Un saludo al sol

Mein 10. Tag in Santiago – und ich habe das Gefühl, step by step, langsam aber sicher, anzukommen in dieser riesen Stadt.
Wie viel in einer so kurzen Zeit doch passieren kann, habe ich diese Woche nochmal realisiert. Meine erste Schulwoche ist mittlerweile halb rum, wir haben fest eine Wohnung ab Anfang April, kennen uns (zumindest Lea, ich bin ja nicht so der Orientierungsprofi) in unserem Viertel recht gut aus, wissen, wo wir einkaufen und haben auch schon eine Sportroutine entwickelt. Eigentlich wollte ich diesen Blogpost auch erst Ende der Woche verfassen, da wir fürs Wochenende auch noch Einiges geplant haben, aber heute Abend konnte ich mich vor lauter Eindrücken, Ideen und Gedanken kaum davon abhalten, doch etwas zu schreiben.
Ich starte mal ganz chronologisch und geordnet: Ende letzter Woche haben wir unsere freie Zeit geopfert, um uns bei so etwas wie einer Ausländerbehörde zu registrieren – wieso,weshalb und warum weiß ich nicht, ich dachte eigentlich, mit so einem Visum ist das alles geklärt. Naja, man lernt eben doch immer dazu. Auf jeden Fall habe ich, was ja immer mit das Schönste am Reisen ist, mal wieder gelernt, Dinge zuhause wertzuschätzen. Wer hätte es gedacht, aber nach 8 Stunden Wartezeit, um in 2 Minuten ein Dokument und einen Stempel zu erhalten aber immer noch nicht seinen heiß ersehnten Ausweis, nehme ich deutschen Behörden wahrscheinlich nichts mehr so schnell übel.
Wie auch immer, das Highlight des Wochenendes war definitiv Sonntag: nach ein paar saludos al sol, um auch mal dem Titel des Blogs gerecht zu werden, konnte der Tag nur gut werden. Für alle Unwissenden: ein „saludo al sol“ ist ein Sonnengruß, wir haben also Yoga im Park gemacht und waren danach tiefenentspannt. Zwar konnten wir unsere Augen nicht, wie zwischendrin gedacht, schließen und komplett abschalten, weil wir immer wieder nach links oder rechts gucken mussten, was zu tun ist, aber das wird sicherlich von Woche zu Woche besser. Jedenfalls hat das Yoga nun einen festen Platz bei im Alltag gefunden, zumindest ist es erstmal so angedacht. Es kommt ja meistens nie so, wie man denkt.
Anschließend war der eigentliche Plan, das angeblich wunderschöne Freibad oben auf dem Cerro San Cristóbal zu entdecken, von dem man einen wahnsinnigen Ausblick auf die Stadt haben soll. Tja, das hatte leider zu – zum Aufregen war das Wetter aber viel zu schön, also Plan B, den Cerro eben einfach so zu Fuß erklimmen, um die Stadt einmal von oben zu Sehen. Vielleicht nicht die cleverste Idee bei 30 Grad, aber die Anstrengung und den kleinen Sonnenbrand war es definitiv wert. Der Blick auf die Stadt hat mir noch einmal klar gemacht, wie riesig die Stadt wirklich ist. Sie geht in alle Richtungen weiter, wohin man auch guckt. In solchen Momenten fühle ich mich nochmal kleiner, als ich es ohnehin schon tue.
Auch bei den Kursen im Fitnesstudio lernt man so einiges an Spanisch, na gut, es beläuft sich da eher auf Arriba und Abajo, also nach oben und nach unten, aber wenigstens etwas. Generell verstehe ich schon viel besser Spanisch, wo wir auch gleich zum Thema Schule und Unterricht kommen.
Der Unterricht läuft hier ein klein bisschen anders ab. Mit über 4000 Schülern, 45 davon pro Klasse, 4 Deutschlehrerinnen für 2000 Deutschlernenden ist die anfängliche Angst von Unterforderung definitiv unbegründet.
So wie ich es bisher mitbekommen habe, verläuft der Fremdsprachenunterricht, bzw. der Deutschunterricht fast ausschließlich auf Spanisch, das Deutschniveau bei 2 Stunden die Woche ist einfach zu niedrig. Einfache Fragen meinerseits wie „Brauchst du Hilfe?“ wurden nicht verstanden, gut, dass ich im Notfall auf mein Basic-Spanisch zurückgreifen kann. Dadurch entsteht natürlich andererseits ein Teufelskreis, wird nie Deutsch gesprochen, weder von Schüler- noch von Lehrerseite aus, kann man es ja auch kaum lernen. Trotzdem hat das Ganze auch eine gute Seite: ich lerne Spanisch 😉
Hinzu kommt, dass der Unterricht wohl meistens recht frontal gestaltet wird. Andererseits – vielleicht bin ich auch von den übermotivierten Referendaren, die von Methode zu Methode switchen, ein bisschen verwöhnt und voreingenommen.
Nichtsdestotrotz habe ich meine ganzen anfänglichen Projektpläne, für die ich so gefiebert habe, nach dem ersten Tag erstmal komplett über Bord geworfen. Zu utopisch. Ich glaube kaum, dass ich die Jungs für Theater, eine Schülerzeitung oder ein Projekt über gesunde Ernährung gewinnen kann.
Kann man ja nicht wissen – nach dem heutigen Tag bin ich aber zum Glück wieder voller neuer Ideen und Energie, das liegt wahrscheinlich an der ziemlich süßen 7.Klasse, die ich heute kennen lernen durfte. Was sich mir noch nicht so ganz erschlossen hat, ist, dass die jüngeren Schüler nachmittags unterricht werden, bis 20:30, die Älteren dann am Vormittag bis 14 Uhr. Mal gucken, vielleicht komme ich ja noch dahinter. Die Jungs heute waren trotz der Uhrzeit trotzdem erstaunlicherweise ziemlich konzentriert und motiviert, anders als die vorherigen Klassen. An den Geräuschpegel muss ich mich erstmal gewöhnen, selbst für mich, als nicht Kopfschmerz-Anfällige, ist so eine Doppelstunde Unterricht ganz schön anstrengend. Zum Abschied gibts dann immer noch ein Küsschen rechts, auch zwischen Schüler und Lehrer, ein sehr entspanntes Verhältnis.
Manchmal würde ich mich gerne so schnell wie möglich in Alles reinstürzen, fließend Spanisch sprechen und direkt alle möglichen Projekte an der Schule durchführen, aber – despacito, immer mit der Ruhe – das Schöne ist ja, jeden Tag aufs Neue zu Entdecken und mehr zu Verstehen. In diesem Sinne: buenas noches y hasta pronto, dauert bestimmt nicht lange, dann explodiert mein Kopf wieder voller neuer Eindrücke und Erlebnissen 🙂

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