Mittwoch, 14.09.16:

Während hinter uns das rot lackierte Tor der Nummer 31 ins Schloss fällt, machen Iuliana und ich uns auf den Weg. Es ist bereits Abend geworden und dementsprechend kühler. Die Spätsommer-Sonne, welche den Tag hinüber auf das Tal gestrahlt hat, verschwindet langsam hinter den Gipfeln der bewaldeten Berge. Im roten Abendlicht spazieren wir die Straße entlang. An ihr reihen sich die pastellfarbenen Häuser der Kleinstadt. Die meisten sind Bungalows mit rostroten Walmdächern oder bedeckt mit Wellblech. Zwischen ihnen blitzen immer wieder prunkvolle Zinkdächer hervor, in denen sich die rote Abendsonne spiegelt. Einige Häuser hier sind noch völlig aus Holz erbaut, ein Relikt der Jahrhundert alten Holzindustrie des Wasserbachtals. Die meisten Männer hätten dort gearbeitet, Holz gefällt und Flöße gebaut, erklärt mir Iuliana – genau wie ihr Vater. Während wir der Straße folgen, zeigt sie mir das Haus ihrer Großeltern, ihrer Tante, die Straße wo sie aufgewachsen ist. „Alle weggezogen – ins Ausland und in die großen Städte“ bemerkt sie wehmütig. Diesen Teil der Stadt nennt man Zipserei, nach der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe, deren Geschichte in Rumänien bis ins 13. Jahrhundert zurückgeht.
Ein Straßenhund kreuzt leise trippelnd unseren Weg; Beachtung schenkt er uns allerdings keine.
Wir biegen ab. Die Straße verwandelt sich plötzlich in eine Schotterpiste.
Nur wenige Meter, dann haben wir unser Ziel erreicht. Das Haus einer Freundin, ebenfalls Witwe, schon älter, ist völlig mit Holzgittern überzogen. Am Balkon ranken die knorrigen Äste üppiger Weinreben. Es ist groß, ein wenig zu groß um alleine zu leben denke ich. Die Haustür wirkt schwer, aus Holz gezimmert mit geschmiedeter Türklinke. Sie ist unverschlossen, lediglich eine automatische Klingel informiert die Herrin des Hauses über unseren Besuch. Der Flur ist dunkel, durchzogen von einem grob gesticktem Läufer. Es geht die Treppe hinauf, vorbei an verschnörkelten Tapeten. Ich halte den Kopf gebückt um ihn mir nicht an den niedrigen Decken der Treppe zu stoßen. Im ersten Stock angekommen nimmt uns Iuliana’s Freundin im Empfang. Die beiden sprechen wild drauf los, zwar auf Deutsch, doch keins dem ich so ohne weiteres folgen kann. Wenn ich mich bemühe, verstehe ich was gesagt wird, doch einfach, ist das nicht. So sei halt das Zipserdeutsch, es komme nun mal aus Österreich, merkt Iuliana achselzuckend an. Wir setzen uns auf den Balkon, hier sei es schließlich am schönsten, so die Freundin. Es gibt etwas zu knabbern und selbst gemachten Wein. Er schmeckt wie parfümiert. Ich lehne mich zurück und betrachte wie die letzten Strahlen der Abendsonne hinter dem grünen Gipfel am Horizont verschwinden.
Wir sprechen viel. Über die Ernte der Weintrauben, über die wenigen Deutschen die hier noch bleiben und über Vorurteile gegenüber Rumänien. Ein Filmemacher sei dagewesen, der hier geboren wurde. Er habe eine Dokumentation über den dramatischen Zustand der Kinderheime gedreht, allein in Viseu de Sus gibt es vier. Iulianas Freundin wirkt wütend; natürlich sei das furchtbar, natürlich sei es auch nicht gelogen, aber warum habe er keinen Film gemacht der zeige wie die Menschen hier wirklich leben. Es ist nicht das ganze Bild. Armut gebe es, das könne keiner leugnen, aber sie sei nicht das was Viseu de Sus ausmache. Das verkaufe sich nicht gut, sei die Antwort des Filmemachers gewesen. Iuliana und ihre Freundin können nur noch den Kopf schütteln.

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