Tag 166 – Just random stuff

Liebe Leser_innen,

da mir heute nichts einfällt, was ich schreiben könnte, habe ich mal wieder mein Tagebuch aufgeschlagen, darin herumgeblättert und einige Situationen gefunden, die bis jetzt thematisch nicht gepasst haben oder nicht relevant genug waren, um es in den Blog zu schaffen. Daher folgt jetzt eine total zufällige, planlose und nicht chronologische Zusammenstellung von Situationen und Beobachtungen aller Art in meinem Freiwilligendienst.


Die Lehrerin bringt der sechsten Klasse neue Vokabeln bei. Sie fragt, was das Wort „Teller“ auf Russisch heißt, keiner weiß es. Als ich die richtige russische Übersetzung sage, drehen sich alle mit großen Augen zu mir um und applaudieren mir begeistert. Danach gibt es großes Getuschel in der Klasse – „Sie kann ja Russisch sprechen!“.

Auf dem Schulweg fährt ein etwa achtjähriger, stark übergewichtiger Junge im Trainingsanzug auf seinem Mountainbike langsam an mir vorbei und ruft alle paar Sekunden laut „Motherfucker!“.

Ein Schüler möchte zum Thema „Sommerferien“ sagen, dass im Sommer alles grün ist und sagt stattdessen: „Wir haben sehr viel Gras“.

Im Sprachlager gibt es ebenso wie in der Schule aus Sicherheitsgründen keine Messer beim Essen. Meistens gibt es sogar nur Löffel, weshalb ich zum ersten Mal in meinem Leben nur mit einem Löffel einen Fisch (mit Gräten) zerlege oder ein Brot mit Butter bestreiche.

Im Flugzeug von Ufa nach Moskau heißt es in der Durchsage: „Das Wetter in Moskau ist gut“. Wir kommen an – es hat 10 Grad und regnet in Strömen.

Ich erlebe beim Busfahren gleich drei Überraschungen.
1. Der Bus ist ganz neu, hat vorne eine Leuchtanzeige und innen eine Lautsprecherdurchsage, die die nächsten Stationen ansagt. Das gibt es hier normalerweise nicht.
2. Der Bus wird von einer Busfahrerin gefahren.
3. Diese Busfahrerin ist das Gegenteil von dem, wie man sich eine Busfahrerin normalerweise vorstellt: sie ist sehr jung, unglaublich hübsch und sehr gepflegt gekleidet.

Im Supermarkt kennt mich eine der Kassiererinnen schon: ich bin die Ausländerin, die immer keine Plastiktüten will. Bis jetzt war es immer so, dass ich das Gemüse und Obst bewusst nicht in Plastiktüten gepackt habe, und an der Kasse haben die Kassiererinnen trotz meines Protests jede Obst- und Gemüsesorte in einzelne Tüten gesteckt. Dadurch bin ich entgegen meiner guten Vorsätze dann doch mit fünf Plastiktüten aus dem Supermarkt gegangen. (Immerhin lassen sie sich ganz gut als Gefrierbeutel verwenden). Diese eine Kassiererin kennt mich aber inzwischen und verzichtet nicht nur auf die Tüten, sondern gibt mir auch die Produkte einzeln in die Hand und wartet immer, bis ich mit dem Einpacken fertig bin.

Genau wie es mir alle vorhergesagt haben: als ich für ein paar Tage in Kasan bin, merke ich, dass Ufa wirklich keine besonders schöne Stadt ist. Kasan ist zwar kaum größer als Ufa, hat aber viel mehr Sehenswürdigkeiten und ist im Allgemeinen viel moderner. Da ist es z.B. Standard, dass es in Bussen digitale Anzeigen und Lautsprecherdurchsagen gibt 😉

Ich wundere mich, dass über Ufa nicht längst eine große Smogwolke hängt. Überall gibt es nur große, breite Straßen mit viel Verkehr und es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich sehe, wie fast jeder zweite Bus eine dunkelgraue bis pechschwarze Abgaswolke ausstößt, die noch einige Sekunden über der Straße steht, bevor sie sich verzieht. Und da die Busse und Marschrutkas gefühlt ein Drittel des Straßenverkehrs ausmachen, passiert das ganz schön oft. Nervige Situation: der Bus steht an der Ampel, der Busfahrer lässt durchgehend den Motor aufheulen und die Abgase gelangen durch die geöffneten Fenster ins Innere. Da die Ampel aber noch eine Minute lang rot ist, hat man keine andere Wahl, als das Zeug irgendwann einzuatmen. Die Krönung davon ist dann nur noch, wenn neben einem ein (nicht mal unbedingt alter) Mann sitzt, der nach Schweiß und/oder Alkohol und/oder Urin und/oder Zigaretten riecht. Kommt leider sehr viel öfter vor, als man sich das wünschen würde.

In Kasan gehe ich in das tatarische Nationalmuseum. Es gibt Studentenrabatte, deshalb zeige ich probehalber mal meinen Freiwilligenausweis und hoffe, dass ich damit auch einen Rabatt bekomme. Zu meiner Überraschung drückt die Frau mir einfach eine Freikarte in die Hand. Naja, so geht’s auch!

An der Autobahn gibt es einen Rastplatz, der aussieht wie ein großer Markt. Es werden Kuchen, Eis, Gebäck, Räucherfisch und jede Menge tatarischer Spezialitäten verkauft und überall laufen alte Frauen herum, die Beeren und Blumen verkaufen.

„Krawatte“ heißt auf Russisch „galstuk“. Stimmt, ist ja quasi ein Halstuch.

Fast jedes Mal, wenn ich laufen gehe, bekomme ich blöde Kommentare von Männern. Dabei ist es nicht mal unüblich, dass Frauen in der Öffentlichkeit Sport machen. Und ich trage auch keine Kleidung, die unbedingt provozierend ist – lange Jogginghose und ein normales T-Shirt… Einmal hat mir sogar ein Mann den Mittelfinger gezeigt. Ich frage mich immer noch, ob ich etwas dazu beigetragen habe oder ob das einfach nur ein Depp war. Gerne versperren mir pubertierende Jugendliche auch den Weg oder joggen ein Stück neben mir her, um mir zu zeigen, dass sie schneller sind als ich. Herzlichen Glückwunsch!

Als Ergänzung zu Germann Gesse und Geinrich Geine: Es gibt natürlich noch E.T.A. Goffmann 🙂

Tag 110 – Und das Hähnchen macht Kikerikiki…

Liebe Leser_innen,

nach zwei Wochen Kinderlager kann ich mehrere Dinge feststellen:

1. Die Kinder wachsen mir mit jedem Tag mehr ans Herz, weil sie sich jeden Tag mehr trauen, mit uns zu sprechen und uns auszufragen. Inzwischen können Theresa und ich nicht mehr an einer Gruppe vorbeigehen, ohne von mindestens fünf Kindern umarmt zu werden (auch wenn wir die Gruppe in den letzten fünf Minuten zweimal gesehen haben und beide Male umarmt wurden). Und wenn unsere Stunde beginnt, kommen die meisten Kinder begeistert in den Raum gestürmt und begrüßen uns mit „THEREEEEEESAAAAAAA!!! SOOOOOPHIIIIIIIAAAAAAA!!! GUTEN MORGEN!“.

2. Die Organisation ist etwas fragwürdig. Es gibt zwar einen Plan, aber dass dieser Plan eingehalten wurde, ist noch nicht so oft vorgekommen. Und die Gruppen sind sehr ungleichmäßig verteilt – damit meine ich, dass Gruppe 5 schon sechsmal bei uns war und die meisten anderen nur dreimal. Gut, dass ich immer noch mindestens ein „Reserve“-Lied dabeihatte, für den Fall, dass eine Gruppe noch einmal kommt (Es kam auch schon vor, dass eine Gruppe zweimal an einem Tag kam…).

3. Dafür lernen wir umso mehr, spontan zu sein. Bis jetzt hatte ich mich daran gewöhnt, Unterricht zu halten, wenn jemand sagte „Kannst du in fünf Minuten die 6. Klasse übernehmen?“ – aber ich wusste, wo, wer, wann und was ich machen sollte. Jetzt wissen wir zwar wo und theoretisch wann, aber meistens nicht, wer und damit auch nicht, was wir machen sollen. Da müssen wir dann erstmal die Gruppe fragen, welche Gruppe sie denn eigentlich sind, und dann können wir entscheiden, welches Lied wir mit ihnen singen. Kleines Selbstlob: es war eine gute Entscheidung, jeden Tag aufzuschreiben, welche Gruppen da waren und was sie gemacht haben. Sonst würden wir jetzt heillos im Chaos versinken… Oft passiert es auch, dass wir aus verschiedensten Gründen unterbrochen werden und die Kinder jetzt irgendwo anders hingehen müssen. Und während der Stunde werde ich oft von den Betreuer_innen der Gruppe unterbrochen, meistens während ich gerade ein Lied vorsinge. Denn wenn auch nur zwei Kinder leise tuscheln, wird sofort die ganze Gruppe von den Betreuer_innen angebrüllt, dass sie endlich leise sein sollen. Oh the irony…
Übrigens, die Lieder, die wir singen, sind folgende: Was müssen das für Bäume sein, Lied vom Wecken, Auf einem Baum ein Kuckuck saß, Die Vogelhochzeit, Das Auto von Lucio und Zwei kleine Wölfe. Meine Favoriten sind definitiv Nr. 2 und 3, denn die Kinder finden diese Lieder super und es ist schon ein tolles Gefühl, wenn alle mitmachen und 25 Kinderstimmen laut singen „UND DAS HÄÄÄÄHNCHEN MACHT KIKERIKIKIIIIIIIIIIIIII!“ oder „SIMSALADIMBAMBASALADUSALADIM!“.

4. Die Kinder werden bei manchen Veranstaltungen ziemlich überfordert, so ist zumindest mein Eindruck. Es fanden oft Theaterstücke oder Musikvorstellungen in der Aula statt, bei denen völlig überdrehte Moderatoren die Kinder zu guter Laune animierten. Manche Kinder saßen selbst in der letzten Reihe noch mit zugehaltenen Ohren da, denn die Mikrofone werden grundsätzlich sehr laut eingestellt, und die Schauspieler und Sänger haben nun mal sehr laute Stimmen.
Bei einem Theaterstück wurden verschiedene Länder repräsentiert – die meisten waren nachvollziehbar, aber für England stand ein Mann auf der Bühne, der eine orangene Perücke, meiner Meinung nach viel zu enge Sportkleidung und Fahrradhandschuhe trug, und er sang ein Lied über London, während im Hintergrund Bilder von Sehenswürdigkeiten aus Ufa gezeigt wurden. Er leitete dann auch ein Spiel an, das so ähnlich wie Reise nach Jerusalem funktionierte, nur dass die Kinder, wenn die Musik ausging, Gegenstände vom Boden aufheben mussten. Die Verlierer wurden schnell mehr oder weniger unsanft von der Bühne befördert, während der „Engländer“ den Gewinnern begeistert die Arme zur Siegerpose hochriss, sodass die kleinen Kinder auf Zehenspitzen standen, um nicht in der Luft zu hängen. Und inzwischen glaube ich tatsächlich, dass unsere Stunden die einzigen sind, bei denen kein Wettbewerb stattfindet und die Kinder einfach nur zum Spaß Lieder singen. Selbst in den Malstunden suchen die Betreuer_innen das schönste Bild aus.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass in anderen Ländern vieles anders läuft als in Deutschland. Und einige Dinge laufen hier meiner Meinung nach besser als in Deutschland. Aber andere Dinge schockieren mich wirklich, und die Art, wie die Kinder auch von den Betreuer_innen manchmal behandelt werden, ist eines davon. Ich kann das auch nicht einfach ignorieren oder an mir abprallen lassen, denn durch meine Erziehung und kulturelle Prägung finde ich solche Verhaltensweisen unangenehm. Und ich lege Wert darauf, dass mein Blog nicht nur zeigt, was ich für tolle Sachen erlebe und dass alles supertoll und mein Freiwilligendienst eine einzige Party ist, sondern dass ich auch schreibe, was nicht so toll läuft und was mich im Einsatzland und in der Einsatzstelle nervt.

So, aber abgesehen davon gab es diese Woche wieder einige Veranstaltungen in der Stadt. Am Montag war Feiertag (Tag Russlands) und seitdem gab es jeden Tag ein Open-Air-Konzert von verschiedenen Gruppen. Am Montag gab es überall in der Stadt verschiedene Angebote, von denen ich sehr viele auch interessant fand, aber die Stadt ist leider so groß, dass es schwer ist, alles zu sehen, was einen interessiert. Das Wetter war leider nicht besonders feierlich, denn es regnete fast die ganze Zeit, aber daran habe ich mich schon gewöhnt und habe inzwischen fast immer einen Schirm dabei. Wir sind jedenfalls zum zentralen Veranstaltungsort gefahren, nämlich zum Leninplatz, wo sich das Regierungsgebäude und ein großes Theater befindet. Unter dem Vordach dieses Theaters fand ein internationales Festival der Kulturen statt, bei dem Gruppen aus Südkorea, Mexiko, Iran, Kasachstan, Sri Lanka, Indien, Estland, Kolumbien, Serbien, Südafrika, China und natürlich Baschkortostan entweder Volkstänze oder traditionelle Musik oder beides vorstellten. Am Schluss wurden Stühle aufgebaut und alle beteiligten Musiker (ca. 20) sollten zusammen musizieren. Das klappte auch sehr schnell sehr gut – jeder durfte mal ein Solo spielen und es entstand ein ganz besonderer Klang mit Instrumenten aus ganz verschiedenen Kulturen, und am Schluss stimmte einer der estnischen Musiker noch einen Gesang mit dem Text „Ufa Festival“ an, bei dem natürlich auch das Publikum begeistert mitsang.

Indien

Mexiko

Mexiko

Musiker aus allen Ländern

Gestern waren wir dann bei einem Konzert des Baschkirischen Staatsorchesters und heute bei einem Konzert von traditionellen baschkirischen Musikern. Wobei, so traditionell war das meiste gar nicht… eigentlich waren es hauptsächlich Pop- und Rockbands, die baschkirische Flöten (kurai) in ihre Musik einbauten. Eine Gruppe spielte z.B. ein Cover von Smells Like Teen Spirit, bei dem der Gesang durch die Flöte ersetzt wurde. Die Lage der Bühne ist aber wirklich perfekt: sie ist auf einem Platz aufgebaut, der von Hügeln umgeben ist, d.h. man sitzt auf der schrägen Wiese, hat von überall eine gute Sicht auf die Bühne und dazu noch einen schönen Ausblick ins Tal.

Tag 96 – Zwischenseminar

Liebe Leser_innen,

die Ankunft in Ufa gestern Abend war ein kleiner Schock für mich – 5 Grad und Regen. Nachdem ich über eine Woche lang fast nur Sonnenschein und Wärme hatte, war es doch sehr deprimierend, in eine kalte Wohnung zurückzukommen, während der Wind den Regen gegen die Fenster peitschen ließ. In Gedanken bin ich immer noch in der wunderschönen Villa Greta in Polen (als Urlaubsziel übrigens sehr empfehlenswert…), da hat mich die sommerliche Natur sehr fasziniert, nachdem die Sommertage hier doch eher selten waren. Obwohl wir dort unser Zwischenseminar hatten und viel gearbeitet und diskutiert haben, war es für mich wie eine Woche Urlaub. Die Gruppenzusammensetzung hat echt gut gepasst, noch besser als auf dem Vorbereitungsseminar, und alle gruppenpädagogischen Spiele haben wir ziemlich gut gemeistert. Die Trainer_innen waren auch sehr nett und hatten gute Methoden und Spiele für uns dabei. Und die Villa Greta war einfach ein Traum – tolles Essen, wunderschöne Häuser, ein großer Garten und ein sehr liebenswerter Hund. Wir Russland-Freiwilligen haben den Sonnenbrand gerne in Kauf genommen – bis jetzt haben wir ja noch nicht so wahnsinnig viel Sonne abbekommen…

Ein Visum habe ich jetzt auch, nach dem kleinen Schock, dass ich eine neue Einladung von der Schule brauchte, in der explizit drinsteht, dass ich zweimal ein- und ausreisen darf, das stand nämlich vorher nicht drin. Das ging aber sehr schnell, und zum Glück reichte das als Email und ich brauchte kein Original. Die Mitarbeiterin im Visazentrum war auch sehr freundlich und hilfsbereit und so konnte ich vorgestern meinen Pass wieder abholen, mit dem richtigen Visum drin. Leider kann ich mich nicht nur freuen, denn es hat bis jetzt nicht bei allen Russland-Freiwilligen geklappt, ein neues Visum zu bekommen – diese ganze Visageschichte ist einfach viel zu kompliziert.

Morgen geht es dann im Kinderlager los und vielleicht komme ich dann mal dazu, meine musikalischen Fähigkeiten einzusetzen und mit den Kindern zu singen – bis jetzt ist das ja leider eher untergegangen.

Achso, fast hätte ich es vergessen: was haben wir denn auf dem Seminar gemacht? Wir haben über unsere Arbeit in den Einsatzstellen gesprochen und ggf. nach Verbesserungsmöglichkeiten oder Beschäftigungsmöglichkeiten gesprochen, denn erstaunlicherweise sind fast alle Freiwilligen (Goethe-Institut ausgenommen) total unterfordert und haben kaum etwas zu tun. Außerdem haben wir uns mit unseren Projekten beschäftigt und dafür gesorgt, dass jetzt jeder eine Idee und einen groben Plan für die Umsetzung hat. Einen Ausflug haben wir auch gemacht, der war zwar interessant, hat uns aber auch leider einen ganzen Tag der sowieso knappen Seminarzeit gekostet. Wir sind nach Krzyżowa (Kreisau) gefahren und hatten dort eine Führung über das Gelände und haben viel über die Geschichte des Guts Kreisau, die deutsch-polnischen Beziehungen und den Kreisauer Kreis erfahren. Und abgesehen davon haben wir natürlich viele Spiele gemacht, manchmal thematisch passend, manchmal einfach nur als Energizer.

Ich würde sehr gerne Fotos hochladen, aber leider hat sich mein Handy gestern ohne Rücksprache mit mir dazu entschlossen, sämtliche Daten von der Speicherkarte, darunter auch die Kamerabilder, zu löschen. Vielleicht waren ihm die ganzen Länderwechsel auch einfach zu blöd 😉

Tag 82 – Besuch des Generalkonsuls

Liebe Leser_innen,

gestern war eigentlich der einzige wirklich spannende Tag der letzten Woche, deshalb werde ich einfach ausführlich über diesen Tag berichten.

Die ganze Woche lang bereiteten wir uns auf den Besuch des Generalkonsuls aus Jekaterinburg vor. Ich hatte viele Infos über alle deutschen Bundesländer zusammengesucht, bei der Einstudierung einiger Märchen-Theaterstücke geholfen und eine Unterrichtsstunde vorbereitet, bei der der Konsul und die anderen Gäste zuschauen sollten. Es war wirklich unglaublich zu sehen, was für einen aufwändigen Jahrmarkt wir mit nur vier Wochen Planung zustandegebracht hatten. Ich werde gar nicht mehr erzählen, schaut es euch hier an. (Es lohnt sich, die 12 Minuten durchzuhalten!)

Mein Unterricht bestand darin, einen Sketch von Loriot anzuschauen und Fragen dazu zu besprechen. Anschließend sollten die Schüler_innen den Dialog üben und vorspielen. Die Gäste fanden den Film – wie erwartet – sehr lustig, die Klasse hat den Humor nicht ganz verstanden, glaube ich… Der Konsul sagte mir später, ihm hätte der Unterricht sehr gefallen. Falls jemand diesen Sketch nicht kennt (Bildungslücke!), dann schaut ihn euch hier an:

Nach dem Unterricht gab es eine „Pressekonferenz“, bei der einige Schüler_innen Fragen vorbereitet hatten, teilweise über Themen wie Musik und Sport, aber auch über z.B. Studieren in Deutschland. Danach gab es eine „coffee break“ (das heißt hier wohl tatsächlich so, wenn ich auch etwas länger brauchte, um das englische Wort in russischer Aussprache zu erkennen). Es gab Kaffee, Tee, Obst, Blini und einige baschkirische Spezialitäten, die irgendwie alle aus frittiertem Teig in verschiedenen Ausführungen bestehen und entweder in Zucker oder Honig gewälzt sind. Zum Beispiel чак-чак (Tschak-tschak), da sieht der Teig aus wie größere Erdnussflips, und die einzelnen Teile sind zu einem Berg aufgetürmt (die Höhe kann beliebig variiert werden) und mit (baschkirischem!) Honig übergossen. Sehr klebrig, sehr süß, sehr lecker.

Danach durfte ich freundlicherweise mit dem Konsul und zwei Begleiterinnen im Auto mit in die Stadt fahren. Wir fuhren zuerst ins Goethe-Zentrum am anderen Ende der Stadt. Das ist quasi eine kleine Sprachschule vom Goethe-Institut, die berechtigt ist, Sprachkurse zu geben und Prüfungen durchzuführen. Da wollte ich mich sowieso noch melden, um mich als Helferin im Sommer anzubieten, wenn in der Schule nichts mehr zu tun ist. Und weil ich jetzt schon da war, habe ich das gleich vorgeschlagen und die Mitarbeiter waren ganz begeistert von der Idee. Ich werde dann also ab Mitte Juli im Sommersprachkurs mithelfen, dann habe ich was zu tun und lerne auch nochmal ein anderes Arbeitsumfeld kennen. Der einzige Nachteil ist, dass ich jeden Tag über eine Stunde mit dem Bus dorthin fahren muss. Aber das ist zum Glück nur lang und nicht teuer.

Zum Abschluss fuhren wir dann ins Stadtzentrum, um den Frühlingsball zu sehen. Da versammeln sich die Absolventen aller Schulen in Ufa auf dem Sowjetischen Platz und tanzen verschiedene Tänze. Ich habe zwar auch Fotos und Videos gemacht, aber am besten sind natürlich die Luftaufnahmen der Veranstalter. Das Ganze ist nämlich vom Internet- und Mobilfunkanbieter Ufanet organisiert und natürlich keine schlechte Werbeaktion. Deshalb schaut euch lieber dieses Video an, da sieht man am Anfang und am Schluss ganz gut die Dimensionen der Veranstaltung (und es ist kein verwackeltes Handyvideo). Soweit ich weiß, waren da 5000 Schüler_innen beteiligt. So ein Abschlussball hätte mir auch gefallen…

Ich bin jedenfalls immer noch beeindruckt, wie feierlich die meisten Veranstaltungen hier sind. Manchmal wirkt es auf mich etwas übertrieben, aber es macht trotzdem Spaß, in diese Feierlichkeit mit einzusteigen und sie einfach zu genießen. Und beim Schulabschluss ist diese Festlichkeit auf jeden Fall gerechtfertigt!

Und wie geht es jetzt weiter? Am Donnerstag fliege ich nach Berlin, um ein neues Visum zu beantragen, und am Samstag geht es dann nach Wroclaw, wo am Sonntagmittag der Bus zum Ort des Zwischenseminars fährt. Das geht dann bis Donnerstag, am Freitag hole ich meinen Pass (hoffentlich mit Visum drin!) in Berlin ab und fliege am Samstag wieder nachhause. Merkt ihr was? Ufa ist für mich schon „zuhause“ 🙂

Tag 75 – Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch

Liebe Leser_innen,

ich glaube, langsam pendelt sich ein guter Wochenrhythmus in meinem Blog ein, den ich versuchen werde, zu behalten.
In der letzten Woche ist wieder einiges passiert, also schön der Reihe nach:

Am 8. Mai war Feiertag, als Brückentag zwischen dem Wochenende und dem Tag des Sieges am 9. Mai. Diesen Tag habe ich genutzt, um einen Ausflug zu „Mega“ zu machen. Das ist ein Einkaufszentrum außerhalb der Stadt (also NOCH MEHR außerhalb als Djoma) und macht seinem Namen alle Ehre. Es gibt viele Marschrutka-Linien, die zu Mega fahren, auch eine direkt von Djoma aus, allerdings nur einmal in der Stunde, und da es keinen Fahrplan an der Bushaltestelle gibt, hatte ich halt das Pech, fast eine Stunde warten zu müssen. Diese Busfahrt kostet übrigens mehr als die normalen Fahrten, nämlich 30 statt 25 Rubel, ein halbes Vermögen! 😉 Als wir auf das Gelände fuhren, dachte ich kurz „Oh, cool, da gibt es auch einen Decathlon, da kann ich ja später vielleicht noch reingehen!“. Und dann sind wir von da aus noch ein ganzes Stück bis zu Mega gefahren und ich wusste in diesem Moment, dass ich am Ende nicht mehr genug Energie haben würde, um diese Strecke zu laufen.  Wie gesagt, die Dimensionen sind etwas größer als in Bamberg…
Als ich dann einmal drin war, hat mich die Größe dieses Gebäudes echt umgehauen. Nur mal zum Vergleich: ca. ein Viertel der Fläche bestand aus einem kompletten IKEA. Zum Glück war alles auf einer Ebene, sodass ich zumindest noch ein bisschen Orientierung hatte. Meine Mission habe ich auch erfüllt: ich wollte mir ein Paar Laufschuhe kaufen, weil ich keinen Platz im Koffer hatte, um meine mitzunehmen, und weil ich sowieso schon seit langem nicht mehr die Motivation zum Joggen aufgebracht hatte. Aber hier hab ich plötzlich einen Energieschub bekommen und mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu machen. Ich hatte jedenfalls 5000 Rubel in bar dabei (ca. 80 Euro) und habe mir vorgenommen, bei Mega kein Geld abheben oder meine Kreditkarte benutzen zu müssen. Diesen Vorsatz konnte ich tatsächlich einhalten und bin nur mit einem Paar Sportschuhe wieder nachhause gefahren.
Falls ihr euch jetzt fragt, wie ich die Schuhe nachhause bringe, wenn ich schon auf der Hinreise keinen Platz im Koffer hatte: ich werde zwischendurch nachhause fliegen und alles, was ich in den letzten Wochen nicht mehr brauche, zuhause lassen (Anorak, Winterstiefel usw.), damit ich dann genug Platz für Souvenirs und sonstige Mitbringsel habe.
Auf dem Rückweg habe ich dann die Bushaltestelle nicht mehr gefunden und bin mit dem Taxi gefahren. Das ist hier zum Glück eine gute Alternative, weil es echt nicht teuer ist. Natürlich nicht zu vergleichen mit dem Preis für eine Busfahrt, aber trotzdem: für eine 15-minütige Fahrt über ca. 15 Kilometer habe ich nicht mal 4 Euro bezahlt. Und meine Angst vor dem Alleine-Taxifahren habe ich auch schnell verloren, denn bis jetzt waren alle Taxifahrer echt nett und ich kann inzwischen auch gut genug Russisch, um mich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. Apropos: meine neue Taktik im Gespräch mit Einheimischen ist die Offensivattacke: ich rede einfach drauflos und hoffe, dass mir möglichst wenig Fragen gestellt werden. Denn erzählen kann ich ja – selbst mit meinem begrenzten Wortschatz – nur verstehe ich meistens die Fragen nicht. Und klar, wenn ich auf keine Frage antworten kann, denkt der Gesprächspartner natürlich, dass ich kein Wort Russisch kann, obwohl ich eben nur die entscheidenden Schlüsselwörter der Frage nicht kenne.
Der Kauf hat sich übrigens gelohnt, die Schuhe sind super.

Am 9. Mai war dann großer Feiertag. Ich bin in die Stadt gefahren, um mir die Parade anzusehen, aber erstens war ich zu spät, und zweitens glaube ich, dass es gar keine Militärparade gab, sondern nur einen langen Zug von Menschen, die teilweise Uniformen trugen oder Fahnen schwenkten oder wie ich einfach nur mitliefen. Die meisten hatten aber Bilder von den Brüdern, Vätern und Großvätern dabei, die im Krieg gestorben sind. Deshalb hieß die Parade auch „Unsterbliches Regiment“ und diese Geste hat mir wirklich gut gefallen. So ging es an diesem Tag auch darum, der Gefallenen zu gedenken und nicht nur zu feiern, wie toll das eigene Land ist. Denn das war für mich als Deutsche natürlich extrem ungewohnt, zu sehen, wie stolz alle Menschen auf ihr Land sind, darauf, dass sie Russen sind und dass Russland den Zweiten Weltkrieg (hier: den Großen Vaterländischen Krieg) gewonnen hat.
Aber da dieser Blog ein persönlicher und kein politischer ist, möchte ich es gern bei dieser Beobachtung belassen.
Die Parade endete dann am Leninplatz und da bekam ich dann doch noch eine Militärparade zu sehen, denn auf einer großen Leinwand wurde die Parade aus Moskau übertragen.


Und weil ich gerade so sportlich motiviert war, beschloss ich einfach, vom Leninplatz zum Stadtzentrum zurückzulaufen. Das waren zwar knapp 10 Kilometer und es fing irgendwann an, leicht zu regnen, aber ich hatte keinen Termin und konnte etwas von der Stadt sehen. Außerdem hätte ich jederzeit in einen Bus steigen können, da ich neben einer der drei Hauptstraßen Ufas gelaufen bin, nämlich dem Oktoberprospekt. Und da fährt so ziemlich jeder Bus entlang. Aber ich bin gelaufen und gelaufen und habe mir schließlich im Zentrum ein/eine/einen Schawarma gegönnt (ich weiß immer noch nicht den Artikel…). Nach Djoma bin ich dann aber schon mit dem Bus gefahren, keine Sorge 😉

Am Mittwoch fand dann ein einschneidendes Ereignis statt: ein großes Picknick mit ganz vielen Studenten. Der Anlass war folgender: jeden Sommer gibt es einen Studentenaustausch zwischen den Partnerstädten Ufa und Halle (Saale). Und an dem Picknick nahmen sowohl die Austauschstudenten von diesem Jahr teil als auch diejenigen, die den Austausch in den letzten Jahren schon gemacht haben. Meine Russischlehrerin hatte mich dazu eingeladen, denn sie kennt viele Studenten und war selbst vor ein paar Jahren bei dem Austausch dabei. Der Austausch ist allerdings für alle Studenten, nicht nur für diejenigen, die Deutsch sprechen oder Deutsch studieren. Deshalb waren nicht so viele deutschsprachige Leute außer mir da, aber die meisten sprachen ziemlich gut Englisch oder zumindest besser, als ich Russisch spreche. Die diesjährigen Austauschstudenten hatten sogar eine Art Schnitzeljagd organisiert, bei der wir durch den ganzen Park rennen mussten und verschiedene Aufgaben lösen mussten. Meine Lieblingsstation war eine, bei der man aus einem echten deutschen Wort und einem Fantasiewort das echte Wort erraten musste. Außerdem sollte man die richtige Bedeutung erraten. Ich bekam einige erstaunte, bewundernde und auch verwirrte Blicke, als ich das Wort „Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch“ in meinem schönsten Bayrisch aussprach.
An diesem Abend konnte ich gar nicht mehr denken oder reden, weil ich den ganzen Nachmittag abwechselnd oder gleichzeitig Russisch, Englisch und Deutsch gesprochen hatte. Da ich den letzten Bus nachhause verpasst hatte, bin ich wieder mit dem Taxi gefahren und habe wieder meine neue Offensivtaktik im Gespräch verwendet.

Und jetzt kenne ich ganz viele Leute und lerne das kulturelle Leben hier kennen. Gleich am Freitag wurde ich zu einer Theatervorstellung eingeladen, die perfekt für mich war, denn es war eine pantomimische Vorstellung. Heute werde ich noch ein Theaterstück sehen bzw. eine Probe vor Publikum, bei der eine andere Gruppe spielt, die aber einige Mitglieder hat, die auch in der Theatergruppe vom Freitag dabei waren. Mal sehen, wie viel ich von der Musikszene noch mitbekomme, aber im Moment tauche ich erstmal ins Theater ein.

Tag 67 – Eine Kirche und viele Denkmäler

Liebe Leser_innen,

in den letzten Tagen ist die Stadt plötzlich grün geworden. Von einem Tag auf den anderen blühten plötzlich alle Wiesen und Bäume, die Grünstreifen neben den Straßen sind jetzt tatsächlich grün und überall wuchert der Löwenzahn vor sich hin. Ich würde jetzt gerne Fotos hochladen, aber leider ist es jetzt, wo wirklich jeder Baum blüht, wieder kalt, grau und regnerisch geworden, kurz: nicht besonders präsentabel. (In der Wohnung ist es zur Zeit tatsächlich ziemlich kalt, weil die Zentralheizung jetzt aus ist und es draußen nachts wieder um 0°C hat…) Aber in der letzten Woche habe ich schon einen Eindruck davon bekommen, wie der Sommer hier sein wird. Es hatte bis zu 25°C und die Sonne strahlte den ganzen Tag an einem meist wolkenlosen Himmel. Da ist der Wind dann wieder angenehm…

Bei diesem Wetter bin ich dann am Sonntag und am Montag jeweils nachmittags in die Stadt gefahren, um das Zentrum ein bisschen zu Fuß zu erkunden. Die Straßen sind dort alle rechtwinklig und sehr gerade, deshalb hatte ich keine Angst, mich zu verlaufen. Irgendwann stand ich dann an einer Kreuzung, unschlüssig, in welche Richtung ich weiterlaufen soll, und dann habe ich eine Kirche am Ende einer der Straßen entdeckt und habe beschlossen, sie mir anzuschauen. Nur leider habe ich die Entfernungen in dieser Stadt noch nicht ganz verinnerlicht, und deshalb war ich erst nach einer knappen Viertelstunde bei der Kirche, obwohl ich sie die ganze Zeit direkt vor Augen hatte. Dort angekommen hörte ich eine Zeitlang dem Gottesdienst zu und bewunderte die Innengestaltung, die fast nur aus Gold bestand. Ein Foto davon habe ich leider nicht, denn es gab mehrere Schilder, die ausdrücklich auf ein Handyverbot in der Kirche hinwiesen, und daran habe ich mich lieber mal gehalten.

Diese wunderschöne Kirche trägt den langen Namen „Кафедральный соборный храм Рождества Богородицы“. Eine Übersetzung dieses Titels habe ich nicht zustandegebracht.

Ich bin dann noch ein bisschen herumgewandert und habe einige Denkmäler auf den gleichnamigen Straßen entdeckt (Lenina ulitsa, Puschkina ulitsa, Kirova ulitsa, Karla Marksa ulitsa, …).

Ein Denkmal des sowjetischen Schriftstellers Wladimir Wladirimirowitsch Majakowskij.

Lenin von Weitem…

… und nochmal in Nahaufnahme mit besserem Licht.

Eine Gebäudewand der wissenschaftlichen Akademie der Republik Baschkortostan.

Schließlich habe ich mein erstes, wohlverdientes Schawarma gegessen (Der Schawarma? Die Schawarma?) und es war wie erwartet sehr, sehr lecker. Bei dem Stand war außerdem nichts los und deshalb habe ich mich, während der/die/das Schawarma zubereitet wurde, mit der Verkäuferin unterhalten. Sie hatte mich nämlich gefragt, woher ich komme, weil sie meinen Akzent bemerkt hatte (Mist!) und hat sich sehr dafür interessiert, was ich hier mache und wie es mir gefällt. Und das war wirklich ein tolles Erlebnis.

Bis jetzt bin ich nämlich leider hauptsächlich auf Ablehnung und sichtliche Genervtheit gestoßen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit als Ausländerin „geoutet“ habe, indem ich etwas nicht verstanden habe. Und bei den Menschen, bei denen mir das bis jetzt passiert ist (Supermarktkassiererinnen, Busfahrer, Friseur), war das auch sicher keine Ausländerfeindlichkeit oder Misstrauen oder sonst irgendwas, sondern sie waren einfach genervt, dass sie mir jetzt etwas nochmal sagen oder gar erklären müssen. Obwohl die Reaktionen in den meisten Situationen verständlich sind und in Deutschland genauso ausfallen würden, ist es für mich trotzdem jedes Mal ein blödes Gefühl. Und dann stelle ich mir jedes Mal die gleichen Fragen: Bin ich jetzt zu empfindlich oder könnten die anderen Leute auch mal ein bisschen freundlicher sein? War die Person vorher schon schlecht gelaunt oder bin ich jetzt der Grund dafür? Wie hätte ich mich verhalten, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären? Wie hätte sich eine vergleichbare Person in Deutschland verhalten? …? …? …?

Das einzige, was mir da für meinen Seelenfrieden hilft, ist, das Ganze einfach erstmal zu vergessen und mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Außerdem wurde ich neulich netterweise zu einer wöchentlichen Skypekonferenz auf Russisch mit anderen Freiwilligen aus russischsprachigen Ländern eingeladen. Und da merke ich, dass ich eigentlich doch gar nicht so schlecht Russisch spreche. Auch wenn ich wenig Vokabular habe und natürlich nichts verstehe, wenn ich in der Öffentlichkeit etwas gefragt werde, kann ich mich doch, wenn auch beschränkt, über meinen Alltag unterhalten. Und das Skypegespräch ist immer der Punkt in der Woche, an dem ich meinen tatsächlichen Fortschritt bemerke. Jede Woche verstehe ich mehr und kann mehr sagen und das ist für das Selbstbewusstsein und die Motivation wirklich äußerst hilfreich.

Für euren Seelenfrieden gibt es jetzt noch einen einsamen Fun Fact, den ich beim letzten Mal vergessen habe zu erwähnen:

Makkaroni
Alle Nudeln heißen Makkaroni. Egal, ob Spaghetti, Penne, Girandole, Linguine oder wie sie alle heißen, hier heißen sie Makkaroni und man kann einige Sorten zu einem Kilopreis von ca. 50 Cent in Plastiktüten im Supermarkt kaufen. Die schmecken auch gar nicht so schlecht. (Ja, ich habe diese Nudeln mal gekauft…)

Übrigens hatte ich schöne zwei Wochen, in denen ich die 7. und 8. Klasse alleine unterrichtet habe, und im Moment steht mir der Sinn doch wieder sehr danach, Lehramt zu studieren. Diese zwei Klassen sind einfach total nett und bringen mich oft zum Lachen. Neulich sollten sie z.B. Dialoge vorspielen, in denen verschiedene Familienmitglieder sagen, was sie jetzt gerne unternehmen wollen. Der Dialog, der von mir trotz wenig Text einen Extrapunkt für realistische Darstellung bekommen hätte, wenn es Punkte gegeben hätte, verlief so:
Mutter: Ich möchte gerne ins Kino gehen.
Sohn: Ich möchte lieber Tretboot fahren.
Tochter: Bist du dumm?
Sohn: DU bist dumm!

Tag 53 – Frühling?

Liebe Leser_innen,

jetzt ist endlich der Moment gekommen, dass hier besseres Wetter ist als in Deutschland. Geschneit hat es schon länger nicht mehr, und manchmal hat es sogar über 10 Grad. Aprilwetter haben wir hier trotzdem: am Mittwoch hatte es 3 Grad mit Regen, am Donnerstag 17 Grad bei strahlendem Sonnenschein, und gestern 2 Grad mit sehr starkem Wind. Sowieso ist es meistens sehr windig, und jetzt, da der ganze Schnee geschmolzen ist, kommt der ganze Dreck zum Vorschein, der im Schnee überwintert hatte und der jetzt als Sand und Staub über die Straßen weht. Jetzt wird auch wieder viel gebaut und die Straßen müssen repariert werden, also kommt der Baustaub noch dazu. Vorher ist mir nie aufgefallen, dass in Deutschland der Baustellendreck gleich weggewaschen wird (s. Svetlanas Kindheitserinnerungen). Jetzt weiß ich das sehr zu schätzen…

Heute war außerdem Subbotnik (letzte Woche ist das wegen Regen ausgefallen) und die Schüler ab der 7. Klasse haben draußen die Gehwege gekehrt, den restlichen Schnee weggeschaufelt, Laub von den Wiesen gekehrt und Müll aufgesammelt. Bei vielen Schülern sah das so aus: die Mädchen standen kichernd in Grüppchen zusammen und haben hin und wieder mal etwas aufgehoben und die Jungs haben sich mit Schnee und Blättern beworfen… aber größtenteils ist doch alles ziemlich sauber jetzt. Nur, den Staub und Sand wegzukehren, sah nach einer ziemlichen Sisyphusarbeit aus, weil der Wind die fein säuberlich zusammengekehrten Häufchen immer wieder über die Straße verteilt hat. Trotzdem waren wahrscheinlich alle Schüler froh, dass sie keinen Unterricht hatten (und ich auch!). So ein freier Samstag ist schon ein Luxus!

Letzte Woche habe ich entdeckt, dass ich, obwohl ich in einer großen Hochhaussiedlung wohne, in 5 Minuten zu Fuß in der Natur sein kann, weil ich ganz am Rand von Djoma wohne.

Das ist das Haus, in dem ich wohne.

 

5 Minuten davon entfernt beginnt ein Fahrradweg.

 

Und wenn man die Siedlung und die Baustellen hinter sich lässt…

 

…kommt man auf ein großes, endlos scheinendes Feld.

 

Und wenn man dem Fahrradweg eine Weile folgt, ist die Siedlung plötzlich ganz klein.

Mehr Fotos mache ich, wenn das Wetter schöner ist und mir beim Fotografieren nicht mehr die Hände einfrieren. Und über den Fortschritt meines Projekts werde ich nächste Woche berichten, wenn feststeht, ob das Projekt stattfinden kann. Letzte Woche ist nämlich niemand zum Treffen gekommen, weil plötzlich doch niemand Zeit hatte, obwohl mir die allermeisten gesagt hatten, dass sie auf jeden Fall kommen. Am Montag gibt es einen zweiten Versuch (diesmal sage ich tatsächlich jeder Person vorher mehrmals persönlich und über WhatsApp und über VKontakte Bescheid, weil offenbar niemand einen Kalender oder sowas besitzt), und wenn dann wieder keiner kommt, dann mache ich ein Projekt, das ich alleine durchführen kann, denn so viel Geduld habe ich nicht und auch nicht die Zeit, um mich ewig mit einem Projekt aufzuhalten, bei dem ich auf Schüler angewiesen bin, die sich nicht an Termine halten. Damit entspreche ich jetzt natürlich total dem Klischee der pünktlichen, strengen Deutschen, aber russische Spontaneität kann ich bei einem Projekt mit mehreren Schülern aus mehreren Klassen wirklich nicht gebrauchen…
Die Hoffnung, dass alle am Montag kommen, habe ich sowieso schon aufgegeben, aber vielleicht kommen ja zumindest so viele, dass man das Projekt noch durchführen kann.

Ich bleibe optimistisch!

Tag 46 – Von Füchsen und Schlagerpartys

Liebe Leser_innen,

gestern ging die Woche der deutschen Sprache zu Ende, und obwohl ich nur an zwei Tagen dabei war, habe ich viel zu erzählen.

Es haben sich zwei Dinge wieder komplett geändert – wie gesagt, inzwischen gehe ich jeder Verabredung mit Skepsis entgegen und nehme nichts „for granted“ (die deutsche Formulierung fällt mir grade nicht ein…). Svetlana sagt, es gibt ein russisches Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Bei den Lesefüchsen saß ich doch in der Jury, weil die Bücher plötzlich noch aufgetaucht sind, und beim Liederfestival haben wir doch nicht teilgenommen, weil wir das Originallied mit Gesang nicht verwenden durften und die Stimme nicht rausschneiden konnten und weil eine Klavierbegleitung zu wenig gewesen wäre. Dafür durfte ich dort auch in der Jury sitzen.

Am Montag fand erst einmal der Wettbewerb „Lesefüchse international“ für die Region Ural statt. Und zwar im Gymnasium 86, das am anderen Ende der Stadt liegt. Schaut euch Ufa mal auf der Karte an. Meine Schule und meine Wohnung liegen in Djoma, ganz im Süden der Stadt, und das Gymnasium 86 ist ganz im Norden, im Viertel Tschernikowka. Und da Ufa ganz lang gestreckt ist, sind das 26 Kilometer durch die Stadt, was mit dem Bus eine Stunde dauert. Das Problem ist nur: diesen Bus gibt es offenbar nicht.

Das wusste ich aber noch nicht, als ich um 7:45 an der Bushaltestelle stand und etwas naiv auf diesen Bus wartete. Immerhin hatte die sonst sehr zuverlässige App 2GIS behauptet, dass der Bus 216 von meiner Schule bis zum Gymnasium 86 durchfährt. Nach einer erfolglosen halben Stunde bin ich dann in einen Bus eingestiegen, der ins Zentrum fuhr, dort wollte ich dann umsteigen, in der Hoffnung, dass ich einen passenden Bus finden würde. Leider hatte ich den Montagmorgen-Stau nicht mit eingerechnet, wodurch der Bus fast 20 Minuten länger brauchte und meine Zeit langsam knapp wurde. Schließlich sollte ich mich um 9:30 mit den anderen Jurymitgliedern treffen. Im Zentrum gab es natürlich auch keinen Bus, der in meine gewünschte Richtung fuhr, deshalb rief ich den Fachschaftsberater an, der mir freundlicherweise ein Taxi bestellte. Am Ende kam ich um 10:20 Uhr in der Schule an, aber die Verspätung war nicht weiter schlimm.

In der Jury zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung. In Prüfungen war ich ja schon dabei, aber diesmal durfte ich selbst mitreden und meine Meinung äußern und nicht nur zuhören.

Das Prinzip funktioniert übrigens so: die Schüler_innen haben sich seit Beginn des Schuljahres mit vier deutschen Jugendbüchern beschäftigt, die für jedes Jahr neu ausgewählt werden. Dieses Jahr sind das folgende:

1. Herbert Günther: Zeit der großen Worte
2. Christoph Scheuring: Echt
3. Lukas Erler: Brennendes Wasser
4. Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt
(Das ist auch meine persönliche Ranking-Reihenfolge…)

Dann gibt es eine ca. zweistündige Podiumsdiskussion (auf Deutsch) zwischen den Schüler_innen, bei denen Fragen und Thesen zu den Büchern besprochen werden. Bewertet wird dann, wie gut der/die Einzelne die Bücher kennt, wie gut er Deutsch spricht und wie er sich im Gespräch verhält. Wer mehr über das Projekt wissen möchte, kann sich hier informieren.

Anschließend gab es für die 8 Schüler_innen und deren Lehrer_innen, die aus der ganzen Republik angereist waren, eine Stadtführung, bei der ich auch mitkommen durfte. Das war sehr interessant, weil ich ja selbst noch nicht so viel von der Stadt gesehen habe und man auch nicht mal eben so ans andere Ende der Stadt fahren kann, wie ich jetzt weiß… Die Bilder gibt es später in einem anderen Blogeintrag, in Verbindung mit Informationen über die Geschichte Ufas. Da habe ich auch viele andere Deutsche kennengelernt, denn einige der Lehrer_innen waren Deutsche, die mit der ZfA im Ausland arbeiten (was ist das denn jetzt wieder?).

Außerdem habe ich einige Mitarbeiterinnen der Deutschen Botschaft Jekaterinburg kennengelernt. Abends wurde dann das deutsche Kinofestival eröffnet, bei dem jeden Tag ein deutscher Film mit russischen Untertiteln gezeigt wird. Eigentlich wollte ich den Film am Montagabend auch sehen, aber es gab noch einen „kleinen“ Empfang, der ebenso lange dauerte wie der Film, aber das war auch ganz lustig. Und die Kinobesucher waren größtenteils nicht besonders begeistert von dem Film. Ich habe also nichts verpasst, außerdem war ich am Mittwoch mit der 5. Klasse und gestern mit der 8. Klasse im Kino. Nicht ganz meine Altersklasse („Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Ostwind“), aber trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Am Donnerstag war ich dann beim Liederfestival, das glücklicherweise in einem Saal stattfand, den ich zu Fuß in 15 Minuten erreichen konnte. Die Veranstaltung begann 15 Minuten zu spät, unter anderem, weil die restlichen Jurymitglieder 10 Minuten zu spät kamen. Im Programm musste ich vorher 5 Beiträge ausbessern und die Reihenfolge ändern, und bei der tatsächlichen Vorführung ist noch ein weiterer Beitrag ausgefallen. Aber trotz der vielen Planänderungen hat es Spaß gemacht, die meisten Beiträge waren auch ziemlich gut. Und ich hatte Glück – dieses Jahr war der Wettbewerb mit 16 teilnehmenden Gruppen ziemlich klein. In den letzten Jahren waren es wohl bis zu 40 Beiträge… Die Entscheidung fiel auch nicht besonders schwer, weil vier Siegerplätze und sieben Nominierungen zu vergeben waren (Bestes Kostüm, Bestes Arrangement usw., die Trostpreise halt). Die Nominierungen waren nicht schwer zu entscheiden, und die vier Sieger waren auch eindeutig, weil es vier wirklich beeindruckende Beiträge gab. Die Liedauswahl war allerdings…interessant, man könnte die Veranstaltung vielleicht in Schlagerparty umbenennen? Von romantischen Tränendrüsenliedern wie „Endlich sehe ich das Licht“ bis zu Skikursliedern wie „Das rote Pferd“ oder „Das Fliegerlied“ war alles dabei…
Danach gab es noch ein „Galakonzert“, bei dem alle 11 Gewinner des Wettbewerbs und einige Gruppen von den verschiedenen Fakultäten der Baschkirischen Staatlichen Universität aufgetreten sind. Die Studenten hatten sehr unterschiedliche, aber allesamt sehr kreative Beiträge (dass es 20 Minuten später als geplant begonnen hat, hat mich gar nicht mehr überrascht…).

Obwohl die Woche nicht besonders anstrengend war, war ich doch oft lang unterwegs und spät zuhause. Deshalb war es gar nicht schlecht, dass ich gestern überraschend erfahren habe, dass ich heute frei habe, weil heute Subbotnik ist (eine Art Frühjahrsputz, bei dem ein Teil der Schüler die Straßen saubermacht und aufräumt) und alle Klassen, die ich gehabt hätte, beim Subbotnik beteiligt waren.

Heute hat es übrigens tatsächlich mal geregnet – normalerweise ist es hier sehr trocken. Wie trocken? In den vier Wochen, in denen ich jetzt hier bin, hat es an genau drei Tagen Niederschlag gegeben, sonst war es immer trocken, zwar meistens bewölkt, aber trocken. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungefähr dreimal so viel Cremes und Bodylotion und Labello brauche wie zuhause, und weshalb ich mich immer total freue, wenn ich endlich wieder Wäsche waschen kann, damit ich in meinem Zimmer nicht vertrockne (Zentralheizung und so, außerdem hat mein Zimmer drei Heizungen und ist ziemlich gut isoliert, deshalb schlafe ich meistens mit offenem Fenster. Nicht besonders umweltfreundlich, ich weiß, ich schäme mich sehr…).

Das war’s erstmal über die deutsche Woche. Es wird in der nächsten Zeit wie gesagt einen Artikel über die Geschichte Ufas geben, und ich versuche mal, daran zu denken, die Schule und meine Umgebung zu fotografieren, dann seht ihr auch mal, wie es in Djoma aussieht.

P.S.: Falls ich Dinge doppelt erwähne, tut mir das leid, aber ich habe inzwischen keinen Überblick mehr, ob etwas schon auf meinem Blog steht oder ob ich das nur mehreren Leuten erzählt habe… Also, falls ich mich wiederhole, dürft ihr mich gerne darauf hinweisen.

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Tag 27 – Schnee, Schnaps und Schwitzen

Liebe Leser_innen,

als ich am Samstag um 5 Uhr morgens in den Bus einstieg, bekam ich erst mal Angst. 16 Leute in einem kleinen, engen Bus eingequetscht, davon 8 betrunkene Männer, die eine Schnapsflasche nach der anderen durchreichen. Ich dachte, was mache ich hier, warum habe ich mich auf diesen Ausflug eingelassen, ohne überhaupt zu wissen, wer da mitfährt, ich will nach Hause! Dann fragte mich mein Sitznachbar, der wirklich sehr betrunken war, irgendwas, und ich sagte meinen Standardsatz „Ich verstehe es nicht, ich spreche kein Russisch, ich komme aus Deutschland.“ Bei der Info fing der halbe Bus an zu grölen und zu jubeln (die meisten haben wirklich sehr laute Stimmen) und ich wäre komplett verzweifelt, wenn sich nicht einer der Organisatoren meiner erbarmt hätte. Er hat sich dann zu mir gesetzt und wir haben uns ein bisschen auf Englisch unterhalten und er hat mir erklärt, dass das alles „good people“ sind und ich mir keine Sorgen machen muss. Und dass sie nicht immer betrunken sind, aber jetzt ist halt Wochenende…

Dann haben wir erstmal alle geschlafen und waren gegen 11 Uhr am Taganay-Nationalpark. Vom Parkplatz gingen wir ca. 7 Kilometer zu einem Camp mit mehreren Holzhütten und Zelten, wo wir Pause gemacht haben und Tee aus frischem Quellwasser getrunken haben, das in einem Kessel über dem Lagerfeuer gekocht wurde. Dieses Wasser vermisse ich jetzt schon… Vorher kam aber noch ein Kulturschock: als wir an einem größtenteils zugefrorenen und verschneiten Bach vorbeikamen, sind doch tatsächlich zwei der Männer nur in Unterhose in diesen Bach gestiegen und haben sich ins Wasser gelegt! Danach natürlich einige Runden Schnaps zum Aufwärmen (übrigens ganz verschiedene Sorten, nicht nur Wodka!). Mich wollten auch fast alle zum Trinken überreden, aber ich habe sie immer auf „später“ oder „abends“ vertröstet – nicht dass ich was gegen Alkohol hätte, aber wenn ich noch einen Berg rauf- und wieder runtermuss, trinke ich vorher ganz sicher nichts.

Besagter Berg war dann ziemlich anstrengend. Ohne Schnee wäre das kein großes Problem gewesen – der Berg war zwar steil, aber auf jeden Fall machbar, und der Aufstieg war auch nicht besonders lang. Das Problem war nur, dass der Weg erstens gerade den Berg hinaufging, also keine Serpentinen oder sowas, sondern der kürzeste Weg nach oben, und zweitens war alles verschneit und vereist. Man musste außerhalb des eigentlichen Weges hinaufsteigen und hoffen, dass man nicht im Schnee versank, denn auf dem eigentlichen Weg in der Mitte hatte man keine Chance, einen Schritt zu gehen, ohne abzurutschen. Den Grund dafür habe ich erst auf dem Rückweg verstanden: Wenn man von oben kommt, hat man fast keine andere Möglichkeit, hinunterzukommen, als sich hinzusetzen und auf dem Hintern runterzurutschen. Das ist dann umso lustiger, aber der Aufstieg ist halt hart. Der „Chef“ der Truppe hat gleich gemerkt, dass ich mit dem Weg Schwierigkeiten hatte, und ist mir vorausgegangen und ich bin ihm in seinen Fußstapfen hinterhergekeucht. An seinem Handgelenk hatte er einen Lautsprecher hängen, aus dem (auf meinen Wunsch nach motivierender Musik) den ganzen Aufstieg lang in voller Lautstärke AC/DC schallte. Hat meiner Motivation auf jeden Fall weitergeholfen!

Oben angekommen habe ich mich dann doch zu einem Gipfelschnaps überreden lassen, denn ich war einigermaßen fertig mit den Nerven und ich wusste, dass ich ja nur noch den Berg runterrutschen und 2 Kilometer in der Ebene laufen muss. In unserem Haus gab es dann abends Essen und einen Banja-Besuch, den ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte [Banja funktioniert im Prinzip genau wie Sauna, heißt nur anders]. Ich habe dann auch das volle Programm mitgemacht: erst mit Tannenzweigen abschlagen (bei zwei Aufgüssen in gefühlt einer Minute), dann schnell raus und in den Bottich mit eiskaltem Quellwasser steigen, schnell wieder in die Banja zurück und das Ganze nochmal, ab ins Wasser, nochmal in die Banja zurück. Das hätte man wahrscheinlich bis zur totalen Erschöpfung weitermachen können, aber nach dem zweiten Eisbaden war es mir dann doch genug und das wurde zum Glück auch akzeptiert. Danach sah ich aus und roch wie ein Weihnachtsbaum, überall klebten die Tannennadeln, aber der Geruch von Birkenholz und Tannennadeln ist echt unglaublich toll.

Trotz wenig Platz (drei Leute auf einer 1,60m-Matratze) schlief ich wie ein Stein und konnte mich auch halbwegs ausschlafen. Am Sonntag begann sich erst ab 11 Uhr eine leichte Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Erst ging eine kleine Gruppe noch auf einen anderen Berg (da man sich etwas beeilen musste, sind nur die geübten Wanderer mitgegangen, also bin ich im Haus geblieben) und um 16 Uhr gingen wir wieder zurück zum Parkplatz. Das war ein wunderschöner Weg, weil es nachts noch einmal geschneit hatte und die Wege nicht mehr so vereist waren. Trotzdem bin ich am Schluss einmal hingefallen, weil meine Müdigkeit größer und die Konzentration kleiner wurde. Und zwar echt so, wie wenn im Comic jemand auf einer Bananenschale ausrutscht. Mit dem Rucksack hatte ich noch schön viel Gewicht, das mich noch schneller nach unten zog. Aber es ist nichts passiert, auch wenn mein Hintern in dem Moment sehr wehtat…

Und obwohl die Wanderungen schön waren und die Leute sehr lustig, hatte ich doch oft Langeweile, weil wir im Haus sehr viel Freizeit hatten und in unserem 6er-Zimmer keine Sprache hatten, die jeder verstand. Deshalb konnte ich meistens nicht mitreden und habe dann Musik gehört. Allerdings musste ich Akku sparen, weil es keine Steckdosen gab und dank der Solaranlage gerade genug Strom für Licht am Abend. Und ein Buch hatte ich auch nicht dabei, weil ich nicht mit so viel freier Zeit gerechnet hatte und weil ich das ja die ganze Zeit hätte tragen müssen. Aber alles in allem hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Die meisten Teilnehmer haben gesagt „So viel russische Kultur in so kurzer Zeit wirst du nicht mehr erleben!“… Und wenn ich so gut Russisch könnte, dass ich mich mit den anderen unterhalten kann, würde ich so eine Wanderung noch einmal machen. Die Sprachbarriere war schon sehr hinderlich.

Außerdem kamen wir leider abends viel später an als erwartet, hauptsächlich deshalb, weil für die Fahrt 3 bis 4 Stunden geplant waren, wir aber trotz guter Geschwindigkeit und wenig Verkehr fast 6 Stunden gebraucht haben. Um 00:30 Uhr waren wir also am Busparkplatz, dann noch eine halbe Stunde Taxifahrt nach Hause, duschen, auspacken und heute früh in die Schule, um den Schüler_innen ein letztes Training vor der DSD-Prüfung anzubieten. Entsprechend müde bin ich heute, und mein Plan, morgen endlich auszuschlafen, weil ja Ferien sind, steht auch schon nicht mehr, weil ich bei den Prüfungen auch dabei sein soll. Die gehen um 10 los und dauern offiziell bis 16 Uhr, aber mir wurde schon versichert, dass es mindestens bis 18 Uhr dauern wird. Langsam gewöhne ich mir an, mich auf keine freie Stunde mehr zu verlassen… Aber gut, ich bin ja schließlich nicht zum Urlaubmachen hier 😉

P.S.: Ich bekomme die Bilder leider nicht in die richtige Reihenfolge – so, wie sie in der Übersicht angezeigt werden, ist es richtig. Ich weiß nicht, warum die Gipfelfotos beim Durchklicken an den Schluss rutschen…

Tag 24 – Grau mit Aussicht auf Schnee

Liebe Leser_innen,

heute hat es zum ersten Mal, seit ich hier bin, geschneit. Aber nicht so puderzucker-märchenwald-zauberhaft-mäßig, sondern mehr so „Och nööö, es liegt doch schon genug Schnee!“ Es hat zwar nur wenig geschneit, aber trotzdem war der Himmel grau und zugezogen. Bis jetzt war es immer trocken und meistens sonnig. Meine Stimmung und die der anderen Lehrer war entsprechend gedrückt und obwohl es der letzte Schultag vor den Frühlingsferien war, herrschte eine gereizte und gestresste Stimmung, weil in den Ferien die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Irgendwie alles grau heute.

Noch dazu kam ich zu spät in meine erste Stunde, weil die Stunden heute jeweils zehn Minuten kürzer waren, damit man nach Schulschluss noch genug Zeit hat, die Schule für die Ferien aufzuräumen und zu putzen. Das habe ich aber erst erfahren, als ich um fünf vor neun im Lehrerzimmer stand und auf die Lehrerin gewartet habe, in deren Unterricht ich gehen sollte. Eine andere Lehrerin schaute mich ganz erstaunt an und fragte: „Willst du zu N.? Die hat schon längst angefangen, heute sind doch die Stunden kürzer!“ Wieder was gelernt. Aber – eigentlich gar keine schlechte Methode, um am letzten Schultag weniger Unterricht zu haben, ohne dass ganze Fächer ausfallen müssen.

Ich bin jedenfalls froh über die Ferien, denn die ersten zwei Wochen waren ziemlich anstrengend und diese gestresste Prüfungsstimmung macht es auch nicht besser… In den Ferien werde ich dann meine ersten Russischstunden bei einer Privatlehrerin haben, die auch meinem Vorgänger Unterricht gegeben hat. Einige Schüler haben mir angeboten, mir die Stadt zu zeigen und am Wochenende werde ich mit der Tochter der Schulleiterin und ihren Freunden eine Wanderung im Taganay-Nationalpark machen. Den Fotos nach zu urteilen ist das ein echtes Winter-Wonderland… Ich hoffe, dass dort das Wetter besser ist als in der Stadt, damit ich auch schöne Fotos machen kann, auf denen man mehr sieht als Schnee und Nebel und Wolken.

Es war allerdings gar nicht so leicht, sich passende Ausrüstung zu besorgen. Zuhause hätte ich alles gehabt, gute Bergschuhe, eine wasserdichte Schneehose und einen Wanderrucksack. Hier habe ich schon Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der Schuhgröße 40 hat (und mir dann auch noch geeignete Schuhe ausleihen kann). Hoffnungsfroh habe ich die Schuhe einer Lehrerin entgegengenommen, die mir gestern noch versichert hatte, dass diese Schuhe sehr gut für diese Wanderung sein werden – und es sind Ugg-Boots. Warm ja, aber von wasserdicht weit entfernt. Die Alternative: meine Wanderschuhe, ziemlich wasserdicht, mit gutem Profil, aber nur knöchelhoch. Eine Schneehose habe ich auch aufgetrieben, aber auch die ist leider nicht wasserdicht. Den Rucksack werde ich bei der Organisation, die diesen Ausflug veranstaltet, ausleihen.

Und jetzt ärgere ich mich natürlich wahnsinnig, dass ich mich vor meiner Abreise nicht gut genug über das Wetter informiert habe – dann hätte ich zumindest die Bergschuhe eingepackt. Und über den Rucksack habe ich auch ernsthaft nachgedacht, ich weiß gar nicht mehr, warum ich mich dagegen entschieden habe, ihn mitzunehmen…

Aber nachher weiß man es immer besser als vorher und an der Situation kann ich jetzt auch nichts mehr ändern. Ich kann nur hoffen, dass es nicht regnet oder schneit und dass wir vielleicht nicht durch meterhohen Tiefschnee stapfen müssen. Wenigstens habe ich in den Ferien außer Russischlernen und jeweils einmal Zusatzunterricht für die 7. und 9. Klasse nicht allzu viel vor, also wäre es auch nicht allzu tragisch, wenn ich mich erkälte.

Trotzdem freue ich mich natürlich sehr auf diese Wanderung, weil ich wieder einmal neue Leute kennenlernen werde und überhaupt mal ein bisschen Natur zu sehen bekomme. Ufa ist zwar sehr grün, aber in unserem Bezirk Djoma sehe ich zumindest auf dem Schulweg nur Hochhäuser und graue Straßen. Außerdem gibt es in der Unterkunft beim Nationalpark eine echte russische Sauna (баня/Banja), darauf freue ich mich schon sehr.

Ich werde also berichten und hoffentlich schöne Fotos hochladen.

Und wie geht es nach den Ferien weiter? Ich werde wohl immer mehr Unterricht selbst übernehmen, allerdings wird das größtenteils so ablaufen, dass die eigentliche Lehrerin auch im Raum ist. Dass ich alleine unterrichten muss, bleibt hoffentlich die Ausnahme, das ist nämlich doch ganz schön anstrengend, vor allem wenn die Schüler meine Arbeitsanweisungen nicht verstehen. Außerdem werde ich zwei- bis dreimal in der Woche Zusatzunterricht für verschiedene Klassen anbieten, hauptsächlich zur DSD-Vorbereitung (mündliche Kommunikation, Schreibtraining usw.). Im April findet auch noch im Rahmen der „Deutschen Woche“ das republikanische Festival der deutschen Lieder in Ufa statt, bei dem Schüler aus ganz Baschkortostan nach Ufa kommen, um deutsche Lieder bei einem Wettbewerb aufzuführen. Für diesen Wettbewerb werde ich auch ein Lied mit mehreren Schülerinnen einstudieren. Die Erwartungen sind hoch – wir sollen diesen Wettbewerb doch bitte gewinnen, damit sich die Schule von dem Preisgeld neue Möbel kaufen kann! Naja, ich werde schon nicht nachhause geschickt werden, wenn wir nicht gewinnen…

Und dann werde ich irgendwann mein Freiwilligenprojekt durchführen – der Plan steht schon, aber ich werde nichts verraten, bis es tatsächlich durchgeführt wird! Wenn dann in den Restferien nach den Prüfungen ein bisschen Zeit ist, werde ich das Projekt der Schulleiterin vorstellen. Bis jetzt hatte sie nämlich kaum mehr als fünf Minuten am Stück Zeit, da war es mir zu stressig, zumal der Plan auch erst seit gestern so weit ausgearbeitet ist, dass man ihn präsentieren kann. Wenn die Schulleitung einverstanden ist und ich genügend Leute finde, die mitmachen, dann wird es sicherlich sehr cool!