Frag doch mal in Russland #3: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft

Liebe Leser_innen,

diese Woche gibt es wieder ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. Ich habe mich diesmal mit Danija Asfandijarova unterhalten. Sie ist 53 und arbeitet als Deutschlehrerin in einer Waldorfschule und im Goethe-Sprachlernzentrum in Ufa. Für mich war dieses Gespräch sehr interessant und einige Antworten haben mich auch überrascht. Viel Spaß beim Lesen!

Gibt es in Russland ein typisches oder ideales Bild der Frau?

Ich würde sagen, das ist alles sehr persönlich. Erstens: das Thema ist bei uns nicht so thematisiert wie bei euch in Deutschland, und daher hat jeder seine persönliche Meinung und eigentlich sprechen wir nicht so viel darüber, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch mit der nächsten Generation, aber eigentlich wirken da eher alte Stereotype. Und wir sprechen mehr über die Frauen als diejenigen, die es zuhause gemütlich machen, aber natürlich können sie auch arbeiten. Aber die Orientierung für die Mädchen und Frauen ist vor allem die Familie, glaube ich, trotzdem, immer noch.

Ich habe bisher noch kaum junge Frauen mit Kurzhaarfrisur gesehen. Was für ein Schönheitsideal wird jungen Mädchen und Frauen vermittelt?

Ich glaube, es wandelt sich mit der Zeit und ändert sich immer wieder. Jetzt ist es eher Mode, lange Haare zu haben. Ich habe zwar einen kurzen Schnitt, aber mein Sohn, der ist jetzt 15, der hat gesagt: „Nööö, das gefällt mir nicht!“. Es ist einfach im Trend gerade jetzt.

Also ist das nicht grundsätzlich so?

Nein, du kannst auch Mädchen mit Kahlkopf treffen, die gibt es auch. Und bei mir in der Schule – ich arbeite in der zweiten Klasse – da hat eine Mutter sich rasieren lassen, überhaupt kein Haar, und ihr kleiner Junge, der hat sie gemalt, immer mit langen Zöpfen, und macht das immer noch.

Kann man bei Berufen eine typische Männer-Frauen-Verteilung feststellen?

Ja, natürlich, es gibt typische Männerberufe, vielleicht die, die irgendwie körperlich anstrengend sind. Und typische Frauenberufe, wo man sich nicht so anstrengen sollte oder mit Schönheit mehr zu tun hat. Aber ansonsten – so richtig, dass wir sagen, diese Berufe sind nur für Männer und diese nur für Frauen – nein. Lastkraftwagenfahrer, das sind eher Männer, aber Frauen kann man da vielleicht auch treffen. Und es nicht so, dass es fatal ist, es gibt eigentlich keinen Wunsch bei den Frauen, da zu arbeiten.

Gibt es Initiativen, dass mehr Frauen z.B. naturwissenschaftliche oder technische Berufe lernen sollen?

Da meinst du bestimmt diese feministische Bewegung oder sonstwas – das gibt es bei uns nicht, irgendwie grundsätzlich nicht, und wir sind im Moment einfach nicht interessiert, solche Diskussionen zu führen.

Wie sieht es mit der Bezahlung aus in den Berufen, in denen sowohl Männer als auch Frauen arbeiten? Werden Frauen gleich gut bezahlt?

Ich glaube, es gibt irgendeinen Standard für Gehälter, und das wird bezahlt, egal ob das ein Mann oder eine Frau macht. Und vielleicht gibt es Bereiche, wo man sehr wenig Männer hat, aber man möchte sie haben, dann wird man denen natürlich etwas mehr bezahlen als den Frauen, damit sie kommen. Aber ansonsten, grundsätzlich, werden Frauen nicht schlechter bezahlt.

Sind Familie und Beruf in Russland gut vereinbar?

Ich arbeite in der Waldorfschule, und da fragen die Ehemänner von unseren Lehrerinnen: Ist eigentlich die Schule familienfreundlich oder nicht? – in dem Sinne, dass man sehr viel zu tun hat. Es ist immer verschieden, je nachdem, was für ein Beruf es ist. Eine Lehrerin hat immer viel zu tun, und dann noch zuhause viel zu tun. Je nachdem, es gibt Ehemänner, die sehr viel helfen, und dann klappt es sehr gut in der Familie, und es gibt solche, die meckern – mein Sohn sagt zum Beispiel immer wieder: „Bitte, lieber Gott, nie im Leben soll meine Ehefrau eine Lehrerin sein!“

Aber gibt es genug Angebote an Kindergärten, damit die Kinder während der Arbeit gut versorgt sind?

Also, extra macht keiner etwas für die Frauen. Das heißt, du musst immer selber schauen, wie machst du das, wie kommst du über die Runden? Ich hätte gerne viel mehr Angebote gehabt, die billiger sind für eine Frau, die voll beschäftigt ist, aber ich hatte das nie. Aber früher, in der Sowjetunion, da gab es das immer. Für meine Mutter z.B., da gab es immer irgendwelche Ermäßigungen. Für Mehrkinderfamilien, da gibt es etwas, aber nicht so viel, und das Kindergeld ist auch sehr wenig. In Deutschland konnte ich davon meine Wohnung bezahlen, ich habe dort auch Kindergeld bekommen, ich habe meinen Sohn in Deutschland bekommen. Und da konnte ich die Wohnung richtig bezahlen, allein vom Kindergeld, und hier nicht. Hier ist es eher symbolisch, das ist eine sehr kleine Summe.

Hat die Zeit der Gleichberechtigung der Frauen in der Sowjetunion Auswirkungen auf die heutige Situation der Frauen?

Die Frauen waren damals sooo sehr gleichberechtigt und mussten immer sooo viel arbeiten, hatten keinen Mutterurlaub und so weiter – das heißt, sie mussten genauso viel machen wie die Männer – dass der Wind eher in die andere Richtung weht. Man möchte nicht so viel arbeiten wie die Männer. Man möchte die Männer arbeiten lassen und mehr Zeit zuhause haben. Wir haben schon genug von der Arbeit. Meine Mutter hat so viel gearbeitet, wir haben uns immer gewünscht, dass sie zuhause ist. Und jetzt sind wir eher neidisch auf diejenigen, die es sich leisten können, zuhause zu bleiben. Würde ich vielleicht auch gerne…

Gab es schon Situationen, in denen du dich als Frau benachteiligt gefühlt hast?

Ich habe immer anders gedacht: Warum soll ich genau solche Leistungen bringen wie die Männer? Ich möchte nicht wie die Männer jetzt hier dastehen, ich möchte eher als Frau behandelt werden.

Hast du dir nie gedacht: Wenn ich jetzt ein Mann wäre, hätte ich es in dieser Situation jetzt leichter?

Nein. Wenn, dann waren das Situationen, wo die Männer viel leisten müssen, körperlich vielleicht, und natürlich müssen sie dann besser bezahlt werden als ich. Ansonsten nicht.

Frag doch mal in Russland #2 Bildung, Arbeit, Chancen

Liebe Leser_innen,

dieser Beitrag ist das zweite Interview im Rahmen des Projekts „Frag doch mal in…“, diesmal wieder mit Svetlana, meiner Vermieterin und Mitbewohnerin. Sie ist 65 Jahre alt und war früher Deutschlehrerin an meiner Einsatzstelle, der Schule 103. Das Thema lautet dieses Mal „Bildung, Arbeit, Chancen“.

Wie war Ihre Laufbahn von der Schule bis zum Ende Ihrer Arbeit?

Als ich in der Schule lernte, wusste ich nicht, was ich werden will. Ich hatte keinen Traum, ich hatte keine Ziele. Ich war in einer sehr schweren Situation. Aber ich hatte zwei Beispiele vor mir, nämlich meine Schwestern. Ich hatte auch ein Beispiel von meinem Vater, von meiner Mutter, von meinem Großvater sogar. Er war ein Dorflehrer, er war sehr lange der einzige Lehrer in seinem Dorf. Und  sehr viele Generationen von Kindern hat er unterrichtet. Und mein Vater hat auch die pädagogische Fachschule beendet, aber als Lehrer arbeitete er nicht. Warum? Er war Mitglied der Kommunistischen Partei, und die Partei hat ihm gesagt: „Sie sollen in der Landwirtschaft arbeiten.“ Die Landwirtschaft war schlecht, man brauchte sehr viele Kräfte, um sie zu verbessern. Und sehr viele Jahre, 30 oder 40 Jahre, arbeitete er als Vorsitzender eines Kolchos. Aber meine ältere Schwester hat ihren Beruf ganz zielstrebig gewählt. Sie wusste schon in der Schule, dass sie Lehrerin werden will, und sie bereitete sich selbst auf diesen Beruf vor. Und sie wollte Russischlehrerin werden, aber als sie in die pädagogische Hochschule in Birsk gekommen ist, hat die Prüfungskommission ihre Fremdsprachenkenntnisse geprüft, in Deutsch, und sie haben ein paar Fragen auf Deutsch gestellt, Luise hat geantwortet, und das hat ihnen gefallen, und sie haben gefragt: „Warum wollen Sie Russischlehrerin werden? Bitte arbeiten Sie lieber als Deutschlehrerin! Das ist viel interessanter, hat mehr Prestige, und Sie haben gute Kenntnisse. Bitte schreiben Sie sich an unserer Fakultät ein!“ Das ist die Fakultät der Fremdsprachen, Deutsch und Französisch.
Nach Luise ist meine zweite Schwester in diese Stadt, in diese Fachschule gegangen, und sie wurde auch Studentin dort. Mir blieb also nichts anderes übrig, ich ging auch in diese Schule. Die zweite Schwester wurde Russischlehrerin, Luise Deutsch- und Französischlehrerin, und ich wollte nur Fremdsprachen lernen, Russisch wollte ich nicht. Aber in der Schule lernte ich sehr gut, besonders gut waren für mich Literatur, Geschichte und Fremdsprachen. Mathematik war schwerer, bis zur 9. Klasse waren alle meine Noten nur 5 [beste Note in Russland], aber in der 10. Klasse, 11. Klasse, war ich in Mathematik nicht mehr gut, und Physik war besonders schwer für mich. Aber Chemie war viel besser.
Ich war schon verheiratet, ich hatte schon Kinder, aber in meinem Traum sah ich solche Bilder: ich stehe an der Tafel in der Physikstunde, und soll eine physikalische Aufgabe lösen, das war schrecklich! Und als ich verstand, dass das ein Traum war, war ich so glücklich.

Was für eine Schule haben Sie besucht?

Bei uns hatten wir nur eine einzige Schulart, eine Mittelschule von der 1. bis zur 11. Klasse.

Wann sind Sie in den Beruf eingestiegen? Haben Sie gleich hier in Ufa gearbeitet?

Als ich Studentin war, hatten wir in unserem Land eine Studentenbewegung, die Baugruppen. Ich wurde auch mit meinen Freundinnen und Mitstudentinnen Mitglied einer solchen Baugruppe. Nach dem 1. Studienjahr ist eine Gruppe von ca. 100 Studenten in die Vorstadt von Ufa gekommen, um in einer Baustelle eine Firma für die Viehfarm zu bauen. Fast 100 Mädchen und nur 3 oder 4 Jungen. Kannst du dir das vorstellen? Wir Mädchen trugen Beton, das war so schwierig. Wir gruben Erde für das Fundament usw. Die Arbeit war sehr schwierig, aber sehr interessant und nach der Arbeit war es sehr lustig. Wir wohnten in Zelten unter den Birken. Rechts war ein Kornfeld, das war eine sehr romantische Atmosphäre, und damals habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er war auch Student, er leitete eine solche Baugruppe, aber nicht von unserem Institut, sondern von Ufa. Er war Student der landwirtschaftlichen Hochschule. Er sollte Ingenieur werden. Das war nach dem ersten Studienjahr, und zwei Jahre lang haben wir uns getroffen. Er kam in meine Stadt, und dann kam ich nach Ufa, und nach zwei Jahren veranstalteten wir die Hochzeit. Sehr viele Studenten waren bei unserer Hochzeit, das war sehr lustig, aber für meine Mutter war das nicht leicht, denn vieles hat sie selbst gemacht und sie hatte fast keine Helfer. Und es gab Probleme, ich konnte nicht einmal ein Brautkleid kaufen. Es gab das nicht, in den Kaufhäusern gab es überhaupt keine solchen Kleider, und wir suchten, wir schrieben nach Moskau, aus Moskau haben sie uns Stoffe geschickt usw. Das ist eine andere Geschichte, man kann darüber sehr lange sprechen. Aber wir wurden Frau und Mann. Und von der Stadt Birsk bin ich nach Ufa umgezogen. Mein Mann hat viel dafür gemacht, und er hat auch im Studentenwohnheim ein Zimmer für uns organisiert, und er war sehr aktiv in diesem Institut, und darum kamen die Leiter des Instituts ihm entgegen und machten vieles für ihn. Also bekamen wir ein solches Zimmer. Das waren sogar 2 kleine Zimmer, eine Küche und ein Wohnzimmer. Und im 5. Studienjahr ist Ina geboren, im Dezember. Und als wir studierten, damals, bekamen alle Studenten Papiere, wo geschrieben wurde: die Stadt, die Organisation, der Betrieb oder die Schule, wo die Absolventen arbeiten sollten. Weil ich schon verheiratet war, gaben sie mir kein solches Papier. Ich musste oder sollte selbst meine Arbeitsstelle auswählen. Das Studium an der Fakultät der Fremdsprachen hat mir sehr gut gefallen, vieles, die Aussprache usw. Aber Deutsch hat man uns sehr schlecht beigebracht, das war ein junger Professor, wir machten ihm schöne Augen. Er war nicht streng, er hatte keine Erfahrung, er war ein sehr, sehr junger Professor und konnte nichts von uns fordern. Aber ich hatte gute Noten, weil ich Deutsch in der Schule gelernt hatte.

Als Sie angefangen haben, in der Schule zu arbeiten: Wo haben Sie angefangen?

Ich habe mir selbst Arbeit gesucht. Ich ging in eine Schule: „Brauchen Sie eine Deutschlehrerin oder nicht?“ – Nein, sagten sie mir. Endlich, in der Schule 102, hat man mir gesagt: „Ja, wir brauchen eine Deutschlehrerin, weil unsere Deutschlehrerin schwanger ist.“ Und ich begann zu arbeiten. Ich war eine so junge Lehrerin, und meine Schüler waren schon in der 11. Klasse. Und solche großen Jungen saßen da. Und jetzt lachten sie und strahlten mich mit den Augen an wie wir unseren Deutschprofessor.
Die Arbeit war sehr schwierig für mich. Jetzt verstehe ich, die Arbeit des Lehrers ist nicht für mich. Aber ich war sehr tüchtig. Die Disziplin war für mich am Anfang ein Problem. Sogar bei den kleinen Schülern, in der 5., in der 6. Klasse. Ich meinte, ich liebe sie, und darum sollen sie mich auch lieben. Warum muss ich so streng sein? Ich will nicht so streng sein, ich liebe sie, und das ist genug! Aber die Kinder sind nicht so. Eine alte Deutschlehrerin, Galina, sagte mir: „Oh, Svetlana, ich verstehe dich nicht. Sie sind so klein, warum sind sie so undiszipliniert in deiner Stunde? Es ist so leicht, sie dazu zu bringen, sich zu benehmen!“ Nach vielen Jahren habe ich es verstanden, und ich konnte auch eine gute Disziplin in der Stunde haben.

Wie lange haben Sie als Lehrerin gearbeitet, bevor Sie ins Schulamt gegangen sind?

Ich habe in der Schule 102 zwei Jahre gearbeitet, und dann ist diese Lehrerin zurückgekommen, und ich begann wieder, Arbeit zu suchen. Und in der Schule 103 habe ich diese Arbeit gefunden. Da habe ich 25 Jahre gearbeitet. Das war eine sehr interessante Zeit, wir hatten mit den Schülern viele interessante Schulabende. In unseren Schulen gab es die Tradition, dass am Ende des Schuljahres die Schüler mit den Lehrern Ausflüge machten. Diese Ausflüge waren sehr interessant und nicht nur für ein paar Stunden: wir wohnten in Zelten, wir fuhren mit dem Zug, dann gingen wir zu Fuß… Ein Ausflug mit meinen Schülern dauerte eine Woche. Wir waren in interessanten Höhlen in Regionen, die sehr weit von Ufa waren, wo es sogar keine Elektrizität gab. Die Leute wohnten in den Dörfern, aber sie hatten da keine Elektrizität, das kann man sich heute unmöglich vorstellen, aber es war so. Und die Schüler mochten das sehr.

Wie lange haben Sie im Schulamt gearbeitet?

8 Jahre. Und ich habe verstanden, dass das meine Bestimmung war. Das war eine schöpferische Arbeit, ich war für die methodische Arbeit verantwortlich. Aber diese Arbeit war sehr schlecht bezahlt, sogar die Lehrer verdienten mehr als ich. Das ist paradox, meiner Meinung nach. Ich half den Lehrern, ich leitete und koordinierte die Arbeit, aber mein Lohn war so klein. Aber ich litt nicht, weil mein Mann gut verdiente. Die Arbeit war sehr interessant, und eine Richtung – das kann ich ohne Bescheidenheit sagen – habe ich in unserem Bezirk entwickelt, das ist eine wissenschaftliche Arbeit der Schüler. Die Schüler schreiben über verschiedene Projekte, sie bearbeiten eine Frage und schützen ihre Projekte. Das ist sehr interessant, sie machen sehr, sehr viel, um ihr Projekt zu schützen, und die Schüler haben jetzt sehr viele Auszeichnungen für ihre Projekte, zuerst in der Stadt, und dann auch in anderen Regionen.

Welche Berufe sind in Russland am besten bezahlt oder am angesehensten?

Gazprom, die Erdölbetriebe. Aber man muss sagen: die Leiter bekommen sehr viel, aber die Arbeiter nicht. Die Leiter bekommen unmöglich, undenkbar viel.
In der Bank kann man auch viel Geld verdienen. Die Leute, die verkaufen – wenn sie gut verkaufen, bekommen sie viel Geld, und die Direktoren, die Manager auch. Und Richter verdienen auch sehr gut! Meine Rente ist z.B. 15.000 Rubel und die Rente von einem Richter ist 75.000 Rubel, so viel mal größer. Die Stadtangestellten – ihre Rente ist auch gut, mehr als z.B. die Rente der Lehrer, der Ärzte…

Was ist Ihre persönliche Meinung zum russischen Bildungssystem?

Früher war die Bildung sehr gut, meiner Meinung nach. Wir hatten keine Tests, keine einheitlichen staatlichen Tests für alle Schüler im ganzen Land. Warum ist das schlecht? Ihr Denken entwickelt sich nicht, sie sollen nur viele Fakten wissen. Und dann: Plus, Minus, Plus, Minus…
Wir hatten früher andere Prüfungen: die Schüler sollten eine Frage beantworten, mündlich, sie sollten z.B. eine Theorie beweisen, sie sollten ihre Position beweisen. Natürlich war das nicht leicht. Wir hatten Abschlussprüfungen, und als wir das Abitur hatten, mussten wir auch Prüfungen bestehen, um in die Hochschule zu kommen. Zweimal – im Juni in der Schule und im August hatten wir Prüfungen in der Hochschule, die wir gewählt hatten. Das war nicht leicht. Sehr viele junge Lehrer wissen schon nichts mehr davon, aber die Lehrer, die schon seit langem arbeiten und die selbst in einem anderen System gelernt hatten – alle schimpfen auf diese Tests. Und die Mitglieder unserer Regierung, unsere Abgeordneten, sie diskutieren viel über die Bildung.

Wie lange studiert man normalerweise?

Normalerweise in einer Hochschule 5 Jahre, aber es gibt jetzt Bachelor und Master. Früher studierten alle 5 Jahre, und manche 6 Jahre. Zur Zeit gibt es die Studenten, die 3 Jahre studieren und dann den Bachelor haben, und nach zwei Jahren den Master. Aber nicht alle Hochschulen sind so.

Soweit ich weiß, muss man immer Russisch, Mathematik und Sport studieren, egal, welches Fach man studiert.

Mathematik, ja. Früher war das nicht so. Ich habe die Fremdsprachenfakultät gewählt, und an unserer Fakultät hatten wir keine Mathematik, wozu? Oder Psychologie, wozu Biologie, wozu Mathematik? Aber jetzt ist Mathematik überall, warum? Fast alle Abiturienten wollen eine Hochbildung haben. Aber das Land braucht nicht so viele Fachmänner mit Hochbildung. Unser Land braucht viele Arbeiter. Und darum ist Mathematik seit einigen Jahren überall. Und alle sind erstaunt, wozu Mathematik? Das ist eine Barriere, und die Universitäten mit hohem Ansehen, z.B. MGU in Moskau, die beste Universität in unserem Land, und die Bauman-Universität, haben begonnen, den Abiturienten ihre eigenen Prüfungen zu stellen. Früher hatten wir sehr viele Fachschulen [Berufsschulen], und die Schüler, die diese Schule absolviert hatten, gingen in die Werke, in die Fabriken, sie wurden gute Fachleute, und zur Zeit braucht unser Land solche Fachleute, aber diese sehr guten Fachschulen waren ganz zerstört, wir haben nur noch sehr wenige. Und unser Land braucht sehr viele solche Leute, Arbeitsmänner, Arbeitshände.

Welche verschiedenen Schularten gibt es in Russland?

Bei uns gibt es Mittelschulen: sie vereinigen Grundschule, Mittelstufe und Oberstufe. Es gibt auch Gymnasien, d.h. Schulen, wo humanistische Fächer sehr gut unterrichtet werden, Literatur, Fremdsprachen, Geschichte. Es gibt auch Lyzeen. Im Lyzeum werden die „genauen“ Wissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie sehr gut unterrichtet. Alle diese Schulen haben 11 Klassen.

Welche Möglichkeiten der Weiterbildung hat man, wenn man die Schule beendet hat?

Zur Zeit haben unsere Studenten sehr viele Möglichkeiten. Sie können gleichzeitig zwei Berufe in einer Universität studieren. Und sie können sogar gleichzeitig arbeiten, wir kennen solche Beispiele. Z.B. die Tochter von Inas Freundin, die in St. Petersburg studiert, studiert zwei Berufe und arbeitet. Oder der Sohn meiner Cousine studiert an der Bauman-Universität, er arbeitet und verdient als Student viel mehr als sein Vater.
[…]
Unsere Universität in Ufa ist zur Zeit nicht so beliebt. Jetzt studieren alle in Kasan, da studierte zu seiner Zeit Lenin, aber das hängt nicht davon ab (lacht). Jetzt liegt Kasan in allen Richtungen vorne, Bildung, Straßen, Tourismus usw. Es heißt jetzt immer Moskau, St. Petersburg, Kasan.

Wie groß sind die Chancen, nach dem Universitätsabschluss eine Arbeit zu finden? Welche Studienfächer bieten die besten Chancen?

Früher hatten wir kein Problem. Alle bekamen ein Papier: du wirst in diesem Betrieb, in dieser Stadt, in dieser Organisation, in dieser Schule arbeiten, alle hatten so ein Papier. Jetzt ist alles ganz anders. Natürlich, wenn du Student von der Moskauer Universität warst, hast du mehr Chancen, oder wenn du im Ausland studiert hast. Sehr viele Schüler wollen Jura studieren, aber sehr wenige finden eine Arbeit, weil es zu viele gibt. Oder die Studenten, die Wirtschaft studiert haben, sie können auch keine Arbeit finden. Aber sie alle gehen und gehen, um das zu studieren.

Anmerkung: nach dem Interview (die Aufnahme war schon beendet) sagte Svetlana noch, dass die Kindergärten hier sehr gut seien und die Kinder dort eine gute Bildung und Entwicklung bekämen. Es sei dann geradezu ein Schock für die Kinder, vom Paradies Kindergarten in die Schule zu kommen.

Frag doch mal in Russland #1 Kindheitserinnerungen

Liebe Leser_innen,

vor kurzem kontaktierte mich die Freiwillige Jule W. aus Kolumbien. Ihr Freiwilligen-Projekt besteht darin, dass sie jeden Monat ein Thema vorgibt, zu dem möglichst viele Einheimische aus möglichst vielen Ländern befragt werden sollen und dass sie die Antworten dann in einem eigenen Blog sammelt. Das Thema im März lautete „Kindheitserinnerungen und was sich im Land seit der Kindheit verändert hat“. Hier ist mein Beitrag dazu.
Die befragte Person ist Svetlana Malikova, 65, eine ehemalige Deutschlehrerin meiner Einsatzschule, bei der ich während meines Freiwilligendienstes wohne. Wir haben das „Interview“ auf Deutsch gemacht und ich habe zur besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit kleinere Fehler korrigiert. Svetlana hat mir aber nach dem Durchlesen des Textes versichert, dass alles so geschrieben ist, wie sie es gemeint hat. Also: viel Spaß beim Lesen, vielleicht werdet ihr auch ein bisschen zum Nachdenken angeregt…

Sophia: Das Thema lautet „Kindheitserinnerungen. Was hat sich seit Ihrer Kindheit in Russland verändert“?

Svetlana: Das erste, woran ich mich erinnere, ist ein Bild aus meiner Kindheit. Das Bild ist so: ich stehe in einer Schlange, um Brot zu kaufen. Die Schlange ist so, so, so lang, so viele Menschen stehen an. Und ich bin so klein, ich muss wie alle anderen Menschen stehen und dann Brot kaufen. Es gab eine Zeit, als wir nicht so viel Brot hatten in unserem Land – wir mussten so in den Schlangen stehen, um Brot zu kaufen. Wir kauften es, und dann gingen wir nach Hause. Das war weißes Brot und das war auch schwarzes Brot. Ich weiß nicht warum, aber wir fütterten – das ist paradox – mit diesem Brot fütterten wir auch die Haustiere. Ich weiß nicht warum, vielleicht gab es kein Korn, wir fütterten die Schweine, die Kühe, es gab vielleicht wenig Heu – jetzt kann ich das nicht genau sagen. Ja, wir hatten solch eine Zeit in unserem Land. Natürlich halfen wir Kinder unseren Eltern. Wir hatten kein Wasser, zum Beispiel, im Haus, kein Gas hatten wir. Elektrizität – ja, das hatten wir, es war hell, aber kein Wasser im Haus, kein Gas, und wir Kinder, was machten wir? Unser Vater war sehr beschäftigt, er arbeitete sehr, sehr viel, von früh bis spät. Er war der Vorsitzende eines Kolchos [Kollektivwirtschaft, landwirtschaftlicher Großbetrieb in der Sowjetunion] – sie pflegen gemeinsam die Haustiere in einer Firma, und die Pflanzen, und pflegen auch das Korn, Gemüse usw. Und alle schwere Arbeit zuhause machten wir Kinder. Wir sägten sogar Bäume – sie liegen auf der Erde, ohne Blätter, wir mussten sie sägen, und der Bruder meiner Mutter hackte sie. Und was machten wir noch? Wir trugen auf unseren Schultern zwei Eimer, es gab solche Gestelle aus Holz, gebogen, mit zwei Krücken und zwei Eimer, und wir trugen diese Eimer auf unseren Schultern. Wir waren nicht so groß, aber die Eimer waren nicht klein. Wir wurden gezwungen – sagt man das so? Wir machten das, es war normal.

Wie viele Geschwister haben Sie denn?

Wir waren vier, unsere Familie: drei Schwestern und der letzte war ein Junge. Und jetzt, natürlich, das heutige Leben in unserem Land ist ganz anders. Wir hatten auch eine sehr lange Periode, als wir ein totales Defizit hatten. Wir hatten fast nichts. Es gab das in den Geschäften, aber zu wenig, um allen Leuten etwas zu verkaufen. Um das alles zu kaufen, musste man auch in den Schlangen stehen, aber das hieß nichts. Man konnte Schlange stehen, sehr lange, und nichts bekommen, weil es zu wenig Waren gab. Zum Beispiel Kinderkleidung oder – alles! Fast alles, nicht nur die Kleidung, auch die Möbel, die Wurst hatten wir nicht. Jetzt ist ein totaler Überfluss. Es gibt von allem viel, sogar zu viel, das ist fantastisch [unglaublich, nicht unbedingt positiv!]. Meine Mutter, sie ist vor 20 Jahren gestorben – solchen Überfluss hat sie nicht mehr gesehen. Das alles haben wir später bekommen, gesehen.

Seit wann gibt es diesen Überfluss, die großen Supermärkte etc.?

Eine gute Frage. Seit 2000, dem Beginn des neuen Jahrtausends. Aber mit diesem Überfluss bekamen wir in unserem Leben auch die negative Seite eines solchen Lebens mit. In der Zeit meiner Kindheit war alles ruhig. Wir hatten nicht so viele Waren, aber unser Leben war ohne Krimis, ohne… ich weiß nicht. Die Kinder gingen spazieren und die Eltern waren ganz ruhig. Wir konnten z.B. mit 6 Jahren in den Wald gehen, ja wir konnten den ganzen Tag irgendwo verbringen, und unsere Eltern waren ganz ruhig. Sie wussten: nichts geschieht, alles wird gut sein. Zur Zeit ist das nicht so. Es gibt so viele Gefahren in unserem Leben, besonders für die Kinder, und das freut uns nicht, natürlich.

Und noch eine Seite: die Lebensmittel hatten einen anderen Geschmack. Sie waren ganz natürlich: Brot, Milch, Butter, alles hatte seinen eigenen Geschmack. Keine Chemie. Wir hatten nicht so viel Wurst, aber da hatten wir in der Wurst Fleisch, Salz, Pfeffer und nichts mehr. Und zur Zeit gibt es in diesen Würstchen, in der Wurst usw. so viele verschiedene Konservierungsmittel, Aromastoffe, Geschmacksverstärker [wörtlich russisch Geschmacksverbesserer]. Und das Wasser ist ganz anders zur Zeit. Wir wussten nicht, was Allergie heißt. In meiner Kindheit kannten wir solche Krankheiten nicht. Wir wussten nicht, was Drogen sind. Überhaupt war das ganz unbekannt, wir haben davon nie gehört, nie! Wir Kinder zumindest, die Erwachsenen vielleicht, irgendwo, irgendwann, aber das war so weit von uns, also die Drogen.
Die Betrunkenen, die Alkohol tranken, die gab es. Es war die sowjetische Periode, als unsere Menschen zu viel Alkohol tranken, das war eine lange Zeit. Und die heutige Zeit ist viel besser. Früher war es so: du gehst z.B. nach Hause, aus der Schule, es ist schon Wochenende, und was siehst du? Solche: (steht auf und imitiert einen schwankenden Betrunkenen). Das war so peinlich, aber das war ein typisches Bild. Einige lagen sogar auf der Erde, das war peinlich für unser Land, für mich, für unsere Leute, alle. Das war sehr schlecht, und zur Zeit sehen wir solche Bilder nicht mehr. Wenn das geschieht, ist das sehr, sehr selten. Das ist sehr gut für das heutige Leben. Besonders die jungen Leute, sehr viele junge Leute sorgen für ihre Gesundheit. Sie trainieren, sie besuchen Fitnessstudios, Mädchen und Jungen, und das gefällt mir sehr.

Und, was natürlich neu ist: das Ausland war in meiner Kindheit wie ein Kosmos. Das Ausland war unmöglich zu erreichen. Es gab den Eisernen Vorhang, und alles, das hinter dem Eisernen Vorhang war, schien uns wie ein Kosmos. Wir wussten nichts, aber es gab natürlich die Leute, die im Ausland waren, unsere Journalisten, unsere Diplomaten. Aber die einfachen Leute hatten keine Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Und als ich das erste Mal, 1995, nach Deutschland gereist bin, habe ich zwei Monate im Goethe-Institut gelernt. Dort sah ich, wie klein unsere Erde ist. Neben mir studierten Menschen aus der Schweiz, aus Österreich, aus Australien, aus Mexiko, aus Japan, aus Afrika, und alle waren zusammen. Alle waren hier, alle bekamen Briefe, alle telefonierten, und ich habe verstanden: unsere Erde ist so klein, und wir müssen für sie sorgen. Wir müssen nachdenken, sie schützen, und keinen Krieg sollen wir haben auf dieser Erde. Sie ist so klein, und so viele gute Menschen leben auf ihr, warum muss man Kriege haben, wozu? Ich habe das verstanden, und für mich war das eine Entdeckung. Als ich hier mit meinen Eltern lebte, in meinem Haus wohnte, dachte ich immer, dass die Welt so groß ist, dass sie wie ein Kosmos ist, unendlich, nein – unsere Erde hat Grenzen, und die Natur kann auch leiden wie wir Menschen. Das Wasser kann auch nicht immer sauber sein, es kann ganz schmutzig werden, und das ist sehr schlecht für die Erde, für uns.

Haben Sie schon immer in Ufa gelebt oder haben Sie als Kind woanders gewohnt?

Natürlich! In einer Arbeitersiedlung, da wohnten und arbeiteten die Erdölarbeiter. Das ist 200km von Ufa. Jetzt gibt es dort keine Erdölbetriebe mehr. Vieles hat sich verändert in dieser Umgebung [in Djoma, Vorort von Ufa, Svetlanas jetziger Wohnort]. Wer wohnt hier zur Zeit? Die Rentner, die Kinder, es gibt drei Mittelschulen, ein Krankenhaus und viele Geschäfte, aber die jungen Leute, die noch arbeiten müssen, die fahren mit dem Zug oder fliegen mit dem Flugzeug nach Norden, sie arbeiten da, um Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren.

Seit wann wohnen Sie in Ufa?

Seit wann? Oh, das ist eine sehr interessante Geschichte! Mein Opa war Lehrer, meine Eltern waren Lehrer, meine älteste und zweite Schwester sind auch Lehrerinnen, und was sollte ich sein? Ja, natürlich auch Lehrerin! Und 100km von unserer Siedlung gibt es eine kleine Stadt, und da ist ein
pädagogisches Institut. Da studierten auch meine Schwestern, und da ging ich auch hin, um zu studieren. Nach dem ersten Studienjahr habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er studierte hier in Ufa, und ich in dieser Stadt Birsk, 100km zwischen uns. Einmal kam er zu mir mit dem Bus, beim zweiten Mal fuhr ich zu ihm usw. Das dauerte zwei Jahre. Dann wurden wir ganz müde davon, und wir dachten: „Vielleicht werden wir uns verheiraten, dann wird das viel leichter.“
Er war Student, aber er war ein sehr aktiver Student. Er leitete eine Studentenbewegung „Baugruppen“. Im Sommer trafen sich die Studenten, eine große Gruppe, 30 Studenten, oder 40, und sie fuhren nach Osten, um etwas zu bauen, fuhren nach Norden oder in den Süden oder hier, nicht weit von Ufa. Und mein Mann leitete solche Gruppen, er hatte ein Lastauto, um seine Studenten zu besuchen, denn sie arbeiteten in vielen verschiedenen Gebieten der Republik [Baschkortostan]. Wir haben uns verheiratet, und dann bekam er sogar eine Zweizimmerwohnung im Studentenwohnheim. Er hat selbst mit seinen Freunden alles repariert, renoviert usw. Unsere Hochzeit war nach dem dritten Studienjahr, das war eine sehr lustige Hochzeit mit vielen Studenten und Studentinnen, und dann nach einem Jahr ist Ina geboren. Das war in der Mitte des fünften Studienjahrs, und ein halbes Jahr studierten wir zu dritt, mein Mann, ich und unsere Tochter Ina.
Wir machten alles selbst. Zum ersten Mal ist meine Mutter nach 6 Monaten gekommen. Ich hatte staatliche Prüfungen, und um mir zu helfen, kam sie zu uns, um sich um Ina zu sorgen. Und dann sind wir hier in der Stadt geblieben. Früher bekamen alle Studenten, nachdem sie die Hochschule beendet hatten, ein Papier, auf dem stand, wo sie arbeiten werden, Beruf, Platz, Stadt usw. Zur Zeit haben wir solche Papiere überhaupt nicht mehr. Keine Papiere, jeder Absolvent wählt selbst seinen zukünftigen Arbeitsplatz. Und er bekam einen Platz hier in Ufa und wir haben ein Zimmer gemietet, das war ein kleines Holzhaus in der Vorstadt, hier in Djoma, aber weit von hier. Aber das war kein Haus, nur ein Anbau. Da gab es einen Ofen mit Holz, ein Bett, einen Fernseher, einen Schrank, und nichts mehr. Sogar einen Tisch hatten wir nicht. Und wenn meine Mutter zu uns kam, sagte sie: „Wie schlecht wohnen sie, sie haben sogar keinen Tisch, und sie denken, dass sie in einer Stadt wohnen?“ (lacht) Aber das war für uns nicht so dramatisch, das war für uns keine Tragödie. Ja, wir hatten keinen Tisch, aber wir hatten einen Korb, darauf lag eine Tischdecke. Und wir wussten, dass wir nach einigen Jahren eine Wohnung bekommen werden, wir waren sicher, wir glaubten das. Man hat uns versprochen, dass wir nach einem Jahr die Wohnung bekommen werden. Wir haben sechs Jahre gewartet.
Ina ist gewachsen, dann ist Regina geboren. Zuerst warteten wir auf eine Zweizimmerwohnung. Wir hatten ein Kind, Vater und Mutter, also eine Familie aus drei Menschen, und wir hatten das Recht auf eine Zweizimmerwohnung. Aber nicht kaufen – früher bekamen wir das kostenlos von unserem Staat. Und ich hatte meinem Mann gesagt: „Wir haben keine Wohnung und die Zeit vergeht, vielleicht wollen wir noch ein Kind?“ (lacht) „Und dann werden wir das Recht haben nicht auf zwei Zimmer, sondern auf eine Dreizimmerwohnung!“ Und das geschah, und wir haben das geschafft.
Aber die Geschichte, wie wir uns kennengelernt haben, ist sehr romantisch. Auf Deutsch kann ich das nicht erzählen, unsere Freunde und Verwandte kennen die Geschichte, ja, wir waren sehr, sehr interessant, unvergesslich. Und ich habe mit ihm 40 glückliche Jahre gelebt. Und meine Freundin sagte mir immer: „Sveta, du hast so einen Mann, die gibt es überhaupt nicht mehr!“ Ich hab gesagt: „Er ist wie alle anderen, warum sagst du das?“ Ich verstand das nicht, aber als ich allein geblieben bin, verstand ich, was für einen Mann ich diese 40 Jahre lang hatte.

Ich sagte vorhin, dass es früher ein Defizit an Kleidung, Nahrungsmitteln usw. gab. Heute haben wir ein Defizit an Gutherzigkeit und Liebe. Die Autofahrer zum Beispiel, die können sich streiten. Früher war das eine unmögliche Situation. Früher half jeder dem anderen, und jetzt haben wir etwas
anderes. Die Autofahrer können sich auf der Straße streiten, sie können sogar schießen – ja, bei uns gibt es solche. Und sehr viele Ehepaare, die nicht so glücklich sind, die lassen sich scheiden. Dafür gibt es einen objektiven Grund: die Frauen wurden unabhängig. Sehr oft verdienen sie nicht weniger als die Männer oder sie verdienen sogar mehr, sie wurden selbstständig und wozu brauchen sie dann einen Mann, der zu viel Alkohol trinkt oder nicht so sorgfältig ist, warum sollen sie einen solchen Mann neben sich haben? In meiner Kindheit kannten wir solche Situationen nicht. Die Frauen ehrten ihre Männer, sie warteten immer und machten alles. Aber das ist normal. Nichts bleibt stabil. Das Leben geht weiter, alles verändert sich, das ist ein Gesetz, kann man sagen.

Waren die Leute früher aus Liebe verheiratet oder war es eher eine Zweckgemeinschaft?

Meine Generation natürlich aus Liebe. Aber unsere Eltern – z.B. meine Mutter hat meinen Vater geheiratet ohne Liebe. Sie hat uns das gesagt, sie liebte einen anderen Mann, aber es gab Gründe dafür, um nicht mit ihm zusammen zu sein. Die Mutter meines Vaters hat unsere Mutter ausgewählt, als sie noch ein Mädchen war. Sie hat sie auf dem Markt gesehen und meine Mutter hat seiner Mutter sehr gut gefallen und sie hat ihrem Sohn gesagt: „Du sollst dieses Mädchen wählen.“ Du sollst, nicht du musst, aber du sollst, hat sie gesagt. Er hat es so gemacht und war glücklich. Er war glücklich, aber vielleicht nicht bis zum Ende. Er tat alles, um sich ihre Liebe zu verdienen. Meine Mutter liebte ihn vielleicht nicht von ganzem Herzen, aber sie hat ihn geehrt, er hatte Autorität, er war sehr klug, er war sehr sorgfältig und er war ein guter Mann, ein guter Vater, und dafür ehrte sie ihn.

Wie hat sich die Stadt Ufa im Stadtbild und in der Größe und überhaupt verändert, seitdem Sie hier wohnen?

Auch eine gute Frage! Ich habe schon gesagt, ich mietete mit meinem Mann einen Anbau, und wir begannen da zu wohnen. Und was hatten wir hier im Zentrum [von Djoma]? Es gibt viel Wasser hier, und unser Grundwasser ist sehr hoch. Und im Zentrum wuchs Schilf und die Enten schwammen. Da gab es eine Straße, die haben wir immer noch, und nicht so viele Häuser natürlich, viel weniger, und natürlich gab es nicht so viele Schulen. Die Hochhäuser hatten wir überhaupt nicht, wir hatten nur fünfstöckige Häuser. Vielleicht nicht so saubere Straßen – aber jetzt sind sie auch nicht sauber, besonders jetzt in unserem Stadtviertel, denn wir haben einen Neubau. Und ich habe in Deutschland gesehen, wenn ein Gebäude gebaut wird, dann wird die Straße neben der Baustelle gewaschen, damit der Schmutz sich nicht verbreitet, und bei uns macht man das leider nicht, darum gibt es so viel Schmutz, vor allem in den neuen Vierteln.
Was noch? Wir hatten z.B. kein Schwimmbad, wir warteten sehr lange auf dieses Schwimmbad. Man hat uns immer versprochen: „In diesem Jahr wird das Schwimmbad gebaut.“ Wir warteten, dass das Jahr vergeht, und im nächsten Jahr sagten sie wieder: „Im nächsten Jahr wird das Schwimmbad gebaut.“ und so weiter und so fort. Endlich wurde das Schwimmbad gebaut, ein gutes Schwimmbad.

In welchem Jahr wurde das Schwimmbad gebaut? Ungefähr?

Ungefähr? Also, ich wohne hier in Djoma seit 1975 und vielleicht warteten wir auf dieses Schwimmbad 15 Jahre, 20 Jahre. Ein gutes Schwimmbad, es ist heute sehr beliebt, Kinder, Rentner und die jungen Leute besuchen es. Es gab nicht so viele Kindergärten. Bei uns, als viele Kinder geboren wurden, brauchten sie natürlich Kindergartenplätze. Es gab sehr wenig Kindergärten und Plätze. Und unsere Regierung hat eine Aufgabe gestellt: jede Region soll diese Kindergärten bauen, das war eine sehr wichtige Aufgabe für den Staat. Diese Aufgabe wurde erfüllt und zur Zeit haben wir genug Plätze, z.B. in unserem Hof wird ein Kindergarten mit Schwimmbad gebaut, das ist untypisch für Kindergärten. Ein bisschen weiter gibt es auch einen neuen, jetzt haben wir genug Platz für die Kinder und das ist sehr gut für die jungen Mütter. Sie haben die Möglichkeit zu arbeiten und unsere Kindergärten sind im Vergleich zu den ausländischen Kindergärten besser, meiner Meinung nach. Warum? Sie bekommen da alles, sie essen gut, sie schlafen da, sie bekommen eine gute Entwicklung, gute Spiele und Unterricht zur Entwicklung der Kinder. Man sorgt für ihre Gesundheit, es gibt da einen Arzt, eine Krankenschwester, oder nicht nur eine, es gibt Erzieherinnen. Aber in meiner Jugend konnte man die Kinder sogar mit zwei, drei Monaten in den
Kindergarten geben. Zur Zeit – nein, mit drei Jahren, das ist normal. Und drei Jahre sorgen die Mütter für ihre Kinder, natürlich bekommen sie nicht so viel Geld vom Staat, aber sie bekommen Geld. Und die Kinder können dort sein von 8:00 bis 18:00 Uhr, den ganzen Tag. Erst am Abend holen die Eltern sie wieder ab.

Gibt es genug Erzieher_innen?

Es gibt genug, aber das Problem ist, dass sie nicht so gut bezahlt sind. Aber wenn es keine andere Arbeit gibt, macht man auch diese Arbeit.

Würden Sie sagen, dass Sie es in der heutigen Zeit in Ihrem Alter, in Ihrer Generation eher leichter oder schwerer haben? War es schwierig, sich umzugewöhnen?

Für mich ist es nicht schwierig. Das freut mich sehr, das ist super, dass wir solche Möglichkeiten bekommen haben. In meiner Generation gibt es Leute, die vermissen die frühere Zeit. Natürlich, die Menschen, die älter sind als ich, nicht viel älter, aber es gibt solche Leute, die schimpfen und sagen: „Früher hatten wir ein glückliches Leben, wir hatten keine Arbeitslosigkeit, wir bekamen immer Geld…“, aber alle hatten ein gleiches Niveau des Lebens. Alle wohnten wie Zwillinge. Jetzt haben wir so viele Möglichkeiten, um unsere Begabungen auszudrücken und ich bin nicht damit einverstanden, dass es heute unmöglich ist, eine Arbeit zu finden. Es gibt Arbeit! Vielleicht nicht so gut bezahlt, vielleicht nicht so leicht, wie du willst, aber wenn du etwas verdienen willst, dann hast du immer solche Möglichkeiten. Du kannst einen anderen Beruf erlernen, aber wenn du liegen wirst und träumen, und nichts mehr, natürlich fällt nichts in deinen Mund vom Himmel! Man muss sich bemühen.
Diese Zeit ist sehr interessant, ist sehr schön. Natürlich gibt es Probleme, natürlich gibt es einige dunkle Seiten, aber es gab das früher auch. Nicht alles war so hell, so fantastisch usw. Früher gab es auch Probleme, aber solche Möglichkeiten wie heute hatten wir nicht. Und daher gefällt mir diese Zeit besonders.