Frag doch mal in Russland #3: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft

Liebe Leser_innen,

diese Woche gibt es wieder ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. Ich habe mich diesmal mit Danija Asfandijarova unterhalten. Sie ist 53 und arbeitet als Deutschlehrerin in einer Waldorfschule und im Goethe-Sprachlernzentrum in Ufa. Für mich war dieses Gespräch sehr interessant und einige Antworten haben mich auch überrascht. Viel Spaß beim Lesen!

Gibt es in Russland ein typisches oder ideales Bild der Frau?

Ich würde sagen, das ist alles sehr persönlich. Erstens: das Thema ist bei uns nicht so thematisiert wie bei euch in Deutschland, und daher hat jeder seine persönliche Meinung und eigentlich sprechen wir nicht so viel darüber, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch mit der nächsten Generation, aber eigentlich wirken da eher alte Stereotype. Und wir sprechen mehr über die Frauen als diejenigen, die es zuhause gemütlich machen, aber natürlich können sie auch arbeiten. Aber die Orientierung für die Mädchen und Frauen ist vor allem die Familie, glaube ich, trotzdem, immer noch.

Ich habe bisher noch kaum junge Frauen mit Kurzhaarfrisur gesehen. Was für ein Schönheitsideal wird jungen Mädchen und Frauen vermittelt?

Ich glaube, es wandelt sich mit der Zeit und ändert sich immer wieder. Jetzt ist es eher Mode, lange Haare zu haben. Ich habe zwar einen kurzen Schnitt, aber mein Sohn, der ist jetzt 15, der hat gesagt: „Nööö, das gefällt mir nicht!“. Es ist einfach im Trend gerade jetzt.

Also ist das nicht grundsätzlich so?

Nein, du kannst auch Mädchen mit Kahlkopf treffen, die gibt es auch. Und bei mir in der Schule – ich arbeite in der zweiten Klasse – da hat eine Mutter sich rasieren lassen, überhaupt kein Haar, und ihr kleiner Junge, der hat sie gemalt, immer mit langen Zöpfen, und macht das immer noch.

Kann man bei Berufen eine typische Männer-Frauen-Verteilung feststellen?

Ja, natürlich, es gibt typische Männerberufe, vielleicht die, die irgendwie körperlich anstrengend sind. Und typische Frauenberufe, wo man sich nicht so anstrengen sollte oder mit Schönheit mehr zu tun hat. Aber ansonsten – so richtig, dass wir sagen, diese Berufe sind nur für Männer und diese nur für Frauen – nein. Lastkraftwagenfahrer, das sind eher Männer, aber Frauen kann man da vielleicht auch treffen. Und es nicht so, dass es fatal ist, es gibt eigentlich keinen Wunsch bei den Frauen, da zu arbeiten.

Gibt es Initiativen, dass mehr Frauen z.B. naturwissenschaftliche oder technische Berufe lernen sollen?

Da meinst du bestimmt diese feministische Bewegung oder sonstwas – das gibt es bei uns nicht, irgendwie grundsätzlich nicht, und wir sind im Moment einfach nicht interessiert, solche Diskussionen zu führen.

Wie sieht es mit der Bezahlung aus in den Berufen, in denen sowohl Männer als auch Frauen arbeiten? Werden Frauen gleich gut bezahlt?

Ich glaube, es gibt irgendeinen Standard für Gehälter, und das wird bezahlt, egal ob das ein Mann oder eine Frau macht. Und vielleicht gibt es Bereiche, wo man sehr wenig Männer hat, aber man möchte sie haben, dann wird man denen natürlich etwas mehr bezahlen als den Frauen, damit sie kommen. Aber ansonsten, grundsätzlich, werden Frauen nicht schlechter bezahlt.

Sind Familie und Beruf in Russland gut vereinbar?

Ich arbeite in der Waldorfschule, und da fragen die Ehemänner von unseren Lehrerinnen: Ist eigentlich die Schule familienfreundlich oder nicht? – in dem Sinne, dass man sehr viel zu tun hat. Es ist immer verschieden, je nachdem, was für ein Beruf es ist. Eine Lehrerin hat immer viel zu tun, und dann noch zuhause viel zu tun. Je nachdem, es gibt Ehemänner, die sehr viel helfen, und dann klappt es sehr gut in der Familie, und es gibt solche, die meckern – mein Sohn sagt zum Beispiel immer wieder: „Bitte, lieber Gott, nie im Leben soll meine Ehefrau eine Lehrerin sein!“

Aber gibt es genug Angebote an Kindergärten, damit die Kinder während der Arbeit gut versorgt sind?

Also, extra macht keiner etwas für die Frauen. Das heißt, du musst immer selber schauen, wie machst du das, wie kommst du über die Runden? Ich hätte gerne viel mehr Angebote gehabt, die billiger sind für eine Frau, die voll beschäftigt ist, aber ich hatte das nie. Aber früher, in der Sowjetunion, da gab es das immer. Für meine Mutter z.B., da gab es immer irgendwelche Ermäßigungen. Für Mehrkinderfamilien, da gibt es etwas, aber nicht so viel, und das Kindergeld ist auch sehr wenig. In Deutschland konnte ich davon meine Wohnung bezahlen, ich habe dort auch Kindergeld bekommen, ich habe meinen Sohn in Deutschland bekommen. Und da konnte ich die Wohnung richtig bezahlen, allein vom Kindergeld, und hier nicht. Hier ist es eher symbolisch, das ist eine sehr kleine Summe.

Hat die Zeit der Gleichberechtigung der Frauen in der Sowjetunion Auswirkungen auf die heutige Situation der Frauen?

Die Frauen waren damals sooo sehr gleichberechtigt und mussten immer sooo viel arbeiten, hatten keinen Mutterurlaub und so weiter – das heißt, sie mussten genauso viel machen wie die Männer – dass der Wind eher in die andere Richtung weht. Man möchte nicht so viel arbeiten wie die Männer. Man möchte die Männer arbeiten lassen und mehr Zeit zuhause haben. Wir haben schon genug von der Arbeit. Meine Mutter hat so viel gearbeitet, wir haben uns immer gewünscht, dass sie zuhause ist. Und jetzt sind wir eher neidisch auf diejenigen, die es sich leisten können, zuhause zu bleiben. Würde ich vielleicht auch gerne…

Gab es schon Situationen, in denen du dich als Frau benachteiligt gefühlt hast?

Ich habe immer anders gedacht: Warum soll ich genau solche Leistungen bringen wie die Männer? Ich möchte nicht wie die Männer jetzt hier dastehen, ich möchte eher als Frau behandelt werden.

Hast du dir nie gedacht: Wenn ich jetzt ein Mann wäre, hätte ich es in dieser Situation jetzt leichter?

Nein. Wenn, dann waren das Situationen, wo die Männer viel leisten müssen, körperlich vielleicht, und natürlich müssen sie dann besser bezahlt werden als ich. Ansonsten nicht.

Tag 131 – Kreativ, produktiv und innovativ!

Liebe Leser_innen,

nach einer kurzen Pause geht es jetzt wieder weiter mit meinem Blog. Ich war die letzten zwei Wochen zuhause in Deutschland und habe das Schreiben immer wieder vor mir hergeschoben…

Dafür geht es weiter mit dem Bericht über das Sprachlager, in dem ich vor meinem Urlaub zumindest dreieinhalb Tage war. Ich wusste zunächst gar nicht, wo dieses Lager ist, denn es existiert in Google Maps nicht, sondern nur im russischen 2GIS (da habe ich aber vergessen zu suchen). Wir wurden in mehreren Marschrutkas dorthin gefahren, und auf den ersten Blick sah alles ganz idyllisch aus. Ein kleines Lager/лагерь (übrigens auch wie „Landschaft/ландшафт“ und „Schlagbaum/шлагбаум“ ein deutsches Wort, das im Russischen genauso heißt) mitten in der Natur, ein kleiner See, eine große Wiese und ein paar Häuser.
Uns wurde schon vorher mitgeteilt, dass wir (Theresa und ich) ein besonders schönes Zimmer mit eigenem Badezimmer bekommen (dazu bekamen wir auch öfters von mehreren Personen stichelnde Bemerkungen zu hören), nämlich im Verwaltungshaus, wo auch die Betreiber des Lagers wohnen. Nun ja, als wir dieses Zimmer sahen, waren wir ein bisschen überrascht. Ich denke, wenn wir vorher gewusst hätten, dass das ganze Lager und die Häuser ziemlich alt sind, hätten wir uns auf etwas anderes eingestellt. Aber als wir die Betten sahen, deren dünne Matratzen voll mit Haaren, Dreck und Steinchen waren, und den Boden, der mit Staub bedeckt war, und das Fensterbrett, das von toten Fliegen bewohnt wurde, waren wir doch etwas erstaunt. Und das „eigene“ Badezimmer war auch nur ein Klo, was von allen Hausbewohnern benutzt wurde, und ich habe die Vermutung, dass es deshalb nicht geputzt wurde, weil es (wie auch in der Schule) gleichzeitig die Putzkammer war. Und wer putzt schon die Putzkammer? Klopapier gab es auch nicht, woraufhin unsere Nachfrage mit „Naja, die Kinder haben sich das eben selber mitgebracht“ beantwortet wurde, bevor eine Lehrerin uns zwei Rollen schenkte. Trinkwasser gab es am ersten Tag noch in einem Kanister in der Mensa, und als der leer war, bekamen wir die Antworten „Der wird nicht mehr aufgefüllt“ und „Naja, ihr hättet euch euer Wasser schon selber mitbringen müssen“. Gut, dass ich vor der Abreise noch nachgefragt habe, ob wir außer Handtüchern irgendetwas Wichtiges brauchen. „Nein, nein, es gibt alles dort.“ Zum Glück gab es einen Brunnen, bei dem die Meinungen zwar geteilt waren, ob man das Wasser trinken könne oder nicht, aber es war unsere einzige Möglichkeit. Besonders gut geschmeckt hat es zwar nicht, aber krank geworden sind wir auch nicht.

Nun zu unserem Unterricht: die Idee war, dass wir mit der 7. und 8. Klasse Schriftliche Kommunikation als Vorbereitung auf das DSD1 üben sollten.
Problem Nr. 1: Die 7. Klassen haben diese Prüfung erst in 2 Jahren und verstehen vieles noch nicht.
Problem Nr. 2: Es sind auch Schüler_innen dabei, die Deutsch als zweite Fremdsprache lernen und daher ungefähr auf dem Niveau der 4. Klassen sind.
Problem Nr. 3: Es gibt weder genug Tische noch genug Stühle. Unterrichtsräume gibt es auch nicht, nur Schlafräume. Die Kinder saßen also draußen, entweder auf beiden Seiten eines Bettes, sodass einige mit dem Rücken zu uns saßen, oder auf Bänken ohne Tisch, oder zu zweit auf einem Stuhl. Wir standen in der prallen Sonne, da der einzige Fleck, wo uns alle sehen und hören konnten, nie im Schatten lag, und wurden von Mücken zerstochen.
Problem Nr. 4: Niemand hatte Hefte oder Stifte dabei.

Und jetzt macht mal Schriftliche Kommunikation mit denen!

Was mich ja eigentlich am meisten erstaunt hat, war ja nicht, dass niemand so wirklich einen Plan hatte, wie das Ganze laufen sollte, sondern, dass niemand einen Plan hatte, obwohl das Sprachlager jedes Jahr an diesem Ort stattfindet. Und dann heißt es halt so ungefähr: „Denk dir was aus, du bist doch die Freiwillige!“.

Naja, irgendwie haben wir uns dann doch arrangiert, und vieles wurde auch einfacher, als einige Schüler_innen der 8. Klasse plötzlich beschlossen, nicht mehr zum Unterricht zu kommen, da waren es nämlich 8 Leute weniger. Und wir waren uns einig, dass wir, anstatt das ganze Gelände nach den Schüler_innen abzusuchen, lieber mit den Übriggebliebenen effektiv arbeiten wollen. Mit verschiedenen Spielen konnten wir dann auch die Motivation wieder ein bisschen hervorlocken.

Mein letzter Tag dort war gleichzeitig der Tag, an dem sich jede Gruppe präsentieren sollte. Jede Klassenstufe bildete eine Gruppe mit einem Namen, einem Motto und einem Lied. Bei der Vorbereitung dieser Präsentation waren wir auch beteiligt und haben lange überlegt, nach Liedern gesucht und Mottos gedichtet, nur um dann festzustellen, dass die meisten Gruppen sich am Ende doch selbst etwas ausgedacht hatten. Ursprünglich hätten wir ja sowieso für jede Gruppe etwas machen sollen, was zeitlich einfach zu viel für uns war, aber es wurde offenbar gar nicht erwartet, dass sich die Gruppen selber Gedanken machen. Auf die Idee sind sie dann wohl erst gekommen, als wir fertig waren.

Diese Präsentation war dann ganz lustig. Die Gruppen hatten am Ende sehr interessante Namen und passende Mottos, z.B. „Coca-Cola – Hey Kids, ich bin Cola“, „Wir sind das Brot“ oder „Regenbogen – Wir sind kreativ, produktiv und innovativ!“. Das waren alles Schülerideen, wie ihr euch vielleicht denken könnt. Zum Schluss dieser Veranstaltung wurden Theresa und ich auf die Bühne geholt und sollten irgendetwas sagen – aber im Improvisieren sind wir ja inzwischen geübt. Dann fiel uns die ehrenvolle Aufgabe zu, die Sprachlager-Fahne zu hissen, wofür wir von allen sehr gefeiert wurden.

Das Highlight der drei Tage war auf jeden Fall, als wir uns an zwei Abenden eine Gitarre ausleihen durften und mit Interessierten deutsche Kanons gesungen haben. Zwar haben meistens nur wir gesungen, weil sich niemand getraut hat, mitzusingen, aber immerhin wurde uns hier der Respekt zuteil, dass uns zugehört wurde, nicht wie im Kinderlager, wo sich mindestens fünf Schüler_innen, Betreuer_innen oder Lehrer_innen unterhalten haben, während wir Lieder vorgesungen haben. Es waren auch nur die Leute da, die sich dafür interessiert haben, und als wir fertig waren, haben ein paar Mädchen uns russische Lieder vorgesungen. Am zweiten Abend haben wir mit ein paar Viertklässler_innen gesungen und das war mindestens genauso schön. Bis wir von einer Betreuerin mitten in „Abendstille überall“ unterbrochen wurden: „Die Kinder müssen jetzt zum zweiten Abendessen!“

Ja richtig, zum zweiten Abendessen. Insgesamt gab es fünf Mahlzeiten am Tag: Frühstück, Mittagessen, zweites Mittagessen, Abendessen, zweites Abendessen. Die Hauptmahlzeiten waren allerdings auch so klein, dass die zweiten Mahlzeiten wirklich nötig waren. Wie in der Schule gibt es grundsätzlich nur kleine Frühstücksteller für sämtliche Gerichte, d.h. eine Portion ist ungefähr die Hälfte von dem, was ich normalerweise esse, um satt zu werden. Oft haben wir uns noch übriges Brot oder Gemüse von anderen Tischen geholt, damit wir nach dem Essen zumindest keinen Hunger mehr haben. Das Tolle an so vielen Kindern ist ja, dass die meisten kein Gemüse mögen, also haben Theresa und ich immer die rote Beete von sämtlichen Tischen in der Nähe bekommen. „Bäh, ja, das könnt ihr gerne haben!“ Die entsetzten Blicke der kleineren Kinder haben wir gerne in Kauf genommen. Beim zweiten Mittagessen (süße Brötchen und Äpfel) wurde zum Glück nicht nach Tischen aufgeteilt und rationiert, sondern man konnte sich die Äpfel einfach aus einem großen Korb nehmen (da haben wir auch ordentlich zugeschlagen). Und das zweite Abendessen bestand aus Kefir und Keksen. Seitdem trinke ich sehr gerne Kefir, ich hatte es vorher nur nie probiert…

Alles in allem würde ich sagen, dass alles ein bisschen besser organisiert werden könnte, z.B. dass man das Sprachlager an einem Ort stattfinden lassen könnte, wo es ordentliche Unterrichtsräume gibt und dass man den Schüler_innen sagt, dass sie Hefte und Stifte brauchen. Der grundsätzliche Zustand des Lagers lässt sich wohl damit erklären, dass man für zwei Wochen in diesem Lager umgerechnet nur ca. 10 Euro bezahlt. Als ich wieder abreiste, hatte sich ja irgendwie alles arrangiert, ich hätte es also durchaus noch bis zum Ende ausgehalten (auch dank Theresa, ich glaube, alleine hätte das echt keinen Spaß gemacht).
Aber der Familienbesuch ging dann doch vor 😉

Tag 110 – Und das Hähnchen macht Kikerikiki…

Liebe Leser_innen,

nach zwei Wochen Kinderlager kann ich mehrere Dinge feststellen:

1. Die Kinder wachsen mir mit jedem Tag mehr ans Herz, weil sie sich jeden Tag mehr trauen, mit uns zu sprechen und uns auszufragen. Inzwischen können Theresa und ich nicht mehr an einer Gruppe vorbeigehen, ohne von mindestens fünf Kindern umarmt zu werden (auch wenn wir die Gruppe in den letzten fünf Minuten zweimal gesehen haben und beide Male umarmt wurden). Und wenn unsere Stunde beginnt, kommen die meisten Kinder begeistert in den Raum gestürmt und begrüßen uns mit „THEREEEEEESAAAAAAA!!! SOOOOOPHIIIIIIIAAAAAAA!!! GUTEN MORGEN!“.

2. Die Organisation ist etwas fragwürdig. Es gibt zwar einen Plan, aber dass dieser Plan eingehalten wurde, ist noch nicht so oft vorgekommen. Und die Gruppen sind sehr ungleichmäßig verteilt – damit meine ich, dass Gruppe 5 schon sechsmal bei uns war und die meisten anderen nur dreimal. Gut, dass ich immer noch mindestens ein „Reserve“-Lied dabeihatte, für den Fall, dass eine Gruppe noch einmal kommt (Es kam auch schon vor, dass eine Gruppe zweimal an einem Tag kam…).

3. Dafür lernen wir umso mehr, spontan zu sein. Bis jetzt hatte ich mich daran gewöhnt, Unterricht zu halten, wenn jemand sagte „Kannst du in fünf Minuten die 6. Klasse übernehmen?“ – aber ich wusste, wo, wer, wann und was ich machen sollte. Jetzt wissen wir zwar wo und theoretisch wann, aber meistens nicht, wer und damit auch nicht, was wir machen sollen. Da müssen wir dann erstmal die Gruppe fragen, welche Gruppe sie denn eigentlich sind, und dann können wir entscheiden, welches Lied wir mit ihnen singen. Kleines Selbstlob: es war eine gute Entscheidung, jeden Tag aufzuschreiben, welche Gruppen da waren und was sie gemacht haben. Sonst würden wir jetzt heillos im Chaos versinken… Oft passiert es auch, dass wir aus verschiedensten Gründen unterbrochen werden und die Kinder jetzt irgendwo anders hingehen müssen. Und während der Stunde werde ich oft von den Betreuer_innen der Gruppe unterbrochen, meistens während ich gerade ein Lied vorsinge. Denn wenn auch nur zwei Kinder leise tuscheln, wird sofort die ganze Gruppe von den Betreuer_innen angebrüllt, dass sie endlich leise sein sollen. Oh the irony…
Übrigens, die Lieder, die wir singen, sind folgende: Was müssen das für Bäume sein, Lied vom Wecken, Auf einem Baum ein Kuckuck saß, Die Vogelhochzeit, Das Auto von Lucio und Zwei kleine Wölfe. Meine Favoriten sind definitiv Nr. 2 und 3, denn die Kinder finden diese Lieder super und es ist schon ein tolles Gefühl, wenn alle mitmachen und 25 Kinderstimmen laut singen „UND DAS HÄÄÄÄHNCHEN MACHT KIKERIKIKIIIIIIIIIIIIII!“ oder „SIMSALADIMBAMBASALADUSALADIM!“.

4. Die Kinder werden bei manchen Veranstaltungen ziemlich überfordert, so ist zumindest mein Eindruck. Es fanden oft Theaterstücke oder Musikvorstellungen in der Aula statt, bei denen völlig überdrehte Moderatoren die Kinder zu guter Laune animierten. Manche Kinder saßen selbst in der letzten Reihe noch mit zugehaltenen Ohren da, denn die Mikrofone werden grundsätzlich sehr laut eingestellt, und die Schauspieler und Sänger haben nun mal sehr laute Stimmen.
Bei einem Theaterstück wurden verschiedene Länder repräsentiert – die meisten waren nachvollziehbar, aber für England stand ein Mann auf der Bühne, der eine orangene Perücke, meiner Meinung nach viel zu enge Sportkleidung und Fahrradhandschuhe trug, und er sang ein Lied über London, während im Hintergrund Bilder von Sehenswürdigkeiten aus Ufa gezeigt wurden. Er leitete dann auch ein Spiel an, das so ähnlich wie Reise nach Jerusalem funktionierte, nur dass die Kinder, wenn die Musik ausging, Gegenstände vom Boden aufheben mussten. Die Verlierer wurden schnell mehr oder weniger unsanft von der Bühne befördert, während der „Engländer“ den Gewinnern begeistert die Arme zur Siegerpose hochriss, sodass die kleinen Kinder auf Zehenspitzen standen, um nicht in der Luft zu hängen. Und inzwischen glaube ich tatsächlich, dass unsere Stunden die einzigen sind, bei denen kein Wettbewerb stattfindet und die Kinder einfach nur zum Spaß Lieder singen. Selbst in den Malstunden suchen die Betreuer_innen das schönste Bild aus.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass in anderen Ländern vieles anders läuft als in Deutschland. Und einige Dinge laufen hier meiner Meinung nach besser als in Deutschland. Aber andere Dinge schockieren mich wirklich, und die Art, wie die Kinder auch von den Betreuer_innen manchmal behandelt werden, ist eines davon. Ich kann das auch nicht einfach ignorieren oder an mir abprallen lassen, denn durch meine Erziehung und kulturelle Prägung finde ich solche Verhaltensweisen unangenehm. Und ich lege Wert darauf, dass mein Blog nicht nur zeigt, was ich für tolle Sachen erlebe und dass alles supertoll und mein Freiwilligendienst eine einzige Party ist, sondern dass ich auch schreibe, was nicht so toll läuft und was mich im Einsatzland und in der Einsatzstelle nervt.

So, aber abgesehen davon gab es diese Woche wieder einige Veranstaltungen in der Stadt. Am Montag war Feiertag (Tag Russlands) und seitdem gab es jeden Tag ein Open-Air-Konzert von verschiedenen Gruppen. Am Montag gab es überall in der Stadt verschiedene Angebote, von denen ich sehr viele auch interessant fand, aber die Stadt ist leider so groß, dass es schwer ist, alles zu sehen, was einen interessiert. Das Wetter war leider nicht besonders feierlich, denn es regnete fast die ganze Zeit, aber daran habe ich mich schon gewöhnt und habe inzwischen fast immer einen Schirm dabei. Wir sind jedenfalls zum zentralen Veranstaltungsort gefahren, nämlich zum Leninplatz, wo sich das Regierungsgebäude und ein großes Theater befindet. Unter dem Vordach dieses Theaters fand ein internationales Festival der Kulturen statt, bei dem Gruppen aus Südkorea, Mexiko, Iran, Kasachstan, Sri Lanka, Indien, Estland, Kolumbien, Serbien, Südafrika, China und natürlich Baschkortostan entweder Volkstänze oder traditionelle Musik oder beides vorstellten. Am Schluss wurden Stühle aufgebaut und alle beteiligten Musiker (ca. 20) sollten zusammen musizieren. Das klappte auch sehr schnell sehr gut – jeder durfte mal ein Solo spielen und es entstand ein ganz besonderer Klang mit Instrumenten aus ganz verschiedenen Kulturen, und am Schluss stimmte einer der estnischen Musiker noch einen Gesang mit dem Text „Ufa Festival“ an, bei dem natürlich auch das Publikum begeistert mitsang.

Indien

Mexiko

Mexiko

Musiker aus allen Ländern

Gestern waren wir dann bei einem Konzert des Baschkirischen Staatsorchesters und heute bei einem Konzert von traditionellen baschkirischen Musikern. Wobei, so traditionell war das meiste gar nicht… eigentlich waren es hauptsächlich Pop- und Rockbands, die baschkirische Flöten (kurai) in ihre Musik einbauten. Eine Gruppe spielte z.B. ein Cover von Smells Like Teen Spirit, bei dem der Gesang durch die Flöte ersetzt wurde. Die Lage der Bühne ist aber wirklich perfekt: sie ist auf einem Platz aufgebaut, der von Hügeln umgeben ist, d.h. man sitzt auf der schrägen Wiese, hat von überall eine gute Sicht auf die Bühne und dazu noch einen schönen Ausblick ins Tal.

Tag 75 – Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch

Liebe Leser_innen,

ich glaube, langsam pendelt sich ein guter Wochenrhythmus in meinem Blog ein, den ich versuchen werde, zu behalten.
In der letzten Woche ist wieder einiges passiert, also schön der Reihe nach:

Am 8. Mai war Feiertag, als Brückentag zwischen dem Wochenende und dem Tag des Sieges am 9. Mai. Diesen Tag habe ich genutzt, um einen Ausflug zu „Mega“ zu machen. Das ist ein Einkaufszentrum außerhalb der Stadt (also NOCH MEHR außerhalb als Djoma) und macht seinem Namen alle Ehre. Es gibt viele Marschrutka-Linien, die zu Mega fahren, auch eine direkt von Djoma aus, allerdings nur einmal in der Stunde, und da es keinen Fahrplan an der Bushaltestelle gibt, hatte ich halt das Pech, fast eine Stunde warten zu müssen. Diese Busfahrt kostet übrigens mehr als die normalen Fahrten, nämlich 30 statt 25 Rubel, ein halbes Vermögen! 😉 Als wir auf das Gelände fuhren, dachte ich kurz „Oh, cool, da gibt es auch einen Decathlon, da kann ich ja später vielleicht noch reingehen!“. Und dann sind wir von da aus noch ein ganzes Stück bis zu Mega gefahren und ich wusste in diesem Moment, dass ich am Ende nicht mehr genug Energie haben würde, um diese Strecke zu laufen.  Wie gesagt, die Dimensionen sind etwas größer als in Bamberg…
Als ich dann einmal drin war, hat mich die Größe dieses Gebäudes echt umgehauen. Nur mal zum Vergleich: ca. ein Viertel der Fläche bestand aus einem kompletten IKEA. Zum Glück war alles auf einer Ebene, sodass ich zumindest noch ein bisschen Orientierung hatte. Meine Mission habe ich auch erfüllt: ich wollte mir ein Paar Laufschuhe kaufen, weil ich keinen Platz im Koffer hatte, um meine mitzunehmen, und weil ich sowieso schon seit langem nicht mehr die Motivation zum Joggen aufgebracht hatte. Aber hier hab ich plötzlich einen Energieschub bekommen und mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu machen. Ich hatte jedenfalls 5000 Rubel in bar dabei (ca. 80 Euro) und habe mir vorgenommen, bei Mega kein Geld abheben oder meine Kreditkarte benutzen zu müssen. Diesen Vorsatz konnte ich tatsächlich einhalten und bin nur mit einem Paar Sportschuhe wieder nachhause gefahren.
Falls ihr euch jetzt fragt, wie ich die Schuhe nachhause bringe, wenn ich schon auf der Hinreise keinen Platz im Koffer hatte: ich werde zwischendurch nachhause fliegen und alles, was ich in den letzten Wochen nicht mehr brauche, zuhause lassen (Anorak, Winterstiefel usw.), damit ich dann genug Platz für Souvenirs und sonstige Mitbringsel habe.
Auf dem Rückweg habe ich dann die Bushaltestelle nicht mehr gefunden und bin mit dem Taxi gefahren. Das ist hier zum Glück eine gute Alternative, weil es echt nicht teuer ist. Natürlich nicht zu vergleichen mit dem Preis für eine Busfahrt, aber trotzdem: für eine 15-minütige Fahrt über ca. 15 Kilometer habe ich nicht mal 4 Euro bezahlt. Und meine Angst vor dem Alleine-Taxifahren habe ich auch schnell verloren, denn bis jetzt waren alle Taxifahrer echt nett und ich kann inzwischen auch gut genug Russisch, um mich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. Apropos: meine neue Taktik im Gespräch mit Einheimischen ist die Offensivattacke: ich rede einfach drauflos und hoffe, dass mir möglichst wenig Fragen gestellt werden. Denn erzählen kann ich ja – selbst mit meinem begrenzten Wortschatz – nur verstehe ich meistens die Fragen nicht. Und klar, wenn ich auf keine Frage antworten kann, denkt der Gesprächspartner natürlich, dass ich kein Wort Russisch kann, obwohl ich eben nur die entscheidenden Schlüsselwörter der Frage nicht kenne.
Der Kauf hat sich übrigens gelohnt, die Schuhe sind super.

Am 9. Mai war dann großer Feiertag. Ich bin in die Stadt gefahren, um mir die Parade anzusehen, aber erstens war ich zu spät, und zweitens glaube ich, dass es gar keine Militärparade gab, sondern nur einen langen Zug von Menschen, die teilweise Uniformen trugen oder Fahnen schwenkten oder wie ich einfach nur mitliefen. Die meisten hatten aber Bilder von den Brüdern, Vätern und Großvätern dabei, die im Krieg gestorben sind. Deshalb hieß die Parade auch „Unsterbliches Regiment“ und diese Geste hat mir wirklich gut gefallen. So ging es an diesem Tag auch darum, der Gefallenen zu gedenken und nicht nur zu feiern, wie toll das eigene Land ist. Denn das war für mich als Deutsche natürlich extrem ungewohnt, zu sehen, wie stolz alle Menschen auf ihr Land sind, darauf, dass sie Russen sind und dass Russland den Zweiten Weltkrieg (hier: den Großen Vaterländischen Krieg) gewonnen hat.
Aber da dieser Blog ein persönlicher und kein politischer ist, möchte ich es gern bei dieser Beobachtung belassen.
Die Parade endete dann am Leninplatz und da bekam ich dann doch noch eine Militärparade zu sehen, denn auf einer großen Leinwand wurde die Parade aus Moskau übertragen.


Und weil ich gerade so sportlich motiviert war, beschloss ich einfach, vom Leninplatz zum Stadtzentrum zurückzulaufen. Das waren zwar knapp 10 Kilometer und es fing irgendwann an, leicht zu regnen, aber ich hatte keinen Termin und konnte etwas von der Stadt sehen. Außerdem hätte ich jederzeit in einen Bus steigen können, da ich neben einer der drei Hauptstraßen Ufas gelaufen bin, nämlich dem Oktoberprospekt. Und da fährt so ziemlich jeder Bus entlang. Aber ich bin gelaufen und gelaufen und habe mir schließlich im Zentrum ein/eine/einen Schawarma gegönnt (ich weiß immer noch nicht den Artikel…). Nach Djoma bin ich dann aber schon mit dem Bus gefahren, keine Sorge 😉

Am Mittwoch fand dann ein einschneidendes Ereignis statt: ein großes Picknick mit ganz vielen Studenten. Der Anlass war folgender: jeden Sommer gibt es einen Studentenaustausch zwischen den Partnerstädten Ufa und Halle (Saale). Und an dem Picknick nahmen sowohl die Austauschstudenten von diesem Jahr teil als auch diejenigen, die den Austausch in den letzten Jahren schon gemacht haben. Meine Russischlehrerin hatte mich dazu eingeladen, denn sie kennt viele Studenten und war selbst vor ein paar Jahren bei dem Austausch dabei. Der Austausch ist allerdings für alle Studenten, nicht nur für diejenigen, die Deutsch sprechen oder Deutsch studieren. Deshalb waren nicht so viele deutschsprachige Leute außer mir da, aber die meisten sprachen ziemlich gut Englisch oder zumindest besser, als ich Russisch spreche. Die diesjährigen Austauschstudenten hatten sogar eine Art Schnitzeljagd organisiert, bei der wir durch den ganzen Park rennen mussten und verschiedene Aufgaben lösen mussten. Meine Lieblingsstation war eine, bei der man aus einem echten deutschen Wort und einem Fantasiewort das echte Wort erraten musste. Außerdem sollte man die richtige Bedeutung erraten. Ich bekam einige erstaunte, bewundernde und auch verwirrte Blicke, als ich das Wort „Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch“ in meinem schönsten Bayrisch aussprach.
An diesem Abend konnte ich gar nicht mehr denken oder reden, weil ich den ganzen Nachmittag abwechselnd oder gleichzeitig Russisch, Englisch und Deutsch gesprochen hatte. Da ich den letzten Bus nachhause verpasst hatte, bin ich wieder mit dem Taxi gefahren und habe wieder meine neue Offensivtaktik im Gespräch verwendet.

Und jetzt kenne ich ganz viele Leute und lerne das kulturelle Leben hier kennen. Gleich am Freitag wurde ich zu einer Theatervorstellung eingeladen, die perfekt für mich war, denn es war eine pantomimische Vorstellung. Heute werde ich noch ein Theaterstück sehen bzw. eine Probe vor Publikum, bei der eine andere Gruppe spielt, die aber einige Mitglieder hat, die auch in der Theatergruppe vom Freitag dabei waren. Mal sehen, wie viel ich von der Musikszene noch mitbekomme, aber im Moment tauche ich erstmal ins Theater ein.

Tag 67 – Eine Kirche und viele Denkmäler

Liebe Leser_innen,

in den letzten Tagen ist die Stadt plötzlich grün geworden. Von einem Tag auf den anderen blühten plötzlich alle Wiesen und Bäume, die Grünstreifen neben den Straßen sind jetzt tatsächlich grün und überall wuchert der Löwenzahn vor sich hin. Ich würde jetzt gerne Fotos hochladen, aber leider ist es jetzt, wo wirklich jeder Baum blüht, wieder kalt, grau und regnerisch geworden, kurz: nicht besonders präsentabel. (In der Wohnung ist es zur Zeit tatsächlich ziemlich kalt, weil die Zentralheizung jetzt aus ist und es draußen nachts wieder um 0°C hat…) Aber in der letzten Woche habe ich schon einen Eindruck davon bekommen, wie der Sommer hier sein wird. Es hatte bis zu 25°C und die Sonne strahlte den ganzen Tag an einem meist wolkenlosen Himmel. Da ist der Wind dann wieder angenehm…

Bei diesem Wetter bin ich dann am Sonntag und am Montag jeweils nachmittags in die Stadt gefahren, um das Zentrum ein bisschen zu Fuß zu erkunden. Die Straßen sind dort alle rechtwinklig und sehr gerade, deshalb hatte ich keine Angst, mich zu verlaufen. Irgendwann stand ich dann an einer Kreuzung, unschlüssig, in welche Richtung ich weiterlaufen soll, und dann habe ich eine Kirche am Ende einer der Straßen entdeckt und habe beschlossen, sie mir anzuschauen. Nur leider habe ich die Entfernungen in dieser Stadt noch nicht ganz verinnerlicht, und deshalb war ich erst nach einer knappen Viertelstunde bei der Kirche, obwohl ich sie die ganze Zeit direkt vor Augen hatte. Dort angekommen hörte ich eine Zeitlang dem Gottesdienst zu und bewunderte die Innengestaltung, die fast nur aus Gold bestand. Ein Foto davon habe ich leider nicht, denn es gab mehrere Schilder, die ausdrücklich auf ein Handyverbot in der Kirche hinwiesen, und daran habe ich mich lieber mal gehalten.

Diese wunderschöne Kirche trägt den langen Namen „Кафедральный соборный храм Рождества Богородицы“. Eine Übersetzung dieses Titels habe ich nicht zustandegebracht.

Ich bin dann noch ein bisschen herumgewandert und habe einige Denkmäler auf den gleichnamigen Straßen entdeckt (Lenina ulitsa, Puschkina ulitsa, Kirova ulitsa, Karla Marksa ulitsa, …).

Ein Denkmal des sowjetischen Schriftstellers Wladimir Wladirimirowitsch Majakowskij.

Lenin von Weitem…

… und nochmal in Nahaufnahme mit besserem Licht.

Eine Gebäudewand der wissenschaftlichen Akademie der Republik Baschkortostan.

Schließlich habe ich mein erstes, wohlverdientes Schawarma gegessen (Der Schawarma? Die Schawarma?) und es war wie erwartet sehr, sehr lecker. Bei dem Stand war außerdem nichts los und deshalb habe ich mich, während der/die/das Schawarma zubereitet wurde, mit der Verkäuferin unterhalten. Sie hatte mich nämlich gefragt, woher ich komme, weil sie meinen Akzent bemerkt hatte (Mist!) und hat sich sehr dafür interessiert, was ich hier mache und wie es mir gefällt. Und das war wirklich ein tolles Erlebnis.

Bis jetzt bin ich nämlich leider hauptsächlich auf Ablehnung und sichtliche Genervtheit gestoßen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit als Ausländerin „geoutet“ habe, indem ich etwas nicht verstanden habe. Und bei den Menschen, bei denen mir das bis jetzt passiert ist (Supermarktkassiererinnen, Busfahrer, Friseur), war das auch sicher keine Ausländerfeindlichkeit oder Misstrauen oder sonst irgendwas, sondern sie waren einfach genervt, dass sie mir jetzt etwas nochmal sagen oder gar erklären müssen. Obwohl die Reaktionen in den meisten Situationen verständlich sind und in Deutschland genauso ausfallen würden, ist es für mich trotzdem jedes Mal ein blödes Gefühl. Und dann stelle ich mir jedes Mal die gleichen Fragen: Bin ich jetzt zu empfindlich oder könnten die anderen Leute auch mal ein bisschen freundlicher sein? War die Person vorher schon schlecht gelaunt oder bin ich jetzt der Grund dafür? Wie hätte ich mich verhalten, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären? Wie hätte sich eine vergleichbare Person in Deutschland verhalten? …? …? …?

Das einzige, was mir da für meinen Seelenfrieden hilft, ist, das Ganze einfach erstmal zu vergessen und mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Außerdem wurde ich neulich netterweise zu einer wöchentlichen Skypekonferenz auf Russisch mit anderen Freiwilligen aus russischsprachigen Ländern eingeladen. Und da merke ich, dass ich eigentlich doch gar nicht so schlecht Russisch spreche. Auch wenn ich wenig Vokabular habe und natürlich nichts verstehe, wenn ich in der Öffentlichkeit etwas gefragt werde, kann ich mich doch, wenn auch beschränkt, über meinen Alltag unterhalten. Und das Skypegespräch ist immer der Punkt in der Woche, an dem ich meinen tatsächlichen Fortschritt bemerke. Jede Woche verstehe ich mehr und kann mehr sagen und das ist für das Selbstbewusstsein und die Motivation wirklich äußerst hilfreich.

Für euren Seelenfrieden gibt es jetzt noch einen einsamen Fun Fact, den ich beim letzten Mal vergessen habe zu erwähnen:

Makkaroni
Alle Nudeln heißen Makkaroni. Egal, ob Spaghetti, Penne, Girandole, Linguine oder wie sie alle heißen, hier heißen sie Makkaroni und man kann einige Sorten zu einem Kilopreis von ca. 50 Cent in Plastiktüten im Supermarkt kaufen. Die schmecken auch gar nicht so schlecht. (Ja, ich habe diese Nudeln mal gekauft…)

Übrigens hatte ich schöne zwei Wochen, in denen ich die 7. und 8. Klasse alleine unterrichtet habe, und im Moment steht mir der Sinn doch wieder sehr danach, Lehramt zu studieren. Diese zwei Klassen sind einfach total nett und bringen mich oft zum Lachen. Neulich sollten sie z.B. Dialoge vorspielen, in denen verschiedene Familienmitglieder sagen, was sie jetzt gerne unternehmen wollen. Der Dialog, der von mir trotz wenig Text einen Extrapunkt für realistische Darstellung bekommen hätte, wenn es Punkte gegeben hätte, verlief so:
Mutter: Ich möchte gerne ins Kino gehen.
Sohn: Ich möchte lieber Tretboot fahren.
Tochter: Bist du dumm?
Sohn: DU bist dumm!

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Tag 27 – Schnee, Schnaps und Schwitzen

Liebe Leser_innen,

als ich am Samstag um 5 Uhr morgens in den Bus einstieg, bekam ich erst mal Angst. 16 Leute in einem kleinen, engen Bus eingequetscht, davon 8 betrunkene Männer, die eine Schnapsflasche nach der anderen durchreichen. Ich dachte, was mache ich hier, warum habe ich mich auf diesen Ausflug eingelassen, ohne überhaupt zu wissen, wer da mitfährt, ich will nach Hause! Dann fragte mich mein Sitznachbar, der wirklich sehr betrunken war, irgendwas, und ich sagte meinen Standardsatz „Ich verstehe es nicht, ich spreche kein Russisch, ich komme aus Deutschland.“ Bei der Info fing der halbe Bus an zu grölen und zu jubeln (die meisten haben wirklich sehr laute Stimmen) und ich wäre komplett verzweifelt, wenn sich nicht einer der Organisatoren meiner erbarmt hätte. Er hat sich dann zu mir gesetzt und wir haben uns ein bisschen auf Englisch unterhalten und er hat mir erklärt, dass das alles „good people“ sind und ich mir keine Sorgen machen muss. Und dass sie nicht immer betrunken sind, aber jetzt ist halt Wochenende…

Dann haben wir erstmal alle geschlafen und waren gegen 11 Uhr am Taganay-Nationalpark. Vom Parkplatz gingen wir ca. 7 Kilometer zu einem Camp mit mehreren Holzhütten und Zelten, wo wir Pause gemacht haben und Tee aus frischem Quellwasser getrunken haben, das in einem Kessel über dem Lagerfeuer gekocht wurde. Dieses Wasser vermisse ich jetzt schon… Vorher kam aber noch ein Kulturschock: als wir an einem größtenteils zugefrorenen und verschneiten Bach vorbeikamen, sind doch tatsächlich zwei der Männer nur in Unterhose in diesen Bach gestiegen und haben sich ins Wasser gelegt! Danach natürlich einige Runden Schnaps zum Aufwärmen (übrigens ganz verschiedene Sorten, nicht nur Wodka!). Mich wollten auch fast alle zum Trinken überreden, aber ich habe sie immer auf „später“ oder „abends“ vertröstet – nicht dass ich was gegen Alkohol hätte, aber wenn ich noch einen Berg rauf- und wieder runtermuss, trinke ich vorher ganz sicher nichts.

Besagter Berg war dann ziemlich anstrengend. Ohne Schnee wäre das kein großes Problem gewesen – der Berg war zwar steil, aber auf jeden Fall machbar, und der Aufstieg war auch nicht besonders lang. Das Problem war nur, dass der Weg erstens gerade den Berg hinaufging, also keine Serpentinen oder sowas, sondern der kürzeste Weg nach oben, und zweitens war alles verschneit und vereist. Man musste außerhalb des eigentlichen Weges hinaufsteigen und hoffen, dass man nicht im Schnee versank, denn auf dem eigentlichen Weg in der Mitte hatte man keine Chance, einen Schritt zu gehen, ohne abzurutschen. Den Grund dafür habe ich erst auf dem Rückweg verstanden: Wenn man von oben kommt, hat man fast keine andere Möglichkeit, hinunterzukommen, als sich hinzusetzen und auf dem Hintern runterzurutschen. Das ist dann umso lustiger, aber der Aufstieg ist halt hart. Der „Chef“ der Truppe hat gleich gemerkt, dass ich mit dem Weg Schwierigkeiten hatte, und ist mir vorausgegangen und ich bin ihm in seinen Fußstapfen hinterhergekeucht. An seinem Handgelenk hatte er einen Lautsprecher hängen, aus dem (auf meinen Wunsch nach motivierender Musik) den ganzen Aufstieg lang in voller Lautstärke AC/DC schallte. Hat meiner Motivation auf jeden Fall weitergeholfen!

Oben angekommen habe ich mich dann doch zu einem Gipfelschnaps überreden lassen, denn ich war einigermaßen fertig mit den Nerven und ich wusste, dass ich ja nur noch den Berg runterrutschen und 2 Kilometer in der Ebene laufen muss. In unserem Haus gab es dann abends Essen und einen Banja-Besuch, den ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte [Banja funktioniert im Prinzip genau wie Sauna, heißt nur anders]. Ich habe dann auch das volle Programm mitgemacht: erst mit Tannenzweigen abschlagen (bei zwei Aufgüssen in gefühlt einer Minute), dann schnell raus und in den Bottich mit eiskaltem Quellwasser steigen, schnell wieder in die Banja zurück und das Ganze nochmal, ab ins Wasser, nochmal in die Banja zurück. Das hätte man wahrscheinlich bis zur totalen Erschöpfung weitermachen können, aber nach dem zweiten Eisbaden war es mir dann doch genug und das wurde zum Glück auch akzeptiert. Danach sah ich aus und roch wie ein Weihnachtsbaum, überall klebten die Tannennadeln, aber der Geruch von Birkenholz und Tannennadeln ist echt unglaublich toll.

Trotz wenig Platz (drei Leute auf einer 1,60m-Matratze) schlief ich wie ein Stein und konnte mich auch halbwegs ausschlafen. Am Sonntag begann sich erst ab 11 Uhr eine leichte Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Erst ging eine kleine Gruppe noch auf einen anderen Berg (da man sich etwas beeilen musste, sind nur die geübten Wanderer mitgegangen, also bin ich im Haus geblieben) und um 16 Uhr gingen wir wieder zurück zum Parkplatz. Das war ein wunderschöner Weg, weil es nachts noch einmal geschneit hatte und die Wege nicht mehr so vereist waren. Trotzdem bin ich am Schluss einmal hingefallen, weil meine Müdigkeit größer und die Konzentration kleiner wurde. Und zwar echt so, wie wenn im Comic jemand auf einer Bananenschale ausrutscht. Mit dem Rucksack hatte ich noch schön viel Gewicht, das mich noch schneller nach unten zog. Aber es ist nichts passiert, auch wenn mein Hintern in dem Moment sehr wehtat…

Und obwohl die Wanderungen schön waren und die Leute sehr lustig, hatte ich doch oft Langeweile, weil wir im Haus sehr viel Freizeit hatten und in unserem 6er-Zimmer keine Sprache hatten, die jeder verstand. Deshalb konnte ich meistens nicht mitreden und habe dann Musik gehört. Allerdings musste ich Akku sparen, weil es keine Steckdosen gab und dank der Solaranlage gerade genug Strom für Licht am Abend. Und ein Buch hatte ich auch nicht dabei, weil ich nicht mit so viel freier Zeit gerechnet hatte und weil ich das ja die ganze Zeit hätte tragen müssen. Aber alles in allem hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Die meisten Teilnehmer haben gesagt „So viel russische Kultur in so kurzer Zeit wirst du nicht mehr erleben!“… Und wenn ich so gut Russisch könnte, dass ich mich mit den anderen unterhalten kann, würde ich so eine Wanderung noch einmal machen. Die Sprachbarriere war schon sehr hinderlich.

Außerdem kamen wir leider abends viel später an als erwartet, hauptsächlich deshalb, weil für die Fahrt 3 bis 4 Stunden geplant waren, wir aber trotz guter Geschwindigkeit und wenig Verkehr fast 6 Stunden gebraucht haben. Um 00:30 Uhr waren wir also am Busparkplatz, dann noch eine halbe Stunde Taxifahrt nach Hause, duschen, auspacken und heute früh in die Schule, um den Schüler_innen ein letztes Training vor der DSD-Prüfung anzubieten. Entsprechend müde bin ich heute, und mein Plan, morgen endlich auszuschlafen, weil ja Ferien sind, steht auch schon nicht mehr, weil ich bei den Prüfungen auch dabei sein soll. Die gehen um 10 los und dauern offiziell bis 16 Uhr, aber mir wurde schon versichert, dass es mindestens bis 18 Uhr dauern wird. Langsam gewöhne ich mir an, mich auf keine freie Stunde mehr zu verlassen… Aber gut, ich bin ja schließlich nicht zum Urlaubmachen hier 😉

P.S.: Ich bekomme die Bilder leider nicht in die richtige Reihenfolge – so, wie sie in der Übersicht angezeigt werden, ist es richtig. Ich weiß nicht, warum die Gipfelfotos beim Durchklicken an den Schluss rutschen…