Tag 103 – Du hast einen deutschen Akzent!

Liebe Leser_innen,

seit Montag läuft in der Schule jetzt das Kinderlager. Kurz erklärt: ca. 120 Erst- bis Viertklässler unserer Schule kommen montags bis freitags von 8:30 bis 15:00 Uhr in die Schule und bekommen dort ein Ferienprogramm. In der Schule gibt es Malstunden, Tanzen, Musik, Sport und andere Indoor-Aktivitäten und oft gibt es Ausflüge, z.B. in den Zoo, ins Theater, ins Schwimmbad usw.
Am Donnerstag gab es außerdem einen Sportwettbewerb, bei dem alle Gruppen gegeneinander angetreten sind, indem sie in der Sporthalle vom Rand bis zur Mittellinie und zurück rennen mussten, in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. In einer Runde z.B. musste der erste Läufer auf dem Weg einen Staffelstab in einen Hula-Hoop-Reifen legen, der zweite Läufer musste ihn aufheben und dem dritten Läufer übergeben, der ihn wiederum in den Reifen legte usw. Zum Zuschauen war es lustig, aber auch sehr anstrengend, denn die Sporthalle hallt ganz fürchterlich (no pun intended), es läuft laut Musik und 120 Kinder schreien aus vollem Hals, um sich gegenseitig anzufeuern…

Meine Aufgabe ist aber, Musikstunden zu halten, allerdings mache ich keinen normalen Unterricht, sondern ich singe mit den Kindern deutsche Lieder. Dabei habe ich seit Mittwoch auch eine große Unterstützung, nämlich Theresa aus Berlin – sie ist eigentlich mehr Freiwillige als ich, denn sie ist wirklich ganz freiwillig und ohne Organisation hier und bekommt auch kein Geld dafür. Sie ist für vier Wochen in Ufa, wo sie anstelle von mir im Sprachlager arbeiten wird (ich habe in der Zeit Urlaub genommen, allerdings ohne zu wissen, dass das Sprachlager genau in der Zeit liegt, shame on me) und arbeitet danach noch in einem Sprachlager in Sochi, was von einer anderen Schule organisiert wird. In den Musikstunden arbeiten wir allerdings weniger zusammen als dass wir uns vielmehr abwechseln, denn dadurch, dass immer drei Gruppen hintereinander kommen, machen wir dreimal hintereinander das gleiche Programm, und das ist auch mental anstrengend, wenn man dreimal das gleiche Lied einstudiert. Immerhin hat diejenige, die gerade nicht mit den Kindern arbeitet, die verantwortungsvolle Aufgabe, die Powerpoint-Präsentation weiterzuklicken, auf der der Text zu sehen ist.

Die Gruppen (es gibt insgesamt 7) sind alle ganz unterschiedlich. Manche haben das Lied nach fünf Minuten drauf und wir müssen uns spontan überlegen, wie man die Kinder die restlichen 25 Minuten bespaßen kann. In manchen Gruppen singen nur wenige Kinder überhaupt mit und der Rest langweilt sich und wird unruhig. Und eine Gruppe kam sowohl in meiner als auch in Theresas ersten Stunde am Ende nach vorne gestürmt, alle mit Handys bewaffnet: „Können wir ein Foto zusammen machen?“
Und fast alle stellen viele Fragen – natürlich auf Russisch und nicht auf Deutsch, denn die deutsch- und englischlernenden Schüler_innen sind in den Gruppen durchmischt und sprechen auch nur sehr wenig Deutsch oder Englisch. Für uns ist das aber gar nicht schlecht, denn so können wir unsere Russischkenntnisse verbessern (vor allem ich – Theresa spricht um einiges besser Russisch als ich, sie hat das aber auch in der Schule gelernt…). Ein Mädchen hat uns beide nacheinander gefragt, wie alt wir sind, und nach meiner Antwort stellte sie (offenbar mit großer Zufriedenheit) fest: „Немецкий акцент есть!“ (Du hast einen deutschen Akzent!)

Ich muss sagen, es ist so schön, noch jemanden hier zu kennen, mit der ich Deutsch sprechen kann und die in meinem Alter ist. Außerdem ist es das erste Mal, dass ich jemandem Ufa zeigen kann oder zumindest das, was ich kenne. Da fühle ich mich gleich noch ein Stückchen mehr zuhause, denn jetzt habe ich jemandem meine Stadt gezeigt. Und jetzt habe ich noch mehr Lust, noch mehr von der Stadt zu entdecken. Morgen fahren wir zusammen in die Stadt und werden uns einige Veranstaltungen anschauen, denn morgen wird das Stadtfest gefeiert. Am 12. Juni ist nämlich der Tag Russlands UND der Geburtstag des baschkirischen Nationalhelden Salavat Yulaev. Ich bin sehr gespannt, was Ufa wieder an Feierlichkeiten zu bieten hat…

Tag 75 – Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch

Liebe Leser_innen,

ich glaube, langsam pendelt sich ein guter Wochenrhythmus in meinem Blog ein, den ich versuchen werde, zu behalten.
In der letzten Woche ist wieder einiges passiert, also schön der Reihe nach:

Am 8. Mai war Feiertag, als Brückentag zwischen dem Wochenende und dem Tag des Sieges am 9. Mai. Diesen Tag habe ich genutzt, um einen Ausflug zu „Mega“ zu machen. Das ist ein Einkaufszentrum außerhalb der Stadt (also NOCH MEHR außerhalb als Djoma) und macht seinem Namen alle Ehre. Es gibt viele Marschrutka-Linien, die zu Mega fahren, auch eine direkt von Djoma aus, allerdings nur einmal in der Stunde, und da es keinen Fahrplan an der Bushaltestelle gibt, hatte ich halt das Pech, fast eine Stunde warten zu müssen. Diese Busfahrt kostet übrigens mehr als die normalen Fahrten, nämlich 30 statt 25 Rubel, ein halbes Vermögen! 😉 Als wir auf das Gelände fuhren, dachte ich kurz „Oh, cool, da gibt es auch einen Decathlon, da kann ich ja später vielleicht noch reingehen!“. Und dann sind wir von da aus noch ein ganzes Stück bis zu Mega gefahren und ich wusste in diesem Moment, dass ich am Ende nicht mehr genug Energie haben würde, um diese Strecke zu laufen.  Wie gesagt, die Dimensionen sind etwas größer als in Bamberg…
Als ich dann einmal drin war, hat mich die Größe dieses Gebäudes echt umgehauen. Nur mal zum Vergleich: ca. ein Viertel der Fläche bestand aus einem kompletten IKEA. Zum Glück war alles auf einer Ebene, sodass ich zumindest noch ein bisschen Orientierung hatte. Meine Mission habe ich auch erfüllt: ich wollte mir ein Paar Laufschuhe kaufen, weil ich keinen Platz im Koffer hatte, um meine mitzunehmen, und weil ich sowieso schon seit langem nicht mehr die Motivation zum Joggen aufgebracht hatte. Aber hier hab ich plötzlich einen Energieschub bekommen und mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu machen. Ich hatte jedenfalls 5000 Rubel in bar dabei (ca. 80 Euro) und habe mir vorgenommen, bei Mega kein Geld abheben oder meine Kreditkarte benutzen zu müssen. Diesen Vorsatz konnte ich tatsächlich einhalten und bin nur mit einem Paar Sportschuhe wieder nachhause gefahren.
Falls ihr euch jetzt fragt, wie ich die Schuhe nachhause bringe, wenn ich schon auf der Hinreise keinen Platz im Koffer hatte: ich werde zwischendurch nachhause fliegen und alles, was ich in den letzten Wochen nicht mehr brauche, zuhause lassen (Anorak, Winterstiefel usw.), damit ich dann genug Platz für Souvenirs und sonstige Mitbringsel habe.
Auf dem Rückweg habe ich dann die Bushaltestelle nicht mehr gefunden und bin mit dem Taxi gefahren. Das ist hier zum Glück eine gute Alternative, weil es echt nicht teuer ist. Natürlich nicht zu vergleichen mit dem Preis für eine Busfahrt, aber trotzdem: für eine 15-minütige Fahrt über ca. 15 Kilometer habe ich nicht mal 4 Euro bezahlt. Und meine Angst vor dem Alleine-Taxifahren habe ich auch schnell verloren, denn bis jetzt waren alle Taxifahrer echt nett und ich kann inzwischen auch gut genug Russisch, um mich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. Apropos: meine neue Taktik im Gespräch mit Einheimischen ist die Offensivattacke: ich rede einfach drauflos und hoffe, dass mir möglichst wenig Fragen gestellt werden. Denn erzählen kann ich ja – selbst mit meinem begrenzten Wortschatz – nur verstehe ich meistens die Fragen nicht. Und klar, wenn ich auf keine Frage antworten kann, denkt der Gesprächspartner natürlich, dass ich kein Wort Russisch kann, obwohl ich eben nur die entscheidenden Schlüsselwörter der Frage nicht kenne.
Der Kauf hat sich übrigens gelohnt, die Schuhe sind super.

Am 9. Mai war dann großer Feiertag. Ich bin in die Stadt gefahren, um mir die Parade anzusehen, aber erstens war ich zu spät, und zweitens glaube ich, dass es gar keine Militärparade gab, sondern nur einen langen Zug von Menschen, die teilweise Uniformen trugen oder Fahnen schwenkten oder wie ich einfach nur mitliefen. Die meisten hatten aber Bilder von den Brüdern, Vätern und Großvätern dabei, die im Krieg gestorben sind. Deshalb hieß die Parade auch „Unsterbliches Regiment“ und diese Geste hat mir wirklich gut gefallen. So ging es an diesem Tag auch darum, der Gefallenen zu gedenken und nicht nur zu feiern, wie toll das eigene Land ist. Denn das war für mich als Deutsche natürlich extrem ungewohnt, zu sehen, wie stolz alle Menschen auf ihr Land sind, darauf, dass sie Russen sind und dass Russland den Zweiten Weltkrieg (hier: den Großen Vaterländischen Krieg) gewonnen hat.
Aber da dieser Blog ein persönlicher und kein politischer ist, möchte ich es gern bei dieser Beobachtung belassen.
Die Parade endete dann am Leninplatz und da bekam ich dann doch noch eine Militärparade zu sehen, denn auf einer großen Leinwand wurde die Parade aus Moskau übertragen.


Und weil ich gerade so sportlich motiviert war, beschloss ich einfach, vom Leninplatz zum Stadtzentrum zurückzulaufen. Das waren zwar knapp 10 Kilometer und es fing irgendwann an, leicht zu regnen, aber ich hatte keinen Termin und konnte etwas von der Stadt sehen. Außerdem hätte ich jederzeit in einen Bus steigen können, da ich neben einer der drei Hauptstraßen Ufas gelaufen bin, nämlich dem Oktoberprospekt. Und da fährt so ziemlich jeder Bus entlang. Aber ich bin gelaufen und gelaufen und habe mir schließlich im Zentrum ein/eine/einen Schawarma gegönnt (ich weiß immer noch nicht den Artikel…). Nach Djoma bin ich dann aber schon mit dem Bus gefahren, keine Sorge 😉

Am Mittwoch fand dann ein einschneidendes Ereignis statt: ein großes Picknick mit ganz vielen Studenten. Der Anlass war folgender: jeden Sommer gibt es einen Studentenaustausch zwischen den Partnerstädten Ufa und Halle (Saale). Und an dem Picknick nahmen sowohl die Austauschstudenten von diesem Jahr teil als auch diejenigen, die den Austausch in den letzten Jahren schon gemacht haben. Meine Russischlehrerin hatte mich dazu eingeladen, denn sie kennt viele Studenten und war selbst vor ein paar Jahren bei dem Austausch dabei. Der Austausch ist allerdings für alle Studenten, nicht nur für diejenigen, die Deutsch sprechen oder Deutsch studieren. Deshalb waren nicht so viele deutschsprachige Leute außer mir da, aber die meisten sprachen ziemlich gut Englisch oder zumindest besser, als ich Russisch spreche. Die diesjährigen Austauschstudenten hatten sogar eine Art Schnitzeljagd organisiert, bei der wir durch den ganzen Park rennen mussten und verschiedene Aufgaben lösen mussten. Meine Lieblingsstation war eine, bei der man aus einem echten deutschen Wort und einem Fantasiewort das echte Wort erraten musste. Außerdem sollte man die richtige Bedeutung erraten. Ich bekam einige erstaunte, bewundernde und auch verwirrte Blicke, als ich das Wort „Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch“ in meinem schönsten Bayrisch aussprach.
An diesem Abend konnte ich gar nicht mehr denken oder reden, weil ich den ganzen Nachmittag abwechselnd oder gleichzeitig Russisch, Englisch und Deutsch gesprochen hatte. Da ich den letzten Bus nachhause verpasst hatte, bin ich wieder mit dem Taxi gefahren und habe wieder meine neue Offensivtaktik im Gespräch verwendet.

Und jetzt kenne ich ganz viele Leute und lerne das kulturelle Leben hier kennen. Gleich am Freitag wurde ich zu einer Theatervorstellung eingeladen, die perfekt für mich war, denn es war eine pantomimische Vorstellung. Heute werde ich noch ein Theaterstück sehen bzw. eine Probe vor Publikum, bei der eine andere Gruppe spielt, die aber einige Mitglieder hat, die auch in der Theatergruppe vom Freitag dabei waren. Mal sehen, wie viel ich von der Musikszene noch mitbekomme, aber im Moment tauche ich erstmal ins Theater ein.