie wissen. Für ein paar Sekunden macht mein Kopf dicht, und ich kriege nur mit Mühe und Not ein knappes „Eh ja, ich bin ein Kulturweit Freiwilliger“ heraus. Von meiner Verwirrung unbeirrt schüttelt sie meine Hand und wenige Sekunden später finde ich mich bereits mit einem Abendplan in der Hand einige Schritte weiter wieder. Vor mir erstreckt sich ein prachtvoller Saal, eng gefüllt mit einem Meer aus Anzügen, Krawatten, Abendkleidern und glänzenden Lackschuhen. Nachdem ich auch offiziell vom Konsul begrüßt wurde, schnappe ich mir die anderen Freiwilligen und wir suchen uns einen Platz im Saal der Oper. Der Festakt beginnt mit einigen Reden, von offiziellen Persönlichkeiten, Kreisräten, Vizebürgermeistern und Rumänien-Beauftragten.
Sie alle sprechen von Einheit, von Freundschaft zwischen Deutschland und Rumänien und von Zusammenhalt. Leider vergessen dabei viele Redner ihr Publikum mit ihren Worten zu begeistern und zu bewegen und verlassen sich stattdessen auf langatmige formelle Ansprachen. Geradezu im Kontrast steht die darauf folgende Tanzeinlage: Eine Rumänisch-Schwäbische-Jugend-Tanzgruppe schafft es dann doch mit einprägsamen Rhythmen den größten Teil des Publikums in den Bann, zu ziehen.
Nach ihr, gibt das Temeswarer Orchester eine Reihe an Stücken zum besten. Begleitet werden sie von einem großen Chor, Herren im Frack mit erhobener Brust, und Damen in beige farbigen, glitzernden Ballkleidern. Eine Dame in blau positioniert sich bedachtsam im Zentrum der großen Bühne. Ihr Blick, dem Publikum entgegen gerichtet ist strengt, beinahe stoisch; ihr Pailletten besticktes Kleid glitzert im Licht der Scheinwerfer und lässt sie einer Statue ähneln. Wie ein Flüstern beginnt die Musik und tönt Takt für Takt, lauter und lauter, wie ein aufbrausender Sturm. Die Dame öffnet den Mund, und die ersten Verse erfüllen mächtig und imposant den Saal der Oper. Die Leichtigkeit mit der ihre trillernde Stimme von Ton zu Ton wechselt, beeindruckt mich immens – und wie auf einen Schlag, findet die Zeit in der ich wenig bis gar nichts für klassische oder gar Opernmusik übrig hatte, ein jähes Ende.
Doch anderthalb Stunden weilen nicht lang, und ich finde mich schnell, nun mit einem Glas Wein in der Hand, im Trubel des Publikums wieder. Nach dem ein oder anderen höflichen Small Talk, und diversen kleinen Exkursionen zum Buffet, fliehe ich auf den Balkon in der stillen Hoffnung auf ein wenig frische Luft.

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