La Nostalgia

Und nun der heutige Beitrag aus der Kategorie „Gefühle“:

Während eines Workshops beim Vorbereitungsseminar für das FSJ war einmal die Frage „Was bedeutet für dich Heimat?“. Eigentlich eine simple Frage, könnte man denken. Trotzdem habe ich mich damals mit einer Antwort schwergetan, zumindest mit einer nicht pathetischen, die wirklich die Wahrheit widerspiegelt. Dass nun dieser ganze Blogeintrag pathetisch klingt, ist wohl der Natur des Wortes Heimat geschuldet, doch wer mich kennt, weiß, dass mir nichts fernerliegt, als Pathos oder Geschwafel.

Die Entscheidung für dieses FSJ war zum Teil eine Impulshandlung und zum Teil hatte sich das ganze seit ca. 10 Jahren angebahnt. Seit damals war mir immer klar, dass ich – wie auch immer – eines Tages ins Ausland gehen würde. Das stand einfach fest, als Tatsache, genauso wie, dass ich eines Tages sterben würde. Die letzten Jahre hatte sich in mir eine Art innere Unruhe aufgestaut, das Gefühl, noch nicht richtig angekommen zu sein, dass noch irgendetwas fehlte, ich noch nicht alles erlebt hatte, was ich erleben sollte. Ich hoffte – zugegebenermaßen ein wenig naiv – dass sich diese Unruhe in Luft auflösen würde, sobald ich den Punkt „Ausland“ von meiner inneren Bucket List abhaken konnte, dass ich danach endlich zurück nach Hause gehen könnte und es als meine Heimat anerkennen würde, dass mein Drang, Deutschland zu verlassen, danach verschwinden würde.

Die ersten Tage sah es gut für meinen Plan aus, obwohl ich mich hier wohlfühlte, sehnte ich mich nach dem Komfort meiner Wohnung. Es fiel mir nicht schwer, Santiago als eine Übergangsphase zu betrachten, ein Zuhause auf Zeit, dass ich jedoch nach einem halben Jahr getrost wieder verlassen könnte, von dem ich sagen könnte, „gute Zeit, aber reicht jetzt auch“. Obwohl es mir immer besser gefiel, hatte ich dennoch weiterhin keinen Grund, den Plan ernsthaft anzuzweifeln – ab und an gab es Momente, in denen ich dachte „das werde ich vermissen“ – aber mehr halt auch nicht.

Dann kam die vergangene Woche, irgendwas fühlte sich anders an, irgendwie hatte ich so ein komisches Gefühl (Glück?), jeder Mensch, den ich irgendwo traf, war mir sympathisch – das Wetter tat sein Übriges. Nachdem ich ein phänomenales Wochenende verbracht hatte, kam ich am Sonntag zurück, nur um am Montagabend in eine existenzielle Krise zu geraten. Was passierte hier gerade? Ich bekam plötzlich Angst, Angst, dass die Zeit zu schnell verging, dass ich dieses Land eines Tages wieder verlassen müsste, dass ich wieder zurück nach Deutschland gehen müsste, dass ich mich danach nie wieder so wohl fühlen würde wie in diesem Augenblick, dass ich nie wieder etwas wie das hier erleben würde. Gleichzeitig: Schuldgefühle. Wieso gefällt es mir zu Hause nicht so gut? Du kannst hier nicht für immer bleiben!

Nostalgia beschreibt im Spanischen sowohl Heim- als auch Fernweh. In meinem Fall ist es ähnlich, denke ich. Ich hatte mein Leben lang Heimweh, aber nicht nach dem Zuhause, dass ich in Deutschland hatte, sondern danach, mich endlich irgendwo heimisch zu fühlen und für den Moment scheint es so, als hätte ich diesen Ort gefunden. *

 

*Ich weiß, dass man am Anfang jeder Beziehung, eine rosarote Brille aufhat, dass man nur das Gute sieht und die schlechten Dinge ausblendet – selektive Wahrnehmung. Mir ist klar, dass im Moment bei mir genau das passiert. Ich weiß aber auch, dass es genau diese Anfangszeit ist, die eine Beziehung zu dem macht, was sie einmal wird, etwas Schönes – und ein Stück Heimat.

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