Tag 175 – Hallo Deutsch!

Liebe Leser_innen,

ich hatte ja versprochen, noch zu erzählen, was ich im Goethe-Zentrum alles gemacht habe.

Das Goethe-Zentrum heißt eigentlich „Hallo Deutsch – Zentrum der deutschen Sprache“ und ist ein zertifizierter Partner des Goethe-Instituts. Seit letztem Jahr gibt es in Ufa die Sommerakademie – zwei Wochen Deutschunterricht, verbunden mit Spielen und Ausflügen, für Jugendliche von zehn bis 16 Jahren. Dieses Jahr gab es die Sommerakademie sogar zweimal – vom 17.7. bis zum 28.7. und vom 7.8. bis zum 18.8.

In der Woche vor der ersten Sommerakademie bin ich jeden Nachmittag ins Goethe-Zentrum gefahren, das leider fast am anderen Ende der Stadt liegt (also jeden Tag mindestens eine Stunde Busfahrt in jede Richtung). Da habe ich schon mal bei der Vorbereitung geholfen und – wow, war das anders als die Arbeit in der Schule! Jetzt kenne ich neben dem Spontan-Unterrichten auch die Situation, in der man einen ganzen Nachmittag lang eine Stunde Unterricht plant.

Obwohl ich ja schon seit Längerem fest entschlossen bin, Lehramt zu studieren, war das nochmal eine gute Vorbereitung, weil ich jetzt die beiden Extreme der Unterrichtsplanung kenne – nämlich von gar nicht bis unendlich viel Material selber machen. Wir haben uns zwar Inspiration aus Lehrbüchern geholt, aber trotzdem ganz viele neue Arbeitsblätter und Spiele selbst gemacht. Und das Schöne an dieser Arbeit war, dass mir meine Kollegen (die übrigens alle sehr nette Menschen sind) genug Anweisungen gegeben, aber auch genug Freiraum gelassen haben. Sie haben mir verschiedene Methoden vorgeschlagen, die ich vorher meist gar nicht kannte, und ich durfte mir dann selbst aussuchen, wie ich diese Methoden anwende und miteinander verbinde. So waren mit dem Ergebnis auch meistens alle zufrieden.

Unterrichtet habe ich diesmal aber nicht selbst – diesmal war ich wirklich eine Sprachassistentin, wie ich es in der Schule eigentlich auch hätte sein sollen. Ich habe die Übungen und Spiele alle mitgemacht und stand immer für Fragen zur Verfügung. Und wenn jemand krank war, habe ich dessen Platz eingenommen, sodass man trotzdem gleichmäßige Gruppen bilden konnte.

Unser Nachmittagsprogramm war ganz unterschiedlich: wir haben Spiele gespielt, waren im Park spazieren, haben einen Film angeschaut oder Workshops besucht.

Leider haben wir bei der zweiten Runde komplett vergessen zu fotografieren, deshalb gibt es jetzt nur ein paar Eindrücke von der ersten Sommerakademie.

Ein ausgestopfter Elch im Waldmuseum.


Eine ganz normale Unterrichtsstunde.


Kohl und Äpfel schneiden im Kochworkshop…


Der schönste Dessertteller des Tages!


Wir haben versucht, eine Burg vor einem Wald abzumalen.


Ich war für die künstlerische Gestaltung des Plans verantwortlich.


Unsere Armbänder als Abschlussgeschenk.


Und das haben wir in den zwei Wochen gemacht:

Insgesamt war diese Arbeit eine riesige Inspiration für mich, nicht nur langfristig und aufs Studium bezogen, sondern auch kurzfristig, denn sie hat mich aus einem Motivationsloch rausgeholt, in dem ich nach meinem Urlaub in Deutschland feststeckte. Die Kollegen waren alle sehr kompetent (einer spricht sogar so gut Deutsch, dass ich am Anfang echt dachte, er wäre Deutscher – bis er sich doch durch einen winzigen Fehler verraten hat…) und total nett und unterstützend. Ich war immer gut beschäftigt, aber nie überfordert und ich fühlte mich und meine Arbeit immer wertgeschätzt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Albina, Danija, Rustem, Artur, Irina, Elvira und Elvira, dass ich einfach so bei euch arbeiten durfte und eine sinnvolle Sommerbeschäftigung hatte! Und auch an Darina und Renata, die bei der zweiten Sommerakademie ganz ordentlich mit angepackt haben und eine supercoole Schnitzeljagd und einen Kurzfilm auf die Beine gestellt haben. Es war eine tolle Zeit!

Tag 131 – Kreativ, produktiv und innovativ!

Liebe Leser_innen,

nach einer kurzen Pause geht es jetzt wieder weiter mit meinem Blog. Ich war die letzten zwei Wochen zuhause in Deutschland und habe das Schreiben immer wieder vor mir hergeschoben…

Dafür geht es weiter mit dem Bericht über das Sprachlager, in dem ich vor meinem Urlaub zumindest dreieinhalb Tage war. Ich wusste zunächst gar nicht, wo dieses Lager ist, denn es existiert in Google Maps nicht, sondern nur im russischen 2GIS (da habe ich aber vergessen zu suchen). Wir wurden in mehreren Marschrutkas dorthin gefahren, und auf den ersten Blick sah alles ganz idyllisch aus. Ein kleines Lager/лагерь (übrigens auch wie „Landschaft/ландшафт“ und „Schlagbaum/шлагбаум“ ein deutsches Wort, das im Russischen genauso heißt) mitten in der Natur, ein kleiner See, eine große Wiese und ein paar Häuser.
Uns wurde schon vorher mitgeteilt, dass wir (Theresa und ich) ein besonders schönes Zimmer mit eigenem Badezimmer bekommen (dazu bekamen wir auch öfters von mehreren Personen stichelnde Bemerkungen zu hören), nämlich im Verwaltungshaus, wo auch die Betreiber des Lagers wohnen. Nun ja, als wir dieses Zimmer sahen, waren wir ein bisschen überrascht. Ich denke, wenn wir vorher gewusst hätten, dass das ganze Lager und die Häuser ziemlich alt sind, hätten wir uns auf etwas anderes eingestellt. Aber als wir die Betten sahen, deren dünne Matratzen voll mit Haaren, Dreck und Steinchen waren, und den Boden, der mit Staub bedeckt war, und das Fensterbrett, das von toten Fliegen bewohnt wurde, waren wir doch etwas erstaunt. Und das „eigene“ Badezimmer war auch nur ein Klo, was von allen Hausbewohnern benutzt wurde, und ich habe die Vermutung, dass es deshalb nicht geputzt wurde, weil es (wie auch in der Schule) gleichzeitig die Putzkammer war. Und wer putzt schon die Putzkammer? Klopapier gab es auch nicht, woraufhin unsere Nachfrage mit „Naja, die Kinder haben sich das eben selber mitgebracht“ beantwortet wurde, bevor eine Lehrerin uns zwei Rollen schenkte. Trinkwasser gab es am ersten Tag noch in einem Kanister in der Mensa, und als der leer war, bekamen wir die Antworten „Der wird nicht mehr aufgefüllt“ und „Naja, ihr hättet euch euer Wasser schon selber mitbringen müssen“. Gut, dass ich vor der Abreise noch nachgefragt habe, ob wir außer Handtüchern irgendetwas Wichtiges brauchen. „Nein, nein, es gibt alles dort.“ Zum Glück gab es einen Brunnen, bei dem die Meinungen zwar geteilt waren, ob man das Wasser trinken könne oder nicht, aber es war unsere einzige Möglichkeit. Besonders gut geschmeckt hat es zwar nicht, aber krank geworden sind wir auch nicht.

Nun zu unserem Unterricht: die Idee war, dass wir mit der 7. und 8. Klasse Schriftliche Kommunikation als Vorbereitung auf das DSD1 üben sollten.
Problem Nr. 1: Die 7. Klassen haben diese Prüfung erst in 2 Jahren und verstehen vieles noch nicht.
Problem Nr. 2: Es sind auch Schüler_innen dabei, die Deutsch als zweite Fremdsprache lernen und daher ungefähr auf dem Niveau der 4. Klassen sind.
Problem Nr. 3: Es gibt weder genug Tische noch genug Stühle. Unterrichtsräume gibt es auch nicht, nur Schlafräume. Die Kinder saßen also draußen, entweder auf beiden Seiten eines Bettes, sodass einige mit dem Rücken zu uns saßen, oder auf Bänken ohne Tisch, oder zu zweit auf einem Stuhl. Wir standen in der prallen Sonne, da der einzige Fleck, wo uns alle sehen und hören konnten, nie im Schatten lag, und wurden von Mücken zerstochen.
Problem Nr. 4: Niemand hatte Hefte oder Stifte dabei.

Und jetzt macht mal Schriftliche Kommunikation mit denen!

Was mich ja eigentlich am meisten erstaunt hat, war ja nicht, dass niemand so wirklich einen Plan hatte, wie das Ganze laufen sollte, sondern, dass niemand einen Plan hatte, obwohl das Sprachlager jedes Jahr an diesem Ort stattfindet. Und dann heißt es halt so ungefähr: „Denk dir was aus, du bist doch die Freiwillige!“.

Naja, irgendwie haben wir uns dann doch arrangiert, und vieles wurde auch einfacher, als einige Schüler_innen der 8. Klasse plötzlich beschlossen, nicht mehr zum Unterricht zu kommen, da waren es nämlich 8 Leute weniger. Und wir waren uns einig, dass wir, anstatt das ganze Gelände nach den Schüler_innen abzusuchen, lieber mit den Übriggebliebenen effektiv arbeiten wollen. Mit verschiedenen Spielen konnten wir dann auch die Motivation wieder ein bisschen hervorlocken.

Mein letzter Tag dort war gleichzeitig der Tag, an dem sich jede Gruppe präsentieren sollte. Jede Klassenstufe bildete eine Gruppe mit einem Namen, einem Motto und einem Lied. Bei der Vorbereitung dieser Präsentation waren wir auch beteiligt und haben lange überlegt, nach Liedern gesucht und Mottos gedichtet, nur um dann festzustellen, dass die meisten Gruppen sich am Ende doch selbst etwas ausgedacht hatten. Ursprünglich hätten wir ja sowieso für jede Gruppe etwas machen sollen, was zeitlich einfach zu viel für uns war, aber es wurde offenbar gar nicht erwartet, dass sich die Gruppen selber Gedanken machen. Auf die Idee sind sie dann wohl erst gekommen, als wir fertig waren.

Diese Präsentation war dann ganz lustig. Die Gruppen hatten am Ende sehr interessante Namen und passende Mottos, z.B. „Coca-Cola – Hey Kids, ich bin Cola“, „Wir sind das Brot“ oder „Regenbogen – Wir sind kreativ, produktiv und innovativ!“. Das waren alles Schülerideen, wie ihr euch vielleicht denken könnt. Zum Schluss dieser Veranstaltung wurden Theresa und ich auf die Bühne geholt und sollten irgendetwas sagen – aber im Improvisieren sind wir ja inzwischen geübt. Dann fiel uns die ehrenvolle Aufgabe zu, die Sprachlager-Fahne zu hissen, wofür wir von allen sehr gefeiert wurden.

Das Highlight der drei Tage war auf jeden Fall, als wir uns an zwei Abenden eine Gitarre ausleihen durften und mit Interessierten deutsche Kanons gesungen haben. Zwar haben meistens nur wir gesungen, weil sich niemand getraut hat, mitzusingen, aber immerhin wurde uns hier der Respekt zuteil, dass uns zugehört wurde, nicht wie im Kinderlager, wo sich mindestens fünf Schüler_innen, Betreuer_innen oder Lehrer_innen unterhalten haben, während wir Lieder vorgesungen haben. Es waren auch nur die Leute da, die sich dafür interessiert haben, und als wir fertig waren, haben ein paar Mädchen uns russische Lieder vorgesungen. Am zweiten Abend haben wir mit ein paar Viertklässler_innen gesungen und das war mindestens genauso schön. Bis wir von einer Betreuerin mitten in „Abendstille überall“ unterbrochen wurden: „Die Kinder müssen jetzt zum zweiten Abendessen!“

Ja richtig, zum zweiten Abendessen. Insgesamt gab es fünf Mahlzeiten am Tag: Frühstück, Mittagessen, zweites Mittagessen, Abendessen, zweites Abendessen. Die Hauptmahlzeiten waren allerdings auch so klein, dass die zweiten Mahlzeiten wirklich nötig waren. Wie in der Schule gibt es grundsätzlich nur kleine Frühstücksteller für sämtliche Gerichte, d.h. eine Portion ist ungefähr die Hälfte von dem, was ich normalerweise esse, um satt zu werden. Oft haben wir uns noch übriges Brot oder Gemüse von anderen Tischen geholt, damit wir nach dem Essen zumindest keinen Hunger mehr haben. Das Tolle an so vielen Kindern ist ja, dass die meisten kein Gemüse mögen, also haben Theresa und ich immer die rote Beete von sämtlichen Tischen in der Nähe bekommen. „Bäh, ja, das könnt ihr gerne haben!“ Die entsetzten Blicke der kleineren Kinder haben wir gerne in Kauf genommen. Beim zweiten Mittagessen (süße Brötchen und Äpfel) wurde zum Glück nicht nach Tischen aufgeteilt und rationiert, sondern man konnte sich die Äpfel einfach aus einem großen Korb nehmen (da haben wir auch ordentlich zugeschlagen). Und das zweite Abendessen bestand aus Kefir und Keksen. Seitdem trinke ich sehr gerne Kefir, ich hatte es vorher nur nie probiert…

Alles in allem würde ich sagen, dass alles ein bisschen besser organisiert werden könnte, z.B. dass man das Sprachlager an einem Ort stattfinden lassen könnte, wo es ordentliche Unterrichtsräume gibt und dass man den Schüler_innen sagt, dass sie Hefte und Stifte brauchen. Der grundsätzliche Zustand des Lagers lässt sich wohl damit erklären, dass man für zwei Wochen in diesem Lager umgerechnet nur ca. 10 Euro bezahlt. Als ich wieder abreiste, hatte sich ja irgendwie alles arrangiert, ich hätte es also durchaus noch bis zum Ende ausgehalten (auch dank Theresa, ich glaube, alleine hätte das echt keinen Spaß gemacht).
Aber der Familienbesuch ging dann doch vor 😉

Tag 110 – Und das Hähnchen macht Kikerikiki…

Liebe Leser_innen,

nach zwei Wochen Kinderlager kann ich mehrere Dinge feststellen:

1. Die Kinder wachsen mir mit jedem Tag mehr ans Herz, weil sie sich jeden Tag mehr trauen, mit uns zu sprechen und uns auszufragen. Inzwischen können Theresa und ich nicht mehr an einer Gruppe vorbeigehen, ohne von mindestens fünf Kindern umarmt zu werden (auch wenn wir die Gruppe in den letzten fünf Minuten zweimal gesehen haben und beide Male umarmt wurden). Und wenn unsere Stunde beginnt, kommen die meisten Kinder begeistert in den Raum gestürmt und begrüßen uns mit „THEREEEEEESAAAAAAA!!! SOOOOOPHIIIIIIIAAAAAAA!!! GUTEN MORGEN!“.

2. Die Organisation ist etwas fragwürdig. Es gibt zwar einen Plan, aber dass dieser Plan eingehalten wurde, ist noch nicht so oft vorgekommen. Und die Gruppen sind sehr ungleichmäßig verteilt – damit meine ich, dass Gruppe 5 schon sechsmal bei uns war und die meisten anderen nur dreimal. Gut, dass ich immer noch mindestens ein „Reserve“-Lied dabeihatte, für den Fall, dass eine Gruppe noch einmal kommt (Es kam auch schon vor, dass eine Gruppe zweimal an einem Tag kam…).

3. Dafür lernen wir umso mehr, spontan zu sein. Bis jetzt hatte ich mich daran gewöhnt, Unterricht zu halten, wenn jemand sagte „Kannst du in fünf Minuten die 6. Klasse übernehmen?“ – aber ich wusste, wo, wer, wann und was ich machen sollte. Jetzt wissen wir zwar wo und theoretisch wann, aber meistens nicht, wer und damit auch nicht, was wir machen sollen. Da müssen wir dann erstmal die Gruppe fragen, welche Gruppe sie denn eigentlich sind, und dann können wir entscheiden, welches Lied wir mit ihnen singen. Kleines Selbstlob: es war eine gute Entscheidung, jeden Tag aufzuschreiben, welche Gruppen da waren und was sie gemacht haben. Sonst würden wir jetzt heillos im Chaos versinken… Oft passiert es auch, dass wir aus verschiedensten Gründen unterbrochen werden und die Kinder jetzt irgendwo anders hingehen müssen. Und während der Stunde werde ich oft von den Betreuer_innen der Gruppe unterbrochen, meistens während ich gerade ein Lied vorsinge. Denn wenn auch nur zwei Kinder leise tuscheln, wird sofort die ganze Gruppe von den Betreuer_innen angebrüllt, dass sie endlich leise sein sollen. Oh the irony…
Übrigens, die Lieder, die wir singen, sind folgende: Was müssen das für Bäume sein, Lied vom Wecken, Auf einem Baum ein Kuckuck saß, Die Vogelhochzeit, Das Auto von Lucio und Zwei kleine Wölfe. Meine Favoriten sind definitiv Nr. 2 und 3, denn die Kinder finden diese Lieder super und es ist schon ein tolles Gefühl, wenn alle mitmachen und 25 Kinderstimmen laut singen „UND DAS HÄÄÄÄHNCHEN MACHT KIKERIKIKIIIIIIIIIIIIII!“ oder „SIMSALADIMBAMBASALADUSALADIM!“.

4. Die Kinder werden bei manchen Veranstaltungen ziemlich überfordert, so ist zumindest mein Eindruck. Es fanden oft Theaterstücke oder Musikvorstellungen in der Aula statt, bei denen völlig überdrehte Moderatoren die Kinder zu guter Laune animierten. Manche Kinder saßen selbst in der letzten Reihe noch mit zugehaltenen Ohren da, denn die Mikrofone werden grundsätzlich sehr laut eingestellt, und die Schauspieler und Sänger haben nun mal sehr laute Stimmen.
Bei einem Theaterstück wurden verschiedene Länder repräsentiert – die meisten waren nachvollziehbar, aber für England stand ein Mann auf der Bühne, der eine orangene Perücke, meiner Meinung nach viel zu enge Sportkleidung und Fahrradhandschuhe trug, und er sang ein Lied über London, während im Hintergrund Bilder von Sehenswürdigkeiten aus Ufa gezeigt wurden. Er leitete dann auch ein Spiel an, das so ähnlich wie Reise nach Jerusalem funktionierte, nur dass die Kinder, wenn die Musik ausging, Gegenstände vom Boden aufheben mussten. Die Verlierer wurden schnell mehr oder weniger unsanft von der Bühne befördert, während der „Engländer“ den Gewinnern begeistert die Arme zur Siegerpose hochriss, sodass die kleinen Kinder auf Zehenspitzen standen, um nicht in der Luft zu hängen. Und inzwischen glaube ich tatsächlich, dass unsere Stunden die einzigen sind, bei denen kein Wettbewerb stattfindet und die Kinder einfach nur zum Spaß Lieder singen. Selbst in den Malstunden suchen die Betreuer_innen das schönste Bild aus.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass in anderen Ländern vieles anders läuft als in Deutschland. Und einige Dinge laufen hier meiner Meinung nach besser als in Deutschland. Aber andere Dinge schockieren mich wirklich, und die Art, wie die Kinder auch von den Betreuer_innen manchmal behandelt werden, ist eines davon. Ich kann das auch nicht einfach ignorieren oder an mir abprallen lassen, denn durch meine Erziehung und kulturelle Prägung finde ich solche Verhaltensweisen unangenehm. Und ich lege Wert darauf, dass mein Blog nicht nur zeigt, was ich für tolle Sachen erlebe und dass alles supertoll und mein Freiwilligendienst eine einzige Party ist, sondern dass ich auch schreibe, was nicht so toll läuft und was mich im Einsatzland und in der Einsatzstelle nervt.

So, aber abgesehen davon gab es diese Woche wieder einige Veranstaltungen in der Stadt. Am Montag war Feiertag (Tag Russlands) und seitdem gab es jeden Tag ein Open-Air-Konzert von verschiedenen Gruppen. Am Montag gab es überall in der Stadt verschiedene Angebote, von denen ich sehr viele auch interessant fand, aber die Stadt ist leider so groß, dass es schwer ist, alles zu sehen, was einen interessiert. Das Wetter war leider nicht besonders feierlich, denn es regnete fast die ganze Zeit, aber daran habe ich mich schon gewöhnt und habe inzwischen fast immer einen Schirm dabei. Wir sind jedenfalls zum zentralen Veranstaltungsort gefahren, nämlich zum Leninplatz, wo sich das Regierungsgebäude und ein großes Theater befindet. Unter dem Vordach dieses Theaters fand ein internationales Festival der Kulturen statt, bei dem Gruppen aus Südkorea, Mexiko, Iran, Kasachstan, Sri Lanka, Indien, Estland, Kolumbien, Serbien, Südafrika, China und natürlich Baschkortostan entweder Volkstänze oder traditionelle Musik oder beides vorstellten. Am Schluss wurden Stühle aufgebaut und alle beteiligten Musiker (ca. 20) sollten zusammen musizieren. Das klappte auch sehr schnell sehr gut – jeder durfte mal ein Solo spielen und es entstand ein ganz besonderer Klang mit Instrumenten aus ganz verschiedenen Kulturen, und am Schluss stimmte einer der estnischen Musiker noch einen Gesang mit dem Text „Ufa Festival“ an, bei dem natürlich auch das Publikum begeistert mitsang.

Indien

Mexiko

Mexiko

Musiker aus allen Ländern

Gestern waren wir dann bei einem Konzert des Baschkirischen Staatsorchesters und heute bei einem Konzert von traditionellen baschkirischen Musikern. Wobei, so traditionell war das meiste gar nicht… eigentlich waren es hauptsächlich Pop- und Rockbands, die baschkirische Flöten (kurai) in ihre Musik einbauten. Eine Gruppe spielte z.B. ein Cover von Smells Like Teen Spirit, bei dem der Gesang durch die Flöte ersetzt wurde. Die Lage der Bühne ist aber wirklich perfekt: sie ist auf einem Platz aufgebaut, der von Hügeln umgeben ist, d.h. man sitzt auf der schrägen Wiese, hat von überall eine gute Sicht auf die Bühne und dazu noch einen schönen Ausblick ins Tal.

Tag 103 – Du hast einen deutschen Akzent!

Liebe Leser_innen,

seit Montag läuft in der Schule jetzt das Kinderlager. Kurz erklärt: ca. 120 Erst- bis Viertklässler unserer Schule kommen montags bis freitags von 8:30 bis 15:00 Uhr in die Schule und bekommen dort ein Ferienprogramm. In der Schule gibt es Malstunden, Tanzen, Musik, Sport und andere Indoor-Aktivitäten und oft gibt es Ausflüge, z.B. in den Zoo, ins Theater, ins Schwimmbad usw.
Am Donnerstag gab es außerdem einen Sportwettbewerb, bei dem alle Gruppen gegeneinander angetreten sind, indem sie in der Sporthalle vom Rand bis zur Mittellinie und zurück rennen mussten, in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. In einer Runde z.B. musste der erste Läufer auf dem Weg einen Staffelstab in einen Hula-Hoop-Reifen legen, der zweite Läufer musste ihn aufheben und dem dritten Läufer übergeben, der ihn wiederum in den Reifen legte usw. Zum Zuschauen war es lustig, aber auch sehr anstrengend, denn die Sporthalle hallt ganz fürchterlich (no pun intended), es läuft laut Musik und 120 Kinder schreien aus vollem Hals, um sich gegenseitig anzufeuern…

Meine Aufgabe ist aber, Musikstunden zu halten, allerdings mache ich keinen normalen Unterricht, sondern ich singe mit den Kindern deutsche Lieder. Dabei habe ich seit Mittwoch auch eine große Unterstützung, nämlich Theresa aus Berlin – sie ist eigentlich mehr Freiwillige als ich, denn sie ist wirklich ganz freiwillig und ohne Organisation hier und bekommt auch kein Geld dafür. Sie ist für vier Wochen in Ufa, wo sie anstelle von mir im Sprachlager arbeiten wird (ich habe in der Zeit Urlaub genommen, allerdings ohne zu wissen, dass das Sprachlager genau in der Zeit liegt, shame on me) und arbeitet danach noch in einem Sprachlager in Sochi, was von einer anderen Schule organisiert wird. In den Musikstunden arbeiten wir allerdings weniger zusammen als dass wir uns vielmehr abwechseln, denn dadurch, dass immer drei Gruppen hintereinander kommen, machen wir dreimal hintereinander das gleiche Programm, und das ist auch mental anstrengend, wenn man dreimal das gleiche Lied einstudiert. Immerhin hat diejenige, die gerade nicht mit den Kindern arbeitet, die verantwortungsvolle Aufgabe, die Powerpoint-Präsentation weiterzuklicken, auf der der Text zu sehen ist.

Die Gruppen (es gibt insgesamt 7) sind alle ganz unterschiedlich. Manche haben das Lied nach fünf Minuten drauf und wir müssen uns spontan überlegen, wie man die Kinder die restlichen 25 Minuten bespaßen kann. In manchen Gruppen singen nur wenige Kinder überhaupt mit und der Rest langweilt sich und wird unruhig. Und eine Gruppe kam sowohl in meiner als auch in Theresas ersten Stunde am Ende nach vorne gestürmt, alle mit Handys bewaffnet: „Können wir ein Foto zusammen machen?“
Und fast alle stellen viele Fragen – natürlich auf Russisch und nicht auf Deutsch, denn die deutsch- und englischlernenden Schüler_innen sind in den Gruppen durchmischt und sprechen auch nur sehr wenig Deutsch oder Englisch. Für uns ist das aber gar nicht schlecht, denn so können wir unsere Russischkenntnisse verbessern (vor allem ich – Theresa spricht um einiges besser Russisch als ich, sie hat das aber auch in der Schule gelernt…). Ein Mädchen hat uns beide nacheinander gefragt, wie alt wir sind, und nach meiner Antwort stellte sie (offenbar mit großer Zufriedenheit) fest: „Немецкий акцент есть!“ (Du hast einen deutschen Akzent!)

Ich muss sagen, es ist so schön, noch jemanden hier zu kennen, mit der ich Deutsch sprechen kann und die in meinem Alter ist. Außerdem ist es das erste Mal, dass ich jemandem Ufa zeigen kann oder zumindest das, was ich kenne. Da fühle ich mich gleich noch ein Stückchen mehr zuhause, denn jetzt habe ich jemandem meine Stadt gezeigt. Und jetzt habe ich noch mehr Lust, noch mehr von der Stadt zu entdecken. Morgen fahren wir zusammen in die Stadt und werden uns einige Veranstaltungen anschauen, denn morgen wird das Stadtfest gefeiert. Am 12. Juni ist nämlich der Tag Russlands UND der Geburtstag des baschkirischen Nationalhelden Salavat Yulaev. Ich bin sehr gespannt, was Ufa wieder an Feierlichkeiten zu bieten hat…

Frag doch mal in Russland #2 Bildung, Arbeit, Chancen

Liebe Leser_innen,

dieser Beitrag ist das zweite Interview im Rahmen des Projekts „Frag doch mal in…“, diesmal wieder mit Svetlana, meiner Vermieterin und Mitbewohnerin. Sie ist 65 Jahre alt und war früher Deutschlehrerin an meiner Einsatzstelle, der Schule 103. Das Thema lautet dieses Mal „Bildung, Arbeit, Chancen“.

Wie war Ihre Laufbahn von der Schule bis zum Ende Ihrer Arbeit?

Als ich in der Schule lernte, wusste ich nicht, was ich werden will. Ich hatte keinen Traum, ich hatte keine Ziele. Ich war in einer sehr schweren Situation. Aber ich hatte zwei Beispiele vor mir, nämlich meine Schwestern. Ich hatte auch ein Beispiel von meinem Vater, von meiner Mutter, von meinem Großvater sogar. Er war ein Dorflehrer, er war sehr lange der einzige Lehrer in seinem Dorf. Und  sehr viele Generationen von Kindern hat er unterrichtet. Und mein Vater hat auch die pädagogische Fachschule beendet, aber als Lehrer arbeitete er nicht. Warum? Er war Mitglied der Kommunistischen Partei, und die Partei hat ihm gesagt: „Sie sollen in der Landwirtschaft arbeiten.“ Die Landwirtschaft war schlecht, man brauchte sehr viele Kräfte, um sie zu verbessern. Und sehr viele Jahre, 30 oder 40 Jahre, arbeitete er als Vorsitzender eines Kolchos. Aber meine ältere Schwester hat ihren Beruf ganz zielstrebig gewählt. Sie wusste schon in der Schule, dass sie Lehrerin werden will, und sie bereitete sich selbst auf diesen Beruf vor. Und sie wollte Russischlehrerin werden, aber als sie in die pädagogische Hochschule in Birsk gekommen ist, hat die Prüfungskommission ihre Fremdsprachenkenntnisse geprüft, in Deutsch, und sie haben ein paar Fragen auf Deutsch gestellt, Luise hat geantwortet, und das hat ihnen gefallen, und sie haben gefragt: „Warum wollen Sie Russischlehrerin werden? Bitte arbeiten Sie lieber als Deutschlehrerin! Das ist viel interessanter, hat mehr Prestige, und Sie haben gute Kenntnisse. Bitte schreiben Sie sich an unserer Fakultät ein!“ Das ist die Fakultät der Fremdsprachen, Deutsch und Französisch.
Nach Luise ist meine zweite Schwester in diese Stadt, in diese Fachschule gegangen, und sie wurde auch Studentin dort. Mir blieb also nichts anderes übrig, ich ging auch in diese Schule. Die zweite Schwester wurde Russischlehrerin, Luise Deutsch- und Französischlehrerin, und ich wollte nur Fremdsprachen lernen, Russisch wollte ich nicht. Aber in der Schule lernte ich sehr gut, besonders gut waren für mich Literatur, Geschichte und Fremdsprachen. Mathematik war schwerer, bis zur 9. Klasse waren alle meine Noten nur 5 [beste Note in Russland], aber in der 10. Klasse, 11. Klasse, war ich in Mathematik nicht mehr gut, und Physik war besonders schwer für mich. Aber Chemie war viel besser.
Ich war schon verheiratet, ich hatte schon Kinder, aber in meinem Traum sah ich solche Bilder: ich stehe an der Tafel in der Physikstunde, und soll eine physikalische Aufgabe lösen, das war schrecklich! Und als ich verstand, dass das ein Traum war, war ich so glücklich.

Was für eine Schule haben Sie besucht?

Bei uns hatten wir nur eine einzige Schulart, eine Mittelschule von der 1. bis zur 11. Klasse.

Wann sind Sie in den Beruf eingestiegen? Haben Sie gleich hier in Ufa gearbeitet?

Als ich Studentin war, hatten wir in unserem Land eine Studentenbewegung, die Baugruppen. Ich wurde auch mit meinen Freundinnen und Mitstudentinnen Mitglied einer solchen Baugruppe. Nach dem 1. Studienjahr ist eine Gruppe von ca. 100 Studenten in die Vorstadt von Ufa gekommen, um in einer Baustelle eine Firma für die Viehfarm zu bauen. Fast 100 Mädchen und nur 3 oder 4 Jungen. Kannst du dir das vorstellen? Wir Mädchen trugen Beton, das war so schwierig. Wir gruben Erde für das Fundament usw. Die Arbeit war sehr schwierig, aber sehr interessant und nach der Arbeit war es sehr lustig. Wir wohnten in Zelten unter den Birken. Rechts war ein Kornfeld, das war eine sehr romantische Atmosphäre, und damals habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er war auch Student, er leitete eine solche Baugruppe, aber nicht von unserem Institut, sondern von Ufa. Er war Student der landwirtschaftlichen Hochschule. Er sollte Ingenieur werden. Das war nach dem ersten Studienjahr, und zwei Jahre lang haben wir uns getroffen. Er kam in meine Stadt, und dann kam ich nach Ufa, und nach zwei Jahren veranstalteten wir die Hochzeit. Sehr viele Studenten waren bei unserer Hochzeit, das war sehr lustig, aber für meine Mutter war das nicht leicht, denn vieles hat sie selbst gemacht und sie hatte fast keine Helfer. Und es gab Probleme, ich konnte nicht einmal ein Brautkleid kaufen. Es gab das nicht, in den Kaufhäusern gab es überhaupt keine solchen Kleider, und wir suchten, wir schrieben nach Moskau, aus Moskau haben sie uns Stoffe geschickt usw. Das ist eine andere Geschichte, man kann darüber sehr lange sprechen. Aber wir wurden Frau und Mann. Und von der Stadt Birsk bin ich nach Ufa umgezogen. Mein Mann hat viel dafür gemacht, und er hat auch im Studentenwohnheim ein Zimmer für uns organisiert, und er war sehr aktiv in diesem Institut, und darum kamen die Leiter des Instituts ihm entgegen und machten vieles für ihn. Also bekamen wir ein solches Zimmer. Das waren sogar 2 kleine Zimmer, eine Küche und ein Wohnzimmer. Und im 5. Studienjahr ist Ina geboren, im Dezember. Und als wir studierten, damals, bekamen alle Studenten Papiere, wo geschrieben wurde: die Stadt, die Organisation, der Betrieb oder die Schule, wo die Absolventen arbeiten sollten. Weil ich schon verheiratet war, gaben sie mir kein solches Papier. Ich musste oder sollte selbst meine Arbeitsstelle auswählen. Das Studium an der Fakultät der Fremdsprachen hat mir sehr gut gefallen, vieles, die Aussprache usw. Aber Deutsch hat man uns sehr schlecht beigebracht, das war ein junger Professor, wir machten ihm schöne Augen. Er war nicht streng, er hatte keine Erfahrung, er war ein sehr, sehr junger Professor und konnte nichts von uns fordern. Aber ich hatte gute Noten, weil ich Deutsch in der Schule gelernt hatte.

Als Sie angefangen haben, in der Schule zu arbeiten: Wo haben Sie angefangen?

Ich habe mir selbst Arbeit gesucht. Ich ging in eine Schule: „Brauchen Sie eine Deutschlehrerin oder nicht?“ – Nein, sagten sie mir. Endlich, in der Schule 102, hat man mir gesagt: „Ja, wir brauchen eine Deutschlehrerin, weil unsere Deutschlehrerin schwanger ist.“ Und ich begann zu arbeiten. Ich war eine so junge Lehrerin, und meine Schüler waren schon in der 11. Klasse. Und solche großen Jungen saßen da. Und jetzt lachten sie und strahlten mich mit den Augen an wie wir unseren Deutschprofessor.
Die Arbeit war sehr schwierig für mich. Jetzt verstehe ich, die Arbeit des Lehrers ist nicht für mich. Aber ich war sehr tüchtig. Die Disziplin war für mich am Anfang ein Problem. Sogar bei den kleinen Schülern, in der 5., in der 6. Klasse. Ich meinte, ich liebe sie, und darum sollen sie mich auch lieben. Warum muss ich so streng sein? Ich will nicht so streng sein, ich liebe sie, und das ist genug! Aber die Kinder sind nicht so. Eine alte Deutschlehrerin, Galina, sagte mir: „Oh, Svetlana, ich verstehe dich nicht. Sie sind so klein, warum sind sie so undiszipliniert in deiner Stunde? Es ist so leicht, sie dazu zu bringen, sich zu benehmen!“ Nach vielen Jahren habe ich es verstanden, und ich konnte auch eine gute Disziplin in der Stunde haben.

Wie lange haben Sie als Lehrerin gearbeitet, bevor Sie ins Schulamt gegangen sind?

Ich habe in der Schule 102 zwei Jahre gearbeitet, und dann ist diese Lehrerin zurückgekommen, und ich begann wieder, Arbeit zu suchen. Und in der Schule 103 habe ich diese Arbeit gefunden. Da habe ich 25 Jahre gearbeitet. Das war eine sehr interessante Zeit, wir hatten mit den Schülern viele interessante Schulabende. In unseren Schulen gab es die Tradition, dass am Ende des Schuljahres die Schüler mit den Lehrern Ausflüge machten. Diese Ausflüge waren sehr interessant und nicht nur für ein paar Stunden: wir wohnten in Zelten, wir fuhren mit dem Zug, dann gingen wir zu Fuß… Ein Ausflug mit meinen Schülern dauerte eine Woche. Wir waren in interessanten Höhlen in Regionen, die sehr weit von Ufa waren, wo es sogar keine Elektrizität gab. Die Leute wohnten in den Dörfern, aber sie hatten da keine Elektrizität, das kann man sich heute unmöglich vorstellen, aber es war so. Und die Schüler mochten das sehr.

Wie lange haben Sie im Schulamt gearbeitet?

8 Jahre. Und ich habe verstanden, dass das meine Bestimmung war. Das war eine schöpferische Arbeit, ich war für die methodische Arbeit verantwortlich. Aber diese Arbeit war sehr schlecht bezahlt, sogar die Lehrer verdienten mehr als ich. Das ist paradox, meiner Meinung nach. Ich half den Lehrern, ich leitete und koordinierte die Arbeit, aber mein Lohn war so klein. Aber ich litt nicht, weil mein Mann gut verdiente. Die Arbeit war sehr interessant, und eine Richtung – das kann ich ohne Bescheidenheit sagen – habe ich in unserem Bezirk entwickelt, das ist eine wissenschaftliche Arbeit der Schüler. Die Schüler schreiben über verschiedene Projekte, sie bearbeiten eine Frage und schützen ihre Projekte. Das ist sehr interessant, sie machen sehr, sehr viel, um ihr Projekt zu schützen, und die Schüler haben jetzt sehr viele Auszeichnungen für ihre Projekte, zuerst in der Stadt, und dann auch in anderen Regionen.

Welche Berufe sind in Russland am besten bezahlt oder am angesehensten?

Gazprom, die Erdölbetriebe. Aber man muss sagen: die Leiter bekommen sehr viel, aber die Arbeiter nicht. Die Leiter bekommen unmöglich, undenkbar viel.
In der Bank kann man auch viel Geld verdienen. Die Leute, die verkaufen – wenn sie gut verkaufen, bekommen sie viel Geld, und die Direktoren, die Manager auch. Und Richter verdienen auch sehr gut! Meine Rente ist z.B. 15.000 Rubel und die Rente von einem Richter ist 75.000 Rubel, so viel mal größer. Die Stadtangestellten – ihre Rente ist auch gut, mehr als z.B. die Rente der Lehrer, der Ärzte…

Was ist Ihre persönliche Meinung zum russischen Bildungssystem?

Früher war die Bildung sehr gut, meiner Meinung nach. Wir hatten keine Tests, keine einheitlichen staatlichen Tests für alle Schüler im ganzen Land. Warum ist das schlecht? Ihr Denken entwickelt sich nicht, sie sollen nur viele Fakten wissen. Und dann: Plus, Minus, Plus, Minus…
Wir hatten früher andere Prüfungen: die Schüler sollten eine Frage beantworten, mündlich, sie sollten z.B. eine Theorie beweisen, sie sollten ihre Position beweisen. Natürlich war das nicht leicht. Wir hatten Abschlussprüfungen, und als wir das Abitur hatten, mussten wir auch Prüfungen bestehen, um in die Hochschule zu kommen. Zweimal – im Juni in der Schule und im August hatten wir Prüfungen in der Hochschule, die wir gewählt hatten. Das war nicht leicht. Sehr viele junge Lehrer wissen schon nichts mehr davon, aber die Lehrer, die schon seit langem arbeiten und die selbst in einem anderen System gelernt hatten – alle schimpfen auf diese Tests. Und die Mitglieder unserer Regierung, unsere Abgeordneten, sie diskutieren viel über die Bildung.

Wie lange studiert man normalerweise?

Normalerweise in einer Hochschule 5 Jahre, aber es gibt jetzt Bachelor und Master. Früher studierten alle 5 Jahre, und manche 6 Jahre. Zur Zeit gibt es die Studenten, die 3 Jahre studieren und dann den Bachelor haben, und nach zwei Jahren den Master. Aber nicht alle Hochschulen sind so.

Soweit ich weiß, muss man immer Russisch, Mathematik und Sport studieren, egal, welches Fach man studiert.

Mathematik, ja. Früher war das nicht so. Ich habe die Fremdsprachenfakultät gewählt, und an unserer Fakultät hatten wir keine Mathematik, wozu? Oder Psychologie, wozu Biologie, wozu Mathematik? Aber jetzt ist Mathematik überall, warum? Fast alle Abiturienten wollen eine Hochbildung haben. Aber das Land braucht nicht so viele Fachmänner mit Hochbildung. Unser Land braucht viele Arbeiter. Und darum ist Mathematik seit einigen Jahren überall. Und alle sind erstaunt, wozu Mathematik? Das ist eine Barriere, und die Universitäten mit hohem Ansehen, z.B. MGU in Moskau, die beste Universität in unserem Land, und die Bauman-Universität, haben begonnen, den Abiturienten ihre eigenen Prüfungen zu stellen. Früher hatten wir sehr viele Fachschulen [Berufsschulen], und die Schüler, die diese Schule absolviert hatten, gingen in die Werke, in die Fabriken, sie wurden gute Fachleute, und zur Zeit braucht unser Land solche Fachleute, aber diese sehr guten Fachschulen waren ganz zerstört, wir haben nur noch sehr wenige. Und unser Land braucht sehr viele solche Leute, Arbeitsmänner, Arbeitshände.

Welche verschiedenen Schularten gibt es in Russland?

Bei uns gibt es Mittelschulen: sie vereinigen Grundschule, Mittelstufe und Oberstufe. Es gibt auch Gymnasien, d.h. Schulen, wo humanistische Fächer sehr gut unterrichtet werden, Literatur, Fremdsprachen, Geschichte. Es gibt auch Lyzeen. Im Lyzeum werden die „genauen“ Wissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie sehr gut unterrichtet. Alle diese Schulen haben 11 Klassen.

Welche Möglichkeiten der Weiterbildung hat man, wenn man die Schule beendet hat?

Zur Zeit haben unsere Studenten sehr viele Möglichkeiten. Sie können gleichzeitig zwei Berufe in einer Universität studieren. Und sie können sogar gleichzeitig arbeiten, wir kennen solche Beispiele. Z.B. die Tochter von Inas Freundin, die in St. Petersburg studiert, studiert zwei Berufe und arbeitet. Oder der Sohn meiner Cousine studiert an der Bauman-Universität, er arbeitet und verdient als Student viel mehr als sein Vater.
[…]
Unsere Universität in Ufa ist zur Zeit nicht so beliebt. Jetzt studieren alle in Kasan, da studierte zu seiner Zeit Lenin, aber das hängt nicht davon ab (lacht). Jetzt liegt Kasan in allen Richtungen vorne, Bildung, Straßen, Tourismus usw. Es heißt jetzt immer Moskau, St. Petersburg, Kasan.

Wie groß sind die Chancen, nach dem Universitätsabschluss eine Arbeit zu finden? Welche Studienfächer bieten die besten Chancen?

Früher hatten wir kein Problem. Alle bekamen ein Papier: du wirst in diesem Betrieb, in dieser Stadt, in dieser Organisation, in dieser Schule arbeiten, alle hatten so ein Papier. Jetzt ist alles ganz anders. Natürlich, wenn du Student von der Moskauer Universität warst, hast du mehr Chancen, oder wenn du im Ausland studiert hast. Sehr viele Schüler wollen Jura studieren, aber sehr wenige finden eine Arbeit, weil es zu viele gibt. Oder die Studenten, die Wirtschaft studiert haben, sie können auch keine Arbeit finden. Aber sie alle gehen und gehen, um das zu studieren.

Anmerkung: nach dem Interview (die Aufnahme war schon beendet) sagte Svetlana noch, dass die Kindergärten hier sehr gut seien und die Kinder dort eine gute Bildung und Entwicklung bekämen. Es sei dann geradezu ein Schock für die Kinder, vom Paradies Kindergarten in die Schule zu kommen.

Tag 67 – Eine Kirche und viele Denkmäler

Liebe Leser_innen,

in den letzten Tagen ist die Stadt plötzlich grün geworden. Von einem Tag auf den anderen blühten plötzlich alle Wiesen und Bäume, die Grünstreifen neben den Straßen sind jetzt tatsächlich grün und überall wuchert der Löwenzahn vor sich hin. Ich würde jetzt gerne Fotos hochladen, aber leider ist es jetzt, wo wirklich jeder Baum blüht, wieder kalt, grau und regnerisch geworden, kurz: nicht besonders präsentabel. (In der Wohnung ist es zur Zeit tatsächlich ziemlich kalt, weil die Zentralheizung jetzt aus ist und es draußen nachts wieder um 0°C hat…) Aber in der letzten Woche habe ich schon einen Eindruck davon bekommen, wie der Sommer hier sein wird. Es hatte bis zu 25°C und die Sonne strahlte den ganzen Tag an einem meist wolkenlosen Himmel. Da ist der Wind dann wieder angenehm…

Bei diesem Wetter bin ich dann am Sonntag und am Montag jeweils nachmittags in die Stadt gefahren, um das Zentrum ein bisschen zu Fuß zu erkunden. Die Straßen sind dort alle rechtwinklig und sehr gerade, deshalb hatte ich keine Angst, mich zu verlaufen. Irgendwann stand ich dann an einer Kreuzung, unschlüssig, in welche Richtung ich weiterlaufen soll, und dann habe ich eine Kirche am Ende einer der Straßen entdeckt und habe beschlossen, sie mir anzuschauen. Nur leider habe ich die Entfernungen in dieser Stadt noch nicht ganz verinnerlicht, und deshalb war ich erst nach einer knappen Viertelstunde bei der Kirche, obwohl ich sie die ganze Zeit direkt vor Augen hatte. Dort angekommen hörte ich eine Zeitlang dem Gottesdienst zu und bewunderte die Innengestaltung, die fast nur aus Gold bestand. Ein Foto davon habe ich leider nicht, denn es gab mehrere Schilder, die ausdrücklich auf ein Handyverbot in der Kirche hinwiesen, und daran habe ich mich lieber mal gehalten.

Diese wunderschöne Kirche trägt den langen Namen „Кафедральный соборный храм Рождества Богородицы“. Eine Übersetzung dieses Titels habe ich nicht zustandegebracht.

Ich bin dann noch ein bisschen herumgewandert und habe einige Denkmäler auf den gleichnamigen Straßen entdeckt (Lenina ulitsa, Puschkina ulitsa, Kirova ulitsa, Karla Marksa ulitsa, …).

Ein Denkmal des sowjetischen Schriftstellers Wladimir Wladirimirowitsch Majakowskij.

Lenin von Weitem…

… und nochmal in Nahaufnahme mit besserem Licht.

Eine Gebäudewand der wissenschaftlichen Akademie der Republik Baschkortostan.

Schließlich habe ich mein erstes, wohlverdientes Schawarma gegessen (Der Schawarma? Die Schawarma?) und es war wie erwartet sehr, sehr lecker. Bei dem Stand war außerdem nichts los und deshalb habe ich mich, während der/die/das Schawarma zubereitet wurde, mit der Verkäuferin unterhalten. Sie hatte mich nämlich gefragt, woher ich komme, weil sie meinen Akzent bemerkt hatte (Mist!) und hat sich sehr dafür interessiert, was ich hier mache und wie es mir gefällt. Und das war wirklich ein tolles Erlebnis.

Bis jetzt bin ich nämlich leider hauptsächlich auf Ablehnung und sichtliche Genervtheit gestoßen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit als Ausländerin „geoutet“ habe, indem ich etwas nicht verstanden habe. Und bei den Menschen, bei denen mir das bis jetzt passiert ist (Supermarktkassiererinnen, Busfahrer, Friseur), war das auch sicher keine Ausländerfeindlichkeit oder Misstrauen oder sonst irgendwas, sondern sie waren einfach genervt, dass sie mir jetzt etwas nochmal sagen oder gar erklären müssen. Obwohl die Reaktionen in den meisten Situationen verständlich sind und in Deutschland genauso ausfallen würden, ist es für mich trotzdem jedes Mal ein blödes Gefühl. Und dann stelle ich mir jedes Mal die gleichen Fragen: Bin ich jetzt zu empfindlich oder könnten die anderen Leute auch mal ein bisschen freundlicher sein? War die Person vorher schon schlecht gelaunt oder bin ich jetzt der Grund dafür? Wie hätte ich mich verhalten, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären? Wie hätte sich eine vergleichbare Person in Deutschland verhalten? …? …? …?

Das einzige, was mir da für meinen Seelenfrieden hilft, ist, das Ganze einfach erstmal zu vergessen und mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Außerdem wurde ich neulich netterweise zu einer wöchentlichen Skypekonferenz auf Russisch mit anderen Freiwilligen aus russischsprachigen Ländern eingeladen. Und da merke ich, dass ich eigentlich doch gar nicht so schlecht Russisch spreche. Auch wenn ich wenig Vokabular habe und natürlich nichts verstehe, wenn ich in der Öffentlichkeit etwas gefragt werde, kann ich mich doch, wenn auch beschränkt, über meinen Alltag unterhalten. Und das Skypegespräch ist immer der Punkt in der Woche, an dem ich meinen tatsächlichen Fortschritt bemerke. Jede Woche verstehe ich mehr und kann mehr sagen und das ist für das Selbstbewusstsein und die Motivation wirklich äußerst hilfreich.

Für euren Seelenfrieden gibt es jetzt noch einen einsamen Fun Fact, den ich beim letzten Mal vergessen habe zu erwähnen:

Makkaroni
Alle Nudeln heißen Makkaroni. Egal, ob Spaghetti, Penne, Girandole, Linguine oder wie sie alle heißen, hier heißen sie Makkaroni und man kann einige Sorten zu einem Kilopreis von ca. 50 Cent in Plastiktüten im Supermarkt kaufen. Die schmecken auch gar nicht so schlecht. (Ja, ich habe diese Nudeln mal gekauft…)

Übrigens hatte ich schöne zwei Wochen, in denen ich die 7. und 8. Klasse alleine unterrichtet habe, und im Moment steht mir der Sinn doch wieder sehr danach, Lehramt zu studieren. Diese zwei Klassen sind einfach total nett und bringen mich oft zum Lachen. Neulich sollten sie z.B. Dialoge vorspielen, in denen verschiedene Familienmitglieder sagen, was sie jetzt gerne unternehmen wollen. Der Dialog, der von mir trotz wenig Text einen Extrapunkt für realistische Darstellung bekommen hätte, wenn es Punkte gegeben hätte, verlief so:
Mutter: Ich möchte gerne ins Kino gehen.
Sohn: Ich möchte lieber Tretboot fahren.
Tochter: Bist du dumm?
Sohn: DU bist dumm!

Tag 55 – Kurzes Projekt-Update

Liebe Leser_innen,

ein kurzes Update zu meinem Projekt: es sind heute tatsächlich 15 Schüler_innen zu meinem zweiten Versuch eines Projekttreffens gekommen! Zwar nicht alle von denen, die sich eingetragen und angemeldet hatten, aber es tauchten plötzlich noch 7 Schülerinnen aus der 6. Klasse auf, denen ich mein Projekt gar nicht vorgestellt hatte (und niemand wollte mir verraten, wer ihnen Bescheid gesagt hatte 😉 ). Ich dachte nämlich, es wird zu schwierig, ihnen das Projekt zu erklären, weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Aber die älteren Schülerinnen haben, wenn es nötig war, übersetzt – und es sind jetzt tatsächlich alle Aufgaben verteilt und es sieht gut aus, dass die Arbeit von den Schülern vor den Ferien fertig wird. Die restliche Arbeit am Projekt ist dann meine Aufgabe – während die Schüler Ferien haben, werde ich alles zusammensetzen und etwas daraus machen, was sich (hoffentlich) sehen lassen kann! Wer jetzt neugierig ist, was denn eigentlich das Projekt ist, den muss ich leider so lange vertrösten, bis das Endergebnis fertig ist…

Und was habe ich heute gelernt?
1. Man muss die Leute wirklich mehrmals persönlich und schriftlich an einen Termin erinnern, und selbst dann gibt es noch welche, die es vergessen.
2. Nach einem gescheiterten Versuch darf man nicht gleich aufgeben. Beim zweiten Mal hat es ja doch geklappt.
3. Ich sollte nicht alles persönlich nehmen. Die Schüler hatten letzte Woche tatsächlich Unterricht und Prüfungen und haben halt vergessen, mir das vorher zu sagen. Aber trotz aller Verpeiltheit habe ich heute gemerkt, dass sie (fast) alle wirklich mitmachen wollen.
4. Vielleicht sollte ich wirklich Lehramt studieren. Heute hatte ich wieder einen dieser Momente, wo ich mich vor den Schülern absolut wohl und am richtigen Platz gefühlt habe. Und in den nächsten zwei Wochen wird diese Entscheidung hoffentlich mal vorankommen, denn da habe ich zwei Deutschklassen jeweils 5 Stunden die Woche, also 20 Stunden Deutschunterricht alleine.

Ich bin jedenfalls gerade vollkommen glücklich mit allem und meine Motivation, die sich letzte Woche einige Male schmollend unter dem Bett verkrochen hatte, ist jetzt mit einem großen Sprung wieder rausgekommen und hüpft fröhlich um mich herum. Um mal ein bisschen bildhafte Sprache in diesen Blog reinzubringen…

Tag 36 – Lange Tage

Liebe Leser_innen,

es ist erst Mittwoch und trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis nach Wochenende! Seit Montag war ich jeden Tag 8 Stunden oder länger in der Schule. Jetzt werdet ihr euch denken: ist doch ganz normal bei einer 40-Stunden-Woche… nur muss ich samstags ja auch in die Schule, deshalb ist 8 Stunden jeden Tag dann doch etwas zu viel. Die langen Arbeitstage hatten verschiedene Gründe. Montag – ganz normal, da bin ich regulär 8 Stunden in der Schule. Dienstag ist echt blöd, weil ich morgens um 9 eine Stunde habe, mittags um 1 eine Stunde und dann nochmal von 16:40 bis 18:05. Normalerweise gehe ich vormittags nochmal nachhause, kaufe ein und bereite das Essen vor, gehe dann nochmal in die Schule und verbringe die restlichen Freistunden dort – meistens findet sich etwas, das ich tun kann. Und mittwochs bin ich gewöhnlich von 9:55 bis 15:35 in der Schule.

Woher kamen dann die vielen restlichen Stunden, die ich noch in der Schule verbracht habe? Gestern haben wir Probeprüfungen mit den Neuntklässlerinnen gemacht, die am Samstag die DSD1-Prüfung ablegen. Das hat wie erwartet länger gedauert – bis 19:00, und bis wir dann alles fertig besprochen hatten, war es auch schon 19:45. Bei dieser Besprechung haben wir auch festgestellt, dass niemand weiß, wo die Bücher für den Lesefüchse-Wettbewerb sind, die die Schule bekommen hat. Dass ich dort in der Jury sitze, hat sich damit auch erledigt, sofern die Bücher nicht sofort wieder auftauchen – denn sonst schaffe ich es nicht, bis nächsten Montag noch zwei Bücher zu lesen. Und ohne die Bücher zu kennen, kann ich ja wohl schlecht in der Jury sitzen…

Heute wäre ich dann wie gesagt um halb vier fertig gewesen. Aber nächste Woche findet in Ufa die „Woche der deutschen Sprache“ statt. Da findet z.B. der Lesefüchse-Ausscheid statt, es werden in den Kinos deutsche Filme gezeigt und es gibt ein Liederfestival, bei dem Schüler aus der ganzen Republik Baschkortostan deutsche Lieder vortragen. Wir machen da auch mit und es muss natürlich geprobt werden! Ich bin gespannt, ob es auf die „russische Art“ auch klappt – nämlich sich eine Woche vor dem Auftritt das erste Mal zusammen treffen und proben. Das haben wir heute getan, und es war gar nicht so leicht, 14 pubertierende Jugendliche dazu zu bringen, mir zuzuhören, nicht wild in der Gegend rumzuhüpfen und nicht Klavier zu spielen. Nach knapp 2 Stunden anstrengender Probe haben sie es aber ganz gut hinbekommen. Zum Glück konnte ich sie davon überzeugen, dass nur die drei Schülerinnen singen, die auch singen können, und der Rest sind quasi die Background-Tänzer. Sonst wäre das ein heilloses Rumgegröle gewesen, und gleichzeitig singen und tanzen hätte wahrscheinlich auch nicht geklappt.

Jetzt wollt ihr bestimmt wissen, was wir denn eigentlich singen. Auf Wunsch der Schulleiterin singen wir „Ich bin wie Du“, ein Lied, das sich an Flüchtlingskinder in Deutschland richtet und davon handelt, dass wir doch eigentlich alle gleich sind. Etwas kitschig, entspricht nicht wirklich meinen viel zu hohen musikalischen Ansprüchen, aber hat auf jeden Fall eine gute Wirkung und die Schüler machen das auch echt schön. Anspruchsvolle Sachen könnte man sowieso nicht aufführen, weil es leider nur wenige Schüler_innen gibt, die gut singen können und es auch keine festen Ensembles an der Schule gibt.

Ihr seht schon, es wird immer weniger, was ich zu berichten habe. Aber ich bin natürlich ständig auf der Suche nach neuen Fun Facts und lustigen, peinlichen oder interessanten Anekdoten. Bis dahin könnt ihr euch hier noch das Lied „Ich bin wie Du“ anhören.

Tag 19 – Endlich Wochenende. Oder?

Liebe Leser_innen,

die erste Woche ist vorbei und heute konnte ich endlich wieder ausschlafen. Und schon meldet sich das innere Gewohnheitstier: wie, nur am Sonntag ausschlafen? Was ist denn mit dem Samstag passiert? Tja, am Samstag ist auch Schule! Zwar „nur“ bis 16:00, aber das auch nur, weil die Pausen kürzer sind. Es gibt also, wie an den anderen Tagen, insgesamt 13 Schulstunden. Na gut, daran werde ich mich schon noch gewöhnen. Außerdem sind ja nächste Woche Frühlingsferien. Und ich muss – solange mein Stundenplan so bleibt – nie zur ersten Stunde kommen, sondern erst um 9:00 Uhr. Okay, eigentlich kann ich mich echt nicht beschweren…

Ich habe in dieser Woche einige interessante Entdeckungen bezüglich der Schule gemacht. [Natürlich spreche ich jetzt nur von meiner Einsatzstelle und vergleichend von meiner Schule in Bamberg. Keine meiner Erfahrungen können und sollen auf alle russischen/deutschen Schulen übertragen werden.] Egal, wie sehr man sich um Unvoreingenommenheit bemüht, man hat ja trotzdem irgendein Bild im Kopf, irgendeine Vorstellung, wie es in der Einsatzstelle aussehen könnte. Und meine Vorstellung war eben die, dass die Lehrer grundsätzlich viel strenger sind als in Deutschland und dass der Unterricht viel geregelter und disziplinierter abläuft. Das stimmt auch – teilweise.

Bis jetzt waren tatsächlich alle Klassen (bis auf eine, von der ich später noch berichten werde) ziemlich diszipliniert und auch die jüngeren Schüler haben sich größtenteils gut benommen, selbst wenn ich alleine unterrichtet habe. Verwirrung in neuen Situationen gab es natürlich trotzdem. Ein Beispiel: Ich kam rein und die Schüler standen sofort auf. Auch wenn es in meiner Schule bei den meisten Lehrern normal war, zur Begrüßung aufzustehen, hatte ich das schon völlig verdrängt und war deshalb entsprechend perplex – für einen kurzen Moment dachte ich: „Warum stehen die denn jetzt auf? Ich bin’s doch nur, ich bin doch keine Lehrerin…“, aber das bin ich für die Schüler natürlich schon. Und die Klasse war genauso überrascht, als ich nur „Hallo“ sagte und, als sie immer noch standen, „Ihr könnt euch schon hinsetzen…“. Normalerweise gibt es nämlich bei den meisten Deutschlehrerinnen folgendes Begrüßungsritual zwischen Lehrerin und Schülerchor: „Guten Tag, liebe Schüler.“ – „Guten Tag, liebe Lehrerin.“ – „Wie geht’s?“ – „Gut./Danke, super.“ – „Setzt euch.“ – „Wir setzen uns.“

Die Lehrerinnen sind allerdings nicht ansatzweise so streng, wie ich es erwartet hatte. Meistens herrscht eine relativ entspannte Stimmung, außer z.B. in den 9. Klassen, bei denen in gut einer Woche die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Da ist dann auch bei den Lehrkräften Stress angesagt. Aber sonst ist der Unterricht, auch dank der kleinen Klassen, ziemlich familiär. Man kennt sich gut, und ich habe das Gefühl, dass die Klassengemeinschaften stark sind. Bis jetzt habe ich in „meinen“ Klassen auch kein Mobbing oder Streit in der Gruppe festgestellt. Allerdings fällt es mir gerade wegen dieser vertrauten Atmosphäre schwer, mich als Autoritätsperson zu präsentieren. Vor allem in den 9. und 10. Klassen habe ich gemerkt, dass die Schüler_innen sich eher trauen, mit mir zu sprechen, wenn ich nicht als Lehrerin auftrete, sondern als (fast) gleichaltrige Person, mit der man sich halt nur auf Deutsch unterhalten kann. Immerhin sind wie gesagt bald die mündlichen Prüfungen, und da ist es ungünstig, wenn sich keiner traut, auch nur einen Satz auf Deutsch zu sagen. Bei den Jüngeren geht das natürlich nicht. Wenn die Viertklässler merken, dass ich mich eigentlich gar nicht so gut durchsetzen kann, wie ich das gerne hätte, dann ist es erstmal vorbei mit dem ruhigen, entspannten Unterricht.
So war es nämlich in einer fünften Klasse, die Deutsch als zweite Fremdsprache hat. Eigentlich bin ich für die gar nicht zuständig, aber durch ein Missverständnis (davon wird es, glaube ich, noch einige geben) bin ich dort gelandet. Zum Glück aber nur, um mich vorzustellen, und nicht alleine. Diese vier Kinder waren ungefähr dreimal so laut und anstrengend wie die 15 Kinder in der vierten Klasse. Ich glaube, wir haben 20 Minuten dafür gebraucht, dass ich mich vorstelle und die Kinder Fragen stellen. Meistens konnte ich nämlich wegen der Lautstärke gar nichts Hörbares sagen und wenn doch, dann hat niemand zugehört oder es hat keiner verstanden. Das wurde mir in den Momenten klar, in denen eins der Kinder sich mühsam eine Frage zusammengebastelt hatte, auf die ich die Antwort aber schon mindestens einmal gegeben hatte. Da war ich echt froh, dass ich normalerweise nicht in diese Klasse muss. Ich hatte mich auch schon gewundert, dass bis jetzt alle so brav waren, das ist doch eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Bis jetzt war das aber auch die einzige Stunde, in der ich mal streng werden musste.

Die größte Entdeckung ist bisher, dass in meiner Einsatzstelle und auch im Alltag viel überlegter mit Geld umgegangen wird. In der Schule werden wirklich Prioritäten gesetzt, was Investitionen angeht. Es sieht zwar nicht besonders schön aus, aber dafür funktionieren die wichtigen Dinge. Ja, es blättert die Farbe von Wänden, Tischen und Fensterrahmen. Auch die Türen sind so verzogen, dass man sie entweder kaum auf- und zukriegt oder man Putzlappen in den Türrahmen klemmen muss, damit die Tür nicht ständig aufgeht. Und die Fenster sind nicht dicht. Und die Möbel sind alt. Die Tafeln sind nicht besonders groß und es gibt auch nicht in jedem Klassenzimmer ein Waschbecken. Aber es funktioniert eben auch so. Diese Dinge stören niemanden, weil es genügend funktionierende Technik gibt. Und genug Schulbücher. Außerdem ist die Schule barrierefrei. Und das ist meiner Meinung nach ein bedeutender Unterschied zumindest zu meiner Schule. Zuerst wird Geld in Dinge investiert, die für die Qualität des Unterrichts wichtig sind, und dann wird darüber nachgedacht, ob man neue Möbel kauft oder die Wände neu streicht. Mir sind diese ganzen Dinge übrigens auch nicht sofort aufgefallen, weil es für alle ganz normal war und weil es nichts gab, das ich vermisste. Außer vielleicht, dass das Klopapier nicht immer leer ist, aber das war in meiner Schule ja auch nicht anders…

Ich habe mir heute übrigens einen großen Wunsch erfüllt: ich habe mir im Baschkirischen Staatstheater ein Ballett angeschaut, „Legende von der Liebe“. Wenn man schon mal in der Heimatstadt von Rudolf Nurejev ist… Und obwohl ich einen wirklich guten Platz hatte und es die Premiere von der neuen Inszenierung war, haben die Karten umgerechnet nicht mal 20 Euro gekostet. Die Vorstellung war auch sehr schön, das hat sich also echt gelohnt!