Tag 166 – Just random stuff

Liebe Leser_innen,

da mir heute nichts einfällt, was ich schreiben könnte, habe ich mal wieder mein Tagebuch aufgeschlagen, darin herumgeblättert und einige Situationen gefunden, die bis jetzt thematisch nicht gepasst haben oder nicht relevant genug waren, um es in den Blog zu schaffen. Daher folgt jetzt eine total zufällige, planlose und nicht chronologische Zusammenstellung von Situationen und Beobachtungen aller Art in meinem Freiwilligendienst.


Die Lehrerin bringt der sechsten Klasse neue Vokabeln bei. Sie fragt, was das Wort „Teller“ auf Russisch heißt, keiner weiß es. Als ich die richtige russische Übersetzung sage, drehen sich alle mit großen Augen zu mir um und applaudieren mir begeistert. Danach gibt es großes Getuschel in der Klasse – „Sie kann ja Russisch sprechen!“.

Auf dem Schulweg fährt ein etwa achtjähriger, stark übergewichtiger Junge im Trainingsanzug auf seinem Mountainbike langsam an mir vorbei und ruft alle paar Sekunden laut „Motherfucker!“.

Ein Schüler möchte zum Thema „Sommerferien“ sagen, dass im Sommer alles grün ist und sagt stattdessen: „Wir haben sehr viel Gras“.

Im Sprachlager gibt es ebenso wie in der Schule aus Sicherheitsgründen keine Messer beim Essen. Meistens gibt es sogar nur Löffel, weshalb ich zum ersten Mal in meinem Leben nur mit einem Löffel einen Fisch (mit Gräten) zerlege oder ein Brot mit Butter bestreiche.

Im Flugzeug von Ufa nach Moskau heißt es in der Durchsage: „Das Wetter in Moskau ist gut“. Wir kommen an – es hat 10 Grad und regnet in Strömen.

Ich erlebe beim Busfahren gleich drei Überraschungen.
1. Der Bus ist ganz neu, hat vorne eine Leuchtanzeige und innen eine Lautsprecherdurchsage, die die nächsten Stationen ansagt. Das gibt es hier normalerweise nicht.
2. Der Bus wird von einer Busfahrerin gefahren.
3. Diese Busfahrerin ist das Gegenteil von dem, wie man sich eine Busfahrerin normalerweise vorstellt: sie ist sehr jung, unglaublich hübsch und sehr gepflegt gekleidet.

Im Supermarkt kennt mich eine der Kassiererinnen schon: ich bin die Ausländerin, die immer keine Plastiktüten will. Bis jetzt war es immer so, dass ich das Gemüse und Obst bewusst nicht in Plastiktüten gepackt habe, und an der Kasse haben die Kassiererinnen trotz meines Protests jede Obst- und Gemüsesorte in einzelne Tüten gesteckt. Dadurch bin ich entgegen meiner guten Vorsätze dann doch mit fünf Plastiktüten aus dem Supermarkt gegangen. (Immerhin lassen sie sich ganz gut als Gefrierbeutel verwenden). Diese eine Kassiererin kennt mich aber inzwischen und verzichtet nicht nur auf die Tüten, sondern gibt mir auch die Produkte einzeln in die Hand und wartet immer, bis ich mit dem Einpacken fertig bin.

Genau wie es mir alle vorhergesagt haben: als ich für ein paar Tage in Kasan bin, merke ich, dass Ufa wirklich keine besonders schöne Stadt ist. Kasan ist zwar kaum größer als Ufa, hat aber viel mehr Sehenswürdigkeiten und ist im Allgemeinen viel moderner. Da ist es z.B. Standard, dass es in Bussen digitale Anzeigen und Lautsprecherdurchsagen gibt 😉

Ich wundere mich, dass über Ufa nicht längst eine große Smogwolke hängt. Überall gibt es nur große, breite Straßen mit viel Verkehr und es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich sehe, wie fast jeder zweite Bus eine dunkelgraue bis pechschwarze Abgaswolke ausstößt, die noch einige Sekunden über der Straße steht, bevor sie sich verzieht. Und da die Busse und Marschrutkas gefühlt ein Drittel des Straßenverkehrs ausmachen, passiert das ganz schön oft. Nervige Situation: der Bus steht an der Ampel, der Busfahrer lässt durchgehend den Motor aufheulen und die Abgase gelangen durch die geöffneten Fenster ins Innere. Da die Ampel aber noch eine Minute lang rot ist, hat man keine andere Wahl, als das Zeug irgendwann einzuatmen. Die Krönung davon ist dann nur noch, wenn neben einem ein (nicht mal unbedingt alter) Mann sitzt, der nach Schweiß und/oder Alkohol und/oder Urin und/oder Zigaretten riecht. Kommt leider sehr viel öfter vor, als man sich das wünschen würde.

In Kasan gehe ich in das tatarische Nationalmuseum. Es gibt Studentenrabatte, deshalb zeige ich probehalber mal meinen Freiwilligenausweis und hoffe, dass ich damit auch einen Rabatt bekomme. Zu meiner Überraschung drückt die Frau mir einfach eine Freikarte in die Hand. Naja, so geht’s auch!

An der Autobahn gibt es einen Rastplatz, der aussieht wie ein großer Markt. Es werden Kuchen, Eis, Gebäck, Räucherfisch und jede Menge tatarischer Spezialitäten verkauft und überall laufen alte Frauen herum, die Beeren und Blumen verkaufen.

„Krawatte“ heißt auf Russisch „galstuk“. Stimmt, ist ja quasi ein Halstuch.

Fast jedes Mal, wenn ich laufen gehe, bekomme ich blöde Kommentare von Männern. Dabei ist es nicht mal unüblich, dass Frauen in der Öffentlichkeit Sport machen. Und ich trage auch keine Kleidung, die unbedingt provozierend ist – lange Jogginghose und ein normales T-Shirt… Einmal hat mir sogar ein Mann den Mittelfinger gezeigt. Ich frage mich immer noch, ob ich etwas dazu beigetragen habe oder ob das einfach nur ein Depp war. Gerne versperren mir pubertierende Jugendliche auch den Weg oder joggen ein Stück neben mir her, um mir zu zeigen, dass sie schneller sind als ich. Herzlichen Glückwunsch!

Als Ergänzung zu Germann Gesse und Geinrich Geine: Es gibt natürlich noch E.T.A. Goffmann 🙂

Tag 159 – Russisch-Exkurs #2

Liebe Leser_innen,

nachdem mein erster Beitrag über die Feinheiten der russischen Sprache schon eine Weile her ist und ich seitdem noch einiges dazugelernt habe, kommen jetzt noch einige Ergänzungen dazu.

Die Zahlen.
Dieses Phänomen begegnet wohl jedem Russischlerner irgendwann und lässt ihn in Ratlosigkeit zurück. Die Zahlen an sich sind nicht schwer – gezählt wird ab zwanzig nach dem Prinzip zwanzig-eins, zwanzig-zwei usw.
Schwierig wird es erst, wenn man tatsächlich Dinge zählen will und ein Nomen hinter das Zahlwort setzt.

Denn: bei Zahlen, die mit eins aufhören, also 1, 21, 31, 583671 usw. wird der Nominativ Singular gebraucht. Ok, bei 1 macht das ja noch Sinn, aber bei 21?  Das ist doch kein Singular mehr…

Bei Zahlen, die mit 2, 3 oder 4 aufhören, also 2, 3, 4, 23, 583674 usw., nimmt man den Genitiv Singular. Also, immer noch das Singular-Paradox, aber diesmal im Genitiv, sonst wäre es ja zu langweilig.

Der lang ersehnte Plural kommt dann aber bei Zahlen ab 5, also 5 bis 20, 25, 26, 47, 68, 99 oder 583670 – aber auch im Genitiv. Und da dieser Fall je nach Deklination des Nomens auf mindestens fünf verschiedene Arten gebildet werden kann, hat man dann richtig Spaß. Auch wenn man einfach nur von wenigen, vielen, einigen oder keinen Dingen spricht, braucht man immer den Genitiv Plural.

Der Buchstabe H …
ist im russischen Alphabet nicht vorhanden. Da aber beispielsweise einige deutsche Namen mit H beginnen, wird als Ersatz entweder das Х (Ch) oder Г (G) verwendet. Wenn man also über deutsche Schriftsteller spricht, kommt man meist irgendwann auf Germann Gesse und Geinrich Geine zu sprechen. Die Partnerstadt von Ufa ist übrigens Galle. Aber Gamburg und Gannover sind auch schöne Städte…

Geklaute deutsche Wörter.
Im Russischen gibt es einige Wörter, die aus dem Deutschen übernommen wurden und nach ihrem Klang mehr oder weniger exakt mit russischen Buchstaben geschrieben werden. Das sind z.B. Zifferblatt, Schlagbaum, Lager, Bruderschaft, Landschaft, Maßstab und Strafe (циферблат, шлагбаум, лагерь, брудершафт, ландшафт, масштаб, штраф). Diese Wörter haben in beiden Sprachen ziemlich genau die gleiche Bedeutung. Ein anderer Fall ist da бутерброд („Butterbrot“) – es handelt sich hierbei aber um ein belegtes Brötchen mit mehr als nur Butter drauf.

Immer diese Umlaute …
Das ist jetzt eigentlich keine Besonderheit der russischen Sprache, sondern ein lustiger Fehler, der mir bei Schüler_innen immer wieder auffällt. Fast alle russischen Deutschlerner_innen tun sich mit den Lauten Ö und Ü schwer und sprechen sie meist wie die russischen Laute Jo und Ju. Ich höre also oft die Zahlen fjunf und zwjolf. Das Lustige daran ist jetzt, dass Viele ganz normale Wörter mit O und U mit nahezu perfektem Ö und Ü aussprechen, z.B. öft oder Blüme. Jetzt noch den richtigen Laut an die richtige Stelle und dann ist es perfekt. Aber dieser Schritt ist offenbar schwer…

Tag 145 – Mein kulturweit-Projekt

Liebe Leser_innen,

mein Projekt ist jetzt endlich fertig! Es ist ein Video mit dem Titel „14 deutsche Wörter, die wörtlich eigentlich sinnlos sind“. Anschauen könnt ihr euch es hier:

Die konkrete Idee zu diesem Projekt kam mir ein paar Wochen nach meiner Ankunft in Ufa, aber die Inspiration war schon vorher da. Ich hatte mich nämlich auf dem Vorbereitungsseminar mit einer Freiwilligen aus meiner Homezone, Eléna Mayer, unterhalten, die ihren Freiwilligendienst in der Mongolei macht. Sie hatte schon angefangen, Mongolisch zu lernen und ihr war aufgefallen, dass es in dieser Sprache viele Wörter gibt, die auf einfachen Beobachtungen basieren. Dann stellten wir fest, dass es im Deutschen auch einige solcher Wörter gibt, wie zum Beispiel Stinktier, Vielfraß oder Grashüpfer. Ich dachte noch einige Zeit darüber nach, bevor mir einige Wörter einfielen, die eben keinen Sinn ergeben, wenn man sie wörtlich nimmt. Das erste, was mir einfiel, war „Maulwurf“. In den nächsten Wochen schrieb ich alle Wörter auf, die mir einfielen oder die ich in Büchern fand. Als ich dann 15 zusammen hatte, überlegte ich, was ich jetzt damit machen könnte, und schnell kam mir die Idee, die Einzelbestandteile sowie die „fertigen“ Wörter von Schülern malen zu lassen und in einem Video zu zeigen, um bildlich veranschaulichen zu können, wie unlogisch die Wörter sind. Natürlich sind nicht alle total sinnlos – mir ist die Etymologie der meisten Wörter durchaus bewusst, und ich finde auch persönlich nicht alle gleich gut und lustig. Trotzdem fand ich, dass es sich lohnte, dieses Projekt durchzuführen, auch deshalb, weil ich zu diesem Thema so gut wie nichts im Internet gefunden habe.

Ich habe mich übrigens nicht vertippt – ursprünglich waren es tatsächlich 15 Wörter (Hexenschuss wäre das letzte gewesen), aber leider hat mich die dafür zuständige Schülerin immer vertröstet, hat mir aber nie die Bilder gegeben, und ich konnte auch niemanden mehr finden, der mir diese Bilder noch gemalt hätte. Ich bin auch selbst wirklich gar nicht zeichnerisch begabt, sonst hätte ich mich wahrscheinlich noch selber hingesetzt und die Bilder gemalt.

Die Konzeption dieses Projektes eignete sich auch perfekt für die Zeit meiner schulischen Beschäftigung hier – es musste etwas sein, bei dem die Arbeit der Schüler innerhalb der Schulzeit, also bis Ende Mai, abgeschlossen wäre. So konnten die Schüler mir bis Ende Mai ihre Bilder geben, und in den Sommerferien konnte ich alleine arbeiten, also die ganze Arbeit am Video erledigen.
Falls ihr euch jetzt fragt, warum ich denn dann nicht gleich alleine ein Projekt gemacht habe: ich möchte dieses Projekt beim PASCH-Projektwettbewerb einreichen, und da ist die Voraussetzung, dass mindestens fünf Schüler_innen an dem Projekt beteiligt sind. (Was ist denn jetzt PASCH schon wieder?)

Ich hoffe jedenfalls, dass euch das Video gefällt und dass ihr das ein oder andere Wort erraten könnt 😉

Tag 138 – Mein Status als (deutsche) Freiwillige

Liebe Leser_innen,

jetzt dauert mein Freiwilligendienst ja doch gar nicht mehr so lange und ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich eine Entwicklung in meinem Status als deutsche Freiwillige feststellen kann.

Deutsche Freiwillige – da muss ich jetzt erstmal differenzieren: Wie werde ich als Deutsche wahrgenommen und wie als Freiwillige?

Darin, wie ich als Deutsche wahrgenommen werde, hat sich seit meiner Ankunft in Ufa eigentlich wenig verändert, außer dass ich jetzt besser Russisch kann und vielleicht ein bisschen ernster genommen werde als am Anfang. Vorsicht: ich spreche jetzt nur von der Wahrnehmung durch Menschen außerhalb des schulischen Umfelds, z.B. Taxifahrer oder Bekannte, mit denen man kurz und oberflächlich ins Gespräch kommt. (Übrigens: die meisten Taxifahrer unterhalten sich sehr gerne, und zwar unabhängig davon, ob du das willst oder nicht. Also auch morgens um halb sechs auf dem Weg zum Flughafen… alles schon erlebt.)
Sobald ich mich mit jemandem unterhalten habe und ihm/ihr erklären konnte, was ich hier mache, wurde das immer positiv und mit großem Interesse aufgenommen. Auf bestimmte Fragen stelle ich mich bei neuen Begegnungen schon vorher ein, weil sie fast immer kommen: Trinkst du gerne Bier? Magst du Rammstein? Verdienst du viel Geld als Freiwillige?
Allerdings, sobald ich eine Frage nicht verstand oder sonstwie Fehler im Russischen machte, wurde ich gleich wie ein kleines Mädchen behandelt und entsprechend nicht wirklich ernst genommen. Um nochmal auf die Taxifahrer zurückzukommen: ich bestelle Taxis nur per App und habe das Geld immer abgezählt dabei, denn sonst wird es sofort ausgenutzt, dass ich nicht gut Russisch kann und nicht diskutieren kann und will – dann kommt das altbewährte „Ich habe leider kein Wechselgeld.“

Wie sieht es denn nun aus mit dem Freiwilligenstatus?
In der Zeit, als ich in der Schule gearbeitet habe, kann ich von drei unterschiedlichen Phasen sprechen:

Die Freiwillige aus Deutschland – wow!
Als ich ankam, wurde ich von vielen Schüler_innen und Lehrer_innen herzlich begrüßt und beschenkt, mir wurde immer geholfen und alle Schüler_innen grüßten mich auf dem Gang fast schon ehrfürchtig. Ich war also durchaus ein besonderer Gast, der respektiert werden sollte. Ich stellte mich immer als Freiwillige aus Deutschland vor, einfach um klarzumachen, wer ich bin, denn die meisten hatten irgendwie davon gehört, dass es Freiwillige an der Schule gibt, kannten mich aber noch nicht. Wenn ich Leuten vorgestellt wurde, war ich immer „unsere“ Freiwillige aus Deutschland, also fast schon ein bewundernswertes Statussymbol der Schule.

„Nur“ die Freiwillige
Das änderte sich, als ich quasi als Bestandteil des Schulpersonals aufgenommen war. Da wurde ich oft von Eltern oder Lehrer_innen angesprochen und nach anderen Lehrern oder irgendwelchen schulinternen Dingen gefragt. Natürlich wusste ich meistens entweder gar nicht, was sie von mir wollten, oder ich kannte den gesuchten Lehrer nicht oder ich wusste nicht, wo die gesuchte Person ist. Da war dann meine Antwort: „Entschuldigung, ich weiß es nicht, ich bin nur die Freiwillige.“ NUR die Freiwillige. Und plötzlich stufte ich mich selbst herab – von der Muttersprachlerin, die selbst unterrichten darf, zur unwissenden Praktikantin.
Aber bin ich das nicht eigentlich auch? Ich habe ja schließlich keine Erfahrung im Unterrichten, mit Deutsch als Fremdsprache noch nie zu tun gehabt und Russisch kann ich auch nicht besonders gut. Habe ich überhaupt das Recht, mich in irgendeiner Weise besonders zu fühlen, nur weil am Anfang so ein Hype aus meiner Ankunft gemacht wurde?
Und da wären wir auch schon bei einem der meistdiskutierten Themen des Vorbereitungsseminars: wie wir uns als Freiwillige verhalten sollten. Werden wir wirklich gebraucht oder sind wir eigentlich nur zu unserem eigenen Vorteil im Gastland? Eine konkrete Antwort gibt es hier wohl nicht, auch weil jede Einsatzstelle unterschiedlich ist. Ich kann nur so viel sagen: Ich war immer gut beschäftigt und hatte das Gefühl, dass die Schule ebenso profitiert wie ich.

Die vermeintliche Superheldin
Die dritte Phase war die, als ich als Wundermittel für alle ungelösten Fragen und Probleme angesehen wurde. Aber nicht unbedingt im positiven Sinne, sondern mehr so „Wir haben eigentlich noch keinen Plan, aber denk dir mal was aus, du bist ja die Freiwillige.“ Da fühlte ich mich auch mal nicht nur ge-, sondern auch überfordert, denn obwohl ich die Freiwillige aus Deutschland bin, bin ich leider keine Superheldin und kann auch nicht in einer Stunde für sieben Gruppen einen Gruppennamen, ein Motto und ein passendes Lied aus dem Hut zaubern (Beispiel Sprachlager). Nicht, dass ich nicht gerne eine Superheldin wäre…

Nochmal anders ist es jetzt im Goethe-Zentrum, aber davon werde ich wannanders erzählen. Ich hatte einfach grundsätzlich einige Schwierigkeiten mit den Strukturen in der Schule und auch mit manchen Personen dort, deshalb war in den letzten Wochen echt ein bisschen die Luft raus bei mir. Das Wetter hat dabei auch eine entscheidende Rolle gespielt – mir war nicht klar, wie groß die Auswirkungen auf die persönliche Stimmung sein können, wenn es in zwei Wochen nur einen regenfreien Tag gibt. Aber keine Angst: die Arbeit im Goethe-Zentrum inspiriert mich sehr und ich bin glücklich, dass ich jetzt noch vier Wochen lang dort aushelfen darf. Dort sind einfach die Strukturen und das Arbeitsumfeld ganz anders und eine willkommene Abwechslung. Also bin ich für die letzten (fast) sechs Wochen nochmal supermotiviert und habe den kleinen Durchhänger überwunden! (Es ist hier jetzt auch endlich richtig Sommer geworden, das gibt mir nochmal zusätzlich Energie).

Und apropos Endspurt: was erwartet euch in den letzten Wochen (voraussichtlich) noch auf diesem Blog?
  – Ich wollte noch einen Beitrag über ein paar Ausschnitte aus der Geschichte Ufas schreiben (mit Fotos, ich weiß, 
    das habe ich im April oder so schon angekündigt). Mal schauen, ob das noch was wird.
  – Auf jeden Fall möchte ich noch eine Fortsetzung des Russisch-Exkurses schreiben, denn mir sind noch ein paar
    kuriose Sprachphänomene aufgefallen.
  – Natürlich schreibe ich einen Bericht über meine Arbeit im Goethe-Zentrum.
  – Außerdem kommt noch mindestens ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. (Mindestens eins deshalb,    weil ich nicht weiß, ob es im August auch noch mal ein Thema gibt).
 – Und wenn ich es mal schaffe, eine gute Hintergrundmusik für mein Projektvideo zu finden, dann lade ich das auch
   hoch und erkläre die Idee dahinter. (Tipps, wo man möglichst kostenlos und legal Musik herbekommt, sind immer
   willkommen…)
Auch der letzte Blogeintrag ist schon in Arbeit – aber worum es geht, verrate ich noch nicht.

Tag 103 – Du hast einen deutschen Akzent!

Liebe Leser_innen,

seit Montag läuft in der Schule jetzt das Kinderlager. Kurz erklärt: ca. 120 Erst- bis Viertklässler unserer Schule kommen montags bis freitags von 8:30 bis 15:00 Uhr in die Schule und bekommen dort ein Ferienprogramm. In der Schule gibt es Malstunden, Tanzen, Musik, Sport und andere Indoor-Aktivitäten und oft gibt es Ausflüge, z.B. in den Zoo, ins Theater, ins Schwimmbad usw.
Am Donnerstag gab es außerdem einen Sportwettbewerb, bei dem alle Gruppen gegeneinander angetreten sind, indem sie in der Sporthalle vom Rand bis zur Mittellinie und zurück rennen mussten, in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. In einer Runde z.B. musste der erste Läufer auf dem Weg einen Staffelstab in einen Hula-Hoop-Reifen legen, der zweite Läufer musste ihn aufheben und dem dritten Läufer übergeben, der ihn wiederum in den Reifen legte usw. Zum Zuschauen war es lustig, aber auch sehr anstrengend, denn die Sporthalle hallt ganz fürchterlich (no pun intended), es läuft laut Musik und 120 Kinder schreien aus vollem Hals, um sich gegenseitig anzufeuern…

Meine Aufgabe ist aber, Musikstunden zu halten, allerdings mache ich keinen normalen Unterricht, sondern ich singe mit den Kindern deutsche Lieder. Dabei habe ich seit Mittwoch auch eine große Unterstützung, nämlich Theresa aus Berlin – sie ist eigentlich mehr Freiwillige als ich, denn sie ist wirklich ganz freiwillig und ohne Organisation hier und bekommt auch kein Geld dafür. Sie ist für vier Wochen in Ufa, wo sie anstelle von mir im Sprachlager arbeiten wird (ich habe in der Zeit Urlaub genommen, allerdings ohne zu wissen, dass das Sprachlager genau in der Zeit liegt, shame on me) und arbeitet danach noch in einem Sprachlager in Sochi, was von einer anderen Schule organisiert wird. In den Musikstunden arbeiten wir allerdings weniger zusammen als dass wir uns vielmehr abwechseln, denn dadurch, dass immer drei Gruppen hintereinander kommen, machen wir dreimal hintereinander das gleiche Programm, und das ist auch mental anstrengend, wenn man dreimal das gleiche Lied einstudiert. Immerhin hat diejenige, die gerade nicht mit den Kindern arbeitet, die verantwortungsvolle Aufgabe, die Powerpoint-Präsentation weiterzuklicken, auf der der Text zu sehen ist.

Die Gruppen (es gibt insgesamt 7) sind alle ganz unterschiedlich. Manche haben das Lied nach fünf Minuten drauf und wir müssen uns spontan überlegen, wie man die Kinder die restlichen 25 Minuten bespaßen kann. In manchen Gruppen singen nur wenige Kinder überhaupt mit und der Rest langweilt sich und wird unruhig. Und eine Gruppe kam sowohl in meiner als auch in Theresas ersten Stunde am Ende nach vorne gestürmt, alle mit Handys bewaffnet: „Können wir ein Foto zusammen machen?“
Und fast alle stellen viele Fragen – natürlich auf Russisch und nicht auf Deutsch, denn die deutsch- und englischlernenden Schüler_innen sind in den Gruppen durchmischt und sprechen auch nur sehr wenig Deutsch oder Englisch. Für uns ist das aber gar nicht schlecht, denn so können wir unsere Russischkenntnisse verbessern (vor allem ich – Theresa spricht um einiges besser Russisch als ich, sie hat das aber auch in der Schule gelernt…). Ein Mädchen hat uns beide nacheinander gefragt, wie alt wir sind, und nach meiner Antwort stellte sie (offenbar mit großer Zufriedenheit) fest: „Немецкий акцент есть!“ (Du hast einen deutschen Akzent!)

Ich muss sagen, es ist so schön, noch jemanden hier zu kennen, mit der ich Deutsch sprechen kann und die in meinem Alter ist. Außerdem ist es das erste Mal, dass ich jemandem Ufa zeigen kann oder zumindest das, was ich kenne. Da fühle ich mich gleich noch ein Stückchen mehr zuhause, denn jetzt habe ich jemandem meine Stadt gezeigt. Und jetzt habe ich noch mehr Lust, noch mehr von der Stadt zu entdecken. Morgen fahren wir zusammen in die Stadt und werden uns einige Veranstaltungen anschauen, denn morgen wird das Stadtfest gefeiert. Am 12. Juni ist nämlich der Tag Russlands UND der Geburtstag des baschkirischen Nationalhelden Salavat Yulaev. Ich bin sehr gespannt, was Ufa wieder an Feierlichkeiten zu bieten hat…

Tag 75 – Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch

Liebe Leser_innen,

ich glaube, langsam pendelt sich ein guter Wochenrhythmus in meinem Blog ein, den ich versuchen werde, zu behalten.
In der letzten Woche ist wieder einiges passiert, also schön der Reihe nach:

Am 8. Mai war Feiertag, als Brückentag zwischen dem Wochenende und dem Tag des Sieges am 9. Mai. Diesen Tag habe ich genutzt, um einen Ausflug zu „Mega“ zu machen. Das ist ein Einkaufszentrum außerhalb der Stadt (also NOCH MEHR außerhalb als Djoma) und macht seinem Namen alle Ehre. Es gibt viele Marschrutka-Linien, die zu Mega fahren, auch eine direkt von Djoma aus, allerdings nur einmal in der Stunde, und da es keinen Fahrplan an der Bushaltestelle gibt, hatte ich halt das Pech, fast eine Stunde warten zu müssen. Diese Busfahrt kostet übrigens mehr als die normalen Fahrten, nämlich 30 statt 25 Rubel, ein halbes Vermögen! 😉 Als wir auf das Gelände fuhren, dachte ich kurz „Oh, cool, da gibt es auch einen Decathlon, da kann ich ja später vielleicht noch reingehen!“. Und dann sind wir von da aus noch ein ganzes Stück bis zu Mega gefahren und ich wusste in diesem Moment, dass ich am Ende nicht mehr genug Energie haben würde, um diese Strecke zu laufen.  Wie gesagt, die Dimensionen sind etwas größer als in Bamberg…
Als ich dann einmal drin war, hat mich die Größe dieses Gebäudes echt umgehauen. Nur mal zum Vergleich: ca. ein Viertel der Fläche bestand aus einem kompletten IKEA. Zum Glück war alles auf einer Ebene, sodass ich zumindest noch ein bisschen Orientierung hatte. Meine Mission habe ich auch erfüllt: ich wollte mir ein Paar Laufschuhe kaufen, weil ich keinen Platz im Koffer hatte, um meine mitzunehmen, und weil ich sowieso schon seit langem nicht mehr die Motivation zum Joggen aufgebracht hatte. Aber hier hab ich plötzlich einen Energieschub bekommen und mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu machen. Ich hatte jedenfalls 5000 Rubel in bar dabei (ca. 80 Euro) und habe mir vorgenommen, bei Mega kein Geld abheben oder meine Kreditkarte benutzen zu müssen. Diesen Vorsatz konnte ich tatsächlich einhalten und bin nur mit einem Paar Sportschuhe wieder nachhause gefahren.
Falls ihr euch jetzt fragt, wie ich die Schuhe nachhause bringe, wenn ich schon auf der Hinreise keinen Platz im Koffer hatte: ich werde zwischendurch nachhause fliegen und alles, was ich in den letzten Wochen nicht mehr brauche, zuhause lassen (Anorak, Winterstiefel usw.), damit ich dann genug Platz für Souvenirs und sonstige Mitbringsel habe.
Auf dem Rückweg habe ich dann die Bushaltestelle nicht mehr gefunden und bin mit dem Taxi gefahren. Das ist hier zum Glück eine gute Alternative, weil es echt nicht teuer ist. Natürlich nicht zu vergleichen mit dem Preis für eine Busfahrt, aber trotzdem: für eine 15-minütige Fahrt über ca. 15 Kilometer habe ich nicht mal 4 Euro bezahlt. Und meine Angst vor dem Alleine-Taxifahren habe ich auch schnell verloren, denn bis jetzt waren alle Taxifahrer echt nett und ich kann inzwischen auch gut genug Russisch, um mich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. Apropos: meine neue Taktik im Gespräch mit Einheimischen ist die Offensivattacke: ich rede einfach drauflos und hoffe, dass mir möglichst wenig Fragen gestellt werden. Denn erzählen kann ich ja – selbst mit meinem begrenzten Wortschatz – nur verstehe ich meistens die Fragen nicht. Und klar, wenn ich auf keine Frage antworten kann, denkt der Gesprächspartner natürlich, dass ich kein Wort Russisch kann, obwohl ich eben nur die entscheidenden Schlüsselwörter der Frage nicht kenne.
Der Kauf hat sich übrigens gelohnt, die Schuhe sind super.

Am 9. Mai war dann großer Feiertag. Ich bin in die Stadt gefahren, um mir die Parade anzusehen, aber erstens war ich zu spät, und zweitens glaube ich, dass es gar keine Militärparade gab, sondern nur einen langen Zug von Menschen, die teilweise Uniformen trugen oder Fahnen schwenkten oder wie ich einfach nur mitliefen. Die meisten hatten aber Bilder von den Brüdern, Vätern und Großvätern dabei, die im Krieg gestorben sind. Deshalb hieß die Parade auch „Unsterbliches Regiment“ und diese Geste hat mir wirklich gut gefallen. So ging es an diesem Tag auch darum, der Gefallenen zu gedenken und nicht nur zu feiern, wie toll das eigene Land ist. Denn das war für mich als Deutsche natürlich extrem ungewohnt, zu sehen, wie stolz alle Menschen auf ihr Land sind, darauf, dass sie Russen sind und dass Russland den Zweiten Weltkrieg (hier: den Großen Vaterländischen Krieg) gewonnen hat.
Aber da dieser Blog ein persönlicher und kein politischer ist, möchte ich es gern bei dieser Beobachtung belassen.
Die Parade endete dann am Leninplatz und da bekam ich dann doch noch eine Militärparade zu sehen, denn auf einer großen Leinwand wurde die Parade aus Moskau übertragen.


Und weil ich gerade so sportlich motiviert war, beschloss ich einfach, vom Leninplatz zum Stadtzentrum zurückzulaufen. Das waren zwar knapp 10 Kilometer und es fing irgendwann an, leicht zu regnen, aber ich hatte keinen Termin und konnte etwas von der Stadt sehen. Außerdem hätte ich jederzeit in einen Bus steigen können, da ich neben einer der drei Hauptstraßen Ufas gelaufen bin, nämlich dem Oktoberprospekt. Und da fährt so ziemlich jeder Bus entlang. Aber ich bin gelaufen und gelaufen und habe mir schließlich im Zentrum ein/eine/einen Schawarma gegönnt (ich weiß immer noch nicht den Artikel…). Nach Djoma bin ich dann aber schon mit dem Bus gefahren, keine Sorge 😉

Am Mittwoch fand dann ein einschneidendes Ereignis statt: ein großes Picknick mit ganz vielen Studenten. Der Anlass war folgender: jeden Sommer gibt es einen Studentenaustausch zwischen den Partnerstädten Ufa und Halle (Saale). Und an dem Picknick nahmen sowohl die Austauschstudenten von diesem Jahr teil als auch diejenigen, die den Austausch in den letzten Jahren schon gemacht haben. Meine Russischlehrerin hatte mich dazu eingeladen, denn sie kennt viele Studenten und war selbst vor ein paar Jahren bei dem Austausch dabei. Der Austausch ist allerdings für alle Studenten, nicht nur für diejenigen, die Deutsch sprechen oder Deutsch studieren. Deshalb waren nicht so viele deutschsprachige Leute außer mir da, aber die meisten sprachen ziemlich gut Englisch oder zumindest besser, als ich Russisch spreche. Die diesjährigen Austauschstudenten hatten sogar eine Art Schnitzeljagd organisiert, bei der wir durch den ganzen Park rennen mussten und verschiedene Aufgaben lösen mussten. Meine Lieblingsstation war eine, bei der man aus einem echten deutschen Wort und einem Fantasiewort das echte Wort erraten musste. Außerdem sollte man die richtige Bedeutung erraten. Ich bekam einige erstaunte, bewundernde und auch verwirrte Blicke, als ich das Wort „Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch“ in meinem schönsten Bayrisch aussprach.
An diesem Abend konnte ich gar nicht mehr denken oder reden, weil ich den ganzen Nachmittag abwechselnd oder gleichzeitig Russisch, Englisch und Deutsch gesprochen hatte. Da ich den letzten Bus nachhause verpasst hatte, bin ich wieder mit dem Taxi gefahren und habe wieder meine neue Offensivtaktik im Gespräch verwendet.

Und jetzt kenne ich ganz viele Leute und lerne das kulturelle Leben hier kennen. Gleich am Freitag wurde ich zu einer Theatervorstellung eingeladen, die perfekt für mich war, denn es war eine pantomimische Vorstellung. Heute werde ich noch ein Theaterstück sehen bzw. eine Probe vor Publikum, bei der eine andere Gruppe spielt, die aber einige Mitglieder hat, die auch in der Theatergruppe vom Freitag dabei waren. Mal sehen, wie viel ich von der Musikszene noch mitbekomme, aber im Moment tauche ich erstmal ins Theater ein.

Tag 67 – Eine Kirche und viele Denkmäler

Liebe Leser_innen,

in den letzten Tagen ist die Stadt plötzlich grün geworden. Von einem Tag auf den anderen blühten plötzlich alle Wiesen und Bäume, die Grünstreifen neben den Straßen sind jetzt tatsächlich grün und überall wuchert der Löwenzahn vor sich hin. Ich würde jetzt gerne Fotos hochladen, aber leider ist es jetzt, wo wirklich jeder Baum blüht, wieder kalt, grau und regnerisch geworden, kurz: nicht besonders präsentabel. (In der Wohnung ist es zur Zeit tatsächlich ziemlich kalt, weil die Zentralheizung jetzt aus ist und es draußen nachts wieder um 0°C hat…) Aber in der letzten Woche habe ich schon einen Eindruck davon bekommen, wie der Sommer hier sein wird. Es hatte bis zu 25°C und die Sonne strahlte den ganzen Tag an einem meist wolkenlosen Himmel. Da ist der Wind dann wieder angenehm…

Bei diesem Wetter bin ich dann am Sonntag und am Montag jeweils nachmittags in die Stadt gefahren, um das Zentrum ein bisschen zu Fuß zu erkunden. Die Straßen sind dort alle rechtwinklig und sehr gerade, deshalb hatte ich keine Angst, mich zu verlaufen. Irgendwann stand ich dann an einer Kreuzung, unschlüssig, in welche Richtung ich weiterlaufen soll, und dann habe ich eine Kirche am Ende einer der Straßen entdeckt und habe beschlossen, sie mir anzuschauen. Nur leider habe ich die Entfernungen in dieser Stadt noch nicht ganz verinnerlicht, und deshalb war ich erst nach einer knappen Viertelstunde bei der Kirche, obwohl ich sie die ganze Zeit direkt vor Augen hatte. Dort angekommen hörte ich eine Zeitlang dem Gottesdienst zu und bewunderte die Innengestaltung, die fast nur aus Gold bestand. Ein Foto davon habe ich leider nicht, denn es gab mehrere Schilder, die ausdrücklich auf ein Handyverbot in der Kirche hinwiesen, und daran habe ich mich lieber mal gehalten.

Diese wunderschöne Kirche trägt den langen Namen „Кафедральный соборный храм Рождества Богородицы“. Eine Übersetzung dieses Titels habe ich nicht zustandegebracht.

Ich bin dann noch ein bisschen herumgewandert und habe einige Denkmäler auf den gleichnamigen Straßen entdeckt (Lenina ulitsa, Puschkina ulitsa, Kirova ulitsa, Karla Marksa ulitsa, …).

Ein Denkmal des sowjetischen Schriftstellers Wladimir Wladirimirowitsch Majakowskij.

Lenin von Weitem…

… und nochmal in Nahaufnahme mit besserem Licht.

Eine Gebäudewand der wissenschaftlichen Akademie der Republik Baschkortostan.

Schließlich habe ich mein erstes, wohlverdientes Schawarma gegessen (Der Schawarma? Die Schawarma?) und es war wie erwartet sehr, sehr lecker. Bei dem Stand war außerdem nichts los und deshalb habe ich mich, während der/die/das Schawarma zubereitet wurde, mit der Verkäuferin unterhalten. Sie hatte mich nämlich gefragt, woher ich komme, weil sie meinen Akzent bemerkt hatte (Mist!) und hat sich sehr dafür interessiert, was ich hier mache und wie es mir gefällt. Und das war wirklich ein tolles Erlebnis.

Bis jetzt bin ich nämlich leider hauptsächlich auf Ablehnung und sichtliche Genervtheit gestoßen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit als Ausländerin „geoutet“ habe, indem ich etwas nicht verstanden habe. Und bei den Menschen, bei denen mir das bis jetzt passiert ist (Supermarktkassiererinnen, Busfahrer, Friseur), war das auch sicher keine Ausländerfeindlichkeit oder Misstrauen oder sonst irgendwas, sondern sie waren einfach genervt, dass sie mir jetzt etwas nochmal sagen oder gar erklären müssen. Obwohl die Reaktionen in den meisten Situationen verständlich sind und in Deutschland genauso ausfallen würden, ist es für mich trotzdem jedes Mal ein blödes Gefühl. Und dann stelle ich mir jedes Mal die gleichen Fragen: Bin ich jetzt zu empfindlich oder könnten die anderen Leute auch mal ein bisschen freundlicher sein? War die Person vorher schon schlecht gelaunt oder bin ich jetzt der Grund dafür? Wie hätte ich mich verhalten, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären? Wie hätte sich eine vergleichbare Person in Deutschland verhalten? …? …? …?

Das einzige, was mir da für meinen Seelenfrieden hilft, ist, das Ganze einfach erstmal zu vergessen und mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Außerdem wurde ich neulich netterweise zu einer wöchentlichen Skypekonferenz auf Russisch mit anderen Freiwilligen aus russischsprachigen Ländern eingeladen. Und da merke ich, dass ich eigentlich doch gar nicht so schlecht Russisch spreche. Auch wenn ich wenig Vokabular habe und natürlich nichts verstehe, wenn ich in der Öffentlichkeit etwas gefragt werde, kann ich mich doch, wenn auch beschränkt, über meinen Alltag unterhalten. Und das Skypegespräch ist immer der Punkt in der Woche, an dem ich meinen tatsächlichen Fortschritt bemerke. Jede Woche verstehe ich mehr und kann mehr sagen und das ist für das Selbstbewusstsein und die Motivation wirklich äußerst hilfreich.

Für euren Seelenfrieden gibt es jetzt noch einen einsamen Fun Fact, den ich beim letzten Mal vergessen habe zu erwähnen:

Makkaroni
Alle Nudeln heißen Makkaroni. Egal, ob Spaghetti, Penne, Girandole, Linguine oder wie sie alle heißen, hier heißen sie Makkaroni und man kann einige Sorten zu einem Kilopreis von ca. 50 Cent in Plastiktüten im Supermarkt kaufen. Die schmecken auch gar nicht so schlecht. (Ja, ich habe diese Nudeln mal gekauft…)

Übrigens hatte ich schöne zwei Wochen, in denen ich die 7. und 8. Klasse alleine unterrichtet habe, und im Moment steht mir der Sinn doch wieder sehr danach, Lehramt zu studieren. Diese zwei Klassen sind einfach total nett und bringen mich oft zum Lachen. Neulich sollten sie z.B. Dialoge vorspielen, in denen verschiedene Familienmitglieder sagen, was sie jetzt gerne unternehmen wollen. Der Dialog, der von mir trotz wenig Text einen Extrapunkt für realistische Darstellung bekommen hätte, wenn es Punkte gegeben hätte, verlief so:
Mutter: Ich möchte gerne ins Kino gehen.
Sohn: Ich möchte lieber Tretboot fahren.
Tochter: Bist du dumm?
Sohn: DU bist dumm!

Tag 46 – Von Füchsen und Schlagerpartys

Liebe Leser_innen,

gestern ging die Woche der deutschen Sprache zu Ende, und obwohl ich nur an zwei Tagen dabei war, habe ich viel zu erzählen.

Es haben sich zwei Dinge wieder komplett geändert – wie gesagt, inzwischen gehe ich jeder Verabredung mit Skepsis entgegen und nehme nichts „for granted“ (die deutsche Formulierung fällt mir grade nicht ein…). Svetlana sagt, es gibt ein russisches Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Bei den Lesefüchsen saß ich doch in der Jury, weil die Bücher plötzlich noch aufgetaucht sind, und beim Liederfestival haben wir doch nicht teilgenommen, weil wir das Originallied mit Gesang nicht verwenden durften und die Stimme nicht rausschneiden konnten und weil eine Klavierbegleitung zu wenig gewesen wäre. Dafür durfte ich dort auch in der Jury sitzen.

Am Montag fand erst einmal der Wettbewerb „Lesefüchse international“ für die Region Ural statt. Und zwar im Gymnasium 86, das am anderen Ende der Stadt liegt. Schaut euch Ufa mal auf der Karte an. Meine Schule und meine Wohnung liegen in Djoma, ganz im Süden der Stadt, und das Gymnasium 86 ist ganz im Norden, im Viertel Tschernikowka. Und da Ufa ganz lang gestreckt ist, sind das 26 Kilometer durch die Stadt, was mit dem Bus eine Stunde dauert. Das Problem ist nur: diesen Bus gibt es offenbar nicht.

Das wusste ich aber noch nicht, als ich um 7:45 an der Bushaltestelle stand und etwas naiv auf diesen Bus wartete. Immerhin hatte die sonst sehr zuverlässige App 2GIS behauptet, dass der Bus 216 von meiner Schule bis zum Gymnasium 86 durchfährt. Nach einer erfolglosen halben Stunde bin ich dann in einen Bus eingestiegen, der ins Zentrum fuhr, dort wollte ich dann umsteigen, in der Hoffnung, dass ich einen passenden Bus finden würde. Leider hatte ich den Montagmorgen-Stau nicht mit eingerechnet, wodurch der Bus fast 20 Minuten länger brauchte und meine Zeit langsam knapp wurde. Schließlich sollte ich mich um 9:30 mit den anderen Jurymitgliedern treffen. Im Zentrum gab es natürlich auch keinen Bus, der in meine gewünschte Richtung fuhr, deshalb rief ich den Fachschaftsberater an, der mir freundlicherweise ein Taxi bestellte. Am Ende kam ich um 10:20 Uhr in der Schule an, aber die Verspätung war nicht weiter schlimm.

In der Jury zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung. In Prüfungen war ich ja schon dabei, aber diesmal durfte ich selbst mitreden und meine Meinung äußern und nicht nur zuhören.

Das Prinzip funktioniert übrigens so: die Schüler_innen haben sich seit Beginn des Schuljahres mit vier deutschen Jugendbüchern beschäftigt, die für jedes Jahr neu ausgewählt werden. Dieses Jahr sind das folgende:

1. Herbert Günther: Zeit der großen Worte
2. Christoph Scheuring: Echt
3. Lukas Erler: Brennendes Wasser
4. Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt
(Das ist auch meine persönliche Ranking-Reihenfolge…)

Dann gibt es eine ca. zweistündige Podiumsdiskussion (auf Deutsch) zwischen den Schüler_innen, bei denen Fragen und Thesen zu den Büchern besprochen werden. Bewertet wird dann, wie gut der/die Einzelne die Bücher kennt, wie gut er Deutsch spricht und wie er sich im Gespräch verhält. Wer mehr über das Projekt wissen möchte, kann sich hier informieren.

Anschließend gab es für die 8 Schüler_innen und deren Lehrer_innen, die aus der ganzen Republik angereist waren, eine Stadtführung, bei der ich auch mitkommen durfte. Das war sehr interessant, weil ich ja selbst noch nicht so viel von der Stadt gesehen habe und man auch nicht mal eben so ans andere Ende der Stadt fahren kann, wie ich jetzt weiß… Die Bilder gibt es später in einem anderen Blogeintrag, in Verbindung mit Informationen über die Geschichte Ufas. Da habe ich auch viele andere Deutsche kennengelernt, denn einige der Lehrer_innen waren Deutsche, die mit der ZfA im Ausland arbeiten (was ist das denn jetzt wieder?).

Außerdem habe ich einige Mitarbeiterinnen der Deutschen Botschaft Jekaterinburg kennengelernt. Abends wurde dann das deutsche Kinofestival eröffnet, bei dem jeden Tag ein deutscher Film mit russischen Untertiteln gezeigt wird. Eigentlich wollte ich den Film am Montagabend auch sehen, aber es gab noch einen „kleinen“ Empfang, der ebenso lange dauerte wie der Film, aber das war auch ganz lustig. Und die Kinobesucher waren größtenteils nicht besonders begeistert von dem Film. Ich habe also nichts verpasst, außerdem war ich am Mittwoch mit der 5. Klasse und gestern mit der 8. Klasse im Kino. Nicht ganz meine Altersklasse („Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Ostwind“), aber trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Am Donnerstag war ich dann beim Liederfestival, das glücklicherweise in einem Saal stattfand, den ich zu Fuß in 15 Minuten erreichen konnte. Die Veranstaltung begann 15 Minuten zu spät, unter anderem, weil die restlichen Jurymitglieder 10 Minuten zu spät kamen. Im Programm musste ich vorher 5 Beiträge ausbessern und die Reihenfolge ändern, und bei der tatsächlichen Vorführung ist noch ein weiterer Beitrag ausgefallen. Aber trotz der vielen Planänderungen hat es Spaß gemacht, die meisten Beiträge waren auch ziemlich gut. Und ich hatte Glück – dieses Jahr war der Wettbewerb mit 16 teilnehmenden Gruppen ziemlich klein. In den letzten Jahren waren es wohl bis zu 40 Beiträge… Die Entscheidung fiel auch nicht besonders schwer, weil vier Siegerplätze und sieben Nominierungen zu vergeben waren (Bestes Kostüm, Bestes Arrangement usw., die Trostpreise halt). Die Nominierungen waren nicht schwer zu entscheiden, und die vier Sieger waren auch eindeutig, weil es vier wirklich beeindruckende Beiträge gab. Die Liedauswahl war allerdings…interessant, man könnte die Veranstaltung vielleicht in Schlagerparty umbenennen? Von romantischen Tränendrüsenliedern wie „Endlich sehe ich das Licht“ bis zu Skikursliedern wie „Das rote Pferd“ oder „Das Fliegerlied“ war alles dabei…
Danach gab es noch ein „Galakonzert“, bei dem alle 11 Gewinner des Wettbewerbs und einige Gruppen von den verschiedenen Fakultäten der Baschkirischen Staatlichen Universität aufgetreten sind. Die Studenten hatten sehr unterschiedliche, aber allesamt sehr kreative Beiträge (dass es 20 Minuten später als geplant begonnen hat, hat mich gar nicht mehr überrascht…).

Obwohl die Woche nicht besonders anstrengend war, war ich doch oft lang unterwegs und spät zuhause. Deshalb war es gar nicht schlecht, dass ich gestern überraschend erfahren habe, dass ich heute frei habe, weil heute Subbotnik ist (eine Art Frühjahrsputz, bei dem ein Teil der Schüler die Straßen saubermacht und aufräumt) und alle Klassen, die ich gehabt hätte, beim Subbotnik beteiligt waren.

Heute hat es übrigens tatsächlich mal geregnet – normalerweise ist es hier sehr trocken. Wie trocken? In den vier Wochen, in denen ich jetzt hier bin, hat es an genau drei Tagen Niederschlag gegeben, sonst war es immer trocken, zwar meistens bewölkt, aber trocken. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungefähr dreimal so viel Cremes und Bodylotion und Labello brauche wie zuhause, und weshalb ich mich immer total freue, wenn ich endlich wieder Wäsche waschen kann, damit ich in meinem Zimmer nicht vertrockne (Zentralheizung und so, außerdem hat mein Zimmer drei Heizungen und ist ziemlich gut isoliert, deshalb schlafe ich meistens mit offenem Fenster. Nicht besonders umweltfreundlich, ich weiß, ich schäme mich sehr…).

Das war’s erstmal über die deutsche Woche. Es wird in der nächsten Zeit wie gesagt einen Artikel über die Geschichte Ufas geben, und ich versuche mal, daran zu denken, die Schule und meine Umgebung zu fotografieren, dann seht ihr auch mal, wie es in Djoma aussieht.

P.S.: Falls ich Dinge doppelt erwähne, tut mir das leid, aber ich habe inzwischen keinen Überblick mehr, ob etwas schon auf meinem Blog steht oder ob ich das nur mehreren Leuten erzählt habe… Also, falls ich mich wiederhole, dürft ihr mich gerne darauf hinweisen.

Tag 40 – Kleiner Russisch-Exkurs

Liebe Leser_innen,

bald ist schon mein erster Monat in Russland vorbei. Neulich ist mir plötzlich klar geworden, wie kurz die Zeit hier doch eigentlich sein wird, wenn man die Seminare und den Urlaub von den sechs Monaten abzieht. Also los, mach was draus, sagte ich mir nach dieser Erkenntnis. Dazu gehört auch, sich mit der Landessprache vertraut zu machen. In meinem Fall aber Russisch, nicht Baschkirisch… Hier ist zwar fast alles zweisprachig (Straßenschilder, Namen von Geschäften, Sicherheitshinweise usw.), aber es sprechen nur noch wenige Menschen Baschkirisch. Diese Sprache wird zwar in der Schule unterrichtet, aber ich höre die Schüler_innen immer nur über dieses Schulfach schimpfen. Das spricht doch eh keiner mehr, warum sollen wir das lernen, mimimi… Natürlich ist es schade, dass diese Sprache immer mehr aus dem Alltag verschwindet und irgendwann nur noch in Büchern existieren wird. Auch Svetlana (siehe „Svetlanas Kindheitserinnerungen“), die gebürtige Baschkirin ist, findet das sehr traurig. Ich werde diese Sprache aber trotzdem nicht lernen, weil sie erstens eine Turksprache ist und mit Russisch nicht viel gemeinsam hat und sie mir zweitens im Alltag nichts bringen wird, weil eben keiner mehr Baschkirisch spricht.

Also lerne ich Russisch. Da es keine Sprachschule gibt, die Russisch als Fremdsprache anbietet, lerne ich bei einer Deutschlehrerin aus einer anderen Schule, bei der auch schon mein Vorgänger Unterricht hatte. Mit ihr komme ich sehr gut zurecht, sie ist ziemlich jung und sehr, sehr nett. Insgesamt 13 Stunden habe ich schon gehabt, und in jeder Stunde lerne ich neue Sprachregeln – bei manchen schaue ich meine Russischlehrerin nur verständnislos an und es fällt mir schwer, sie mir anzugewöhnen. Einige davon möchte ich euch gerne hier präsentieren. Der Einfachheit halber werde ich Beispiele nicht auf Kyrillisch, sondern in lateinischer Schrift in der ungefähren Lautübertragung schreiben. Und liebe Russisch-Experten, verzeiht mir meine Fehler, die durch meine eigentliche Unkenntnis der russischen Sprache zustandekommen.

Die Schrift.
Es sollte, glaube ich, jedem von euch klar sein, dass im Russischen das kyrillische Alphabet verwendet wird. Das habe ich aber schon lang vor der Ausreise gelernt (Notiz an mich selbst: gute Entscheidung!). Tatsächlich komme ich aber bei manchen Buchstaben immer noch durcheinander, vor allem bei denen, die gleich aussehen wie im deutschen bzw. lateinischen Alphabet, aber anders ausgesprochen werden (P=R, H=N, X=Ch, B=W).

Die Aussprache.
Erst habe ich mich gefreut, dass es für jeden Laut ein eigenes Zeichen gibt, und nicht wie im Deutschen oder Französischen bestimmte Buchstabenverbindungen, die besonders ausgesprochen werden. Aber leider gibt es wenig Ausspracheregeln, außer dass z.B. unbetontes O wie A ausgesprochen wird. Meine Russischlehrerin hat gesagt, dass die Russen die Vokale einfach so aussprechen, wie sie wollen. Für die Betonung gibt es gar keine Regeln. In Lehrbüchern stehen immerhin Akzente über den betonten Buchstaben, aber sonst muss man für jedes Wort die Betonung mitlernen und bei unbekannten Wörtern raten.
Und dann gibt es noch dieses wunderschöne Weichheitszeichen Ь und das Härtezeichen Ъ. Auch schön, dass sie fast gleich aussehen, oder? Das Härtezeichen kommt zum Glück kaum vor, und das Weichheitszeichen zeigt an, dass der vorhergehende Buchstabe „weich“ gesprochen wird – das hat aber nichts mit dem fränkischen „haddn B“ und „weichen B“ zu tun (für Nicht-Franken: P und B). Wenn ein Buchstabe „weich“ ist, geht die Zunge an den Gaumen, sodass bei manchen Buchstaben sowas wie ein Zischlaut entsteht. Ich bin da noch nicht ganz durchgestiegen, weiß aber jetzt, dass russische „harte“ und „weiche“ Laute nichts mit deutschen „harten“ und „weichen“ Lauten zu tun haben. Am deutlichsten ist mir das klar geworden, als die Lehrerin behauptete, K wäre weich und G wäre hart. Für mich, in Bamberg groß geworden, völlig unbegreiflich…

Die Fälle.
Im Russischen gibt es sechs Fälle. Zu den uns bekannten vier Fällen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ kommen noch der Instrumental und der Präpositiv hinzu. Ganz grob: der Instrumental antwortet auf die Fragen Womit?/Von wem? und der Präpositiv, der nur nach bestimmten Präpositionen steht, auf Über wen?/Worüber?/Wo?. Diese zwei Extrafälle sind gar nicht mal so das Problem, sondern dass die anderen Fälle teilweise anders verwendet werden. Wörtlich übersetzt hieße es z.B. jemandem anrufen. Oder jemanden gratulieren. Oder jemanden danken. (Wer von euch sich jetzt fragt, was daran jetzt falsch ist, der sollte nochmal an seinen eigenen Deutschkenntnissen arbeiten…)

Der Satzbau.
Meistens völlig willkürlich, man kann im Satzbau fast nichts falsch machen, außer bei bestimmten Formulierungen, z.B.:
Wenn ich sage Kagda mnje byla schest ljet, dann heißt das Als ich sechs Jahre alt war.
Wenn ich aber sage Kagda mnje byla ljet schest, dann heißt es Als ich ungefähr sechs Jahre alt war.

Die Artikel.
Gibt es nicht. Hallelujah! Das kommt mir als Russischlernerin natürlich sehr entgegen, aber ungewohnt ist es schon, keine Artikel zu verwenden. Vor allem komme ich mir immer so unhöflich vor und habe ständig das Gefühl, dass ich jetzt irgendwas im Satz vergessen habe. Aber wenn ich die Lehrerin etwas verunsichert anschaue und sie frage: „Ist das jetzt überhaupt ein richtiger Satz?“, sagt sie immer: „Ja natürlich! Warum denn nicht?“

Das Verb sein.
Gibt es auch nicht, zumindest nicht in der Gegenwart. Wenn ich mich also vorstelle, kann ich einfach sagen (wörtlich übersetzt): „Ich Sophia. Mir 18 Jahre. Ich aus Deutschland. Ich Freiwillige.“ Auch sehr ungewohnt, aber ein Verb weniger, das ich lernen muss!

Die Zeiten.
Es gibt nur drei Zeiten, Präteritum, Präsens und Futur. Und die Formenbildung ist auch gar nicht sooo schwer. Das wäre ja alles schön und gut und toll, wären da nicht…

…die Aspekte.
Es gibt von fast jedem Verb einen vollendeten und einen unvollendeten Aspekt. Diese Aspekte sind, glaube ich, vergleichbar mit den simple- und progressive-Formen im Englischen. Der vollendete Aspekt zeigt eine einmalige oder abgeschlossene Handlung und der unvollendete zeigt eine sich wiederholende Handlung oder betont den Ablauf der Handlung. Das Problem dabei: für ein Wort im Deutschen gibt es zwei im Russischen (und noch ganz viele Synonyme). Zum Beispiel hören. Unvollendet slyschat, vollendet uslyschat. Oder helfen – unvollendet pamagat, vollendet pamotsch. Eigentlich auch mit O geschrieben, aber als A gesprochen. Oder verstehen. Unvollendet panimat, vollendet panjat. Es gibt also auch keine Regeln, wie die jeweils andere Form gebildet wird. Und manchmal ist die unvollendete Form das längere Wort und manchmal die vollendete. In meinem Kopf herrscht also das vollendete Chaos (no pun intended). Übrigens: es gibt auch noch unterschiedliche Verben für zielgerichtete und unbestimmte Bewegungen, das sind dann aber meistens komplett verschiedene Wörter (gehen – zielgerichtet idti, unbestimmt chadit).

So, ich hoffe, ich habe jetzt niemanden vergrault, der bis heute unbedingt Russisch lernen wollte… aber es ist eigentlich schon eine schöne Sprache, finde ich. Und jedes Mal, wenn ich mich über eine Grammatikregel beschwere, dann denke ich an die armen Schüler, die Deutsch lernen. Für die muss es ja viel schlimmer sein, weil sie z.B. diese ganze Geschichte mit bestimmten und unbestimmten Artikeln neu lernen müssen. Und ich kann jetzt die ganzen Fehler nachvollziehen, die sie machen, weil ich jetzt weiß, wie der entsprechende Satz auf Russisch heißen würde.

In diesem Sinne: bis zum nächsten Mal, wenn wieder genug passiert ist, dass ich tatsächlich etwas berichten kann. Morgen beginnt die Deutsche Woche, da werde ich sicher viel erleben.

Пока!

Tag 32 – Erfolge und Enttäuschungen

Liebe Leser_innen,

mit jedem Tag, den ich hier bin, fühle ich mich immer mehr zuhause. An die Schule und den Schulweg habe ich mich schnell gewöhnt, aber um hier in der Wohnung wirklich anzukommen, habe ich mehr Zeit gebraucht. Inzwischen fühle ich mich schon zuhause, auch weil ich jetzt weiß, wo alles ist und nicht mehr beim Kochen erstmal alle Schränke aufmachen muss, um einen Topf zu finden. Und inzwischen fühle ich mich auch außerhalb der Wohnung ziemlich „sicher“ – damit meine ich, dass ich mich jetzt in den Supermärkten auskenne, dass ich weiß, in welchem Supermarkt man was bekommt und was nicht, dass ich weiß, mit welchen Bussen ich in die Stadt komme usw. Außerdem weiß ich jetzt, was ich an der Supermarktkasse gefragt werden kann und was ich darauf antworte. Am Anfang wusste ich nämlich gar nicht, was die von mir wollten. Aber jetzt weiß ich: zuerst fragen sie schön gereimt: „Paket ili njet?“ („Tüte oder nicht?“), dann, ob ich eine Bonuskarte habe und dann, ob ich noch Kleingeld habe. Und wenn ich schlau genug war, selber eine Einkaufstüte mitzunehmen, sage ich einfach dreimal „Njet“. So einfach geht das! Und weil ich mich auch über die kleinen Dinge sehr freue, gebe ich mir immer ein kleines mentales High-Five, wenn ich irgendwo in der Öffentlichkeit mit Leuten reden musste und alles verstanden habe.

Auch wenn ich jetzt meine ersten 10 Russischstunden hinter mir habe (in den Ferien haben wir schon viel Unterricht gemacht, weil die Lehrerin und ich beide viel Zeit hatten), kann ich mich noch nicht in allen Alltagssituationen souverän bewegen. Zum Beispiel heute im Bus: zwei Stationen, bevor ich aussteigen musste, war ich die Letzte im Bus und der Busfahrer fragte mich, wo ich aussteigen will. Als ich ihm die Straße nannte, war er sichtlich genervt (was ich gar nicht verstanden habe, weil der Bus sonst auch immer da gehalten hatte) und hat wild auf mich eingeredet und ich habe natürlich nichts verstanden, außer dass es ihn offenbar gestört hat, dass ich jetzt unbedingt DA aussteigen will. Ob es etwas an seiner Fahrtroute geändert hätte, wenn ich früher ausgestiegen wäre, weiß ich nicht, aber ordentlich verwirrt war ich schon. Und mal ehrlich: alleine in einem Bus zu sein mit einem aggressiv fahrenden und offenbar schlecht gelaunten Busfahrer ist auch nicht gerade angenehm… Ich war jedenfalls froh, dass er mich dann doch an der richtigen Stelle rausgelassen hat.

Eine andere Situation: ich musste mein Handyguthaben aufladen. Auf der Wanderung am Wochenende habe ich mein Guthaben aus Versehen aufgebraucht, weil ich im Internet war, ohne zu wissen, dass wir nicht mehr in der Republik Baschkortostan waren und ich damit im „Ausland“ war. Mein Tarif gilt aber nur fürs „Inland“ und deshalb musste ich 130 Rubel bezahlen, um mein Internet wieder freizuschalten. Das geht dann an einem Automaten in einer Filiale des Anbieters. Auf meinem Schulweg ist glücklicherweise eine solche Filiale, weshalb ich am Montagmorgen mein Guthaben wieder aufladen wollte. Auf dem Automaten gab es aber viele Möglichkeiten zur Auswahl, und es standen zu viele Leute hinter mir, als dass ich in Ruhe alles im Wörterbuch hätte nachschauen können. Also habe ich die beiden Verkäufer gefragt, ob sie Englisch sprechen – erstaunte, fast verwirrte Blicke und „Njet“. Weil ich auf Russisch absolut nicht mein Problem erklären konnte, hat mir einer der beiden plötzlich sein Handy mit einer Übersetzungs-App hingehalten und mich aufgefordert, mein Problem dem Handy zu erzählen. Das hat mäßig gut geklappt, aber am Ende hat mir der andere Verkäufer dann das Guthaben aufgeladen. Wie der Automat funktioniert, weiß ich leider immer noch nicht, weil das echt schnell ging und es ziemlich viele Schritte bis zum Bezahlen waren, aber nächstes Mal nehme ich mir dann jemanden mit, der Deutsch oder Englisch spricht und sich auskennt… Aber das war mir echt peinlich. Vor allem, wie die ganzen Leute im Laden mich angeschaut haben, wie ich da in dieses Handy reinspreche – die müssen sich auch gewundert haben!

Aber genug von den peinlichen Situationen: jetzt gibt es noch ein paar Fun Facts über das Leben in Ufa!

Busfahren
Es gibt neben den großen Stadtbussen auch kleine Shuttlebusse (marschrutka) ohne festen Fahrplan, die nicht immer an ausgeschriebenen Haltestellen halten. Da, wo ich normalerweise einsteige, gibt es kein Schild. Man muss halt wissen, dass der Bus da vor dem Supermarkt hält. Man bezahlt beim Aussteigen, und zwar immer 25 Rubel (in manchen Bussen 20), egal, wie weit man fährt. Der Busfahrer hat dann meistens einen Schwamm mit Schlitzen drin, in dem er die Münzen aufbewahrt. Die Scheine stecken oft im CD-Fach oder so.

Autobahnabfahrten
Die meisten Abfahrten, die auf Autobahnbrücken führen, sind meiner Meinung nach extrem unpraktisch. Man fährt nämlich nicht vor der Brücke raus und dann in einer großen Kurve nach links auf die Brücke, sondern unter der Brücke durch und macht dann eine 180-Grad-Kurve, die ziemlich eng ist, und dann biegt man nach rechts auf die Brücke ab. Ausfädelungsstreifen gibt es nicht wirklich, also bremst man einfach so voll ab, um diese Kurve zu kriegen. Apropos:

Straßen
Viele Straßen haben keine Markierungen. Im besten Fall liegt das daran, dass die Straße neu ist und noch keine Markierungen hat, in den meisten Fällen daran, dass die Straße schon so alt ist, dass man die Markierungen nicht mehr sieht. Auf den großen Straßen hängen dann Schilder über der Straße, die anzeigen, wie viele Spuren es gibt und wo man wohin abbiegen kann (daran hält sich aber keiner). Es kommt dadurch oft zu mutigen Überholmanövern, bei denen es dann halt Ansichtssache ist, ob man eigentlich auf der Gegenfahrbahn fährt oder ob da doch noch eine Spur ist. Schlaglöcher sind die Normalität, und oft wünscht man sich, der Busfahrer würde einfach drüberfahren, anstatt kurz mal einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn zu machen…

Packungsgrößen (Ergänzung)
Auch wenn es hier teilweise die gleichen Marken gibt wie in Deutschland, sind die Packungen kleiner. Es ist aber gleich viel drin, nur sind die Packungen tatsächlich voll und nicht zur Hälfte mit Luft gefüllt. Da hat mal jemand mitgedacht.

Und noch ein Moment, der mich zum Lächeln gebracht hat: Mehrere Schülerinnen einer Klasse haben mir gesagt, dass mein Name wie ein Zauberspruch aus Harry Potter klingt. Süß, oder?
*zauberstab schwing* „SOPHIARIVINIUS!“ Was dann wohl passieren würde?