Mit 8km/h in Richtung Abenteuer

Mein Atem kondensiert an der kalten Morgenluft, als Iuliana und ich uns aufmachen zum Bahnhof. Erst geht es ein Stück die Straße hinunter, dann biegen wir ab und wandern über die überwucherten Gleise, welche sich entlang des Flusses in Richtung Bahnhof ziehen. Meine Zehen frösteln bereits nach wenigen Minuten Fußweg in den Schuhen, denn es ist kalt geworden. Meine Wintersachen liegen zu einem Paket verschnürt daheim – wer hätte denn denken können, dass die Temperaturen Ende September bereits auf null Grad absinken könnten? Ich jedenfalls nicht.
Am Bahnhof angekommen, warten bereits einige Menschen. Iuliana und ich beeilen uns, um noch einen Sitzplatz in einem der geschlossenen Wagen der traditionellen Schmalspurbahn zu erwischen, und haben Glück. 3 Stunden soll die Fahrt dauern, hinauf ins Wassertal. Seit 1932 wird über die Gleise der Schmalspurbahn Holz aus den Bergen in die Stadt befördert, mit dem Unterschied, dass heute die Dampflokomotive ebenfalls Touristen hoch ins Wassertal transportiert. Doch Iuliana und ich sind heute keine Touristen, sondern auf Wallfahrt, denn oben erwartet uns eine Kapelle, welche zu Ehren Kaiserin Elisabeths (auch als Sissy bekannt) erbaut wurde. Für mich, als kaum religiös aufgewachsenen Menschen etwas Neues, doch nichts wovor ich mich verschließe. Ich erinnere mich an die Worte eines Lehrers, knapp nach meiner Ankunft: „Wenn du Viseu verstehen willst, wenn du die Leute hier verstehen willst, dann musst du damit anfangen die Kirche zu verstehen“ – und genau deswegen bin ich ja hier: Um zu versuchen zu verstehen.

Das schrille Pfeifen des Schaffners reißt mich aus meinem Gedankenstrom und holt mich schlagartig zurück in die kalte Kabine des historischen Eisenbahnwagons – es geht los. Langsam setzt sich die Dampflokomotive in Bewegung und zieht die Wagons ächzend hinter sich her. Gemächlich ratternd, beinahe im Schritttempo, schlängelt sich die Bahn am Ufer des Flusses, auch „Wasser“ genannt, entlang. An dessen Ufer ragen, von Häusern und Hütten gesäumt, imposante Berge empor, deren bewaldeten Kuppen von den ersten warmen strahlen der Morgensonne erleuchtet werden. Weiter und weiter kriecht die Bahn entlang des Flusses höher und höher. Während die Häuser immer spärlicher werden, scheinen die moosbewachsenen, felsigen Füße der Berge immer näher zu rücken. Hoch ragende Nadelhölzer strecken mir, ihre Äste wie knochige Arme entgegen. Und wie die Lokomotive sich höher und höher kämpft, so steigt auch die Sonne über die Spitzen der Berge hinaus und taucht den Morgen in ein warmes Licht. Zwischendurch wird das Flusstal breiter, die Abhänge der Hügel sanfter, nur um wenige Minuten später sich wieder zu verengen, bis die Felswände nur noch wenige Zentimeter von den Fensterscheiben des gemächlich ratternden Zuges vorbeiziehen. Und weiter geht es, hinauf, vorbei an Fluss-Wehren, gefertigt aus wuchtigen Baumstämmen, vorbei an dichten Wäldern und üppigen Wiesen, vorbei an Blockhütten rumänischer Holzarbeiter und durch Tunnel hindurch, deren Anblick so manchen Modellbau-Eisenbahn-Enthusiasten vor Neid erblassen lassen würden.
Und plötzlich, im warmen Licht der Morgensonne, zwischen all den Bäumen und imposanten Bergen, fühl ich mich dann doch nicht mehr so fremd.

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