stereotypen & Machtstrukturen

„Wenn ihr an Osteuropa denkt, welche Klischees fallen euch ein? Woher kommen sie und was macht das mit uns? Als was identifizierst du dich? Wie geht man mit seinen Privilegien als weiße/r Deutsche/r um? Und wie stark sind wir eigentlich von der Medienwelt um uns herum beeinflusst?

Ganz schön viele Fragen für Tag zwei und drei meines Vorbereitungsseminars am Werbellinsee bei Berlin. Doch im Rahmen des Freiwilligendiensts „kulturweit“, der von der deutschen UNESCO-Komission und dem Auswärtigen Amt ins Leben gerufen wurde und laut eigener Aussage für interkulturellen Dialog steht, müssen solche Fragen gestellt, diskutiert und von jedem für sich selbst beantwortet werden. Nach einer langen Bewerbungsphase wurden über 300 Freiwillige eingeladen sich im zehntägigen Seminar in kleinen Gruppen auszutauschen und an interessanten Workshops teilzunehmen. Ich bin eine davon. Und da dieser Blog logischerweise viel von meinen Erfahrungen in meinem Einsatzland handeln wird, stelle ich dieses und meine Gedanken dazu erst einmal vor.

Mein Weg führt mich nach Moldawien, auch als Republik Moldau bekannt – oder auch nicht. Denn wie ich feststellen musste, wussten weder ich noch ein großer Teil meines Umfelds viel über dieses kleine Land im tiefsten Osten Europas. Auch in der „homezone“, meiner Wohlfühlgruppe mit Leuten die nach Moldawien, Rumänien und Serbien ausreisen werden, ist das Wissen über die osteuropäischen Staaten noch recht begrenzt. Es ist eine neue, mir bis jetzt unbekannte Erfahrung, in ein Land zu reisen, welches uns im alltäglichen Leben viel zu selten begegnet und zu dem einem folgend jegliche Infos fehlen. Doch auch darum sind wir alle hier – Stereotypen können ein guter Halt zum Entlanghangeln sein, solange man sich nicht an sie klammert und ihnen die Möglichkeit gibt, sowohl widerlegt als auch bestätigt zu werden. Deshalb sind wir hier – um darüber zu diskutieren und unserem Einsatzland und den Leuten dort möglichst offen und sensibel zu begegnen. Für mich werden diese Leute (erstmal) hauptsächlich Schüler*innen und Lehrer*innen sein, da meine Einsatzstelle das „Theoretische Gogol-Lyzeum“, also eine Schule, in der Stadt Balti sein wird.

Apropos sensibel, ist es für mich ein großes Anliegen zu versuchen „fair“ zu berichten. Wie ich hier unter Schrecken feststellen musste, sind wir (oder um korrekt zu bleiben: ein großer Teil von uns) hier in Deutschland, und wahrscheinlich auch Menschen auf der ganzen Welt, um ein Vieles mehr beeinflusst von den Medien als wir erkennen beziehungsweise uns eingestehen möchten. Vollkommen verständlich, finde ich übrigens. Wer hat denn Zeit sich nach der Tagesschau noch durch diverse Zeitschriften und News-Blogs zu lesen, um sich ein objektiveres Bild der aktuellen Geschehnisse zu verschaffen? Dennoch ist es verdammt (!) wichtig nicht allzu faul zu werden und sich immer nur berieseln zu lassen. Die westliche Denk- und Sichtweise verursacht automatisch eine westlich-privilegierte Art der Berichterstattung und ein guter erster Schritt ist schonmal, sich dessen bewusst zu sein. Auch wenn ich hier versuche, meine kommenden Erlebnisse möglichst rational darzustellen, werden es doch absolut persönliche und teilweise einseitige Erfahrungen sein.

Ich hoffe in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten Antworten auf unzählige Fragen zu finden, interessante Gespräche zu führen und ein bisschen moldawische Kultur und Gesellschaft nach Deutschland zu bringen. Soweit so gut, alles Wichtige wäre hiermit gesagt und es kann losgehen!

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