Tag 67 – Eine Kirche und viele Denkmäler

Liebe Leser_innen,

in den letzten Tagen ist die Stadt plötzlich grün geworden. Von einem Tag auf den anderen blühten plötzlich alle Wiesen und Bäume, die Grünstreifen neben den Straßen sind jetzt tatsächlich grün und überall wuchert der Löwenzahn vor sich hin. Ich würde jetzt gerne Fotos hochladen, aber leider ist es jetzt, wo wirklich jeder Baum blüht, wieder kalt, grau und regnerisch geworden, kurz: nicht besonders präsentabel. (In der Wohnung ist es zur Zeit tatsächlich ziemlich kalt, weil die Zentralheizung jetzt aus ist und es draußen nachts wieder um 0°C hat…) Aber in der letzten Woche habe ich schon einen Eindruck davon bekommen, wie der Sommer hier sein wird. Es hatte bis zu 25°C und die Sonne strahlte den ganzen Tag an einem meist wolkenlosen Himmel. Da ist der Wind dann wieder angenehm…

Bei diesem Wetter bin ich dann am Sonntag und am Montag jeweils nachmittags in die Stadt gefahren, um das Zentrum ein bisschen zu Fuß zu erkunden. Die Straßen sind dort alle rechtwinklig und sehr gerade, deshalb hatte ich keine Angst, mich zu verlaufen. Irgendwann stand ich dann an einer Kreuzung, unschlüssig, in welche Richtung ich weiterlaufen soll, und dann habe ich eine Kirche am Ende einer der Straßen entdeckt und habe beschlossen, sie mir anzuschauen. Nur leider habe ich die Entfernungen in dieser Stadt noch nicht ganz verinnerlicht, und deshalb war ich erst nach einer knappen Viertelstunde bei der Kirche, obwohl ich sie die ganze Zeit direkt vor Augen hatte. Dort angekommen hörte ich eine Zeitlang dem Gottesdienst zu und bewunderte die Innengestaltung, die fast nur aus Gold bestand. Ein Foto davon habe ich leider nicht, denn es gab mehrere Schilder, die ausdrücklich auf ein Handyverbot in der Kirche hinwiesen, und daran habe ich mich lieber mal gehalten.

Diese wunderschöne Kirche trägt den langen Namen „Кафедральный соборный храм Рождества Богородицы“. Eine Übersetzung dieses Titels habe ich nicht zustandegebracht.

Ich bin dann noch ein bisschen herumgewandert und habe einige Denkmäler auf den gleichnamigen Straßen entdeckt (Lenina ulitsa, Puschkina ulitsa, Kirova ulitsa, Karla Marksa ulitsa, …).

Ein Denkmal des sowjetischen Schriftstellers Wladimir Wladirimirowitsch Majakowskij.

Lenin von Weitem…

… und nochmal in Nahaufnahme mit besserem Licht.

Eine Gebäudewand der wissenschaftlichen Akademie der Republik Baschkortostan.

Schließlich habe ich mein erstes, wohlverdientes Schawarma gegessen (Der Schawarma? Die Schawarma?) und es war wie erwartet sehr, sehr lecker. Bei dem Stand war außerdem nichts los und deshalb habe ich mich, während der/die/das Schawarma zubereitet wurde, mit der Verkäuferin unterhalten. Sie hatte mich nämlich gefragt, woher ich komme, weil sie meinen Akzent bemerkt hatte (Mist!) und hat sich sehr dafür interessiert, was ich hier mache und wie es mir gefällt. Und das war wirklich ein tolles Erlebnis.

Bis jetzt bin ich nämlich leider hauptsächlich auf Ablehnung und sichtliche Genervtheit gestoßen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit als Ausländerin „geoutet“ habe, indem ich etwas nicht verstanden habe. Und bei den Menschen, bei denen mir das bis jetzt passiert ist (Supermarktkassiererinnen, Busfahrer, Friseur), war das auch sicher keine Ausländerfeindlichkeit oder Misstrauen oder sonst irgendwas, sondern sie waren einfach genervt, dass sie mir jetzt etwas nochmal sagen oder gar erklären müssen. Obwohl die Reaktionen in den meisten Situationen verständlich sind und in Deutschland genauso ausfallen würden, ist es für mich trotzdem jedes Mal ein blödes Gefühl. Und dann stelle ich mir jedes Mal die gleichen Fragen: Bin ich jetzt zu empfindlich oder könnten die anderen Leute auch mal ein bisschen freundlicher sein? War die Person vorher schon schlecht gelaunt oder bin ich jetzt der Grund dafür? Wie hätte ich mich verhalten, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären? Wie hätte sich eine vergleichbare Person in Deutschland verhalten? …? …? …?

Das einzige, was mir da für meinen Seelenfrieden hilft, ist, das Ganze einfach erstmal zu vergessen und mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Außerdem wurde ich neulich netterweise zu einer wöchentlichen Skypekonferenz auf Russisch mit anderen Freiwilligen aus russischsprachigen Ländern eingeladen. Und da merke ich, dass ich eigentlich doch gar nicht so schlecht Russisch spreche. Auch wenn ich wenig Vokabular habe und natürlich nichts verstehe, wenn ich in der Öffentlichkeit etwas gefragt werde, kann ich mich doch, wenn auch beschränkt, über meinen Alltag unterhalten. Und das Skypegespräch ist immer der Punkt in der Woche, an dem ich meinen tatsächlichen Fortschritt bemerke. Jede Woche verstehe ich mehr und kann mehr sagen und das ist für das Selbstbewusstsein und die Motivation wirklich äußerst hilfreich.

Für euren Seelenfrieden gibt es jetzt noch einen einsamen Fun Fact, den ich beim letzten Mal vergessen habe zu erwähnen:

Makkaroni
Alle Nudeln heißen Makkaroni. Egal, ob Spaghetti, Penne, Girandole, Linguine oder wie sie alle heißen, hier heißen sie Makkaroni und man kann einige Sorten zu einem Kilopreis von ca. 50 Cent in Plastiktüten im Supermarkt kaufen. Die schmecken auch gar nicht so schlecht. (Ja, ich habe diese Nudeln mal gekauft…)

Übrigens hatte ich schöne zwei Wochen, in denen ich die 7. und 8. Klasse alleine unterrichtet habe, und im Moment steht mir der Sinn doch wieder sehr danach, Lehramt zu studieren. Diese zwei Klassen sind einfach total nett und bringen mich oft zum Lachen. Neulich sollten sie z.B. Dialoge vorspielen, in denen verschiedene Familienmitglieder sagen, was sie jetzt gerne unternehmen wollen. Der Dialog, der von mir trotz wenig Text einen Extrapunkt für realistische Darstellung bekommen hätte, wenn es Punkte gegeben hätte, verlief so:
Mutter: Ich möchte gerne ins Kino gehen.
Sohn: Ich möchte lieber Tretboot fahren.
Tochter: Bist du dumm?
Sohn: DU bist dumm!

Tag 61 – Sophia, Saphia, Sophie

Liebe Leser_innen,

es ist ein entspannter Sonntagvormittag und alle sind in Feiertagsstimmung. So auch Svetlana und ich – gerade saßen wir noch in aller Ruhe bei Tee und Gebäck in der Küche und haben darüber geredet, ob das gesamte Leben eigentlich vorbestimmt ist oder nicht… Was hier allerdings fehlt, ist die „Oh mein Gott, morgen und übermorgen sind die Geschäfte zu, wir müssen Vorräte für drei Wochen kaufen!“-Samstagnachmittag-Einkaufshektik. Denn hier sind ja alle Geschäfte auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Und da es jetzt tatsächlich sonnige 18°C hat, herrscht hier eine wohlige, fast sommerliche Sonntagsentspannung. Mein Zimmer wird durch die vielen Fenster wunderschön von der Sonne beleuchtet und ich kann bei schöner Musik in aller Ruhe ein bisschen schreiben.

Morgen ist also der erste Mai. Die meisten Leute, so auch Svetlana, fahren auf ihre Datschen, um diese sommerfertig zu machen. Von meiner Russischlehrerin habe ich aber erfahren, dass es in der Stadt ziemlich viele Veranstaltungen und abends ein Feuerwerk gibt. Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen und werde die Gelegenheit nutzen, nochmal ein bisschen die Stadt zu erkunden und endlich mal Schawarma zu essen. Das ist so ähnlich wie Döner und gibt es an jeder Ecke, aber es hat sich für mich bisher leider noch nicht ergeben…
In Djoma gab es gestern außerdem eine „Jarmarka“ (ja, genau, einen Jahrmarkt), bei der unter anderem frisches Gemüse und Schaschlik verkauft wurde. Dafür wurde die ulitsa Pravdy, eine der Hauptverkehrsstraßen in meiner näheren Umgebung, gesperrt.

Die „Jarmarka“

Bei dem schönen Wetter habe ich auch noch ein paar Bilder gemacht. Ich entschuldige mich übrigens sehr für die schlechte Qualität, die eben entsteht, wenn man mit dem Handy Fotos macht. Aber in den Momenten, wenn mir auffällt, dass man jetzt ein schönes Foto machen könnte, habe ich meine Kamera eben nie dabei. (Wobei die Kamerabilder auch nicht viiiel besser sind…)

Das ist mein Schreibtisch im Büro der stellvertretenden Direktorin.

Und das ist der Blick aus dem Fenster. Leider blühen die Birken noch nicht.

Und durch diesen kleinen Park führt mein Schulweg:

Und hier sind noch ein paar weitere Fun Facts:

Busfahren #2
In den großen Stadtbussen gibt es meistens eine Fahrkartenverkäuferin, die einem während der Fahrt ein Ticket verkauft (das kostet auch da normalerweise 25 Rubel). Und diese Verkäuferin hat einen eigenen Platz im Bus, der manchmal sogar mit Klebeband oder ähnlichem markiert ist. Bei meiner ersten Busfahrt mit einem Stadtbus hab ich Depp mich gleich mal auf diesen Platz gesetzt, aber eine andere Frau hat mich rechtzeitig freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich doch bitte wieder aufstehen solle. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ticketverkäuferin auch so freundlich gewesen wäre… Es hätte mir allerdings auch verdächtig vorkommen müssen, dass dieser eine Platz frei ist und trotzdem mehrere Leute stehen. Übrigens: wenn gerade keine Verkäuferin mitfährt, bezahlt man wie in der Marschrutka beim Aussteigen beim Fahrer.

Handys im Unterricht
… sind ganz normal und offenbar völlig akzeptiert. Ich bekomme immer nur erstaunte Blicke, wenn ich die Schüler bitte, ihre Handys aus der Hand zu legen oder gar in die Tasche zu packen… In der 4. Klasse muss ich es am häufigsten sagen, da passiert es auch regelmäßig, dass ein Handy klingelt und sein Besitzer, anstatt es wegzupacken, seelenruhig aus dem Zimmer geht und telefoniert. Neulich hat mich ein Junge während einer Klassenarbeit sogar gefragt, ob er rausgehen und mit einem Freund telefonieren kann, ich dachte, ich hör nicht richtig. Und ich hab mich auch schon in der einen oder anderen Story auf VKontakte gefunden, wenn die Schüler meinten, den Unterricht dokumentieren zu müssen. Ich weiß nicht, ob ihnen nicht klar ist, dass ich ihre Bilder und Videos sehen kann, oder ob es ihnen egal ist…

Mensa
Das Essen in der Mensa ist, wie schon mal erwähnt, relativ gut. Zwar absolut nicht gesund, das Angebot besteht aus Nudeln, Kartoffeln, Hühnchen und kotlety (Fleischküchla/Fleischpflanzerl/Buletten/…) und diversem Weißmehlgebäck. Ungefähr alle drei Wochen gibt es Salat. Das ist gar nicht so schlimm, aber was richtig nervt, ist, dass es aus Sicherheitsgründen keine Messer gibt. Am ersten Tag habe ich eine der Deutschlehrerinnen gefragt, wo es denn Messer gibt, und sie hat mich erst angeschaut wie ein Auto, dann laut gelacht und gesagt „Aber Sophie, was willst du denn mit einem Messer? Das ist doch gefährlich!“
Wenn man also nicht mit den Händen essen will, fallen die Hähnchenschenkel/-flügel weg, denn mit Löffel und Gabel ist das nahezu unmöglich. Und ganz realistisch gesehen kann man meiner Meinung nach mit den ziemlich spitzen Gabeln noch eher jemanden verletzen als mit einem stumpfen Buttermesser, wie es sie in einer Mensa normalerweise gibt…

Sophie…
Nein, ich habe mich nicht vertippt. Tatsächlich höre ich den Namen Sophia fast nur dann, wenn ich mit Freunden und Familie in Deutschland telefoniere. Am Anfang hat mich das echt genervt, denn auch in Deutschland haben mich viele Leute, vor allem Lehrer, nur Sophie genannt, und so heiße ich eben nicht. Und das zählt meiner Meinung auch nicht mehr als Spitzname, weil Sophie ein eigener, anderer Name ist. Und wenn mich jemand Sophia nennt, dann klingt das Saphia, weil das O unbetont ist und als A gesprochen wird… Dann habe ich aber gemerkt, dass Sophie hier einfach der Kosename für Sophia ist, und das macht es erträglicher. Hier wird Alina auch Alin genannt, Regina heißt Regin, Diana wird zu Dian und Evelina heißt Evelin.

Bis bald, eure Sophie. Ääähhh, Sophia. 😉

Tag 32 – Erfolge und Enttäuschungen

Liebe Leser_innen,

mit jedem Tag, den ich hier bin, fühle ich mich immer mehr zuhause. An die Schule und den Schulweg habe ich mich schnell gewöhnt, aber um hier in der Wohnung wirklich anzukommen, habe ich mehr Zeit gebraucht. Inzwischen fühle ich mich schon zuhause, auch weil ich jetzt weiß, wo alles ist und nicht mehr beim Kochen erstmal alle Schränke aufmachen muss, um einen Topf zu finden. Und inzwischen fühle ich mich auch außerhalb der Wohnung ziemlich „sicher“ – damit meine ich, dass ich mich jetzt in den Supermärkten auskenne, dass ich weiß, in welchem Supermarkt man was bekommt und was nicht, dass ich weiß, mit welchen Bussen ich in die Stadt komme usw. Außerdem weiß ich jetzt, was ich an der Supermarktkasse gefragt werden kann und was ich darauf antworte. Am Anfang wusste ich nämlich gar nicht, was die von mir wollten. Aber jetzt weiß ich: zuerst fragen sie schön gereimt: „Paket ili njet?“ („Tüte oder nicht?“), dann, ob ich eine Bonuskarte habe und dann, ob ich noch Kleingeld habe. Und wenn ich schlau genug war, selber eine Einkaufstüte mitzunehmen, sage ich einfach dreimal „Njet“. So einfach geht das! Und weil ich mich auch über die kleinen Dinge sehr freue, gebe ich mir immer ein kleines mentales High-Five, wenn ich irgendwo in der Öffentlichkeit mit Leuten reden musste und alles verstanden habe.

Auch wenn ich jetzt meine ersten 10 Russischstunden hinter mir habe (in den Ferien haben wir schon viel Unterricht gemacht, weil die Lehrerin und ich beide viel Zeit hatten), kann ich mich noch nicht in allen Alltagssituationen souverän bewegen. Zum Beispiel heute im Bus: zwei Stationen, bevor ich aussteigen musste, war ich die Letzte im Bus und der Busfahrer fragte mich, wo ich aussteigen will. Als ich ihm die Straße nannte, war er sichtlich genervt (was ich gar nicht verstanden habe, weil der Bus sonst auch immer da gehalten hatte) und hat wild auf mich eingeredet und ich habe natürlich nichts verstanden, außer dass es ihn offenbar gestört hat, dass ich jetzt unbedingt DA aussteigen will. Ob es etwas an seiner Fahrtroute geändert hätte, wenn ich früher ausgestiegen wäre, weiß ich nicht, aber ordentlich verwirrt war ich schon. Und mal ehrlich: alleine in einem Bus zu sein mit einem aggressiv fahrenden und offenbar schlecht gelaunten Busfahrer ist auch nicht gerade angenehm… Ich war jedenfalls froh, dass er mich dann doch an der richtigen Stelle rausgelassen hat.

Eine andere Situation: ich musste mein Handyguthaben aufladen. Auf der Wanderung am Wochenende habe ich mein Guthaben aus Versehen aufgebraucht, weil ich im Internet war, ohne zu wissen, dass wir nicht mehr in der Republik Baschkortostan waren und ich damit im „Ausland“ war. Mein Tarif gilt aber nur fürs „Inland“ und deshalb musste ich 130 Rubel bezahlen, um mein Internet wieder freizuschalten. Das geht dann an einem Automaten in einer Filiale des Anbieters. Auf meinem Schulweg ist glücklicherweise eine solche Filiale, weshalb ich am Montagmorgen mein Guthaben wieder aufladen wollte. Auf dem Automaten gab es aber viele Möglichkeiten zur Auswahl, und es standen zu viele Leute hinter mir, als dass ich in Ruhe alles im Wörterbuch hätte nachschauen können. Also habe ich die beiden Verkäufer gefragt, ob sie Englisch sprechen – erstaunte, fast verwirrte Blicke und „Njet“. Weil ich auf Russisch absolut nicht mein Problem erklären konnte, hat mir einer der beiden plötzlich sein Handy mit einer Übersetzungs-App hingehalten und mich aufgefordert, mein Problem dem Handy zu erzählen. Das hat mäßig gut geklappt, aber am Ende hat mir der andere Verkäufer dann das Guthaben aufgeladen. Wie der Automat funktioniert, weiß ich leider immer noch nicht, weil das echt schnell ging und es ziemlich viele Schritte bis zum Bezahlen waren, aber nächstes Mal nehme ich mir dann jemanden mit, der Deutsch oder Englisch spricht und sich auskennt… Aber das war mir echt peinlich. Vor allem, wie die ganzen Leute im Laden mich angeschaut haben, wie ich da in dieses Handy reinspreche – die müssen sich auch gewundert haben!

Aber genug von den peinlichen Situationen: jetzt gibt es noch ein paar Fun Facts über das Leben in Ufa!

Busfahren
Es gibt neben den großen Stadtbussen auch kleine Shuttlebusse (marschrutka) ohne festen Fahrplan, die nicht immer an ausgeschriebenen Haltestellen halten. Da, wo ich normalerweise einsteige, gibt es kein Schild. Man muss halt wissen, dass der Bus da vor dem Supermarkt hält. Man bezahlt beim Aussteigen, und zwar immer 25 Rubel (in manchen Bussen 20), egal, wie weit man fährt. Der Busfahrer hat dann meistens einen Schwamm mit Schlitzen drin, in dem er die Münzen aufbewahrt. Die Scheine stecken oft im CD-Fach oder so.

Autobahnabfahrten
Die meisten Abfahrten, die auf Autobahnbrücken führen, sind meiner Meinung nach extrem unpraktisch. Man fährt nämlich nicht vor der Brücke raus und dann in einer großen Kurve nach links auf die Brücke, sondern unter der Brücke durch und macht dann eine 180-Grad-Kurve, die ziemlich eng ist, und dann biegt man nach rechts auf die Brücke ab. Ausfädelungsstreifen gibt es nicht wirklich, also bremst man einfach so voll ab, um diese Kurve zu kriegen. Apropos:

Straßen
Viele Straßen haben keine Markierungen. Im besten Fall liegt das daran, dass die Straße neu ist und noch keine Markierungen hat, in den meisten Fällen daran, dass die Straße schon so alt ist, dass man die Markierungen nicht mehr sieht. Auf den großen Straßen hängen dann Schilder über der Straße, die anzeigen, wie viele Spuren es gibt und wo man wohin abbiegen kann (daran hält sich aber keiner). Es kommt dadurch oft zu mutigen Überholmanövern, bei denen es dann halt Ansichtssache ist, ob man eigentlich auf der Gegenfahrbahn fährt oder ob da doch noch eine Spur ist. Schlaglöcher sind die Normalität, und oft wünscht man sich, der Busfahrer würde einfach drüberfahren, anstatt kurz mal einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn zu machen…

Packungsgrößen (Ergänzung)
Auch wenn es hier teilweise die gleichen Marken gibt wie in Deutschland, sind die Packungen kleiner. Es ist aber gleich viel drin, nur sind die Packungen tatsächlich voll und nicht zur Hälfte mit Luft gefüllt. Da hat mal jemand mitgedacht.

Und noch ein Moment, der mich zum Lächeln gebracht hat: Mehrere Schülerinnen einer Klasse haben mir gesagt, dass mein Name wie ein Zauberspruch aus Harry Potter klingt. Süß, oder?
*zauberstab schwing* „SOPHIARIVINIUS!“ Was dann wohl passieren würde?

Tag 22 – Kleine Alltagskuriositäten

Liebe Leser_innen,

langsam bekomme ich ein Gefühl von Alltag. Mein Stundenplan steht fest, ich weiß, was ich zu tun habe, ich kenne die Supermärkte auf dem Schulweg und ich habe ungefähr eine Vorstellung davon, wie die nächsten 5 Monate ablaufen werden. Inzwischen habe ich auch entdeckt, dass die Mensa jeden Tag zwischen 12 und 13 Uhr Mittagspause hat (kein Witz!) und kann so auch planen, dass ich mir selbst Essen in die Schule mitnehme, wenn ich nur in dieser Stunde frei habe.

In den letzten Tagen habe ich nichts Weltbewegendes erlebt, aber jeden Tag fallen mir einige kleine Dinge auf, die hier anders sind als zuhause. Anders, nicht besser oder schlechter, nur anders. Diese Liste wird sich sicherlich noch erweitern, aber ich fange hier mal an.

Wasserhähne
Die Wasserhähne funktionieren teilweise andersherum, d.h. für heißes Wasser muss man nach rechts drehen und für kaltes nach links. Aber eben nur teilweise. Manche sind auch so wie zuhause. Manche Wasserhähne haben sogar die gewohnte blaue und rote Markierung, aber funktionieren andersherum als markiert. Inzwischen traue ich keinem Wasserhahn mehr über den Weg, schon gar nicht, wenn Markierungen drauf sind… Also wird halt jedes Mal ausprobiert.

Packungsgrößen
Die Maß- und Gewichtsangaben sind ungewohnt. Es wird zwar das metrische System benutzt, aber Produkte werden oft in für uns ungewohnten Mengen verkauft. Heute habe ich mir z.B. eine 0,6-Liter-Wasserflasche gekauft und morgens esse ich Cornflakes aus einer 370-Gramm-Packung mit Milch aus einer 880-Milliliter-Flasche.

Bezahlen
An der Supermarktkasse wird gerundet – meistens sogar zum Vorteil des Kunden. Es gibt zwar eigentlich Münzen für 1, 5, 10 und 50 Kopeken, aber bis jetzt habe ich nur 10 und 50 Kopeken gesehen. Kleinere Münzen bekommt man auch laut meiner Vermieterin normalerweise nicht zu Gesicht. Ein Beispiel: Gestern habe ich für 239,98 Rubel eingekauft (ca. 4€), habe 240 Rubel bezahlt und anstatt von 2 Kopeken 50 Kopeken (½ Rubel) zurückbekommen. Naja, das stört mich jetzt wirklich nicht.

Schließfächer im Supermarkt
Am Eingang jedes Supermarkts gibt es Schließfächer, in denen man seine eventuellen Einkäufe aus einem anderen Geschäft aufbewahren kann. Damit an der Kasse keiner denkt, man würde klauen.

Schulgong
Der Schulgong wird tatsächlich von Hand betätigt. Jeden Tag sitzen zwei andere Schüler_innen neben dem Eingang und drücken pünktlich am Anfang und Ende jeder Stunde auf den Klingelknopf. Ich weiß nicht, was diese beiden sonst noch machen. Irgendwas schreiben sie immer auf, aber ich habe noch nicht herausgefunden, was. Wenn ich es weiß, werde ich berichten.

Drehkreuze
Der Eingang der Schule ist mit Drehkreuzen gesichert, für die man eine Karte braucht, um durchzukommen. Am ersten Tag hat mich meine Vermieterin zur Schule gebracht und mich der Frau, die zusätzlich zu den Schüler_innen am Eingang sitzt, vorgestellt und erklärt, dass ich noch keine Karte habe. Am nächsten Tag bin ich alleine zur Schule gegangen und es war eine andere Frau da, die mich nicht kannte und die mich auch nicht reinlassen wollte. Auch mein Lieblingssatz „Я волонтёр из Германии Ich bin die Freiwillige aus Deutschland“ hat mir nicht weitergeholfen. Irgendjemand hat dann zum Glück die Schulleiterin geholt, die dann allen versichert hat, dass ich wirklich in die Schule darf. Jetzt habe ich auch eine Karte.

Türen #1
Auch für die Haustür gibt es keinen gewöhnlichen Schlüssel, sondern nur einen Transponder, der die Tür mit lautem Gepiepse öffnet.

Sonnenbrillen
Trotz des strahlenden Sonnenscheins, der vom Schnee und den Pfützen sehr stark reflektiert wird, habe ich noch keine einzige Person mit Sonnenbrille gesehen.

Türen #2
Die allermeisten Türen gehen nach außen auf, d.h. wenn man durch den Flur läuft, darf man nicht zu nah an den Wänden laufen, weil man sonst schnell mal eine Tür ins Gesicht bekommt…

Ich finde es sehr erstaunlich zu sehen, wie schnell man sich doch an eine komplett neue Umgebung gewöhnen kann. Hätte ich nicht gedacht, dass ich schon nach 12 Tagen (fast) alles als ganz normal empfinde.