Mut und Angst- Prioritätenvergleich

Wie ein einfaches Unterrichtsspiel, dass die Schüler zum Deutsch sprechen anregen soll, mir großen Anlass zum Nachdenken über den „globalen Norden“ gegeben hat.
Deutschunterricht mit einer S5 (In Deutschland wäre das bei G8, die Klasse 11), wir sprechen über optimistische und pessimistische Momente.
Aufgabe: Überlege dir, was dir Angst macht und was dich mutig macht. Dann Klassenspaziergang, wir unterhalten uns mit verschiedenen Klassenkameraden.
Schöne Idee! Macht Spaß! Sinn: deutsch sprechen. Erfüllt!
Und was stimmt jetzt nicht daran?
Ich, 23, privilegierte Person aus der Wirtschaftsmacht Deutschland! Was macht mir Angst?
-Spinnen, Schlangen, etc.
-sich in großen Städten verlaufen
-vielleicht noch ab und zu, 12 Monate in Uganda zu sein und alles schlimme, was mit meiner Familie in dieser Zeit passieren könnte. (aber eigentlich denke ich nicht an sowas.)
Und was macht den Menschen, insbesondere 16 bis 18-Jährigen SchülerInnen in Kampala, der Hauptstadt eines der ärmsten Länder der Welt Angst?
-Krankheit von Familienmitgliedern.
-Nicht genug Schulgeld aufbringen zu können.
-Wenn Familienmitglieder hungern müssen.
-ALLGEMEIN KEIN GELD ZU HABEN.

Das sind wirklich Gründe um Angst zu haben. Und nicht irgendwelche kleinen Tiere an der Zimmerwand. Wenn man das so hört, kommen einem die eigenen „Probleme“ lächerlich vor. Das sind Probleme, die ich von wenigen in Deutschland gehört habe und die hier für die Meisten allgegenwärtig sind. Es besteht seit den 90er Jahren Schulpflicht, das bedeutet jedoch nicht, dass sich jeder Schüler, Schule leisten kann. Schulklassen in Deutschland machen mit 27 Personen so viel Lärm wie in Uganda eine Klasse mit 120 Schülern. Das Bildung ein unglaublich wichtiges Gut ist und der Schlüssel zu einem guten Leben sein kann, ist den wenigsten in meiner Heimat bewusst. Wie sollte es einem auch bewusst sein, wenn wir das Glück haben kostenlos zur Schule gehen zu dürfen. Welch ein Glück wir doch haben, dass Deutschland zu einem der günstigsten Länder der Welt gehört, wenn es ums Studieren geht. Natürlich habe ich mir während meines Studiums sorgen um die Finanzierung gemacht und habe immer sehr viel nebenbei gearbeitet, um mich nicht Ende des Monats von Nudeln mit Ketchup ernähren zu müssen. Aber ich hatte immer die Möglichkeit irgendwie genügend Geld zu verdienen. Insbesondere nach dem Vorbereitungsseminar, ist man äußerst sensibilisiert für solche Themen. Jedoch ist diese Sensibilisierung nicht vergleichbar mit dem Moment, wenn man mit diesen unglaublich tollen Schülern in einem Raum sitzt und solche „wahren Probleme“ real werden. Ich möchte hier nicht darüber sprechen, dass man sich schlecht fühlen soll, weil man aus Deutschland kommt und dadurch so viele Möglichkeiten im Leben hat, sondern nur darauf aufmerksam machen, dass man manchmal wertschätzen soll, dass viele Dinge die bei uns schief laufen, letztlich nur Wassertropfen auf einem heißen Stein sind.
Natürlich kann ich mit meinen Gefühlen, gegennüber diesen Situationen niemandem das Leben erleichtern und „die Welt retten“ kann ich auch nicht. Aber ich denke, dass dieses Bewusstsein Teil meiner Entwicklung ist, die ich hier in Uganda erlebe. Und umso mehr hebe ich meinen Hut davor, dass die Leute viel Wert auf ordentliche Kleidung legen und selbst wenn sich sehr hungrig sind, dir etwas zu essen anbieten. Ich bin sehr dankbar, diese Erfahrungen machen zu dürfen und bin gespannt, was ich die nächsten 12 Monate vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene alles erleben darf. Ich möchte die hier beschriebene Situation und meine Gedanken und Gefühle so im Raum stehen lassen, um jedem Leser die Möglichkeit zu geben, selbst darüber nachzudenken.

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