Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

Nach der Wahlparty am 24. September war ich nun also auch zum Empfang anlässlich des 3. Oktobers nach Chisinau eingeladen. Ein edler Brief der deutschen Botschaft ließ zwar auf eine größere Feier schließen, jedoch hatte ich eher ein schickes Abendessen in einem guten Restaurant, als einen Ballsaal mit funkelnden Kronleuchtern und dem moldauischen Präsidenten als Gast erwartet. Aber gut, übertroffene Erwartungen sind doch eigentlich etwas Positives. Durch den gegebenen Rahmen stiegen auch meine Erwartungen an das Programm und die Rede der Botschafterin. Nach Erklingen der deutschen Nationalhymne begrüßte diese den gut gefüllten Saal mit dem diesjährigen Motto des Feiertages und ein paar kurzen Worten dazu. Doch an diesem Abend sollte nicht nur die deutsche Einigkeit, sondern auch 25 Jahren diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und der Republik Moldau ein Anlass zum Feiern sein. So geht es vordergründig um Erfolge in der Zusammenarbeit, das Miteinander und ein Deutschland, das alles geben wird um Moldawien weiterhin zu helfen, unter Anderem sich der Europäischen Union weiter anzunähern. Der anwesende Präsident Igor Dodon bedankt sich für die Zusammenarbeit und betont, dass er die Hilfe sehr zu schätzen wisse. Das klingt doch alles ganz super. Oder nicht? Nach den Ansprachen wird das Büfett eröffnet und während ich mit den anderen Freiwilligen den guten Wein genieße, reden wir über die Beziehungen zwischen Deutschland und Moldawien.

Es ist schwierig die Politik in einem Land zu verstehen, in dem man nicht aufgewachsen ist und welches man (noch) nicht wirklich kennt. Doch anhand vieler Gespräche mit Einheimischen, sowie Informationen aus zuvor gelesenen Berichten, lässt sich feststellen, dass dieses Land in vielerlei Hinsicht gespalten ist. So steht aktuell eine pro-europäische Regierung einem eher pro-russisch gesinnten Präsidenten gegenüber. Doch auch dieser sitzt, wie eine Deutschlehrerin hier so schön sagte „zwischen zwei Stühlen“. Zum Einen möchte er die Verbindungen nach Russland wieder verstärken, nachdem ihm aufgrund des moldauischen Assoziierungsabkommen mit der EU Sanktionen im Handel auferlegt wurden. Zum Anderen ist gerade Deutschland einer der wichtigsten westlichen Handelspartner der Republik. Diese Zerrissenheit zieht sich auch durch die Bevölkerung. Mit 52,3% der Stimmen gewann Dodon Ende 2016 knapp die Wahl gegen die pro-europäische Kandidatin.

Als ich mir dann heute Morgen Franck-Walter Steinmeiers Rede zum Tag der deutschen Einheit durchgelesen habe, hat mich eine Aussage besonders angesprochen. Wir feiern, dass die ehemals Ost- und Westdeutschland trennende Mauer gefallen ist, doch „es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen „Wir“ im Weg stehen“. Dieser Satz trifft die politische sowie gesellschaftliche Situation in Deutschland, die vor allem durch die aktuellen Wahlen noch deutlicher wurde, wie die Faust auf’s Auge. Nicht nur das, dieser Satz ist ein Sinnbild für Uneinigkeit und Kontroversen, die uns in so vielen Bereichen tagtäglich begegnen. Zudem lässt er sich für mich auch außerhalb von Deutschland perfekt anwenden. In der kurzen Zeit in dieser neuen „Welt“ Moldawien sind mir neue Mauern begegnet, wie die in der eben beschriebenen hiesigen Politik, aber so manche auch eingestürzt.

Es ist wortwörtlich augenöffnend, sich in unbekannte Bereiche zu begeben. Zum Einen erlebe ich hier hohe Mauern zwischen Reich und Arm, zwischen der Regierung und der Bevölkerung. Viel Geld wandert in die eigenen Taschen der führenden Persönlichkeiten, während die „kleineren“ Leute darunter leiden und abwandern. Eine Spirale, die kein Ende zu haben scheint. Zum Anderen fallen für mich Mauern zwischen Welten, ich bekomme Einblicke in das deutsche Leben und in das moldauische, in das bürgerliche Leben sowie die höheren und politischen Schichten. Solche Empfänge bilden einen krassen Gegensatz zum alltäglichen Leben, das ich hier mitleben darf, aber umso interessanter ist es auch sich danach am Esstisch mit meiner Gastgeberin darüber zu unterhalten. Ein bisschen wünsche ich mir, die Rede Steinmeiers miterlebt haben zu dürfen und ein bisschen Enthusiasmus im Hinblick auf die Zukunft Deutschlands gespürt zu haben. Es ist ein schöner Gedanke auf eine gewisse Einigkeit hinzuarbeiten und Mauern fallen zu lassen. Auf jeden Fall ein interessanter Abend, vor allem aus diesen verschiedenen Perspektiven betrachtet.

 

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