Lluvia

Wenn es regnet, vermeiden es die Santiaguinos (die Bewohner Santiagos) tunlichst, das Haus zu verlassen. Das erzählte mir zumindest meine Kollegin, die hier aufgewachsen ist. Ich, in Norddeutschland großgeworden, konnte darüber nur lachen. Bei uns lernt man schließlich schon als Kind, dass Menschen nicht aus Zucker sind und dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur unpassende Kleidung. Mit Schietwetter kann ich umgehen!
In meinem grenzenlosen Optimismus (und nicht etwa, weil er nicht mehr in den Koffer gepasst hätte) habe ich für meine Reise in den chilenischen Frühling/Sommer selbstverständlich keinen Regenschirm eingepackt. Bei durchschnittlich 3 Regentagen pro Monat im September und Oktober (und sogar noch weniger ab November) konnte ich mir das wohl erlauben.

Als ich eines Samstagmorgens aufwachte, regnete es bereits. Von meinem Fenster aus, sah es jedoch nicht besonders spektakulär aus. Das ist also dieser fürchterliche Regen, dachte ich, dass ich nicht lache. Klar, nicht besonders gemütlich, aber so ist das nunmal mit Regen. Keine Ahnung, warum sich alle so anstellen!
Im nächsten Moment zuckte ein Blitz über den Himmel und einige Sekunden später ließ ein gewaltiges Donnergrollen meine hauchdünne Fensterscheibe erzittern und ging mir durch Mark und Bein. Okay, vielleicht doch ein bisschen unheimlich, dachte ich. Da aber nichts weiter passierte, entspannte ich mich schnell wieder und ging einige Stunden später nach draußen – ironischerweise, um Wasser zu kaufen.
Die ersten paar Schritte waren in Ordnung, nichts was ich nicht aus Deutschland auch gewohnt wäre. Erst als ich an eine Straßenecke kam, an der ein parkendes Auto in einem kleinen See stand, dämmerte mir, dass das mit dem Regen hier evtl. doch etwas anders sein könnte. Trotzdem ging ich weiter, ich musste ja schließlich nicht in dieses Auto einsteigen. An der nächsten Kreuzung stand ich plötzlich an einem kleinen Fluss, wobei ich mir eigentlich ziemlich sicher war, dass sich dort sonst eine dreispurige Straße befunden hatte. Hatte ich mich verlaufen? Aber Moment mal, da war ja eine Ampel und das Boot, dass da auf mich zukam sah verdächtig nach einem Bus aus. Nur haarscharf glitt ich an einer Katastrophe vorbei, indem ich geistesgegenwärtig einige Schritte zurückmachte und so der gigantischen Flutwelle auswich, die der Bus im Vorbeifahren produzierte.
Okay, jetzt verstand ich das Problem. Anscheinend war es gar nicht so sehr der Regen selbst, sondern vielmehr die fehlende Abflussmöglichkeit. Nach zwei weiteren Straßen- (bzw. Fluss-)Überquerungen hatte ich nasse Füße und meine Jacke bot auch keinen Schutz mehr vor dem Regen, der von oben kam.

Seit ich hier bin habe ich 2 dieser sintflutartigen Regenschauer erlebt. Obwohl ich beim zweiten Mal schlauer war und ein Uber nahm, um nach Hause zu kommen, reichten die insgesamt 20 Meter zwischen Auto und Abfahrts- bzw. Zielort aus, um von oben bis unten komplett durchnässt zu sein.

Ja, Menschen sind nicht aus Zucker und ja, dem Wetter entsprechende Kleidung ist immer eine gute Idee. Aber nein, ich habe keine Lust mehr mich bei Regen in den Straßen Santiagos fortzubewegen und ziehe es deshalb vor, es für die verbleibenden (schätzungsweise maximal 2-3) Regentage den Santiaguinos gleichzutun und einfach zu Hause zu bleiben.

0 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.