Tag 131 – Kreativ, produktiv und innovativ!

Liebe Leser_innen,

nach einer kurzen Pause geht es jetzt wieder weiter mit meinem Blog. Ich war die letzten zwei Wochen zuhause in Deutschland und habe das Schreiben immer wieder vor mir hergeschoben…

Dafür geht es weiter mit dem Bericht über das Sprachlager, in dem ich vor meinem Urlaub zumindest dreieinhalb Tage war. Ich wusste zunächst gar nicht, wo dieses Lager ist, denn es existiert in Google Maps nicht, sondern nur im russischen 2GIS (da habe ich aber vergessen zu suchen). Wir wurden in mehreren Marschrutkas dorthin gefahren, und auf den ersten Blick sah alles ganz idyllisch aus. Ein kleines Lager/лагерь (übrigens auch wie „Landschaft/ландшафт“ und „Schlagbaum/шлагбаум“ ein deutsches Wort, das im Russischen genauso heißt) mitten in der Natur, ein kleiner See, eine große Wiese und ein paar Häuser.
Uns wurde schon vorher mitgeteilt, dass wir (Theresa und ich) ein besonders schönes Zimmer mit eigenem Badezimmer bekommen (dazu bekamen wir auch öfters von mehreren Personen stichelnde Bemerkungen zu hören), nämlich im Verwaltungshaus, wo auch die Betreiber des Lagers wohnen. Nun ja, als wir dieses Zimmer sahen, waren wir ein bisschen überrascht. Ich denke, wenn wir vorher gewusst hätten, dass das ganze Lager und die Häuser ziemlich alt sind, hätten wir uns auf etwas anderes eingestellt. Aber als wir die Betten sahen, deren dünne Matratzen voll mit Haaren, Dreck und Steinchen waren, und den Boden, der mit Staub bedeckt war, und das Fensterbrett, das von toten Fliegen bewohnt wurde, waren wir doch etwas erstaunt. Und das „eigene“ Badezimmer war auch nur ein Klo, was von allen Hausbewohnern benutzt wurde, und ich habe die Vermutung, dass es deshalb nicht geputzt wurde, weil es (wie auch in der Schule) gleichzeitig die Putzkammer war. Und wer putzt schon die Putzkammer? Klopapier gab es auch nicht, woraufhin unsere Nachfrage mit „Naja, die Kinder haben sich das eben selber mitgebracht“ beantwortet wurde, bevor eine Lehrerin uns zwei Rollen schenkte. Trinkwasser gab es am ersten Tag noch in einem Kanister in der Mensa, und als der leer war, bekamen wir die Antworten „Der wird nicht mehr aufgefüllt“ und „Naja, ihr hättet euch euer Wasser schon selber mitbringen müssen“. Gut, dass ich vor der Abreise noch nachgefragt habe, ob wir außer Handtüchern irgendetwas Wichtiges brauchen. „Nein, nein, es gibt alles dort.“ Zum Glück gab es einen Brunnen, bei dem die Meinungen zwar geteilt waren, ob man das Wasser trinken könne oder nicht, aber es war unsere einzige Möglichkeit. Besonders gut geschmeckt hat es zwar nicht, aber krank geworden sind wir auch nicht.

Nun zu unserem Unterricht: die Idee war, dass wir mit der 7. und 8. Klasse Schriftliche Kommunikation als Vorbereitung auf das DSD1 üben sollten.
Problem Nr. 1: Die 7. Klassen haben diese Prüfung erst in 2 Jahren und verstehen vieles noch nicht.
Problem Nr. 2: Es sind auch Schüler_innen dabei, die Deutsch als zweite Fremdsprache lernen und daher ungefähr auf dem Niveau der 4. Klassen sind.
Problem Nr. 3: Es gibt weder genug Tische noch genug Stühle. Unterrichtsräume gibt es auch nicht, nur Schlafräume. Die Kinder saßen also draußen, entweder auf beiden Seiten eines Bettes, sodass einige mit dem Rücken zu uns saßen, oder auf Bänken ohne Tisch, oder zu zweit auf einem Stuhl. Wir standen in der prallen Sonne, da der einzige Fleck, wo uns alle sehen und hören konnten, nie im Schatten lag, und wurden von Mücken zerstochen.
Problem Nr. 4: Niemand hatte Hefte oder Stifte dabei.

Und jetzt macht mal Schriftliche Kommunikation mit denen!

Was mich ja eigentlich am meisten erstaunt hat, war ja nicht, dass niemand so wirklich einen Plan hatte, wie das Ganze laufen sollte, sondern, dass niemand einen Plan hatte, obwohl das Sprachlager jedes Jahr an diesem Ort stattfindet. Und dann heißt es halt so ungefähr: „Denk dir was aus, du bist doch die Freiwillige!“.

Naja, irgendwie haben wir uns dann doch arrangiert, und vieles wurde auch einfacher, als einige Schüler_innen der 8. Klasse plötzlich beschlossen, nicht mehr zum Unterricht zu kommen, da waren es nämlich 8 Leute weniger. Und wir waren uns einig, dass wir, anstatt das ganze Gelände nach den Schüler_innen abzusuchen, lieber mit den Übriggebliebenen effektiv arbeiten wollen. Mit verschiedenen Spielen konnten wir dann auch die Motivation wieder ein bisschen hervorlocken.

Mein letzter Tag dort war gleichzeitig der Tag, an dem sich jede Gruppe präsentieren sollte. Jede Klassenstufe bildete eine Gruppe mit einem Namen, einem Motto und einem Lied. Bei der Vorbereitung dieser Präsentation waren wir auch beteiligt und haben lange überlegt, nach Liedern gesucht und Mottos gedichtet, nur um dann festzustellen, dass die meisten Gruppen sich am Ende doch selbst etwas ausgedacht hatten. Ursprünglich hätten wir ja sowieso für jede Gruppe etwas machen sollen, was zeitlich einfach zu viel für uns war, aber es wurde offenbar gar nicht erwartet, dass sich die Gruppen selber Gedanken machen. Auf die Idee sind sie dann wohl erst gekommen, als wir fertig waren.

Diese Präsentation war dann ganz lustig. Die Gruppen hatten am Ende sehr interessante Namen und passende Mottos, z.B. „Coca-Cola – Hey Kids, ich bin Cola“, „Wir sind das Brot“ oder „Regenbogen – Wir sind kreativ, produktiv und innovativ!“. Das waren alles Schülerideen, wie ihr euch vielleicht denken könnt. Zum Schluss dieser Veranstaltung wurden Theresa und ich auf die Bühne geholt und sollten irgendetwas sagen – aber im Improvisieren sind wir ja inzwischen geübt. Dann fiel uns die ehrenvolle Aufgabe zu, die Sprachlager-Fahne zu hissen, wofür wir von allen sehr gefeiert wurden.

Das Highlight der drei Tage war auf jeden Fall, als wir uns an zwei Abenden eine Gitarre ausleihen durften und mit Interessierten deutsche Kanons gesungen haben. Zwar haben meistens nur wir gesungen, weil sich niemand getraut hat, mitzusingen, aber immerhin wurde uns hier der Respekt zuteil, dass uns zugehört wurde, nicht wie im Kinderlager, wo sich mindestens fünf Schüler_innen, Betreuer_innen oder Lehrer_innen unterhalten haben, während wir Lieder vorgesungen haben. Es waren auch nur die Leute da, die sich dafür interessiert haben, und als wir fertig waren, haben ein paar Mädchen uns russische Lieder vorgesungen. Am zweiten Abend haben wir mit ein paar Viertklässler_innen gesungen und das war mindestens genauso schön. Bis wir von einer Betreuerin mitten in „Abendstille überall“ unterbrochen wurden: „Die Kinder müssen jetzt zum zweiten Abendessen!“

Ja richtig, zum zweiten Abendessen. Insgesamt gab es fünf Mahlzeiten am Tag: Frühstück, Mittagessen, zweites Mittagessen, Abendessen, zweites Abendessen. Die Hauptmahlzeiten waren allerdings auch so klein, dass die zweiten Mahlzeiten wirklich nötig waren. Wie in der Schule gibt es grundsätzlich nur kleine Frühstücksteller für sämtliche Gerichte, d.h. eine Portion ist ungefähr die Hälfte von dem, was ich normalerweise esse, um satt zu werden. Oft haben wir uns noch übriges Brot oder Gemüse von anderen Tischen geholt, damit wir nach dem Essen zumindest keinen Hunger mehr haben. Das Tolle an so vielen Kindern ist ja, dass die meisten kein Gemüse mögen, also haben Theresa und ich immer die rote Beete von sämtlichen Tischen in der Nähe bekommen. „Bäh, ja, das könnt ihr gerne haben!“ Die entsetzten Blicke der kleineren Kinder haben wir gerne in Kauf genommen. Beim zweiten Mittagessen (süße Brötchen und Äpfel) wurde zum Glück nicht nach Tischen aufgeteilt und rationiert, sondern man konnte sich die Äpfel einfach aus einem großen Korb nehmen (da haben wir auch ordentlich zugeschlagen). Und das zweite Abendessen bestand aus Kefir und Keksen. Seitdem trinke ich sehr gerne Kefir, ich hatte es vorher nur nie probiert…

Alles in allem würde ich sagen, dass alles ein bisschen besser organisiert werden könnte, z.B. dass man das Sprachlager an einem Ort stattfinden lassen könnte, wo es ordentliche Unterrichtsräume gibt und dass man den Schüler_innen sagt, dass sie Hefte und Stifte brauchen. Der grundsätzliche Zustand des Lagers lässt sich wohl damit erklären, dass man für zwei Wochen in diesem Lager umgerechnet nur ca. 10 Euro bezahlt. Als ich wieder abreiste, hatte sich ja irgendwie alles arrangiert, ich hätte es also durchaus noch bis zum Ende ausgehalten (auch dank Theresa, ich glaube, alleine hätte das echt keinen Spaß gemacht).
Aber der Familienbesuch ging dann doch vor 😉

Tag 82 – Besuch des Generalkonsuls

Liebe Leser_innen,

gestern war eigentlich der einzige wirklich spannende Tag der letzten Woche, deshalb werde ich einfach ausführlich über diesen Tag berichten.

Die ganze Woche lang bereiteten wir uns auf den Besuch des Generalkonsuls aus Jekaterinburg vor. Ich hatte viele Infos über alle deutschen Bundesländer zusammengesucht, bei der Einstudierung einiger Märchen-Theaterstücke geholfen und eine Unterrichtsstunde vorbereitet, bei der der Konsul und die anderen Gäste zuschauen sollten. Es war wirklich unglaublich zu sehen, was für einen aufwändigen Jahrmarkt wir mit nur vier Wochen Planung zustandegebracht hatten. Ich werde gar nicht mehr erzählen, schaut es euch hier an. (Es lohnt sich, die 12 Minuten durchzuhalten!)

Mein Unterricht bestand darin, einen Sketch von Loriot anzuschauen und Fragen dazu zu besprechen. Anschließend sollten die Schüler_innen den Dialog üben und vorspielen. Die Gäste fanden den Film – wie erwartet – sehr lustig, die Klasse hat den Humor nicht ganz verstanden, glaube ich… Der Konsul sagte mir später, ihm hätte der Unterricht sehr gefallen. Falls jemand diesen Sketch nicht kennt (Bildungslücke!), dann schaut ihn euch hier an:

Nach dem Unterricht gab es eine „Pressekonferenz“, bei der einige Schüler_innen Fragen vorbereitet hatten, teilweise über Themen wie Musik und Sport, aber auch über z.B. Studieren in Deutschland. Danach gab es eine „coffee break“ (das heißt hier wohl tatsächlich so, wenn ich auch etwas länger brauchte, um das englische Wort in russischer Aussprache zu erkennen). Es gab Kaffee, Tee, Obst, Blini und einige baschkirische Spezialitäten, die irgendwie alle aus frittiertem Teig in verschiedenen Ausführungen bestehen und entweder in Zucker oder Honig gewälzt sind. Zum Beispiel чак-чак (Tschak-tschak), da sieht der Teig aus wie größere Erdnussflips, und die einzelnen Teile sind zu einem Berg aufgetürmt (die Höhe kann beliebig variiert werden) und mit (baschkirischem!) Honig übergossen. Sehr klebrig, sehr süß, sehr lecker.

Danach durfte ich freundlicherweise mit dem Konsul und zwei Begleiterinnen im Auto mit in die Stadt fahren. Wir fuhren zuerst ins Goethe-Zentrum am anderen Ende der Stadt. Das ist quasi eine kleine Sprachschule vom Goethe-Institut, die berechtigt ist, Sprachkurse zu geben und Prüfungen durchzuführen. Da wollte ich mich sowieso noch melden, um mich als Helferin im Sommer anzubieten, wenn in der Schule nichts mehr zu tun ist. Und weil ich jetzt schon da war, habe ich das gleich vorgeschlagen und die Mitarbeiter waren ganz begeistert von der Idee. Ich werde dann also ab Mitte Juli im Sommersprachkurs mithelfen, dann habe ich was zu tun und lerne auch nochmal ein anderes Arbeitsumfeld kennen. Der einzige Nachteil ist, dass ich jeden Tag über eine Stunde mit dem Bus dorthin fahren muss. Aber das ist zum Glück nur lang und nicht teuer.

Zum Abschluss fuhren wir dann ins Stadtzentrum, um den Frühlingsball zu sehen. Da versammeln sich die Absolventen aller Schulen in Ufa auf dem Sowjetischen Platz und tanzen verschiedene Tänze. Ich habe zwar auch Fotos und Videos gemacht, aber am besten sind natürlich die Luftaufnahmen der Veranstalter. Das Ganze ist nämlich vom Internet- und Mobilfunkanbieter Ufanet organisiert und natürlich keine schlechte Werbeaktion. Deshalb schaut euch lieber dieses Video an, da sieht man am Anfang und am Schluss ganz gut die Dimensionen der Veranstaltung (und es ist kein verwackeltes Handyvideo). Soweit ich weiß, waren da 5000 Schüler_innen beteiligt. So ein Abschlussball hätte mir auch gefallen…

Ich bin jedenfalls immer noch beeindruckt, wie feierlich die meisten Veranstaltungen hier sind. Manchmal wirkt es auf mich etwas übertrieben, aber es macht trotzdem Spaß, in diese Feierlichkeit mit einzusteigen und sie einfach zu genießen. Und beim Schulabschluss ist diese Festlichkeit auf jeden Fall gerechtfertigt!

Und wie geht es jetzt weiter? Am Donnerstag fliege ich nach Berlin, um ein neues Visum zu beantragen, und am Samstag geht es dann nach Wroclaw, wo am Sonntagmittag der Bus zum Ort des Zwischenseminars fährt. Das geht dann bis Donnerstag, am Freitag hole ich meinen Pass (hoffentlich mit Visum drin!) in Berlin ab und fliege am Samstag wieder nachhause. Merkt ihr was? Ufa ist für mich schon „zuhause“ 🙂

Tag 55 – Kurzes Projekt-Update

Liebe Leser_innen,

ein kurzes Update zu meinem Projekt: es sind heute tatsächlich 15 Schüler_innen zu meinem zweiten Versuch eines Projekttreffens gekommen! Zwar nicht alle von denen, die sich eingetragen und angemeldet hatten, aber es tauchten plötzlich noch 7 Schülerinnen aus der 6. Klasse auf, denen ich mein Projekt gar nicht vorgestellt hatte (und niemand wollte mir verraten, wer ihnen Bescheid gesagt hatte 😉 ). Ich dachte nämlich, es wird zu schwierig, ihnen das Projekt zu erklären, weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Aber die älteren Schülerinnen haben, wenn es nötig war, übersetzt – und es sind jetzt tatsächlich alle Aufgaben verteilt und es sieht gut aus, dass die Arbeit von den Schülern vor den Ferien fertig wird. Die restliche Arbeit am Projekt ist dann meine Aufgabe – während die Schüler Ferien haben, werde ich alles zusammensetzen und etwas daraus machen, was sich (hoffentlich) sehen lassen kann! Wer jetzt neugierig ist, was denn eigentlich das Projekt ist, den muss ich leider so lange vertrösten, bis das Endergebnis fertig ist…

Und was habe ich heute gelernt?
1. Man muss die Leute wirklich mehrmals persönlich und schriftlich an einen Termin erinnern, und selbst dann gibt es noch welche, die es vergessen.
2. Nach einem gescheiterten Versuch darf man nicht gleich aufgeben. Beim zweiten Mal hat es ja doch geklappt.
3. Ich sollte nicht alles persönlich nehmen. Die Schüler hatten letzte Woche tatsächlich Unterricht und Prüfungen und haben halt vergessen, mir das vorher zu sagen. Aber trotz aller Verpeiltheit habe ich heute gemerkt, dass sie (fast) alle wirklich mitmachen wollen.
4. Vielleicht sollte ich wirklich Lehramt studieren. Heute hatte ich wieder einen dieser Momente, wo ich mich vor den Schülern absolut wohl und am richtigen Platz gefühlt habe. Und in den nächsten zwei Wochen wird diese Entscheidung hoffentlich mal vorankommen, denn da habe ich zwei Deutschklassen jeweils 5 Stunden die Woche, also 20 Stunden Deutschunterricht alleine.

Ich bin jedenfalls gerade vollkommen glücklich mit allem und meine Motivation, die sich letzte Woche einige Male schmollend unter dem Bett verkrochen hatte, ist jetzt mit einem großen Sprung wieder rausgekommen und hüpft fröhlich um mich herum. Um mal ein bisschen bildhafte Sprache in diesen Blog reinzubringen…

Tag 46 – Von Füchsen und Schlagerpartys

Liebe Leser_innen,

gestern ging die Woche der deutschen Sprache zu Ende, und obwohl ich nur an zwei Tagen dabei war, habe ich viel zu erzählen.

Es haben sich zwei Dinge wieder komplett geändert – wie gesagt, inzwischen gehe ich jeder Verabredung mit Skepsis entgegen und nehme nichts „for granted“ (die deutsche Formulierung fällt mir grade nicht ein…). Svetlana sagt, es gibt ein russisches Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Bei den Lesefüchsen saß ich doch in der Jury, weil die Bücher plötzlich noch aufgetaucht sind, und beim Liederfestival haben wir doch nicht teilgenommen, weil wir das Originallied mit Gesang nicht verwenden durften und die Stimme nicht rausschneiden konnten und weil eine Klavierbegleitung zu wenig gewesen wäre. Dafür durfte ich dort auch in der Jury sitzen.

Am Montag fand erst einmal der Wettbewerb „Lesefüchse international“ für die Region Ural statt. Und zwar im Gymnasium 86, das am anderen Ende der Stadt liegt. Schaut euch Ufa mal auf der Karte an. Meine Schule und meine Wohnung liegen in Djoma, ganz im Süden der Stadt, und das Gymnasium 86 ist ganz im Norden, im Viertel Tschernikowka. Und da Ufa ganz lang gestreckt ist, sind das 26 Kilometer durch die Stadt, was mit dem Bus eine Stunde dauert. Das Problem ist nur: diesen Bus gibt es offenbar nicht.

Das wusste ich aber noch nicht, als ich um 7:45 an der Bushaltestelle stand und etwas naiv auf diesen Bus wartete. Immerhin hatte die sonst sehr zuverlässige App 2GIS behauptet, dass der Bus 216 von meiner Schule bis zum Gymnasium 86 durchfährt. Nach einer erfolglosen halben Stunde bin ich dann in einen Bus eingestiegen, der ins Zentrum fuhr, dort wollte ich dann umsteigen, in der Hoffnung, dass ich einen passenden Bus finden würde. Leider hatte ich den Montagmorgen-Stau nicht mit eingerechnet, wodurch der Bus fast 20 Minuten länger brauchte und meine Zeit langsam knapp wurde. Schließlich sollte ich mich um 9:30 mit den anderen Jurymitgliedern treffen. Im Zentrum gab es natürlich auch keinen Bus, der in meine gewünschte Richtung fuhr, deshalb rief ich den Fachschaftsberater an, der mir freundlicherweise ein Taxi bestellte. Am Ende kam ich um 10:20 Uhr in der Schule an, aber die Verspätung war nicht weiter schlimm.

In der Jury zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung. In Prüfungen war ich ja schon dabei, aber diesmal durfte ich selbst mitreden und meine Meinung äußern und nicht nur zuhören.

Das Prinzip funktioniert übrigens so: die Schüler_innen haben sich seit Beginn des Schuljahres mit vier deutschen Jugendbüchern beschäftigt, die für jedes Jahr neu ausgewählt werden. Dieses Jahr sind das folgende:

1. Herbert Günther: Zeit der großen Worte
2. Christoph Scheuring: Echt
3. Lukas Erler: Brennendes Wasser
4. Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt
(Das ist auch meine persönliche Ranking-Reihenfolge…)

Dann gibt es eine ca. zweistündige Podiumsdiskussion (auf Deutsch) zwischen den Schüler_innen, bei denen Fragen und Thesen zu den Büchern besprochen werden. Bewertet wird dann, wie gut der/die Einzelne die Bücher kennt, wie gut er Deutsch spricht und wie er sich im Gespräch verhält. Wer mehr über das Projekt wissen möchte, kann sich hier informieren.

Anschließend gab es für die 8 Schüler_innen und deren Lehrer_innen, die aus der ganzen Republik angereist waren, eine Stadtführung, bei der ich auch mitkommen durfte. Das war sehr interessant, weil ich ja selbst noch nicht so viel von der Stadt gesehen habe und man auch nicht mal eben so ans andere Ende der Stadt fahren kann, wie ich jetzt weiß… Die Bilder gibt es später in einem anderen Blogeintrag, in Verbindung mit Informationen über die Geschichte Ufas. Da habe ich auch viele andere Deutsche kennengelernt, denn einige der Lehrer_innen waren Deutsche, die mit der ZfA im Ausland arbeiten (was ist das denn jetzt wieder?).

Außerdem habe ich einige Mitarbeiterinnen der Deutschen Botschaft Jekaterinburg kennengelernt. Abends wurde dann das deutsche Kinofestival eröffnet, bei dem jeden Tag ein deutscher Film mit russischen Untertiteln gezeigt wird. Eigentlich wollte ich den Film am Montagabend auch sehen, aber es gab noch einen „kleinen“ Empfang, der ebenso lange dauerte wie der Film, aber das war auch ganz lustig. Und die Kinobesucher waren größtenteils nicht besonders begeistert von dem Film. Ich habe also nichts verpasst, außerdem war ich am Mittwoch mit der 5. Klasse und gestern mit der 8. Klasse im Kino. Nicht ganz meine Altersklasse („Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Ostwind“), aber trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Am Donnerstag war ich dann beim Liederfestival, das glücklicherweise in einem Saal stattfand, den ich zu Fuß in 15 Minuten erreichen konnte. Die Veranstaltung begann 15 Minuten zu spät, unter anderem, weil die restlichen Jurymitglieder 10 Minuten zu spät kamen. Im Programm musste ich vorher 5 Beiträge ausbessern und die Reihenfolge ändern, und bei der tatsächlichen Vorführung ist noch ein weiterer Beitrag ausgefallen. Aber trotz der vielen Planänderungen hat es Spaß gemacht, die meisten Beiträge waren auch ziemlich gut. Und ich hatte Glück – dieses Jahr war der Wettbewerb mit 16 teilnehmenden Gruppen ziemlich klein. In den letzten Jahren waren es wohl bis zu 40 Beiträge… Die Entscheidung fiel auch nicht besonders schwer, weil vier Siegerplätze und sieben Nominierungen zu vergeben waren (Bestes Kostüm, Bestes Arrangement usw., die Trostpreise halt). Die Nominierungen waren nicht schwer zu entscheiden, und die vier Sieger waren auch eindeutig, weil es vier wirklich beeindruckende Beiträge gab. Die Liedauswahl war allerdings…interessant, man könnte die Veranstaltung vielleicht in Schlagerparty umbenennen? Von romantischen Tränendrüsenliedern wie „Endlich sehe ich das Licht“ bis zu Skikursliedern wie „Das rote Pferd“ oder „Das Fliegerlied“ war alles dabei…
Danach gab es noch ein „Galakonzert“, bei dem alle 11 Gewinner des Wettbewerbs und einige Gruppen von den verschiedenen Fakultäten der Baschkirischen Staatlichen Universität aufgetreten sind. Die Studenten hatten sehr unterschiedliche, aber allesamt sehr kreative Beiträge (dass es 20 Minuten später als geplant begonnen hat, hat mich gar nicht mehr überrascht…).

Obwohl die Woche nicht besonders anstrengend war, war ich doch oft lang unterwegs und spät zuhause. Deshalb war es gar nicht schlecht, dass ich gestern überraschend erfahren habe, dass ich heute frei habe, weil heute Subbotnik ist (eine Art Frühjahrsputz, bei dem ein Teil der Schüler die Straßen saubermacht und aufräumt) und alle Klassen, die ich gehabt hätte, beim Subbotnik beteiligt waren.

Heute hat es übrigens tatsächlich mal geregnet – normalerweise ist es hier sehr trocken. Wie trocken? In den vier Wochen, in denen ich jetzt hier bin, hat es an genau drei Tagen Niederschlag gegeben, sonst war es immer trocken, zwar meistens bewölkt, aber trocken. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungefähr dreimal so viel Cremes und Bodylotion und Labello brauche wie zuhause, und weshalb ich mich immer total freue, wenn ich endlich wieder Wäsche waschen kann, damit ich in meinem Zimmer nicht vertrockne (Zentralheizung und so, außerdem hat mein Zimmer drei Heizungen und ist ziemlich gut isoliert, deshalb schlafe ich meistens mit offenem Fenster. Nicht besonders umweltfreundlich, ich weiß, ich schäme mich sehr…).

Das war’s erstmal über die deutsche Woche. Es wird in der nächsten Zeit wie gesagt einen Artikel über die Geschichte Ufas geben, und ich versuche mal, daran zu denken, die Schule und meine Umgebung zu fotografieren, dann seht ihr auch mal, wie es in Djoma aussieht.

P.S.: Falls ich Dinge doppelt erwähne, tut mir das leid, aber ich habe inzwischen keinen Überblick mehr, ob etwas schon auf meinem Blog steht oder ob ich das nur mehreren Leuten erzählt habe… Also, falls ich mich wiederhole, dürft ihr mich gerne darauf hinweisen.

Tag 36 – Lange Tage

Liebe Leser_innen,

es ist erst Mittwoch und trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis nach Wochenende! Seit Montag war ich jeden Tag 8 Stunden oder länger in der Schule. Jetzt werdet ihr euch denken: ist doch ganz normal bei einer 40-Stunden-Woche… nur muss ich samstags ja auch in die Schule, deshalb ist 8 Stunden jeden Tag dann doch etwas zu viel. Die langen Arbeitstage hatten verschiedene Gründe. Montag – ganz normal, da bin ich regulär 8 Stunden in der Schule. Dienstag ist echt blöd, weil ich morgens um 9 eine Stunde habe, mittags um 1 eine Stunde und dann nochmal von 16:40 bis 18:05. Normalerweise gehe ich vormittags nochmal nachhause, kaufe ein und bereite das Essen vor, gehe dann nochmal in die Schule und verbringe die restlichen Freistunden dort – meistens findet sich etwas, das ich tun kann. Und mittwochs bin ich gewöhnlich von 9:55 bis 15:35 in der Schule.

Woher kamen dann die vielen restlichen Stunden, die ich noch in der Schule verbracht habe? Gestern haben wir Probeprüfungen mit den Neuntklässlerinnen gemacht, die am Samstag die DSD1-Prüfung ablegen. Das hat wie erwartet länger gedauert – bis 19:00, und bis wir dann alles fertig besprochen hatten, war es auch schon 19:45. Bei dieser Besprechung haben wir auch festgestellt, dass niemand weiß, wo die Bücher für den Lesefüchse-Wettbewerb sind, die die Schule bekommen hat. Dass ich dort in der Jury sitze, hat sich damit auch erledigt, sofern die Bücher nicht sofort wieder auftauchen – denn sonst schaffe ich es nicht, bis nächsten Montag noch zwei Bücher zu lesen. Und ohne die Bücher zu kennen, kann ich ja wohl schlecht in der Jury sitzen…

Heute wäre ich dann wie gesagt um halb vier fertig gewesen. Aber nächste Woche findet in Ufa die „Woche der deutschen Sprache“ statt. Da findet z.B. der Lesefüchse-Ausscheid statt, es werden in den Kinos deutsche Filme gezeigt und es gibt ein Liederfestival, bei dem Schüler aus der ganzen Republik Baschkortostan deutsche Lieder vortragen. Wir machen da auch mit und es muss natürlich geprobt werden! Ich bin gespannt, ob es auf die „russische Art“ auch klappt – nämlich sich eine Woche vor dem Auftritt das erste Mal zusammen treffen und proben. Das haben wir heute getan, und es war gar nicht so leicht, 14 pubertierende Jugendliche dazu zu bringen, mir zuzuhören, nicht wild in der Gegend rumzuhüpfen und nicht Klavier zu spielen. Nach knapp 2 Stunden anstrengender Probe haben sie es aber ganz gut hinbekommen. Zum Glück konnte ich sie davon überzeugen, dass nur die drei Schülerinnen singen, die auch singen können, und der Rest sind quasi die Background-Tänzer. Sonst wäre das ein heilloses Rumgegröle gewesen, und gleichzeitig singen und tanzen hätte wahrscheinlich auch nicht geklappt.

Jetzt wollt ihr bestimmt wissen, was wir denn eigentlich singen. Auf Wunsch der Schulleiterin singen wir „Ich bin wie Du“, ein Lied, das sich an Flüchtlingskinder in Deutschland richtet und davon handelt, dass wir doch eigentlich alle gleich sind. Etwas kitschig, entspricht nicht wirklich meinen viel zu hohen musikalischen Ansprüchen, aber hat auf jeden Fall eine gute Wirkung und die Schüler machen das auch echt schön. Anspruchsvolle Sachen könnte man sowieso nicht aufführen, weil es leider nur wenige Schüler_innen gibt, die gut singen können und es auch keine festen Ensembles an der Schule gibt.

Ihr seht schon, es wird immer weniger, was ich zu berichten habe. Aber ich bin natürlich ständig auf der Suche nach neuen Fun Facts und lustigen, peinlichen oder interessanten Anekdoten. Bis dahin könnt ihr euch hier noch das Lied „Ich bin wie Du“ anhören.

Tag 24 – Grau mit Aussicht auf Schnee

Liebe Leser_innen,

heute hat es zum ersten Mal, seit ich hier bin, geschneit. Aber nicht so puderzucker-märchenwald-zauberhaft-mäßig, sondern mehr so „Och nööö, es liegt doch schon genug Schnee!“ Es hat zwar nur wenig geschneit, aber trotzdem war der Himmel grau und zugezogen. Bis jetzt war es immer trocken und meistens sonnig. Meine Stimmung und die der anderen Lehrer war entsprechend gedrückt und obwohl es der letzte Schultag vor den Frühlingsferien war, herrschte eine gereizte und gestresste Stimmung, weil in den Ferien die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Irgendwie alles grau heute.

Noch dazu kam ich zu spät in meine erste Stunde, weil die Stunden heute jeweils zehn Minuten kürzer waren, damit man nach Schulschluss noch genug Zeit hat, die Schule für die Ferien aufzuräumen und zu putzen. Das habe ich aber erst erfahren, als ich um fünf vor neun im Lehrerzimmer stand und auf die Lehrerin gewartet habe, in deren Unterricht ich gehen sollte. Eine andere Lehrerin schaute mich ganz erstaunt an und fragte: „Willst du zu N.? Die hat schon längst angefangen, heute sind doch die Stunden kürzer!“ Wieder was gelernt. Aber – eigentlich gar keine schlechte Methode, um am letzten Schultag weniger Unterricht zu haben, ohne dass ganze Fächer ausfallen müssen.

Ich bin jedenfalls froh über die Ferien, denn die ersten zwei Wochen waren ziemlich anstrengend und diese gestresste Prüfungsstimmung macht es auch nicht besser… In den Ferien werde ich dann meine ersten Russischstunden bei einer Privatlehrerin haben, die auch meinem Vorgänger Unterricht gegeben hat. Einige Schüler haben mir angeboten, mir die Stadt zu zeigen und am Wochenende werde ich mit der Tochter der Schulleiterin und ihren Freunden eine Wanderung im Taganay-Nationalpark machen. Den Fotos nach zu urteilen ist das ein echtes Winter-Wonderland… Ich hoffe, dass dort das Wetter besser ist als in der Stadt, damit ich auch schöne Fotos machen kann, auf denen man mehr sieht als Schnee und Nebel und Wolken.

Es war allerdings gar nicht so leicht, sich passende Ausrüstung zu besorgen. Zuhause hätte ich alles gehabt, gute Bergschuhe, eine wasserdichte Schneehose und einen Wanderrucksack. Hier habe ich schon Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der Schuhgröße 40 hat (und mir dann auch noch geeignete Schuhe ausleihen kann). Hoffnungsfroh habe ich die Schuhe einer Lehrerin entgegengenommen, die mir gestern noch versichert hatte, dass diese Schuhe sehr gut für diese Wanderung sein werden – und es sind Ugg-Boots. Warm ja, aber von wasserdicht weit entfernt. Die Alternative: meine Wanderschuhe, ziemlich wasserdicht, mit gutem Profil, aber nur knöchelhoch. Eine Schneehose habe ich auch aufgetrieben, aber auch die ist leider nicht wasserdicht. Den Rucksack werde ich bei der Organisation, die diesen Ausflug veranstaltet, ausleihen.

Und jetzt ärgere ich mich natürlich wahnsinnig, dass ich mich vor meiner Abreise nicht gut genug über das Wetter informiert habe – dann hätte ich zumindest die Bergschuhe eingepackt. Und über den Rucksack habe ich auch ernsthaft nachgedacht, ich weiß gar nicht mehr, warum ich mich dagegen entschieden habe, ihn mitzunehmen…

Aber nachher weiß man es immer besser als vorher und an der Situation kann ich jetzt auch nichts mehr ändern. Ich kann nur hoffen, dass es nicht regnet oder schneit und dass wir vielleicht nicht durch meterhohen Tiefschnee stapfen müssen. Wenigstens habe ich in den Ferien außer Russischlernen und jeweils einmal Zusatzunterricht für die 7. und 9. Klasse nicht allzu viel vor, also wäre es auch nicht allzu tragisch, wenn ich mich erkälte.

Trotzdem freue ich mich natürlich sehr auf diese Wanderung, weil ich wieder einmal neue Leute kennenlernen werde und überhaupt mal ein bisschen Natur zu sehen bekomme. Ufa ist zwar sehr grün, aber in unserem Bezirk Djoma sehe ich zumindest auf dem Schulweg nur Hochhäuser und graue Straßen. Außerdem gibt es in der Unterkunft beim Nationalpark eine echte russische Sauna (баня/Banja), darauf freue ich mich schon sehr.

Ich werde also berichten und hoffentlich schöne Fotos hochladen.

Und wie geht es nach den Ferien weiter? Ich werde wohl immer mehr Unterricht selbst übernehmen, allerdings wird das größtenteils so ablaufen, dass die eigentliche Lehrerin auch im Raum ist. Dass ich alleine unterrichten muss, bleibt hoffentlich die Ausnahme, das ist nämlich doch ganz schön anstrengend, vor allem wenn die Schüler meine Arbeitsanweisungen nicht verstehen. Außerdem werde ich zwei- bis dreimal in der Woche Zusatzunterricht für verschiedene Klassen anbieten, hauptsächlich zur DSD-Vorbereitung (mündliche Kommunikation, Schreibtraining usw.). Im April findet auch noch im Rahmen der „Deutschen Woche“ das republikanische Festival der deutschen Lieder in Ufa statt, bei dem Schüler aus ganz Baschkortostan nach Ufa kommen, um deutsche Lieder bei einem Wettbewerb aufzuführen. Für diesen Wettbewerb werde ich auch ein Lied mit mehreren Schülerinnen einstudieren. Die Erwartungen sind hoch – wir sollen diesen Wettbewerb doch bitte gewinnen, damit sich die Schule von dem Preisgeld neue Möbel kaufen kann! Naja, ich werde schon nicht nachhause geschickt werden, wenn wir nicht gewinnen…

Und dann werde ich irgendwann mein Freiwilligenprojekt durchführen – der Plan steht schon, aber ich werde nichts verraten, bis es tatsächlich durchgeführt wird! Wenn dann in den Restferien nach den Prüfungen ein bisschen Zeit ist, werde ich das Projekt der Schulleiterin vorstellen. Bis jetzt hatte sie nämlich kaum mehr als fünf Minuten am Stück Zeit, da war es mir zu stressig, zumal der Plan auch erst seit gestern so weit ausgearbeitet ist, dass man ihn präsentieren kann. Wenn die Schulleitung einverstanden ist und ich genügend Leute finde, die mitmachen, dann wird es sicherlich sehr cool!

Tag 19 – Endlich Wochenende. Oder?

Liebe Leser_innen,

die erste Woche ist vorbei und heute konnte ich endlich wieder ausschlafen. Und schon meldet sich das innere Gewohnheitstier: wie, nur am Sonntag ausschlafen? Was ist denn mit dem Samstag passiert? Tja, am Samstag ist auch Schule! Zwar „nur“ bis 16:00, aber das auch nur, weil die Pausen kürzer sind. Es gibt also, wie an den anderen Tagen, insgesamt 13 Schulstunden. Na gut, daran werde ich mich schon noch gewöhnen. Außerdem sind ja nächste Woche Frühlingsferien. Und ich muss – solange mein Stundenplan so bleibt – nie zur ersten Stunde kommen, sondern erst um 9:00 Uhr. Okay, eigentlich kann ich mich echt nicht beschweren…

Ich habe in dieser Woche einige interessante Entdeckungen bezüglich der Schule gemacht. [Natürlich spreche ich jetzt nur von meiner Einsatzstelle und vergleichend von meiner Schule in Bamberg. Keine meiner Erfahrungen können und sollen auf alle russischen/deutschen Schulen übertragen werden.] Egal, wie sehr man sich um Unvoreingenommenheit bemüht, man hat ja trotzdem irgendein Bild im Kopf, irgendeine Vorstellung, wie es in der Einsatzstelle aussehen könnte. Und meine Vorstellung war eben die, dass die Lehrer grundsätzlich viel strenger sind als in Deutschland und dass der Unterricht viel geregelter und disziplinierter abläuft. Das stimmt auch – teilweise.

Bis jetzt waren tatsächlich alle Klassen (bis auf eine, von der ich später noch berichten werde) ziemlich diszipliniert und auch die jüngeren Schüler haben sich größtenteils gut benommen, selbst wenn ich alleine unterrichtet habe. Verwirrung in neuen Situationen gab es natürlich trotzdem. Ein Beispiel: Ich kam rein und die Schüler standen sofort auf. Auch wenn es in meiner Schule bei den meisten Lehrern normal war, zur Begrüßung aufzustehen, hatte ich das schon völlig verdrängt und war deshalb entsprechend perplex – für einen kurzen Moment dachte ich: „Warum stehen die denn jetzt auf? Ich bin’s doch nur, ich bin doch keine Lehrerin…“, aber das bin ich für die Schüler natürlich schon. Und die Klasse war genauso überrascht, als ich nur „Hallo“ sagte und, als sie immer noch standen, „Ihr könnt euch schon hinsetzen…“. Normalerweise gibt es nämlich bei den meisten Deutschlehrerinnen folgendes Begrüßungsritual zwischen Lehrerin und Schülerchor: „Guten Tag, liebe Schüler.“ – „Guten Tag, liebe Lehrerin.“ – „Wie geht’s?“ – „Gut./Danke, super.“ – „Setzt euch.“ – „Wir setzen uns.“

Die Lehrerinnen sind allerdings nicht ansatzweise so streng, wie ich es erwartet hatte. Meistens herrscht eine relativ entspannte Stimmung, außer z.B. in den 9. Klassen, bei denen in gut einer Woche die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Da ist dann auch bei den Lehrkräften Stress angesagt. Aber sonst ist der Unterricht, auch dank der kleinen Klassen, ziemlich familiär. Man kennt sich gut, und ich habe das Gefühl, dass die Klassengemeinschaften stark sind. Bis jetzt habe ich in „meinen“ Klassen auch kein Mobbing oder Streit in der Gruppe festgestellt. Allerdings fällt es mir gerade wegen dieser vertrauten Atmosphäre schwer, mich als Autoritätsperson zu präsentieren. Vor allem in den 9. und 10. Klassen habe ich gemerkt, dass die Schüler_innen sich eher trauen, mit mir zu sprechen, wenn ich nicht als Lehrerin auftrete, sondern als (fast) gleichaltrige Person, mit der man sich halt nur auf Deutsch unterhalten kann. Immerhin sind wie gesagt bald die mündlichen Prüfungen, und da ist es ungünstig, wenn sich keiner traut, auch nur einen Satz auf Deutsch zu sagen. Bei den Jüngeren geht das natürlich nicht. Wenn die Viertklässler merken, dass ich mich eigentlich gar nicht so gut durchsetzen kann, wie ich das gerne hätte, dann ist es erstmal vorbei mit dem ruhigen, entspannten Unterricht.
So war es nämlich in einer fünften Klasse, die Deutsch als zweite Fremdsprache hat. Eigentlich bin ich für die gar nicht zuständig, aber durch ein Missverständnis (davon wird es, glaube ich, noch einige geben) bin ich dort gelandet. Zum Glück aber nur, um mich vorzustellen, und nicht alleine. Diese vier Kinder waren ungefähr dreimal so laut und anstrengend wie die 15 Kinder in der vierten Klasse. Ich glaube, wir haben 20 Minuten dafür gebraucht, dass ich mich vorstelle und die Kinder Fragen stellen. Meistens konnte ich nämlich wegen der Lautstärke gar nichts Hörbares sagen und wenn doch, dann hat niemand zugehört oder es hat keiner verstanden. Das wurde mir in den Momenten klar, in denen eins der Kinder sich mühsam eine Frage zusammengebastelt hatte, auf die ich die Antwort aber schon mindestens einmal gegeben hatte. Da war ich echt froh, dass ich normalerweise nicht in diese Klasse muss. Ich hatte mich auch schon gewundert, dass bis jetzt alle so brav waren, das ist doch eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Bis jetzt war das aber auch die einzige Stunde, in der ich mal streng werden musste.

Die größte Entdeckung ist bisher, dass in meiner Einsatzstelle und auch im Alltag viel überlegter mit Geld umgegangen wird. In der Schule werden wirklich Prioritäten gesetzt, was Investitionen angeht. Es sieht zwar nicht besonders schön aus, aber dafür funktionieren die wichtigen Dinge. Ja, es blättert die Farbe von Wänden, Tischen und Fensterrahmen. Auch die Türen sind so verzogen, dass man sie entweder kaum auf- und zukriegt oder man Putzlappen in den Türrahmen klemmen muss, damit die Tür nicht ständig aufgeht. Und die Fenster sind nicht dicht. Und die Möbel sind alt. Die Tafeln sind nicht besonders groß und es gibt auch nicht in jedem Klassenzimmer ein Waschbecken. Aber es funktioniert eben auch so. Diese Dinge stören niemanden, weil es genügend funktionierende Technik gibt. Und genug Schulbücher. Außerdem ist die Schule barrierefrei. Und das ist meiner Meinung nach ein bedeutender Unterschied zumindest zu meiner Schule. Zuerst wird Geld in Dinge investiert, die für die Qualität des Unterrichts wichtig sind, und dann wird darüber nachgedacht, ob man neue Möbel kauft oder die Wände neu streicht. Mir sind diese ganzen Dinge übrigens auch nicht sofort aufgefallen, weil es für alle ganz normal war und weil es nichts gab, das ich vermisste. Außer vielleicht, dass das Klopapier nicht immer leer ist, aber das war in meiner Schule ja auch nicht anders…

Ich habe mir heute übrigens einen großen Wunsch erfüllt: ich habe mir im Baschkirischen Staatstheater ein Ballett angeschaut, „Legende von der Liebe“. Wenn man schon mal in der Heimatstadt von Rudolf Nurejev ist… Und obwohl ich einen wirklich guten Platz hatte und es die Premiere von der neuen Inszenierung war, haben die Karten umgerechnet nicht mal 20 Euro gekostet. Die Vorstellung war auch sehr schön, das hat sich also echt gelohnt!

Tag 15 – Wo bleibt die Langeweile?

Liebe Leser_innen,

eigentlich sollte ich in den ersten Wochen nur hospitieren. Mich in den Klassen vorstellen, ein bisschen mithelfen, aber hauptsächlich zuschauen, die Schüler_innen kennenlernen und mitkriegen, wie der Unterricht gestaltet wird, damit ich mir selbst ein paar Methoden abschauen kann, aber auch Verbesserungsvorschläge bringen kann.

Ich habe mich aber (auch dank der Berichte meiner Vorgänger_innen) schon darauf eingestellt, dass sich vieles kurzfristig ändern kann und hätte mir deshalb schon denken können, dass ich gleich voll eingespannt werde. Gestern habe ich nämlich gleich zwei Stunden in der 7. Klasse und zwei in der 10. Klasse gehalten, weil die zuständige Lehrerin ein Programm für die „Deutsche Woche“ vorbereiten musste. Überhaupt kommt auch nach Lehreraussagen der Unterricht oft zugunsten von Wettbewerben, Festen und Klassenfahrten zu kurz. Das Unterrichten war aber ziemlich entspannt – das könnte allerdings daran liegen, dass ich nur im vertieften Deutschunterricht eingesetzt werde, in dem die Klassen geteilt sind. Ich hatte also jeweils nur sieben Schüler_innen vor mir sitzen, bei denen ich gleich mal mit einigen Spielen für einen guten Eindruck gesorgt habe.

Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Unterforderung oder sogar Langeweile, vor der wir so oft auf dem Vorbereitungsseminar gewarnt wurden, so schnell nicht eintreten wird. Die Schule hat ca. 1200 Schüler_innen, aber ziemlich wenige Lehrkräfte und wenig Platz. Deshalb wird in zwei Schichten unterrichtet – ein Teil der Schüler kommt also vormittags und der andere Teil nachmittags, aber die Lehrkräfte sind teilweise von 8 bis 19 Uhr in der Schule. Der (vertiefte) Deutschunterricht ist zudem ziemlich ungleich verteilt: am Dienstag gibt es nur zwei Stunden, dafür finden am Montag 10 Deutschstunden statt, oft auch gleichzeitig bei verschiedenen Lehrerinnen – und jede Lehrerin will mich in ihrem Unterricht haben. Auch an Tagen mit wenig Deutschunterricht habe ich oft viele Freistunden, aber eben einzelne Stunden und nie so viele hintereinander, dass es sich lohnen würde, nachhause zu gehen. Deshalb war ich z.B. heute von 8:00 bis 16:30 Uhr in der Schule, obwohl ich nur fünf Stunden hatte. Zum Glück ist das Essen in der Mensa ziemlich gut, sodass ich den langen Tag auch körperlich durchstehe…

Aber ich darf mich nicht beschweren, schließlich ist eines meiner Ziele hier, Unterrichtserfahrung zu sammeln und in der Entscheidung weiterzukommen, ob ich Lehramt studieren will oder nicht.

Außerdem sind meine Tätigkeiten ja wirklich nützlich – und als Abwechslung zum doch anstrengenden Unterrichten kümmere ich mich in den Freistunden um die Dinge, für die wirklich keiner Zeit hat, wie z.B. neue Bücher beschriften und nummerieren oder kleine Vokabeltests korrigieren. Solche Arbeiten finde ich meistens sogar sehr entspannend, weil man dabei weder viel denken noch kreativ sein muss.

Ich habe übrigens einige mehr oder weniger kuriose Willkommensgeschenke bekommen. Mehrere Schülerinnen haben mir Karten geschrieben, eine Schülerin hat ein Bild von mir gemalt und es mir geschenkt und eine andere hat mir eine verhältnismäßig große Matrjoschka überreicht (selbst meine Vermieterin sagte, sie hätte noch nie so eine große Matrjoschka gesehen). Aber das beste Geschenk: eine Lehrerin hat mir vom Land einen großen Sack Kartoffeln mitgebracht, das müssen mindestens 5 Kilo gewesen sein! Der Speiseplan für die nächsten Wochen steht also schon mal fest…

Das Wetter ist immer noch schön und es wird langsam tatsächlich wärmer! Vielleicht klappt es wirklich, dass im Mai kein Schnee mehr liegt, wie meine Vermieterin vorhergesagt hat. Außerdem ist es schon nicht mehr ganz so glatt wie am Sonntag und ich muss nicht mehr mit meinen äußerst schicken Wanderschuhen in die Schule gehen, sondern kann meine etwas weniger klobigen Stiefel anziehen. Oder ich mache es einfach so wie die anderen Lehrerinnen und lagere ein oder mehrere Paar Schuhe zum Wechseln im Lehrerzimmer.

Mein Jetlag ist inzwischen auch weg, was das frühe Aufstehen leider trotzdem nicht leichter macht… aber zum Glück findet der vertiefte Deutschunterricht nur einmal in der Woche in der ersten Stunde statt, sodass ich nicht jeden Tag um halb sieben aufstehen muss.

So, und das heutige Fazit? Ich werde garantiert nicht an Unterforderung leiden, und ich glaube kaum, dass ich in der nächsten Zeit nachfragen muss, was ich denn tun könnte. Im Gegenteil haben mehrere Lehrerinnen gleichzeitig verschiedene Deutschklassen und jede fragt mich, ob ich denn nicht zu ihr kommen kann anstatt zu den anderen. Trotzdem kann ich mich im Notfall immer noch darauf berufen, dass ich nur 40 Stunden in der Woche arbeiten darf 😉

P.S.: Ich habe heute den Fachschaftsberater kennengelernt, durfte bei mehreren mündlichen DSD1-Prüfungen dabei sein und habe gleich den Auftrag bekommen, die zwei Schüler aus Ufa, die am Lesefüchse-Regionalausscheid teilnehmen, auf den Wettbewerb vorzubereiten. Also ist jetzt erstmal Lesen angesagt, immerhin müssen die Schüler vier Bücher für den Wettbewerb lesen und sich gut mit dem Inhalt auskennen – da wäre es nicht verkehrt, wenn ich auch weiß, um was es geht. Und vielleicht darf ich sogar in der Jury sitzen…