Tag 145 – Mein kulturweit-Projekt

Liebe Leser_innen,

mein Projekt ist jetzt endlich fertig! Es ist ein Video mit dem Titel „14 deutsche Wörter, die wörtlich eigentlich sinnlos sind“. Anschauen könnt ihr euch es hier:

Die konkrete Idee zu diesem Projekt kam mir ein paar Wochen nach meiner Ankunft in Ufa, aber die Inspiration war schon vorher da. Ich hatte mich nämlich auf dem Vorbereitungsseminar mit einer Freiwilligen aus meiner Homezone, Eléna Mayer, unterhalten, die ihren Freiwilligendienst in der Mongolei macht. Sie hatte schon angefangen, Mongolisch zu lernen und ihr war aufgefallen, dass es in dieser Sprache viele Wörter gibt, die auf einfachen Beobachtungen basieren. Dann stellten wir fest, dass es im Deutschen auch einige solcher Wörter gibt, wie zum Beispiel Stinktier, Vielfraß oder Grashüpfer. Ich dachte noch einige Zeit darüber nach, bevor mir einige Wörter einfielen, die eben keinen Sinn ergeben, wenn man sie wörtlich nimmt. Das erste, was mir einfiel, war „Maulwurf“. In den nächsten Wochen schrieb ich alle Wörter auf, die mir einfielen oder die ich in Büchern fand. Als ich dann 15 zusammen hatte, überlegte ich, was ich jetzt damit machen könnte, und schnell kam mir die Idee, die Einzelbestandteile sowie die „fertigen“ Wörter von Schülern malen zu lassen und in einem Video zu zeigen, um bildlich veranschaulichen zu können, wie unlogisch die Wörter sind. Natürlich sind nicht alle total sinnlos – mir ist die Etymologie der meisten Wörter durchaus bewusst, und ich finde auch persönlich nicht alle gleich gut und lustig. Trotzdem fand ich, dass es sich lohnte, dieses Projekt durchzuführen, auch deshalb, weil ich zu diesem Thema so gut wie nichts im Internet gefunden habe.

Ich habe mich übrigens nicht vertippt – ursprünglich waren es tatsächlich 15 Wörter (Hexenschuss wäre das letzte gewesen), aber leider hat mich die dafür zuständige Schülerin immer vertröstet, hat mir aber nie die Bilder gegeben, und ich konnte auch niemanden mehr finden, der mir diese Bilder noch gemalt hätte. Ich bin auch selbst wirklich gar nicht zeichnerisch begabt, sonst hätte ich mich wahrscheinlich noch selber hingesetzt und die Bilder gemalt.

Die Konzeption dieses Projektes eignete sich auch perfekt für die Zeit meiner schulischen Beschäftigung hier – es musste etwas sein, bei dem die Arbeit der Schüler innerhalb der Schulzeit, also bis Ende Mai, abgeschlossen wäre. So konnten die Schüler mir bis Ende Mai ihre Bilder geben, und in den Sommerferien konnte ich alleine arbeiten, also die ganze Arbeit am Video erledigen.
Falls ihr euch jetzt fragt, warum ich denn dann nicht gleich alleine ein Projekt gemacht habe: ich möchte dieses Projekt beim PASCH-Projektwettbewerb einreichen, und da ist die Voraussetzung, dass mindestens fünf Schüler_innen an dem Projekt beteiligt sind. (Was ist denn jetzt PASCH schon wieder?)

Ich hoffe jedenfalls, dass euch das Video gefällt und dass ihr das ein oder andere Wort erraten könnt 😉

Tag 19 – Endlich Wochenende. Oder?

Liebe Leser_innen,

die erste Woche ist vorbei und heute konnte ich endlich wieder ausschlafen. Und schon meldet sich das innere Gewohnheitstier: wie, nur am Sonntag ausschlafen? Was ist denn mit dem Samstag passiert? Tja, am Samstag ist auch Schule! Zwar „nur“ bis 16:00, aber das auch nur, weil die Pausen kürzer sind. Es gibt also, wie an den anderen Tagen, insgesamt 13 Schulstunden. Na gut, daran werde ich mich schon noch gewöhnen. Außerdem sind ja nächste Woche Frühlingsferien. Und ich muss – solange mein Stundenplan so bleibt – nie zur ersten Stunde kommen, sondern erst um 9:00 Uhr. Okay, eigentlich kann ich mich echt nicht beschweren…

Ich habe in dieser Woche einige interessante Entdeckungen bezüglich der Schule gemacht. [Natürlich spreche ich jetzt nur von meiner Einsatzstelle und vergleichend von meiner Schule in Bamberg. Keine meiner Erfahrungen können und sollen auf alle russischen/deutschen Schulen übertragen werden.] Egal, wie sehr man sich um Unvoreingenommenheit bemüht, man hat ja trotzdem irgendein Bild im Kopf, irgendeine Vorstellung, wie es in der Einsatzstelle aussehen könnte. Und meine Vorstellung war eben die, dass die Lehrer grundsätzlich viel strenger sind als in Deutschland und dass der Unterricht viel geregelter und disziplinierter abläuft. Das stimmt auch – teilweise.

Bis jetzt waren tatsächlich alle Klassen (bis auf eine, von der ich später noch berichten werde) ziemlich diszipliniert und auch die jüngeren Schüler haben sich größtenteils gut benommen, selbst wenn ich alleine unterrichtet habe. Verwirrung in neuen Situationen gab es natürlich trotzdem. Ein Beispiel: Ich kam rein und die Schüler standen sofort auf. Auch wenn es in meiner Schule bei den meisten Lehrern normal war, zur Begrüßung aufzustehen, hatte ich das schon völlig verdrängt und war deshalb entsprechend perplex – für einen kurzen Moment dachte ich: „Warum stehen die denn jetzt auf? Ich bin’s doch nur, ich bin doch keine Lehrerin…“, aber das bin ich für die Schüler natürlich schon. Und die Klasse war genauso überrascht, als ich nur „Hallo“ sagte und, als sie immer noch standen, „Ihr könnt euch schon hinsetzen…“. Normalerweise gibt es nämlich bei den meisten Deutschlehrerinnen folgendes Begrüßungsritual zwischen Lehrerin und Schülerchor: „Guten Tag, liebe Schüler.“ – „Guten Tag, liebe Lehrerin.“ – „Wie geht’s?“ – „Gut./Danke, super.“ – „Setzt euch.“ – „Wir setzen uns.“

Die Lehrerinnen sind allerdings nicht ansatzweise so streng, wie ich es erwartet hatte. Meistens herrscht eine relativ entspannte Stimmung, außer z.B. in den 9. Klassen, bei denen in gut einer Woche die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Da ist dann auch bei den Lehrkräften Stress angesagt. Aber sonst ist der Unterricht, auch dank der kleinen Klassen, ziemlich familiär. Man kennt sich gut, und ich habe das Gefühl, dass die Klassengemeinschaften stark sind. Bis jetzt habe ich in „meinen“ Klassen auch kein Mobbing oder Streit in der Gruppe festgestellt. Allerdings fällt es mir gerade wegen dieser vertrauten Atmosphäre schwer, mich als Autoritätsperson zu präsentieren. Vor allem in den 9. und 10. Klassen habe ich gemerkt, dass die Schüler_innen sich eher trauen, mit mir zu sprechen, wenn ich nicht als Lehrerin auftrete, sondern als (fast) gleichaltrige Person, mit der man sich halt nur auf Deutsch unterhalten kann. Immerhin sind wie gesagt bald die mündlichen Prüfungen, und da ist es ungünstig, wenn sich keiner traut, auch nur einen Satz auf Deutsch zu sagen. Bei den Jüngeren geht das natürlich nicht. Wenn die Viertklässler merken, dass ich mich eigentlich gar nicht so gut durchsetzen kann, wie ich das gerne hätte, dann ist es erstmal vorbei mit dem ruhigen, entspannten Unterricht.
So war es nämlich in einer fünften Klasse, die Deutsch als zweite Fremdsprache hat. Eigentlich bin ich für die gar nicht zuständig, aber durch ein Missverständnis (davon wird es, glaube ich, noch einige geben) bin ich dort gelandet. Zum Glück aber nur, um mich vorzustellen, und nicht alleine. Diese vier Kinder waren ungefähr dreimal so laut und anstrengend wie die 15 Kinder in der vierten Klasse. Ich glaube, wir haben 20 Minuten dafür gebraucht, dass ich mich vorstelle und die Kinder Fragen stellen. Meistens konnte ich nämlich wegen der Lautstärke gar nichts Hörbares sagen und wenn doch, dann hat niemand zugehört oder es hat keiner verstanden. Das wurde mir in den Momenten klar, in denen eins der Kinder sich mühsam eine Frage zusammengebastelt hatte, auf die ich die Antwort aber schon mindestens einmal gegeben hatte. Da war ich echt froh, dass ich normalerweise nicht in diese Klasse muss. Ich hatte mich auch schon gewundert, dass bis jetzt alle so brav waren, das ist doch eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Bis jetzt war das aber auch die einzige Stunde, in der ich mal streng werden musste.

Die größte Entdeckung ist bisher, dass in meiner Einsatzstelle und auch im Alltag viel überlegter mit Geld umgegangen wird. In der Schule werden wirklich Prioritäten gesetzt, was Investitionen angeht. Es sieht zwar nicht besonders schön aus, aber dafür funktionieren die wichtigen Dinge. Ja, es blättert die Farbe von Wänden, Tischen und Fensterrahmen. Auch die Türen sind so verzogen, dass man sie entweder kaum auf- und zukriegt oder man Putzlappen in den Türrahmen klemmen muss, damit die Tür nicht ständig aufgeht. Und die Fenster sind nicht dicht. Und die Möbel sind alt. Die Tafeln sind nicht besonders groß und es gibt auch nicht in jedem Klassenzimmer ein Waschbecken. Aber es funktioniert eben auch so. Diese Dinge stören niemanden, weil es genügend funktionierende Technik gibt. Und genug Schulbücher. Außerdem ist die Schule barrierefrei. Und das ist meiner Meinung nach ein bedeutender Unterschied zumindest zu meiner Schule. Zuerst wird Geld in Dinge investiert, die für die Qualität des Unterrichts wichtig sind, und dann wird darüber nachgedacht, ob man neue Möbel kauft oder die Wände neu streicht. Mir sind diese ganzen Dinge übrigens auch nicht sofort aufgefallen, weil es für alle ganz normal war und weil es nichts gab, das ich vermisste. Außer vielleicht, dass das Klopapier nicht immer leer ist, aber das war in meiner Schule ja auch nicht anders…

Ich habe mir heute übrigens einen großen Wunsch erfüllt: ich habe mir im Baschkirischen Staatstheater ein Ballett angeschaut, „Legende von der Liebe“. Wenn man schon mal in der Heimatstadt von Rudolf Nurejev ist… Und obwohl ich einen wirklich guten Platz hatte und es die Premiere von der neuen Inszenierung war, haben die Karten umgerechnet nicht mal 20 Euro gekostet. Die Vorstellung war auch sehr schön, das hat sich also echt gelohnt!

Tag 15 – Wo bleibt die Langeweile?

Liebe Leser_innen,

eigentlich sollte ich in den ersten Wochen nur hospitieren. Mich in den Klassen vorstellen, ein bisschen mithelfen, aber hauptsächlich zuschauen, die Schüler_innen kennenlernen und mitkriegen, wie der Unterricht gestaltet wird, damit ich mir selbst ein paar Methoden abschauen kann, aber auch Verbesserungsvorschläge bringen kann.

Ich habe mich aber (auch dank der Berichte meiner Vorgänger_innen) schon darauf eingestellt, dass sich vieles kurzfristig ändern kann und hätte mir deshalb schon denken können, dass ich gleich voll eingespannt werde. Gestern habe ich nämlich gleich zwei Stunden in der 7. Klasse und zwei in der 10. Klasse gehalten, weil die zuständige Lehrerin ein Programm für die „Deutsche Woche“ vorbereiten musste. Überhaupt kommt auch nach Lehreraussagen der Unterricht oft zugunsten von Wettbewerben, Festen und Klassenfahrten zu kurz. Das Unterrichten war aber ziemlich entspannt – das könnte allerdings daran liegen, dass ich nur im vertieften Deutschunterricht eingesetzt werde, in dem die Klassen geteilt sind. Ich hatte also jeweils nur sieben Schüler_innen vor mir sitzen, bei denen ich gleich mal mit einigen Spielen für einen guten Eindruck gesorgt habe.

Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Unterforderung oder sogar Langeweile, vor der wir so oft auf dem Vorbereitungsseminar gewarnt wurden, so schnell nicht eintreten wird. Die Schule hat ca. 1200 Schüler_innen, aber ziemlich wenige Lehrkräfte und wenig Platz. Deshalb wird in zwei Schichten unterrichtet – ein Teil der Schüler kommt also vormittags und der andere Teil nachmittags, aber die Lehrkräfte sind teilweise von 8 bis 19 Uhr in der Schule. Der (vertiefte) Deutschunterricht ist zudem ziemlich ungleich verteilt: am Dienstag gibt es nur zwei Stunden, dafür finden am Montag 10 Deutschstunden statt, oft auch gleichzeitig bei verschiedenen Lehrerinnen – und jede Lehrerin will mich in ihrem Unterricht haben. Auch an Tagen mit wenig Deutschunterricht habe ich oft viele Freistunden, aber eben einzelne Stunden und nie so viele hintereinander, dass es sich lohnen würde, nachhause zu gehen. Deshalb war ich z.B. heute von 8:00 bis 16:30 Uhr in der Schule, obwohl ich nur fünf Stunden hatte. Zum Glück ist das Essen in der Mensa ziemlich gut, sodass ich den langen Tag auch körperlich durchstehe…

Aber ich darf mich nicht beschweren, schließlich ist eines meiner Ziele hier, Unterrichtserfahrung zu sammeln und in der Entscheidung weiterzukommen, ob ich Lehramt studieren will oder nicht.

Außerdem sind meine Tätigkeiten ja wirklich nützlich – und als Abwechslung zum doch anstrengenden Unterrichten kümmere ich mich in den Freistunden um die Dinge, für die wirklich keiner Zeit hat, wie z.B. neue Bücher beschriften und nummerieren oder kleine Vokabeltests korrigieren. Solche Arbeiten finde ich meistens sogar sehr entspannend, weil man dabei weder viel denken noch kreativ sein muss.

Ich habe übrigens einige mehr oder weniger kuriose Willkommensgeschenke bekommen. Mehrere Schülerinnen haben mir Karten geschrieben, eine Schülerin hat ein Bild von mir gemalt und es mir geschenkt und eine andere hat mir eine verhältnismäßig große Matrjoschka überreicht (selbst meine Vermieterin sagte, sie hätte noch nie so eine große Matrjoschka gesehen). Aber das beste Geschenk: eine Lehrerin hat mir vom Land einen großen Sack Kartoffeln mitgebracht, das müssen mindestens 5 Kilo gewesen sein! Der Speiseplan für die nächsten Wochen steht also schon mal fest…

Das Wetter ist immer noch schön und es wird langsam tatsächlich wärmer! Vielleicht klappt es wirklich, dass im Mai kein Schnee mehr liegt, wie meine Vermieterin vorhergesagt hat. Außerdem ist es schon nicht mehr ganz so glatt wie am Sonntag und ich muss nicht mehr mit meinen äußerst schicken Wanderschuhen in die Schule gehen, sondern kann meine etwas weniger klobigen Stiefel anziehen. Oder ich mache es einfach so wie die anderen Lehrerinnen und lagere ein oder mehrere Paar Schuhe zum Wechseln im Lehrerzimmer.

Mein Jetlag ist inzwischen auch weg, was das frühe Aufstehen leider trotzdem nicht leichter macht… aber zum Glück findet der vertiefte Deutschunterricht nur einmal in der Woche in der ersten Stunde statt, sodass ich nicht jeden Tag um halb sieben aufstehen muss.

So, und das heutige Fazit? Ich werde garantiert nicht an Unterforderung leiden, und ich glaube kaum, dass ich in der nächsten Zeit nachfragen muss, was ich denn tun könnte. Im Gegenteil haben mehrere Lehrerinnen gleichzeitig verschiedene Deutschklassen und jede fragt mich, ob ich denn nicht zu ihr kommen kann anstatt zu den anderen. Trotzdem kann ich mich im Notfall immer noch darauf berufen, dass ich nur 40 Stunden in der Woche arbeiten darf 😉

P.S.: Ich habe heute den Fachschaftsberater kennengelernt, durfte bei mehreren mündlichen DSD1-Prüfungen dabei sein und habe gleich den Auftrag bekommen, die zwei Schüler aus Ufa, die am Lesefüchse-Regionalausscheid teilnehmen, auf den Wettbewerb vorzubereiten. Also ist jetzt erstmal Lesen angesagt, immerhin müssen die Schüler vier Bücher für den Wettbewerb lesen und sich gut mit dem Inhalt auskennen – da wäre es nicht verkehrt, wenn ich auch weiß, um was es geht. Und vielleicht darf ich sogar in der Jury sitzen…