Archiv des Autors: Leonie Haberlander

Ein Beitrag über nordkoreanische Einflüsse in Namibia

 

-Ein Besuch beim Independence Museum in Windhoek-

Das Independence Museum ist schwer zu übersehen. Gold glänzend thront es auf einem Hügel mitten in Windhoek, drei dicke Pfeiler, dazwischen schwebt ein Zylinder. Wie ein Goldzahn sieht es aus, oder- so sagen die Locals- wie eine Kaffeemaschine.

Auf drei Etagen wird hier der Liberation Struggle der Namibier gegen verschiedene Vorherrschaften der letzten Jahrhunderte dargestellt. Der Fokus liegt hierbei auf dem Südafrikanischen Apartheit Regime, das erst 1990 mit der Unabhängigkeit Namibias endete. Zahlreiche Bilderwände zeugen vom Aufstand der Bevölkerung, ob es sich dabei um Guerillakämpfer unter deutscher Kolonialmacht von 1907 oder aufständische Stämme Mitte des 20sten Jahrhunderts handelt scheint teilweise recht unbedeutend. Dazwischen Tontöpfe, die Archäologen vor hunderten von Jahren ausgegraben haben. Wann genau, kann die Museeumsführerin nicht beantworten.

Doch während diese willkürlich zusammengewürfelte Mischung aus Fotos und Artefakten höchstens für Verwirrung sorgt, so sorgen andere Räume für Gänsehaut. In einer obskur beleuchteten Höhleninstallation schaukeln Ketten von der Decke und Reliefs verdrehter Menschenkörper bedecken die Wände. Ein paar Schritte weiter ziert ein meterhohes Gemälde die Raumwand. Darauf eine Darstellung des Cassinga Massakers, bei dem 1978 zahlreiche Namibier umkamen, darunter ein Großteil Zivilisten. Die Südafrikanischen Streitmächte hatten einen Luftangriff auf ein Flüchtlingscamp in Angola unternommen, in der Annahme es sei eine militärische Basis. Hier im Independence Museum zeigt sich der Angriff nun in all seinem Schrecken: schreiende Frauen, blutüberströmte Körper, weinende Babys die ihre Teddybären umklammern.

Unsere Museeumsführerin stört letzteres ein wenig. Namibische Kinder, so sagt sie, haben keine Teddybären, nie. Wieso dann also inmitten eines Massakers, im Moment der Todesangst, ein völlig unbekanntes Objekt umarmen? Die Frage beantwortet sich, wenn man den Künstler des Werkes in die Überlegungen mit einbezieht. Wie fast alles im Independence Museum kommt dieser nämlich aus Nord Korea. Die Vermutung, dass es dort Teddybären gibt, liegt nahe.

Dass Nord Korea in Namibia Projekte umsetzt ist nichts neues, die nordkoreanische Baufirma Mansudae Overseas Projects greift regelmäßig große Projekte ab, meistens ohne Konkurrenz. So zum Beispiel das State House, in dem der Präsident residiert, und „Heroes Acre“, ein Denkmal für die Opfer des Liberation Struggles. Das Independence Museum reiht sich in die Gruppe dieser Projekte ein, offiziell ein Geschenk Nord Koreas, als Dank für die vielen Aufträge. Diese Geschichte glaubt nicht jeder in Windhoek. Viele beklagen sich über eine weitere sinnlose Investition der Steuergelder zugunsten der asiatischen Partner. Die zwei Länder verbindet nämlich mehr als hässliche Bauten. Seit dem Kampf um die namibische Unabhängigkeit, bei der Nord Korea die militärischen Aktionen der jetzigen SWAPO (Namibias einflussreichste und einzig ernstzunehmende Partei) unterstützte, besteht da auch eine enge Freundschaft. Diese zeigt sich neben undurchsichtigen Bauprojekten unter anderem auch in regelmäßigen Enthaltungen Namibias bei UN Abstimmungen- so zum Beispiel wenn Nord Koreas Menschenrechtsverletzungen verurteilt werden sollen. Auch die harte Währung, die NK durch die Geschäfte mit Namibia bekommt, macht diese Partnerschaft für sie unverzichtbar.

All diese Hintergründe sollten beim Museumsbesuch in die Betrachtung mit einbezogen werden. Erst dann ergeben die zusammengewürfelten Artefakte und zwischendurch eingestreuten, kommunistisch anmutenden Gemälde strahlender Arbeiter einen Sinn. Die Prioritäten des Kurators lagen weniger bei historischer Genauigkeit als kommunistischer Propaganda.

Gerade mit diesem Wissen lohnt sich der Besuch in diesem absurden Museumskonstrukt aber auf jeden Fall. Für deutsche Besucher haben die nordkoreanischen Kuratoren auch noch eine kleine Nachricht im dritten Stock versteckt. Auf der Weltkarte an der Wand ist Deutschland hier nämlich noch in Osten und Westen geteilt. „Looks like they’re sending a message“, sagt die Museumsführerin. Dem kann man nur zustimmen.

 

Ein Beitrag darüber, wie Jägermeister die Geister Namibias rufen wollte.

Wir nähern uns dem Ende Oktobers und damit einer der unnötigsten Festivitäten auf unserem kürbis förmigen Planeten. Eine Festlichkeit, die Damen dazu auffordert, die kürzesten Höschen aus dem Schrank zu kramen und gescheiterten Herren die Illusion lässt, dass eine gruselige Maske automatisch zu beeindruckender Männlichkeit verhilft. Normalerweise schaffe ich es, den Vorbereitungen für Halloween aus dem Weg zu gehen, und ignoriere geflissentlich die zahlreichen facebook Veranstaltungen, die Hokuspokus und Hochprozentiges versprechen.

Doch letzte Woche habe ich von einem Event erfahren, dass meinem neuen Zuhause Windhoek am 29.10. das Gruseln lehren möchte. Die fetzige Sause ist von Jägermeister organisiert und verspricht in ihrer facebook Beschreibung als “the craziest Halloween night ever” in die Geschichte einzugehen. Eine derart lieblose Verantstaltungsbeschreibung macht “Jagermeister Halloween” nicht unbedingt zu einem schlechten Event. Auch am hochkreativ betitelten Rapper Jack Parow, der als Entertainment- Schmankerl auftritt, habe ich persönlich nichts auszusetzen.
Aber Jägermeister hat sich die Alte Feste in Windhoek als Location ausgesucht, und das macht den Horror an Halloween unverzeihlich real und mich unglaublich wütend.

Die Alte Feste wurde zu Beginn des 20sten Jahrhunderts von der deutschen Schutztruppe als Stützpunkt verwendet. Damit war sie Dreh- und Angelpunkt der deutschen Kolonialisierung, die Namibia mit einem realen Horror konfrontierte, der weit über knappe Plastikhöschen hinausging.
Hier saß vor ungefähr hundert Jahren Oberbefehlshaber Lothar von Trotha (sein echter Name) und gab den Vernichtungsbefehl, der damals das Schicksal der Hereros besiegelte. Direkt davor befanden sich die ersten Konzentrationslager des deutschen Reiches, in denen tausende Herero und Nama umkamen.
In diesen geschichtsträchtigen Wänden möchte Jägermeister nun also die Anwohner Windhoeks zum feiern animieren und jagt mir damit einen kalten Schauer über den Rücken. Ich weiß nicht, ob die Organisatoren diese Buchung komplett desinteressiert und in Ermangelung angemessener Recherche getätigt haben, oder die dazugehörige Geschichte im Location- Auswahlprozess ganz weit hinter Parkmöglichkeiten und dem Festen-Flavour eingeordnet wurde.

Hannah und ich sind empört. Ein Frühstück lang recherchieren wir, finden den Hashtag #notataltefeste und echauffieren uns, dass dieser viel zu wenig Anklang findet. Wir planen eine Plakatkampagne, am besten noch heute Nachmittag, und googeln nach den Emailadressen deutscher Zeitungen. Gefühlt muss gerade jeder von dieser Unverschämtheit erfahren. Am Höhepunkt unseres spontanen Aktivismus gesellt sich Sina zu uns. “Die Jägermeister Party? Ist jetzt im London. Wurde verlegt hab ich gehört.”

Jägermeister hat also reagiert. Trotzdem bin ich immer noch wütend und werde mich beim nächsten mal an der Bar für Tequila entscheiden. Ein bisschen Protest muss sein.

Ein Beitrag darüber, wie wir mit Erick durch Katutura gefahren sind.

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Gestern haben wir eine Tour durch Katutura gemacht. Katutura ist das ärmste Viertel Windhoeks und beherbergt gefühlt den Großteil seiner Bevölkerung.  Katutura heißt übersetzt „Ort, an dem wir nicht leben wollen“ und entstand im Rahmen der südafrikanischen Apartheidpolitik. Katutura ist auch die Heimat von Erick, dem Taxifahrer unseres Vertrauens, der angeboten hat uns eine Tour durch ebendiese zu geben. Zunächst war ich skeptisch. Eine armutstouristische „Township-Tour“ wollte ich auf jeden Fall vermeiden, war mir aber auch bewusst, dass ich alleine und nur mit einer Einwegkamera bewaffnet nicht das Beste aus der Erfahrung rausholen würde. Am Ende des Tages wäre möglicherweise nur das Beste aus meinen eigenen Taschen herausgeholt und ich nicht weiser. Eine Tour mit Erick schien mir deshalb ein guter Kompromiss da ich wusste, dass er uns einen völlig anderen Blick auf seine Heimat geben konnte.

Wir haben also für umgerechnet ein paar Cent selbstgebrautes Bier aus einem Messbecher am Straßenrand getrunken (ein beliebter Platz für Taxifahrer um wieder aufzutanken) und sind an tanzenden Kindergruppen in typischer owambo Kleidung entlanggefahren. Wunderbar sind besonders für berufungssuchende Studenten wie mich die freudestrahlenden Augen mancher Bewohner, für die die Sichtung eines weißen automatisch Glück bedeutet. Wer also weiß ist und nach einem Weg sucht die Welt ein bisschen besser zu machen kann sich mit einem Trip durch Katutura ordentlich das Karma- Punktekonto auffüllen.  Als ich Erick dann versuche zu erklären, dass bei uns der Schornsteinfeger das Glück bringt scheitert das an der simplen Tatsache, dass er die Existenz eines Kamins und damit auch die Reinigung eines solchen nicht kennt. Tatsächlich fahren wir an Wellblechhütten vorbei, die sich mit ganz anderen Problemen konfrontiert sehen als der Beheizung ihres mehr als knappen Wohnraumes. Wasser und Elektrizität sind rar und der Weg in die Stadt teilweise fast unmöglich, weil die Taxis den langen Weg nur zu unbezahlbaren Preisen fahren.

Wir fahren weiter, wissen nicht genau wie wir die Informationen verarbeiten oder reagieren sollen und sagen lieber gar nichts, jedenfalls nichts Relevantes. Die richtigen Worte zu finden scheint unmöglich im Angesicht dieser Tatsachen, von denen wir selbst so unfassbar weit entfernt sind. Deshalb hören wir lieber zu und lachen beziehungsweise schweigen betreten an den richtigen Stellen. Und dann fährt Erick durch ein sandfarbenes Tor auf einer Anhöhe und plötzlich erstreckt sich vor uns aus dem nichts ein riesiger See, umrundet von Schilf und Grillplätzen im hohen Gras. Wasserknappheit sieht anders aus. Doch ein Blick in das Gewässer zeigt, dass es sich hierbei weder um Trink- noch Badewasser handelt. Der See sammelt nämlich das Abwasser der ganzen Stadt, was von nahem sehr unappetitlich aussieht, erstaunlicher Weise aber fast nicht stinkt. Inzwischen sind wir alle sehr hungrig und beenden deshalb den Tag im „Single Quarters“, einem Markt der das beste Kapana der Stadt verspricht. Hier bekommt man fast den gesamten Verarbeitungsprozess des Rindfleisches zu sehen, das man am Ende mit dem traditionellen Kapanagewürz in Zeitung eingewickelt über den Grill gereicht bekommt. Dazu serviert uns Meme Mamuschka fat cakes (frittierte Teigbälle) und Salsa (gehackte Zwiebeln und Tomaten). Außerdem bietet sie uns ihre Söhne als potentielle Ehegatten an, was wir dankend ablehnen.

Ein Tag in Katutura reicht mir natürlich nicht. Ich werde wiederkommen, hoffentlich weniger als beobachtender Tourist sondern mit Freunden und Bekannten die hier Leben und vielleicht ein wenig ihrer Realität mit mir teilen möchten. Oder vielleicht auch nur eine Portion Kapana.

Ein Beitrag darüber, wie wir unsere Wohnung verlassen haben um auf einen Hügel zu gehen.

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Heute waren wir wandern. Genauer gesagt sind wir einem Pfad gefolgt, der über einen nicht sonderlich steilen Hügel verlief und haben dabei ein paar Fotos gemacht. Von der Aussicht und von uns auch. Eigentlich hauptsächlich von uns, wie wir ganz ungestellt besagten Hügel hinunterflanieren und die Aussicht genießen. Zwischendurch angestrengtes Kichern und peinlich berührte Blicke, die die in Sand getauchte Umgebung nach Zeugen absuchen aber es ist ja eh niemand da. Es ist fast nie jemand da in diesem oft gefühlt fast ausgestorbenen Land, mit 2 Millionen Einwohnern die jetzt gerade überall sind aber nicht auf diesem Hügel. Deshalb machen wir hier schnell ein paar Fotos; für die Erinnerung und die Familie und als Facebook Titelbild sowieso.

Ein ganz normaler Sonntagsspaziergang also und doch ganz anders weil ja in Namibia. Weil ich meinen Beutel mit 2 Wasserflaschen und nicht mehr als 20 Namibia Dollar packe. Weil Sina zum ersten Mal seit 10 Tagen ihre Kamera mit raus nimmt und wir davor minutenlang Informationen einholen über Schlangenbisse (gefährlich) und das richtige Verhalten um eben diese zu vermeiden (ruhig bleiben und langsam entfernen) und die passende Notfallnummer für den Fall das es doch passieren sollte (02247 9225013).

Als wir gefühlte Stunden nach dem Vorschlag „wollen wir heute mal rausgehen?“ dann das rote eiserne Tor vor unserem Haus aufschließen und uns auf den Weg machen, fühlen wir uns alle ein wenig abenteuerlich. Das liegt nicht an der tatsächlichen Sicherheit beziehungsweise Gefährlichkeit dieser Stadt, sondern vielmehr an einem alles umfassendem Gefühl der Verunsicherung, das ich in erster Linie auf unseren bis dato noch sehr kurzen Aufenthalt und immer variierende Ratschläge zurückführen kann.

So zum Beispiel beim Thema Überfall. Eric, der Taxifahrer unseres Vertrauens kommt aus Katatura- dem ärmsten Viertel der Stadt, und sieht nicht ein, warum man einem Dieb freiwillig Geld überhändigen sollte. Er empfiehlt uns, nicht einfach nachzugeben wenn wir uns in einen Raubüberfall verwickelt finden und unser Geld in der Tasche zu behalten. Abstechen würde uns schon keiner. Babsi hingegen, eine Art fürsorglicher Notorious BIG mit Farm und Pool (weltweit ziemlich eindeutige Indikatoren für ein etwas behüteteres Aufwachsen) hält diesen Plan für völlig lebensmüde und macht uns in einer fließenden Bewegung vor, wie wir unsere  Wertgegenstände demütig vor eventuellen Angreifern zu platzieren haben.

Zwischen diesen und vielen anderen Ratschlägen und Warnungen versuchen wir nun also einen richtigen Verhaltenscodex für uns zu finden und sind deshalb wahrscheinlich gerade zu Beginn mehr vorsichtig als wagemutig. Und so haben wir heute eben nicht nur einen banalen Sonntagsspaziergang gemacht, sondern ein kleines Abenteuer gewagt und uns damit auch etwas Selbstbewusstsein zurückgewonnen. Weil natürlich nichts passiert ist. Eventuell wegen meiner beängstigenden Ausstrahlung aber wahrscheinlich dann doch einfach weil ganz Windhoek (Schlangen und Menschen) an einem Sonntag etwas Besseres zu tun hat, als auf diesem staubigen Hügel zu sitzen. Obwohl man da ganz nette Fotos machen kann.