Tag 55 – Kurzes Projekt-Update

Liebe Leser_innen,

ein kurzes Update zu meinem Projekt: es sind heute tatsächlich 15 Schüler_innen zu meinem zweiten Versuch eines Projekttreffens gekommen! Zwar nicht alle von denen, die sich eingetragen und angemeldet hatten, aber es tauchten plötzlich noch 7 Schülerinnen aus der 6. Klasse auf, denen ich mein Projekt gar nicht vorgestellt hatte (und niemand wollte mir verraten, wer ihnen Bescheid gesagt hatte 😉 ). Ich dachte nämlich, es wird zu schwierig, ihnen das Projekt zu erklären, weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Aber die älteren Schülerinnen haben, wenn es nötig war, übersetzt – und es sind jetzt tatsächlich alle Aufgaben verteilt und es sieht gut aus, dass die Arbeit von den Schülern vor den Ferien fertig wird. Die restliche Arbeit am Projekt ist dann meine Aufgabe – während die Schüler Ferien haben, werde ich alles zusammensetzen und etwas daraus machen, was sich (hoffentlich) sehen lassen kann! Wer jetzt neugierig ist, was denn eigentlich das Projekt ist, den muss ich leider so lange vertrösten, bis das Endergebnis fertig ist…

Und was habe ich heute gelernt?
1. Man muss die Leute wirklich mehrmals persönlich und schriftlich an einen Termin erinnern, und selbst dann gibt es noch welche, die es vergessen.
2. Nach einem gescheiterten Versuch darf man nicht gleich aufgeben. Beim zweiten Mal hat es ja doch geklappt.
3. Ich sollte nicht alles persönlich nehmen. Die Schüler hatten letzte Woche tatsächlich Unterricht und Prüfungen und haben halt vergessen, mir das vorher zu sagen. Aber trotz aller Verpeiltheit habe ich heute gemerkt, dass sie (fast) alle wirklich mitmachen wollen.
4. Vielleicht sollte ich wirklich Lehramt studieren. Heute hatte ich wieder einen dieser Momente, wo ich mich vor den Schülern absolut wohl und am richtigen Platz gefühlt habe. Und in den nächsten zwei Wochen wird diese Entscheidung hoffentlich mal vorankommen, denn da habe ich zwei Deutschklassen jeweils 5 Stunden die Woche, also 20 Stunden Deutschunterricht alleine.

Ich bin jedenfalls gerade vollkommen glücklich mit allem und meine Motivation, die sich letzte Woche einige Male schmollend unter dem Bett verkrochen hatte, ist jetzt mit einem großen Sprung wieder rausgekommen und hüpft fröhlich um mich herum. Um mal ein bisschen bildhafte Sprache in diesen Blog reinzubringen…

Tag 53 – Frühling?

Liebe Leser_innen,

jetzt ist endlich der Moment gekommen, dass hier besseres Wetter ist als in Deutschland. Geschneit hat es schon länger nicht mehr, und manchmal hat es sogar über 10 Grad. Aprilwetter haben wir hier trotzdem: am Mittwoch hatte es 3 Grad mit Regen, am Donnerstag 17 Grad bei strahlendem Sonnenschein, und gestern 2 Grad mit sehr starkem Wind. Sowieso ist es meistens sehr windig, und jetzt, da der ganze Schnee geschmolzen ist, kommt der ganze Dreck zum Vorschein, der im Schnee überwintert hatte und der jetzt als Sand und Staub über die Straßen weht. Jetzt wird auch wieder viel gebaut und die Straßen müssen repariert werden, also kommt der Baustaub noch dazu. Vorher ist mir nie aufgefallen, dass in Deutschland der Baustellendreck gleich weggewaschen wird (s. Svetlanas Kindheitserinnerungen). Jetzt weiß ich das sehr zu schätzen…

Heute war außerdem Subbotnik (letzte Woche ist das wegen Regen ausgefallen) und die Schüler ab der 7. Klasse haben draußen die Gehwege gekehrt, den restlichen Schnee weggeschaufelt, Laub von den Wiesen gekehrt und Müll aufgesammelt. Bei vielen Schülern sah das so aus: die Mädchen standen kichernd in Grüppchen zusammen und haben hin und wieder mal etwas aufgehoben und die Jungs haben sich mit Schnee und Blättern beworfen… aber größtenteils ist doch alles ziemlich sauber jetzt. Nur, den Staub und Sand wegzukehren, sah nach einer ziemlichen Sisyphusarbeit aus, weil der Wind die fein säuberlich zusammengekehrten Häufchen immer wieder über die Straße verteilt hat. Trotzdem waren wahrscheinlich alle Schüler froh, dass sie keinen Unterricht hatten (und ich auch!). So ein freier Samstag ist schon ein Luxus!

Letzte Woche habe ich entdeckt, dass ich, obwohl ich in einer großen Hochhaussiedlung wohne, in 5 Minuten zu Fuß in der Natur sein kann, weil ich ganz am Rand von Djoma wohne.

Das ist das Haus, in dem ich wohne.

 

5 Minuten davon entfernt beginnt ein Fahrradweg.

 

Und wenn man die Siedlung und die Baustellen hinter sich lässt…

 

…kommt man auf ein großes, endlos scheinendes Feld.

 

Und wenn man dem Fahrradweg eine Weile folgt, ist die Siedlung plötzlich ganz klein.

Mehr Fotos mache ich, wenn das Wetter schöner ist und mir beim Fotografieren nicht mehr die Hände einfrieren. Und über den Fortschritt meines Projekts werde ich nächste Woche berichten, wenn feststeht, ob das Projekt stattfinden kann. Letzte Woche ist nämlich niemand zum Treffen gekommen, weil plötzlich doch niemand Zeit hatte, obwohl mir die allermeisten gesagt hatten, dass sie auf jeden Fall kommen. Am Montag gibt es einen zweiten Versuch (diesmal sage ich tatsächlich jeder Person vorher mehrmals persönlich und über WhatsApp und über VKontakte Bescheid, weil offenbar niemand einen Kalender oder sowas besitzt), und wenn dann wieder keiner kommt, dann mache ich ein Projekt, das ich alleine durchführen kann, denn so viel Geduld habe ich nicht und auch nicht die Zeit, um mich ewig mit einem Projekt aufzuhalten, bei dem ich auf Schüler angewiesen bin, die sich nicht an Termine halten. Damit entspreche ich jetzt natürlich total dem Klischee der pünktlichen, strengen Deutschen, aber russische Spontaneität kann ich bei einem Projekt mit mehreren Schülern aus mehreren Klassen wirklich nicht gebrauchen…
Die Hoffnung, dass alle am Montag kommen, habe ich sowieso schon aufgegeben, aber vielleicht kommen ja zumindest so viele, dass man das Projekt noch durchführen kann.

Ich bleibe optimistisch!

Tag 46 – Von Füchsen und Schlagerpartys

Liebe Leser_innen,

gestern ging die Woche der deutschen Sprache zu Ende, und obwohl ich nur an zwei Tagen dabei war, habe ich viel zu erzählen.

Es haben sich zwei Dinge wieder komplett geändert – wie gesagt, inzwischen gehe ich jeder Verabredung mit Skepsis entgegen und nehme nichts „for granted“ (die deutsche Formulierung fällt mir grade nicht ein…). Svetlana sagt, es gibt ein russisches Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Bei den Lesefüchsen saß ich doch in der Jury, weil die Bücher plötzlich noch aufgetaucht sind, und beim Liederfestival haben wir doch nicht teilgenommen, weil wir das Originallied mit Gesang nicht verwenden durften und die Stimme nicht rausschneiden konnten und weil eine Klavierbegleitung zu wenig gewesen wäre. Dafür durfte ich dort auch in der Jury sitzen.

Am Montag fand erst einmal der Wettbewerb „Lesefüchse international“ für die Region Ural statt. Und zwar im Gymnasium 86, das am anderen Ende der Stadt liegt. Schaut euch Ufa mal auf der Karte an. Meine Schule und meine Wohnung liegen in Djoma, ganz im Süden der Stadt, und das Gymnasium 86 ist ganz im Norden, im Viertel Tschernikowka. Und da Ufa ganz lang gestreckt ist, sind das 26 Kilometer durch die Stadt, was mit dem Bus eine Stunde dauert. Das Problem ist nur: diesen Bus gibt es offenbar nicht.

Das wusste ich aber noch nicht, als ich um 7:45 an der Bushaltestelle stand und etwas naiv auf diesen Bus wartete. Immerhin hatte die sonst sehr zuverlässige App 2GIS behauptet, dass der Bus 216 von meiner Schule bis zum Gymnasium 86 durchfährt. Nach einer erfolglosen halben Stunde bin ich dann in einen Bus eingestiegen, der ins Zentrum fuhr, dort wollte ich dann umsteigen, in der Hoffnung, dass ich einen passenden Bus finden würde. Leider hatte ich den Montagmorgen-Stau nicht mit eingerechnet, wodurch der Bus fast 20 Minuten länger brauchte und meine Zeit langsam knapp wurde. Schließlich sollte ich mich um 9:30 mit den anderen Jurymitgliedern treffen. Im Zentrum gab es natürlich auch keinen Bus, der in meine gewünschte Richtung fuhr, deshalb rief ich den Fachschaftsberater an, der mir freundlicherweise ein Taxi bestellte. Am Ende kam ich um 10:20 Uhr in der Schule an, aber die Verspätung war nicht weiter schlimm.

In der Jury zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung. In Prüfungen war ich ja schon dabei, aber diesmal durfte ich selbst mitreden und meine Meinung äußern und nicht nur zuhören.

Das Prinzip funktioniert übrigens so: die Schüler_innen haben sich seit Beginn des Schuljahres mit vier deutschen Jugendbüchern beschäftigt, die für jedes Jahr neu ausgewählt werden. Dieses Jahr sind das folgende:

1. Herbert Günther: Zeit der großen Worte
2. Christoph Scheuring: Echt
3. Lukas Erler: Brennendes Wasser
4. Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt
(Das ist auch meine persönliche Ranking-Reihenfolge…)

Dann gibt es eine ca. zweistündige Podiumsdiskussion (auf Deutsch) zwischen den Schüler_innen, bei denen Fragen und Thesen zu den Büchern besprochen werden. Bewertet wird dann, wie gut der/die Einzelne die Bücher kennt, wie gut er Deutsch spricht und wie er sich im Gespräch verhält. Wer mehr über das Projekt wissen möchte, kann sich hier informieren.

Anschließend gab es für die 8 Schüler_innen und deren Lehrer_innen, die aus der ganzen Republik angereist waren, eine Stadtführung, bei der ich auch mitkommen durfte. Das war sehr interessant, weil ich ja selbst noch nicht so viel von der Stadt gesehen habe und man auch nicht mal eben so ans andere Ende der Stadt fahren kann, wie ich jetzt weiß… Die Bilder gibt es später in einem anderen Blogeintrag, in Verbindung mit Informationen über die Geschichte Ufas. Da habe ich auch viele andere Deutsche kennengelernt, denn einige der Lehrer_innen waren Deutsche, die mit der ZfA im Ausland arbeiten (was ist das denn jetzt wieder?).

Außerdem habe ich einige Mitarbeiterinnen der Deutschen Botschaft Jekaterinburg kennengelernt. Abends wurde dann das deutsche Kinofestival eröffnet, bei dem jeden Tag ein deutscher Film mit russischen Untertiteln gezeigt wird. Eigentlich wollte ich den Film am Montagabend auch sehen, aber es gab noch einen „kleinen“ Empfang, der ebenso lange dauerte wie der Film, aber das war auch ganz lustig. Und die Kinobesucher waren größtenteils nicht besonders begeistert von dem Film. Ich habe also nichts verpasst, außerdem war ich am Mittwoch mit der 5. Klasse und gestern mit der 8. Klasse im Kino. Nicht ganz meine Altersklasse („Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Ostwind“), aber trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Am Donnerstag war ich dann beim Liederfestival, das glücklicherweise in einem Saal stattfand, den ich zu Fuß in 15 Minuten erreichen konnte. Die Veranstaltung begann 15 Minuten zu spät, unter anderem, weil die restlichen Jurymitglieder 10 Minuten zu spät kamen. Im Programm musste ich vorher 5 Beiträge ausbessern und die Reihenfolge ändern, und bei der tatsächlichen Vorführung ist noch ein weiterer Beitrag ausgefallen. Aber trotz der vielen Planänderungen hat es Spaß gemacht, die meisten Beiträge waren auch ziemlich gut. Und ich hatte Glück – dieses Jahr war der Wettbewerb mit 16 teilnehmenden Gruppen ziemlich klein. In den letzten Jahren waren es wohl bis zu 40 Beiträge… Die Entscheidung fiel auch nicht besonders schwer, weil vier Siegerplätze und sieben Nominierungen zu vergeben waren (Bestes Kostüm, Bestes Arrangement usw., die Trostpreise halt). Die Nominierungen waren nicht schwer zu entscheiden, und die vier Sieger waren auch eindeutig, weil es vier wirklich beeindruckende Beiträge gab. Die Liedauswahl war allerdings…interessant, man könnte die Veranstaltung vielleicht in Schlagerparty umbenennen? Von romantischen Tränendrüsenliedern wie „Endlich sehe ich das Licht“ bis zu Skikursliedern wie „Das rote Pferd“ oder „Das Fliegerlied“ war alles dabei…
Danach gab es noch ein „Galakonzert“, bei dem alle 11 Gewinner des Wettbewerbs und einige Gruppen von den verschiedenen Fakultäten der Baschkirischen Staatlichen Universität aufgetreten sind. Die Studenten hatten sehr unterschiedliche, aber allesamt sehr kreative Beiträge (dass es 20 Minuten später als geplant begonnen hat, hat mich gar nicht mehr überrascht…).

Obwohl die Woche nicht besonders anstrengend war, war ich doch oft lang unterwegs und spät zuhause. Deshalb war es gar nicht schlecht, dass ich gestern überraschend erfahren habe, dass ich heute frei habe, weil heute Subbotnik ist (eine Art Frühjahrsputz, bei dem ein Teil der Schüler die Straßen saubermacht und aufräumt) und alle Klassen, die ich gehabt hätte, beim Subbotnik beteiligt waren.

Heute hat es übrigens tatsächlich mal geregnet – normalerweise ist es hier sehr trocken. Wie trocken? In den vier Wochen, in denen ich jetzt hier bin, hat es an genau drei Tagen Niederschlag gegeben, sonst war es immer trocken, zwar meistens bewölkt, aber trocken. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungefähr dreimal so viel Cremes und Bodylotion und Labello brauche wie zuhause, und weshalb ich mich immer total freue, wenn ich endlich wieder Wäsche waschen kann, damit ich in meinem Zimmer nicht vertrockne (Zentralheizung und so, außerdem hat mein Zimmer drei Heizungen und ist ziemlich gut isoliert, deshalb schlafe ich meistens mit offenem Fenster. Nicht besonders umweltfreundlich, ich weiß, ich schäme mich sehr…).

Das war’s erstmal über die deutsche Woche. Es wird in der nächsten Zeit wie gesagt einen Artikel über die Geschichte Ufas geben, und ich versuche mal, daran zu denken, die Schule und meine Umgebung zu fotografieren, dann seht ihr auch mal, wie es in Djoma aussieht.

P.S.: Falls ich Dinge doppelt erwähne, tut mir das leid, aber ich habe inzwischen keinen Überblick mehr, ob etwas schon auf meinem Blog steht oder ob ich das nur mehreren Leuten erzählt habe… Also, falls ich mich wiederhole, dürft ihr mich gerne darauf hinweisen.

Tag 40 – Kleiner Russisch-Exkurs

Liebe Leser_innen,

bald ist schon mein erster Monat in Russland vorbei. Neulich ist mir plötzlich klar geworden, wie kurz die Zeit hier doch eigentlich sein wird, wenn man die Seminare und den Urlaub von den sechs Monaten abzieht. Also los, mach was draus, sagte ich mir nach dieser Erkenntnis. Dazu gehört auch, sich mit der Landessprache vertraut zu machen. In meinem Fall aber Russisch, nicht Baschkirisch… Hier ist zwar fast alles zweisprachig (Straßenschilder, Namen von Geschäften, Sicherheitshinweise usw.), aber es sprechen nur noch wenige Menschen Baschkirisch. Diese Sprache wird zwar in der Schule unterrichtet, aber ich höre die Schüler_innen immer nur über dieses Schulfach schimpfen. Das spricht doch eh keiner mehr, warum sollen wir das lernen, mimimi… Natürlich ist es schade, dass diese Sprache immer mehr aus dem Alltag verschwindet und irgendwann nur noch in Büchern existieren wird. Auch Svetlana (siehe „Svetlanas Kindheitserinnerungen“), die gebürtige Baschkirin ist, findet das sehr traurig. Ich werde diese Sprache aber trotzdem nicht lernen, weil sie erstens eine Turksprache ist und mit Russisch nicht viel gemeinsam hat und sie mir zweitens im Alltag nichts bringen wird, weil eben keiner mehr Baschkirisch spricht.

Also lerne ich Russisch. Da es keine Sprachschule gibt, die Russisch als Fremdsprache anbietet, lerne ich bei einer Deutschlehrerin aus einer anderen Schule, bei der auch schon mein Vorgänger Unterricht hatte. Mit ihr komme ich sehr gut zurecht, sie ist ziemlich jung und sehr, sehr nett. Insgesamt 13 Stunden habe ich schon gehabt, und in jeder Stunde lerne ich neue Sprachregeln – bei manchen schaue ich meine Russischlehrerin nur verständnislos an und es fällt mir schwer, sie mir anzugewöhnen. Einige davon möchte ich euch gerne hier präsentieren. Der Einfachheit halber werde ich Beispiele nicht auf Kyrillisch, sondern in lateinischer Schrift in der ungefähren Lautübertragung schreiben. Und liebe Russisch-Experten, verzeiht mir meine Fehler, die durch meine eigentliche Unkenntnis der russischen Sprache zustandekommen.

Die Schrift.
Es sollte, glaube ich, jedem von euch klar sein, dass im Russischen das kyrillische Alphabet verwendet wird. Das habe ich aber schon lang vor der Ausreise gelernt (Notiz an mich selbst: gute Entscheidung!). Tatsächlich komme ich aber bei manchen Buchstaben immer noch durcheinander, vor allem bei denen, die gleich aussehen wie im deutschen bzw. lateinischen Alphabet, aber anders ausgesprochen werden (P=R, H=N, X=Ch, B=W).

Die Aussprache.
Erst habe ich mich gefreut, dass es für jeden Laut ein eigenes Zeichen gibt, und nicht wie im Deutschen oder Französischen bestimmte Buchstabenverbindungen, die besonders ausgesprochen werden. Aber leider gibt es wenig Ausspracheregeln, außer dass z.B. unbetontes O wie A ausgesprochen wird. Meine Russischlehrerin hat gesagt, dass die Russen die Vokale einfach so aussprechen, wie sie wollen. Für die Betonung gibt es gar keine Regeln. In Lehrbüchern stehen immerhin Akzente über den betonten Buchstaben, aber sonst muss man für jedes Wort die Betonung mitlernen und bei unbekannten Wörtern raten.
Und dann gibt es noch dieses wunderschöne Weichheitszeichen Ь und das Härtezeichen Ъ. Auch schön, dass sie fast gleich aussehen, oder? Das Härtezeichen kommt zum Glück kaum vor, und das Weichheitszeichen zeigt an, dass der vorhergehende Buchstabe „weich“ gesprochen wird – das hat aber nichts mit dem fränkischen „haddn B“ und „weichen B“ zu tun (für Nicht-Franken: P und B). Wenn ein Buchstabe „weich“ ist, geht die Zunge an den Gaumen, sodass bei manchen Buchstaben sowas wie ein Zischlaut entsteht. Ich bin da noch nicht ganz durchgestiegen, weiß aber jetzt, dass russische „harte“ und „weiche“ Laute nichts mit deutschen „harten“ und „weichen“ Lauten zu tun haben. Am deutlichsten ist mir das klar geworden, als die Lehrerin behauptete, K wäre weich und G wäre hart. Für mich, in Bamberg groß geworden, völlig unbegreiflich…

Die Fälle.
Im Russischen gibt es sechs Fälle. Zu den uns bekannten vier Fällen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ kommen noch der Instrumental und der Präpositiv hinzu. Ganz grob: der Instrumental antwortet auf die Fragen Womit?/Von wem? und der Präpositiv, der nur nach bestimmten Präpositionen steht, auf Über wen?/Worüber?/Wo?. Diese zwei Extrafälle sind gar nicht mal so das Problem, sondern dass die anderen Fälle teilweise anders verwendet werden. Wörtlich übersetzt hieße es z.B. jemandem anrufen. Oder jemanden gratulieren. Oder jemanden danken. (Wer von euch sich jetzt fragt, was daran jetzt falsch ist, der sollte nochmal an seinen eigenen Deutschkenntnissen arbeiten…)

Der Satzbau.
Meistens völlig willkürlich, man kann im Satzbau fast nichts falsch machen, außer bei bestimmten Formulierungen, z.B.:
Wenn ich sage Kagda mnje byla schest ljet, dann heißt das Als ich sechs Jahre alt war.
Wenn ich aber sage Kagda mnje byla ljet schest, dann heißt es Als ich ungefähr sechs Jahre alt war.

Die Artikel.
Gibt es nicht. Hallelujah! Das kommt mir als Russischlernerin natürlich sehr entgegen, aber ungewohnt ist es schon, keine Artikel zu verwenden. Vor allem komme ich mir immer so unhöflich vor und habe ständig das Gefühl, dass ich jetzt irgendwas im Satz vergessen habe. Aber wenn ich die Lehrerin etwas verunsichert anschaue und sie frage: „Ist das jetzt überhaupt ein richtiger Satz?“, sagt sie immer: „Ja natürlich! Warum denn nicht?“

Das Verb sein.
Gibt es auch nicht, zumindest nicht in der Gegenwart. Wenn ich mich also vorstelle, kann ich einfach sagen (wörtlich übersetzt): „Ich Sophia. Mir 18 Jahre. Ich aus Deutschland. Ich Freiwillige.“ Auch sehr ungewohnt, aber ein Verb weniger, das ich lernen muss!

Die Zeiten.
Es gibt nur drei Zeiten, Präteritum, Präsens und Futur. Und die Formenbildung ist auch gar nicht sooo schwer. Das wäre ja alles schön und gut und toll, wären da nicht…

…die Aspekte.
Es gibt von fast jedem Verb einen vollendeten und einen unvollendeten Aspekt. Diese Aspekte sind, glaube ich, vergleichbar mit den simple- und progressive-Formen im Englischen. Der vollendete Aspekt zeigt eine einmalige oder abgeschlossene Handlung und der unvollendete zeigt eine sich wiederholende Handlung oder betont den Ablauf der Handlung. Das Problem dabei: für ein Wort im Deutschen gibt es zwei im Russischen (und noch ganz viele Synonyme). Zum Beispiel hören. Unvollendet slyschat, vollendet uslyschat. Oder helfen – unvollendet pamagat, vollendet pamotsch. Eigentlich auch mit O geschrieben, aber als A gesprochen. Oder verstehen. Unvollendet panimat, vollendet panjat. Es gibt also auch keine Regeln, wie die jeweils andere Form gebildet wird. Und manchmal ist die unvollendete Form das längere Wort und manchmal die vollendete. In meinem Kopf herrscht also das vollendete Chaos (no pun intended). Übrigens: es gibt auch noch unterschiedliche Verben für zielgerichtete und unbestimmte Bewegungen, das sind dann aber meistens komplett verschiedene Wörter (gehen – zielgerichtet idti, unbestimmt chadit).

So, ich hoffe, ich habe jetzt niemanden vergrault, der bis heute unbedingt Russisch lernen wollte… aber es ist eigentlich schon eine schöne Sprache, finde ich. Und jedes Mal, wenn ich mich über eine Grammatikregel beschwere, dann denke ich an die armen Schüler, die Deutsch lernen. Für die muss es ja viel schlimmer sein, weil sie z.B. diese ganze Geschichte mit bestimmten und unbestimmten Artikeln neu lernen müssen. Und ich kann jetzt die ganzen Fehler nachvollziehen, die sie machen, weil ich jetzt weiß, wie der entsprechende Satz auf Russisch heißen würde.

In diesem Sinne: bis zum nächsten Mal, wenn wieder genug passiert ist, dass ich tatsächlich etwas berichten kann. Morgen beginnt die Deutsche Woche, da werde ich sicher viel erleben.

Пока!

Tag 36 – Lange Tage

Liebe Leser_innen,

es ist erst Mittwoch und trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis nach Wochenende! Seit Montag war ich jeden Tag 8 Stunden oder länger in der Schule. Jetzt werdet ihr euch denken: ist doch ganz normal bei einer 40-Stunden-Woche… nur muss ich samstags ja auch in die Schule, deshalb ist 8 Stunden jeden Tag dann doch etwas zu viel. Die langen Arbeitstage hatten verschiedene Gründe. Montag – ganz normal, da bin ich regulär 8 Stunden in der Schule. Dienstag ist echt blöd, weil ich morgens um 9 eine Stunde habe, mittags um 1 eine Stunde und dann nochmal von 16:40 bis 18:05. Normalerweise gehe ich vormittags nochmal nachhause, kaufe ein und bereite das Essen vor, gehe dann nochmal in die Schule und verbringe die restlichen Freistunden dort – meistens findet sich etwas, das ich tun kann. Und mittwochs bin ich gewöhnlich von 9:55 bis 15:35 in der Schule.

Woher kamen dann die vielen restlichen Stunden, die ich noch in der Schule verbracht habe? Gestern haben wir Probeprüfungen mit den Neuntklässlerinnen gemacht, die am Samstag die DSD1-Prüfung ablegen. Das hat wie erwartet länger gedauert – bis 19:00, und bis wir dann alles fertig besprochen hatten, war es auch schon 19:45. Bei dieser Besprechung haben wir auch festgestellt, dass niemand weiß, wo die Bücher für den Lesefüchse-Wettbewerb sind, die die Schule bekommen hat. Dass ich dort in der Jury sitze, hat sich damit auch erledigt, sofern die Bücher nicht sofort wieder auftauchen – denn sonst schaffe ich es nicht, bis nächsten Montag noch zwei Bücher zu lesen. Und ohne die Bücher zu kennen, kann ich ja wohl schlecht in der Jury sitzen…

Heute wäre ich dann wie gesagt um halb vier fertig gewesen. Aber nächste Woche findet in Ufa die „Woche der deutschen Sprache“ statt. Da findet z.B. der Lesefüchse-Ausscheid statt, es werden in den Kinos deutsche Filme gezeigt und es gibt ein Liederfestival, bei dem Schüler aus der ganzen Republik Baschkortostan deutsche Lieder vortragen. Wir machen da auch mit und es muss natürlich geprobt werden! Ich bin gespannt, ob es auf die „russische Art“ auch klappt – nämlich sich eine Woche vor dem Auftritt das erste Mal zusammen treffen und proben. Das haben wir heute getan, und es war gar nicht so leicht, 14 pubertierende Jugendliche dazu zu bringen, mir zuzuhören, nicht wild in der Gegend rumzuhüpfen und nicht Klavier zu spielen. Nach knapp 2 Stunden anstrengender Probe haben sie es aber ganz gut hinbekommen. Zum Glück konnte ich sie davon überzeugen, dass nur die drei Schülerinnen singen, die auch singen können, und der Rest sind quasi die Background-Tänzer. Sonst wäre das ein heilloses Rumgegröle gewesen, und gleichzeitig singen und tanzen hätte wahrscheinlich auch nicht geklappt.

Jetzt wollt ihr bestimmt wissen, was wir denn eigentlich singen. Auf Wunsch der Schulleiterin singen wir „Ich bin wie Du“, ein Lied, das sich an Flüchtlingskinder in Deutschland richtet und davon handelt, dass wir doch eigentlich alle gleich sind. Etwas kitschig, entspricht nicht wirklich meinen viel zu hohen musikalischen Ansprüchen, aber hat auf jeden Fall eine gute Wirkung und die Schüler machen das auch echt schön. Anspruchsvolle Sachen könnte man sowieso nicht aufführen, weil es leider nur wenige Schüler_innen gibt, die gut singen können und es auch keine festen Ensembles an der Schule gibt.

Ihr seht schon, es wird immer weniger, was ich zu berichten habe. Aber ich bin natürlich ständig auf der Suche nach neuen Fun Facts und lustigen, peinlichen oder interessanten Anekdoten. Bis dahin könnt ihr euch hier noch das Lied „Ich bin wie Du“ anhören.

Tag 32 – Erfolge und Enttäuschungen

Liebe Leser_innen,

mit jedem Tag, den ich hier bin, fühle ich mich immer mehr zuhause. An die Schule und den Schulweg habe ich mich schnell gewöhnt, aber um hier in der Wohnung wirklich anzukommen, habe ich mehr Zeit gebraucht. Inzwischen fühle ich mich schon zuhause, auch weil ich jetzt weiß, wo alles ist und nicht mehr beim Kochen erstmal alle Schränke aufmachen muss, um einen Topf zu finden. Und inzwischen fühle ich mich auch außerhalb der Wohnung ziemlich „sicher“ – damit meine ich, dass ich mich jetzt in den Supermärkten auskenne, dass ich weiß, in welchem Supermarkt man was bekommt und was nicht, dass ich weiß, mit welchen Bussen ich in die Stadt komme usw. Außerdem weiß ich jetzt, was ich an der Supermarktkasse gefragt werden kann und was ich darauf antworte. Am Anfang wusste ich nämlich gar nicht, was die von mir wollten. Aber jetzt weiß ich: zuerst fragen sie schön gereimt: „Paket ili njet?“ („Tüte oder nicht?“), dann, ob ich eine Bonuskarte habe und dann, ob ich noch Kleingeld habe. Und wenn ich schlau genug war, selber eine Einkaufstüte mitzunehmen, sage ich einfach dreimal „Njet“. So einfach geht das! Und weil ich mich auch über die kleinen Dinge sehr freue, gebe ich mir immer ein kleines mentales High-Five, wenn ich irgendwo in der Öffentlichkeit mit Leuten reden musste und alles verstanden habe.

Auch wenn ich jetzt meine ersten 10 Russischstunden hinter mir habe (in den Ferien haben wir schon viel Unterricht gemacht, weil die Lehrerin und ich beide viel Zeit hatten), kann ich mich noch nicht in allen Alltagssituationen souverän bewegen. Zum Beispiel heute im Bus: zwei Stationen, bevor ich aussteigen musste, war ich die Letzte im Bus und der Busfahrer fragte mich, wo ich aussteigen will. Als ich ihm die Straße nannte, war er sichtlich genervt (was ich gar nicht verstanden habe, weil der Bus sonst auch immer da gehalten hatte) und hat wild auf mich eingeredet und ich habe natürlich nichts verstanden, außer dass es ihn offenbar gestört hat, dass ich jetzt unbedingt DA aussteigen will. Ob es etwas an seiner Fahrtroute geändert hätte, wenn ich früher ausgestiegen wäre, weiß ich nicht, aber ordentlich verwirrt war ich schon. Und mal ehrlich: alleine in einem Bus zu sein mit einem aggressiv fahrenden und offenbar schlecht gelaunten Busfahrer ist auch nicht gerade angenehm… Ich war jedenfalls froh, dass er mich dann doch an der richtigen Stelle rausgelassen hat.

Eine andere Situation: ich musste mein Handyguthaben aufladen. Auf der Wanderung am Wochenende habe ich mein Guthaben aus Versehen aufgebraucht, weil ich im Internet war, ohne zu wissen, dass wir nicht mehr in der Republik Baschkortostan waren und ich damit im „Ausland“ war. Mein Tarif gilt aber nur fürs „Inland“ und deshalb musste ich 130 Rubel bezahlen, um mein Internet wieder freizuschalten. Das geht dann an einem Automaten in einer Filiale des Anbieters. Auf meinem Schulweg ist glücklicherweise eine solche Filiale, weshalb ich am Montagmorgen mein Guthaben wieder aufladen wollte. Auf dem Automaten gab es aber viele Möglichkeiten zur Auswahl, und es standen zu viele Leute hinter mir, als dass ich in Ruhe alles im Wörterbuch hätte nachschauen können. Also habe ich die beiden Verkäufer gefragt, ob sie Englisch sprechen – erstaunte, fast verwirrte Blicke und „Njet“. Weil ich auf Russisch absolut nicht mein Problem erklären konnte, hat mir einer der beiden plötzlich sein Handy mit einer Übersetzungs-App hingehalten und mich aufgefordert, mein Problem dem Handy zu erzählen. Das hat mäßig gut geklappt, aber am Ende hat mir der andere Verkäufer dann das Guthaben aufgeladen. Wie der Automat funktioniert, weiß ich leider immer noch nicht, weil das echt schnell ging und es ziemlich viele Schritte bis zum Bezahlen waren, aber nächstes Mal nehme ich mir dann jemanden mit, der Deutsch oder Englisch spricht und sich auskennt… Aber das war mir echt peinlich. Vor allem, wie die ganzen Leute im Laden mich angeschaut haben, wie ich da in dieses Handy reinspreche – die müssen sich auch gewundert haben!

Aber genug von den peinlichen Situationen: jetzt gibt es noch ein paar Fun Facts über das Leben in Ufa!

Busfahren
Es gibt neben den großen Stadtbussen auch kleine Shuttlebusse (marschrutka) ohne festen Fahrplan, die nicht immer an ausgeschriebenen Haltestellen halten. Da, wo ich normalerweise einsteige, gibt es kein Schild. Man muss halt wissen, dass der Bus da vor dem Supermarkt hält. Man bezahlt beim Aussteigen, und zwar immer 25 Rubel (in manchen Bussen 20), egal, wie weit man fährt. Der Busfahrer hat dann meistens einen Schwamm mit Schlitzen drin, in dem er die Münzen aufbewahrt. Die Scheine stecken oft im CD-Fach oder so.

Autobahnabfahrten
Die meisten Abfahrten, die auf Autobahnbrücken führen, sind meiner Meinung nach extrem unpraktisch. Man fährt nämlich nicht vor der Brücke raus und dann in einer großen Kurve nach links auf die Brücke, sondern unter der Brücke durch und macht dann eine 180-Grad-Kurve, die ziemlich eng ist, und dann biegt man nach rechts auf die Brücke ab. Ausfädelungsstreifen gibt es nicht wirklich, also bremst man einfach so voll ab, um diese Kurve zu kriegen. Apropos:

Straßen
Viele Straßen haben keine Markierungen. Im besten Fall liegt das daran, dass die Straße neu ist und noch keine Markierungen hat, in den meisten Fällen daran, dass die Straße schon so alt ist, dass man die Markierungen nicht mehr sieht. Auf den großen Straßen hängen dann Schilder über der Straße, die anzeigen, wie viele Spuren es gibt und wo man wohin abbiegen kann (daran hält sich aber keiner). Es kommt dadurch oft zu mutigen Überholmanövern, bei denen es dann halt Ansichtssache ist, ob man eigentlich auf der Gegenfahrbahn fährt oder ob da doch noch eine Spur ist. Schlaglöcher sind die Normalität, und oft wünscht man sich, der Busfahrer würde einfach drüberfahren, anstatt kurz mal einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn zu machen…

Packungsgrößen (Ergänzung)
Auch wenn es hier teilweise die gleichen Marken gibt wie in Deutschland, sind die Packungen kleiner. Es ist aber gleich viel drin, nur sind die Packungen tatsächlich voll und nicht zur Hälfte mit Luft gefüllt. Da hat mal jemand mitgedacht.

Und noch ein Moment, der mich zum Lächeln gebracht hat: Mehrere Schülerinnen einer Klasse haben mir gesagt, dass mein Name wie ein Zauberspruch aus Harry Potter klingt. Süß, oder?
*zauberstab schwing* „SOPHIARIVINIUS!“ Was dann wohl passieren würde?

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Tag 27 – Schnee, Schnaps und Schwitzen

Liebe Leser_innen,

als ich am Samstag um 5 Uhr morgens in den Bus einstieg, bekam ich erst mal Angst. 16 Leute in einem kleinen, engen Bus eingequetscht, davon 8 betrunkene Männer, die eine Schnapsflasche nach der anderen durchreichen. Ich dachte, was mache ich hier, warum habe ich mich auf diesen Ausflug eingelassen, ohne überhaupt zu wissen, wer da mitfährt, ich will nach Hause! Dann fragte mich mein Sitznachbar, der wirklich sehr betrunken war, irgendwas, und ich sagte meinen Standardsatz „Ich verstehe es nicht, ich spreche kein Russisch, ich komme aus Deutschland.“ Bei der Info fing der halbe Bus an zu grölen und zu jubeln (die meisten haben wirklich sehr laute Stimmen) und ich wäre komplett verzweifelt, wenn sich nicht einer der Organisatoren meiner erbarmt hätte. Er hat sich dann zu mir gesetzt und wir haben uns ein bisschen auf Englisch unterhalten und er hat mir erklärt, dass das alles „good people“ sind und ich mir keine Sorgen machen muss. Und dass sie nicht immer betrunken sind, aber jetzt ist halt Wochenende…

Dann haben wir erstmal alle geschlafen und waren gegen 11 Uhr am Taganay-Nationalpark. Vom Parkplatz gingen wir ca. 7 Kilometer zu einem Camp mit mehreren Holzhütten und Zelten, wo wir Pause gemacht haben und Tee aus frischem Quellwasser getrunken haben, das in einem Kessel über dem Lagerfeuer gekocht wurde. Dieses Wasser vermisse ich jetzt schon… Vorher kam aber noch ein Kulturschock: als wir an einem größtenteils zugefrorenen und verschneiten Bach vorbeikamen, sind doch tatsächlich zwei der Männer nur in Unterhose in diesen Bach gestiegen und haben sich ins Wasser gelegt! Danach natürlich einige Runden Schnaps zum Aufwärmen (übrigens ganz verschiedene Sorten, nicht nur Wodka!). Mich wollten auch fast alle zum Trinken überreden, aber ich habe sie immer auf „später“ oder „abends“ vertröstet – nicht dass ich was gegen Alkohol hätte, aber wenn ich noch einen Berg rauf- und wieder runtermuss, trinke ich vorher ganz sicher nichts.

Besagter Berg war dann ziemlich anstrengend. Ohne Schnee wäre das kein großes Problem gewesen – der Berg war zwar steil, aber auf jeden Fall machbar, und der Aufstieg war auch nicht besonders lang. Das Problem war nur, dass der Weg erstens gerade den Berg hinaufging, also keine Serpentinen oder sowas, sondern der kürzeste Weg nach oben, und zweitens war alles verschneit und vereist. Man musste außerhalb des eigentlichen Weges hinaufsteigen und hoffen, dass man nicht im Schnee versank, denn auf dem eigentlichen Weg in der Mitte hatte man keine Chance, einen Schritt zu gehen, ohne abzurutschen. Den Grund dafür habe ich erst auf dem Rückweg verstanden: Wenn man von oben kommt, hat man fast keine andere Möglichkeit, hinunterzukommen, als sich hinzusetzen und auf dem Hintern runterzurutschen. Das ist dann umso lustiger, aber der Aufstieg ist halt hart. Der „Chef“ der Truppe hat gleich gemerkt, dass ich mit dem Weg Schwierigkeiten hatte, und ist mir vorausgegangen und ich bin ihm in seinen Fußstapfen hinterhergekeucht. An seinem Handgelenk hatte er einen Lautsprecher hängen, aus dem (auf meinen Wunsch nach motivierender Musik) den ganzen Aufstieg lang in voller Lautstärke AC/DC schallte. Hat meiner Motivation auf jeden Fall weitergeholfen!

Oben angekommen habe ich mich dann doch zu einem Gipfelschnaps überreden lassen, denn ich war einigermaßen fertig mit den Nerven und ich wusste, dass ich ja nur noch den Berg runterrutschen und 2 Kilometer in der Ebene laufen muss. In unserem Haus gab es dann abends Essen und einen Banja-Besuch, den ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte [Banja funktioniert im Prinzip genau wie Sauna, heißt nur anders]. Ich habe dann auch das volle Programm mitgemacht: erst mit Tannenzweigen abschlagen (bei zwei Aufgüssen in gefühlt einer Minute), dann schnell raus und in den Bottich mit eiskaltem Quellwasser steigen, schnell wieder in die Banja zurück und das Ganze nochmal, ab ins Wasser, nochmal in die Banja zurück. Das hätte man wahrscheinlich bis zur totalen Erschöpfung weitermachen können, aber nach dem zweiten Eisbaden war es mir dann doch genug und das wurde zum Glück auch akzeptiert. Danach sah ich aus und roch wie ein Weihnachtsbaum, überall klebten die Tannennadeln, aber der Geruch von Birkenholz und Tannennadeln ist echt unglaublich toll.

Trotz wenig Platz (drei Leute auf einer 1,60m-Matratze) schlief ich wie ein Stein und konnte mich auch halbwegs ausschlafen. Am Sonntag begann sich erst ab 11 Uhr eine leichte Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Erst ging eine kleine Gruppe noch auf einen anderen Berg (da man sich etwas beeilen musste, sind nur die geübten Wanderer mitgegangen, also bin ich im Haus geblieben) und um 16 Uhr gingen wir wieder zurück zum Parkplatz. Das war ein wunderschöner Weg, weil es nachts noch einmal geschneit hatte und die Wege nicht mehr so vereist waren. Trotzdem bin ich am Schluss einmal hingefallen, weil meine Müdigkeit größer und die Konzentration kleiner wurde. Und zwar echt so, wie wenn im Comic jemand auf einer Bananenschale ausrutscht. Mit dem Rucksack hatte ich noch schön viel Gewicht, das mich noch schneller nach unten zog. Aber es ist nichts passiert, auch wenn mein Hintern in dem Moment sehr wehtat…

Und obwohl die Wanderungen schön waren und die Leute sehr lustig, hatte ich doch oft Langeweile, weil wir im Haus sehr viel Freizeit hatten und in unserem 6er-Zimmer keine Sprache hatten, die jeder verstand. Deshalb konnte ich meistens nicht mitreden und habe dann Musik gehört. Allerdings musste ich Akku sparen, weil es keine Steckdosen gab und dank der Solaranlage gerade genug Strom für Licht am Abend. Und ein Buch hatte ich auch nicht dabei, weil ich nicht mit so viel freier Zeit gerechnet hatte und weil ich das ja die ganze Zeit hätte tragen müssen. Aber alles in allem hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Die meisten Teilnehmer haben gesagt „So viel russische Kultur in so kurzer Zeit wirst du nicht mehr erleben!“… Und wenn ich so gut Russisch könnte, dass ich mich mit den anderen unterhalten kann, würde ich so eine Wanderung noch einmal machen. Die Sprachbarriere war schon sehr hinderlich.

Außerdem kamen wir leider abends viel später an als erwartet, hauptsächlich deshalb, weil für die Fahrt 3 bis 4 Stunden geplant waren, wir aber trotz guter Geschwindigkeit und wenig Verkehr fast 6 Stunden gebraucht haben. Um 00:30 Uhr waren wir also am Busparkplatz, dann noch eine halbe Stunde Taxifahrt nach Hause, duschen, auspacken und heute früh in die Schule, um den Schüler_innen ein letztes Training vor der DSD-Prüfung anzubieten. Entsprechend müde bin ich heute, und mein Plan, morgen endlich auszuschlafen, weil ja Ferien sind, steht auch schon nicht mehr, weil ich bei den Prüfungen auch dabei sein soll. Die gehen um 10 los und dauern offiziell bis 16 Uhr, aber mir wurde schon versichert, dass es mindestens bis 18 Uhr dauern wird. Langsam gewöhne ich mir an, mich auf keine freie Stunde mehr zu verlassen… Aber gut, ich bin ja schließlich nicht zum Urlaubmachen hier 😉

P.S.: Ich bekomme die Bilder leider nicht in die richtige Reihenfolge – so, wie sie in der Übersicht angezeigt werden, ist es richtig. Ich weiß nicht, warum die Gipfelfotos beim Durchklicken an den Schluss rutschen…

Tag 24 – Grau mit Aussicht auf Schnee

Heute hat es zum ersten Mal, seit ich hier bin, geschneit. Aber nicht so puderzucker-märchenwald-zauberhaft-mäßig, sondern mehr so „Och nööö, es liegt doch schon genug Schnee!“ Es hat zwar nur wenig geschneit, aber trotzdem war der Himmel grau und zugezogen. Bis jetzt war es immer trocken und meistens sonnig. Meine Stimmung und die der anderen Lehrer war entsprechend gedrückt und obwohl es der letzte Schultag vor den Frühlingsferien war, herrschte eine gereizte und gestresste Stimmung, weil in den Ferien die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Irgendwie alles grau heute.

Noch dazu kam ich zu spät in meine erste Stunde, weil die Stunden heute jeweils zehn Minuten kürzer waren, damit man nach Schulschluss noch genug Zeit hat, die Schule für die Ferien aufzuräumen und zu putzen. Das habe ich aber erst erfahren, als ich um fünf vor neun im Lehrerzimmer stand und auf die Lehrerin gewartet habe, in deren Unterricht ich gehen sollte. Eine andere Lehrerin schaute mich ganz erstaunt an und fragte: „Willst du zu N.? Die hat schon längst angefangen, heute sind doch die Stunden kürzer!“ Wieder was gelernt. Aber – eigentlich gar keine schlechte Methode, um am letzten Schultag weniger Unterricht zu haben, ohne dass ganze Fächer ausfallen müssen.

Ich bin jedenfalls froh über die Ferien, denn die ersten zwei Wochen waren ziemlich anstrengend und diese gestresste Prüfungsstimmung macht es auch nicht besser… In den Ferien werde ich dann meine ersten Russischstunden bei einer Privatlehrerin haben, die auch meinem Vorgänger Unterricht gegeben hat. Einige Schüler haben mir angeboten, mir die Stadt zu zeigen und am Wochenende werde ich mit der Tochter der Schulleiterin und ihren Freunden eine Wanderung im Taganay-Nationalpark machen. Den Fotos nach zu urteilen ist das ein echtes Winter-Wonderland… Ich hoffe, dass dort das Wetter besser ist als in der Stadt, damit ich auch schöne Fotos machen kann, auf denen man mehr sieht als Schnee und Nebel und Wolken.

Es war allerdings gar nicht so leicht, sich passende Ausrüstung zu besorgen. Zuhause hätte ich alles gehabt, gute Bergschuhe, eine wasserdichte Schneehose und einen Wanderrucksack. Hier habe ich schon Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der Schuhgröße 40 hat (und mir dann auch noch geeignete Schuhe ausleihen kann). Hoffnungsfroh habe ich die Schuhe einer Lehrerin entgegengenommen, die mir gestern noch versichert hatte, dass diese Schuhe sehr gut für diese Wanderung sein werden – und es sind Ugg-Boots. Warm ja, aber von wasserdicht weit entfernt. Die Alternative: meine Wanderschuhe, ziemlich wasserdicht, mit gutem Profil, aber nur knöchelhoch. Eine Schneehose habe ich auch aufgetrieben, aber auch die ist leider nicht wasserdicht. Den Rucksack werde ich bei der Organisation, die diesen Ausflug veranstaltet, ausleihen.

Und jetzt ärgere ich mich natürlich wahnsinnig, dass ich mich vor meiner Abreise nicht gut genug über das Wetter informiert habe – dann hätte ich zumindest die Bergschuhe eingepackt. Und über den Rucksack habe ich auch ernsthaft nachgedacht, ich weiß gar nicht mehr, warum ich mich dagegen entschieden habe, ihn mitzunehmen…

Aber nachher weiß man es immer besser als vorher und an der Situation kann ich jetzt auch nichts mehr ändern. Ich kann nur hoffen, dass es nicht regnet oder schneit und dass wir vielleicht nicht durch meterhohen Tiefschnee stapfen müssen. Wenigstens habe ich in den Ferien außer Russischlernen und jeweils einmal Zusatzunterricht für die 7. und 9. Klasse nicht allzu viel vor, also wäre es auch nicht allzu tragisch, wenn ich mich erkälte.

Trotzdem freue ich mich natürlich sehr auf diese Wanderung, weil ich wieder einmal neue Leute kennenlernen werde und überhaupt mal ein bisschen Natur zu sehen bekomme. Ufa ist zwar sehr grün, aber in unserem Bezirk Djoma sehe ich zumindest auf dem Schulweg nur Hochhäuser und graue Straßen. Außerdem gibt es in der Unterkunft beim Nationalpark eine echte russische Sauna (баня/Banja), darauf freue ich mich schon sehr.

Ich werde also berichten und hoffentlich schöne Fotos hochladen.

Und wie geht es nach den Ferien weiter? Ich werde wohl immer mehr Unterricht selbst übernehmen, allerdings wird das größtenteils so ablaufen, dass die eigentliche Lehrerin auch im Raum ist. Dass ich alleine unterrichten muss, bleibt hoffentlich die Ausnahme, das ist nämlich doch ganz schön anstrengend, vor allem wenn die Schüler meine Arbeitsanweisungen nicht verstehen. Außerdem werde ich zwei- bis dreimal in der Woche Zusatzunterricht für verschiedene Klassen anbieten, hauptsächlich zur DSD-Vorbereitung (mündliche Kommunikation, Schreibtraining usw.). Im April findet auch noch im Rahmen der „Deutschen Woche“ das republikanische Festival der deutschen Lieder in Ufa statt, bei dem Schüler aus ganz Baschkortostan nach Ufa kommen, um deutsche Lieder bei einem Wettbewerb aufzuführen. Für diesen Wettbewerb werde ich auch ein Lied mit mehreren Schülerinnen einstudieren. Die Erwartungen sind hoch – wir sollen diesen Wettbewerb doch bitte gewinnen, damit sich die Schule von dem Preisgeld neue Möbel kaufen kann! Naja, ich werde schon nicht nachhause geschickt werden, wenn wir nicht gewinnen…

Und dann werde ich irgendwann mein Freiwilligenprojekt durchführen – der Plan steht schon, aber ich werde nichts verraten, bis es tatsächlich durchgeführt wird! Wenn dann in den Restferien nach den Prüfungen ein bisschen Zeit ist, werde ich das Projekt der Schulleiterin vorstellen. Bis jetzt hatte sie nämlich kaum mehr als fünf Minuten am Stück Zeit, da war es mir zu stressig, zumal der Plan auch erst seit gestern so weit ausgearbeitet ist, dass man ihn präsentieren kann. Wenn die Schulleitung einverstanden ist und ich genügend Leute finde, die mitmachen, dann wird es sicherlich sehr cool!

Svetlanas Kindheitserinnerungen

Liebe Leser_innen,

vor kurzem kontaktierte mich die Freiwillige Jule W. aus Kolumbien. Ihr Freiwilligen-Projekt besteht darin, dass sie jeden Monat ein Thema vorgibt, zu dem möglichst viele Einheimische aus möglichst vielen Ländern befragt werden sollen und dass sie die Antworten dann in einem eigenen Blog sammelt. Das Thema im März lautete „Kindheitserinnerungen und was sich im Land seit der Kindheit verändert hat“. Hier ist mein Beitrag dazu.
Die befragte Person ist Svetlana Malikova, 65, eine ehemalige Deutschlehrerin meiner Einsatzschule, bei der ich während meines Freiwilligendienstes wohne. Wir haben das „Interview“ auf Deutsch gemacht und ich habe zur besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit kleinere Fehler korrigiert. Svetlana hat mir aber nach dem Durchlesen des Textes versichert, dass alles so geschrieben ist, wie sie es gemeint hat. Also: viel Spaß beim Lesen, vielleicht werdet ihr auch ein bisschen zum Nachdenken angeregt…

Sophia: Das Thema lautet „Kindheitserinnerungen. Was hat sich seit Ihrer Kindheit in Russland verändert“?

Svetlana: Das erste, woran ich mich erinnere, ist ein Bild aus meiner Kindheit. Das Bild ist so: ich stehe in einer Schlange, um Brot zu kaufen. Die Schlange ist so, so, so lang, so viele Menschen stehen an. Und ich bin so klein, ich muss wie alle anderen Menschen stehen und dann Brot kaufen. Es gab eine Zeit, als wir nicht so viel Brot hatten in unserem Land – wir mussten so in den Schlangen stehen, um Brot zu kaufen. Wir kauften es, und dann gingen wir nach Hause. Das war weißes Brot und das war auch schwarzes Brot. Ich weiß nicht warum, aber wir fütterten – das ist paradox – mit diesem Brot fütterten wir auch die Haustiere. Ich weiß nicht warum, vielleicht gab es kein Korn, wir fütterten die Schweine, die Kühe, es gab vielleicht wenig Heu – jetzt kann ich das nicht genau sagen. Ja, wir hatten solch eine Zeit in unserem Land. Natürlich halfen wir Kinder unseren Eltern. Wir hatten kein Wasser, zum Beispiel, im Haus, kein Gas hatten wir. Elektrizität – ja, das hatten wir, es war hell, aber kein Wasser im Haus, kein Gas, und wir Kinder, was machten wir? Unser Vater war sehr beschäftigt, er arbeitete sehr, sehr viel, von früh bis spät. Er war der Vorsitzende eines Kolchos [Kollektivwirtschaft, landwirtschaftlicher Großbetrieb in der Sowjetunion] – sie pflegen gemeinsam die Haustiere in einer Firma, und die Pflanzen, und pflegen auch das Korn, Gemüse usw. Und alle schwere Arbeit zuhause machten wir Kinder. Wir sägten sogar Bäume – sie liegen auf der Erde, ohne Blätter, wir mussten sie sägen, und der Bruder meiner Mutter hackte sie. Und was machten wir noch? Wir trugen auf unseren Schultern zwei Eimer, es gab solche Gestelle aus Holz, gebogen, mit zwei Krücken und zwei Eimer, und wir trugen diese Eimer auf unseren Schultern. Wir waren nicht so groß, aber die Eimer waren nicht klein. Wir wurden gezwungen – sagt man das so? Wir machten das, es war normal.

Wie viele Geschwister haben Sie denn?

Wir waren vier, unsere Familie: drei Schwestern und der letzte war ein Junge. Und jetzt, natürlich, das heutige Leben in unserem Land ist ganz anders. Wir hatten auch eine sehr lange Periode, als wir ein totales Defizit hatten. Wir hatten fast nichts. Es gab das in den Geschäften, aber zu wenig, um allen Leuten etwas zu verkaufen. Um das alles zu kaufen, musste man auch in den Schlangen stehen, aber das hieß nichts. Man konnte Schlange stehen, sehr lange, und nichts bekommen, weil es zu wenig Waren gab. Zum Beispiel Kinderkleidung oder – alles! Fast alles, nicht nur die Kleidung, auch die Möbel, die Wurst hatten wir nicht. Jetzt ist ein totaler Überfluss. Es gibt von allem viel, sogar zu viel, das ist fantastisch [unglaublich, nicht unbedingt positiv!]. Meine Mutter, sie ist vor 20 Jahren gestorben – solchen Überfluss hat sie nicht mehr gesehen. Das alles haben wir später bekommen, gesehen.

Seit wann gibt es diesen Überfluss, die großen Supermärkte etc.?

Eine gute Frage. Seit 2000, dem Beginn des neuen Jahrtausends. Aber mit diesem Überfluss bekamen wir in unserem Leben auch die negative Seite eines solchen Lebens mit. In der Zeit meiner Kindheit war alles ruhig. Wir hatten nicht so viele Waren, aber unser Leben war ohne Krimis, ohne… ich weiß nicht. Die Kinder gingen spazieren und die Eltern waren ganz ruhig. Wir konnten z.B. mit 6 Jahren in den Wald gehen, ja wir konnten den ganzen Tag irgendwo verbringen, und unsere Eltern waren ganz ruhig. Sie wussten: nichts geschieht, alles wird gut sein. Zur Zeit ist das nicht so. Es gibt so viele Gefahren in unserem Leben, besonders für die Kinder, und das freut uns nicht, natürlich.

Und noch eine Seite: die Lebensmittel hatten einen anderen Geschmack. Sie waren ganz natürlich: Brot, Milch, Butter, alles hatte seinen eigenen Geschmack. Keine Chemie. Wir hatten nicht so viel Wurst, aber da hatten wir in der Wurst Fleisch, Salz, Pfeffer und nichts mehr. Und zur Zeit gibt es in diesen Würstchen, in der Wurst usw. so viele verschiedene Konservierungsmittel, Aromastoffe, Geschmacksverstärker [wörtlich russisch Geschmacksverbesserer]. Und das Wasser ist ganz anders zur Zeit. Wir wussten nicht, was Allergie heißt. In meiner Kindheit kannten wir solche Krankheiten nicht. Wir wussten nicht, was Drogen sind. Überhaupt war das ganz unbekannt, wir haben davon nie gehört, nie! Wir Kinder zumindest, die Erwachsenen vielleicht, irgendwo, irgendwann, aber das war so weit von uns, also die Drogen.
Die Betrunkenen, die Alkohol tranken, die gab es. Es war die sowjetische Periode, als unsere Menschen zu viel Alkohol tranken, das war eine lange Zeit. Und die heutige Zeit ist viel besser. Früher war es so: du gehst z.B. nach Hause, aus der Schule, es ist schon Wochenende, und was siehst du? Solche: (steht auf und imitiert einen schwankenden Betrunkenen). Das war so peinlich, aber das war ein typisches Bild. Einige lagen sogar auf der Erde, das war peinlich für unser Land, für mich, für unsere Leute, alle. Das war sehr schlecht, und zur Zeit sehen wir solche Bilder nicht mehr. Wenn das geschieht, ist das sehr, sehr selten. Das ist sehr gut für das heutige Leben. Besonders die jungen Leute, sehr viele junge Leute sorgen für ihre Gesundheit. Sie trainieren, sie besuchen Fitnessstudios, Mädchen und Jungen, und das gefällt mir sehr.

Und, was natürlich neu ist: das Ausland war in meiner Kindheit wie ein Kosmos. Das Ausland war unmöglich zu erreichen. Es gab den Eisernen Vorhang, und alles, das hinter dem Eisernen Vorhang war, schien uns wie ein Kosmos. Wir wussten nichts, aber es gab natürlich die Leute, die im Ausland waren, unsere Journalisten, unsere Diplomaten. Aber die einfachen Leute hatten keine Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Und als ich das erste Mal, 1995, nach Deutschland gereist bin, habe ich zwei Monate im Goethe-Institut gelernt. Dort sah ich, wie klein unsere Erde ist. Neben mir studierten Menschen aus der Schweiz, aus Österreich, aus Australien, aus Mexiko, aus Japan, aus Afrika, und alle waren zusammen. Alle waren hier, alle bekamen Briefe, alle telefonierten, und ich habe verstanden: unsere Erde ist so klein, und wir müssen für sie sorgen. Wir müssen nachdenken, sie schützen, und keinen Krieg sollen wir haben auf dieser Erde. Sie ist so klein, und so viele gute Menschen leben auf ihr, warum muss man Kriege haben, wozu? Ich habe das verstanden, und für mich war das eine Entdeckung. Als ich hier mit meinen Eltern lebte, in meinem Haus wohnte, dachte ich immer, dass die Welt so groß ist, dass sie wie ein Kosmos ist, unendlich, nein – unsere Erde hat Grenzen, und die Natur kann auch leiden wie wir Menschen. Das Wasser kann auch nicht immer sauber sein, es kann ganz schmutzig werden, und das ist sehr schlecht für die Erde, für uns.

Haben Sie schon immer in Ufa gelebt oder haben Sie als Kind woanders gewohnt?

Natürlich! In einer Arbeitersiedlung, da wohnten und arbeiteten die Erdölarbeiter. Das ist 200km von Ufa. Jetzt gibt es dort keine Erdölbetriebe mehr. Vieles hat sich verändert in dieser Umgebung [in Djoma, Vorort von Ufa, Svetlanas jetziger Wohnort]. Wer wohnt hier zur Zeit? Die Rentner, die Kinder, es gibt drei Mittelschulen, ein Krankenhaus und viele Geschäfte, aber die jungen Leute, die noch arbeiten müssen, die fahren mit dem Zug oder fliegen mit dem Flugzeug nach Norden, sie arbeiten da, um Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren.

Seit wann wohnen Sie in Ufa?

Seit wann? Oh, das ist eine sehr interessante Geschichte! Mein Opa war Lehrer, meine Eltern waren Lehrer, meine älteste und zweite Schwester sind auch Lehrerinnen, und was sollte ich sein? Ja, natürlich auch Lehrerin! Und 100km von unserer Siedlung gibt es eine kleine Stadt, und da ist ein
pädagogisches Institut. Da studierten auch meine Schwestern, und da ging ich auch hin, um zu studieren. Nach dem ersten Studienjahr habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er studierte hier in Ufa, und ich in dieser Stadt Birsk, 100km zwischen uns. Einmal kam er zu mir mit dem Bus, beim zweiten Mal fuhr ich zu ihm usw. Das dauerte zwei Jahre. Dann wurden wir ganz müde davon, und wir dachten: „Vielleicht werden wir uns verheiraten, dann wird das viel leichter.“
Er war Student, aber er war ein sehr aktiver Student. Er leitete eine Studentenbewegung „Baugruppen“. Im Sommer trafen sich die Studenten, eine große Gruppe, 30 Studenten, oder 40, und sie fuhren nach Osten, um etwas zu bauen, fuhren nach Norden oder in den Süden oder hier, nicht weit von Ufa. Und mein Mann leitete solche Gruppen, er hatte ein Lastauto, um seine Studenten zu besuchen, denn sie arbeiteten in vielen verschiedenen Gebieten der Republik [Baschkortostan]. Wir haben uns verheiratet, und dann bekam er sogar eine Zweizimmerwohnung im Studentenwohnheim. Er hat selbst mit seinen Freunden alles repariert, renoviert usw. Unsere Hochzeit war nach dem dritten Studienjahr, das war eine sehr lustige Hochzeit mit vielen Studenten und Studentinnen, und dann nach einem Jahr ist Ina geboren. Das war in der Mitte des fünften Studienjahrs, und ein halbes Jahr studierten wir zu dritt, mein Mann, ich und unsere Tochter Ina.
Wir machten alles selbst. Zum ersten Mal ist meine Mutter nach 6 Monaten gekommen. Ich hatte staatliche Prüfungen, und um mir zu helfen, kam sie zu uns, um sich um Ina zu sorgen. Und dann sind wir hier in der Stadt geblieben. Früher bekamen alle Studenten, nachdem sie die Hochschule beendet hatten, ein Papier, auf dem stand, wo sie arbeiten werden, Beruf, Platz, Stadt usw. Zur Zeit haben wir solche Papiere überhaupt nicht mehr. Keine Papiere, jeder Absolvent wählt selbst seinen zukünftigen Arbeitsplatz. Und er bekam einen Platz hier in Ufa und wir haben ein Zimmer gemietet, das war ein kleines Holzhaus in der Vorstadt, hier in Djoma, aber weit von hier. Aber das war kein Haus, nur ein Anbau. Da gab es einen Ofen mit Holz, ein Bett, einen Fernseher, einen Schrank, und nichts mehr. Sogar einen Tisch hatten wir nicht. Und wenn meine Mutter zu uns kam, sagte sie: „Wie schlecht wohnen sie, sie haben sogar keinen Tisch, und sie denken, dass sie in einer Stadt wohnen?“ (lacht) Aber das war für uns nicht so dramatisch, das war für uns keine Tragödie. Ja, wir hatten keinen Tisch, aber wir hatten einen Korb, darauf lag eine Tischdecke. Und wir wussten, dass wir nach einigen Jahren eine Wohnung bekommen werden, wir waren sicher, wir glaubten das. Man hat uns versprochen, dass wir nach einem Jahr die Wohnung bekommen werden. Wir haben sechs Jahre gewartet.
Ina ist gewachsen, dann ist Regina geboren. Zuerst warteten wir auf eine Zweizimmerwohnung. Wir hatten ein Kind, Vater und Mutter, also eine Familie aus drei Menschen, und wir hatten das Recht auf eine Zweizimmerwohnung. Aber nicht kaufen – früher bekamen wir das kostenlos von unserem Staat. Und ich hatte meinem Mann gesagt: „Wir haben keine Wohnung und die Zeit vergeht, vielleicht wollen wir noch ein Kind?“ (lacht) „Und dann werden wir das Recht haben nicht auf zwei Zimmer, sondern auf eine Dreizimmerwohnung!“ Und das geschah, und wir haben das geschafft.
Aber die Geschichte, wie wir uns kennengelernt haben, ist sehr romantisch. Auf Deutsch kann ich das nicht erzählen, unsere Freunde und Verwandte kennen die Geschichte, ja, wir waren sehr, sehr interessant, unvergesslich. Und ich habe mit ihm 40 glückliche Jahre gelebt. Und meine Freundin sagte mir immer: „Sveta, du hast so einen Mann, die gibt es überhaupt nicht mehr!“ Ich hab gesagt: „Er ist wie alle anderen, warum sagst du das?“ Ich verstand das nicht, aber als ich allein geblieben bin, verstand ich, was für einen Mann ich diese 40 Jahre lang hatte.

Ich sagte vorhin, dass es früher ein Defizit an Kleidung, Nahrungsmitteln usw. gab. Heute haben wir ein Defizit an Gutherzigkeit und Liebe. Die Autofahrer zum Beispiel, die können sich streiten. Früher war das eine unmögliche Situation. Früher half jeder dem anderen, und jetzt haben wir etwas
anderes. Die Autofahrer können sich auf der Straße streiten, sie können sogar schießen – ja, bei uns gibt es solche. Und sehr viele Ehepaare, die nicht so glücklich sind, die lassen sich scheiden. Dafür gibt es einen objektiven Grund: die Frauen wurden unabhängig. Sehr oft verdienen sie nicht weniger als die Männer oder sie verdienen sogar mehr, sie wurden selbstständig und wozu brauchen sie dann einen Mann, der zu viel Alkohol trinkt oder nicht so sorgfältig ist, warum sollen sie einen solchen Mann neben sich haben? In meiner Kindheit kannten wir solche Situationen nicht. Die Frauen ehrten ihre Männer, sie warteten immer und machten alles. Aber das ist normal. Nichts bleibt stabil. Das Leben geht weiter, alles verändert sich, das ist ein Gesetz, kann man sagen.

Waren die Leute früher aus Liebe verheiratet oder war es eher eine Zweckgemeinschaft?

Meine Generation natürlich aus Liebe. Aber unsere Eltern – z.B. meine Mutter hat meinen Vater geheiratet ohne Liebe. Sie hat uns das gesagt, sie liebte einen anderen Mann, aber es gab Gründe dafür, um nicht mit ihm zusammen zu sein. Die Mutter meines Vaters hat unsere Mutter ausgewählt, als sie noch ein Mädchen war. Sie hat sie auf dem Markt gesehen und meine Mutter hat seiner Mutter sehr gut gefallen und sie hat ihrem Sohn gesagt: „Du sollst dieses Mädchen wählen.“ Du sollst, nicht du musst, aber du sollst, hat sie gesagt. Er hat es so gemacht und war glücklich. Er war glücklich, aber vielleicht nicht bis zum Ende. Er tat alles, um sich ihre Liebe zu verdienen. Meine Mutter liebte ihn vielleicht nicht von ganzem Herzen, aber sie hat ihn geehrt, er hatte Autorität, er war sehr klug, er war sehr sorgfältig und er war ein guter Mann, ein guter Vater, und dafür ehrte sie ihn.

Wie hat sich die Stadt Ufa im Stadtbild und in der Größe und überhaupt verändert, seitdem Sie hier wohnen?

Auch eine gute Frage! Ich habe schon gesagt, ich mietete mit meinem Mann einen Anbau, und wir begannen da zu wohnen. Und was hatten wir hier im Zentrum [von Djoma]? Es gibt viel Wasser hier, und unser Grundwasser ist sehr hoch. Und im Zentrum wuchs Schilf und die Enten schwammen. Da gab es eine Straße, die haben wir immer noch, und nicht so viele Häuser natürlich, viel weniger, und natürlich gab es nicht so viele Schulen. Die Hochhäuser hatten wir überhaupt nicht, wir hatten nur fünfstöckige Häuser. Vielleicht nicht so saubere Straßen – aber jetzt sind sie auch nicht sauber, besonders jetzt in unserem Stadtviertel, denn wir haben einen Neubau. Und ich habe in Deutschland gesehen, wenn ein Gebäude gebaut wird, dann wird die Straße neben der Baustelle gewaschen, damit der Schmutz sich nicht verbreitet, und bei uns macht man das leider nicht, darum gibt es so viel Schmutz, vor allem in den neuen Vierteln.
Was noch? Wir hatten z.B. kein Schwimmbad, wir warteten sehr lange auf dieses Schwimmbad. Man hat uns immer versprochen: „In diesem Jahr wird das Schwimmbad gebaut.“ Wir warteten, dass das Jahr vergeht, und im nächsten Jahr sagten sie wieder: „Im nächsten Jahr wird das Schwimmbad gebaut.“ und so weiter und so fort. Endlich wurde das Schwimmbad gebaut, ein gutes Schwimmbad.

In welchem Jahr wurde das Schwimmbad gebaut? Ungefähr?

Ungefähr? Also, ich wohne hier in Djoma seit 1975 und vielleicht warteten wir auf dieses Schwimmbad 15 Jahre, 20 Jahre. Ein gutes Schwimmbad, es ist heute sehr beliebt, Kinder, Rentner und die jungen Leute besuchen es. Es gab nicht so viele Kindergärten. Bei uns, als viele Kinder geboren wurden, brauchten sie natürlich Kindergartenplätze. Es gab sehr wenig Kindergärten und Plätze. Und unsere Regierung hat eine Aufgabe gestellt: jede Region soll diese Kindergärten bauen, das war eine sehr wichtige Aufgabe für den Staat. Diese Aufgabe wurde erfüllt und zur Zeit haben wir genug Plätze, z.B. in unserem Hof wird ein Kindergarten mit Schwimmbad gebaut, das ist untypisch für Kindergärten. Ein bisschen weiter gibt es auch einen neuen, jetzt haben wir genug Platz für die Kinder und das ist sehr gut für die jungen Mütter. Sie haben die Möglichkeit zu arbeiten und unsere Kindergärten sind im Vergleich zu den ausländischen Kindergärten besser, meiner Meinung nach. Warum? Sie bekommen da alles, sie essen gut, sie schlafen da, sie bekommen eine gute Entwicklung, gute Spiele und Unterricht zur Entwicklung der Kinder. Man sorgt für ihre Gesundheit, es gibt da einen Arzt, eine Krankenschwester, oder nicht nur eine, es gibt Erzieherinnen. Aber in meiner Jugend konnte man die Kinder sogar mit zwei, drei Monaten in den
Kindergarten geben. Zur Zeit – nein, mit drei Jahren, das ist normal. Und drei Jahre sorgen die Mütter für ihre Kinder, natürlich bekommen sie nicht so viel Geld vom Staat, aber sie bekommen Geld. Und die Kinder können dort sein von 8:00 bis 18:00 Uhr, den ganzen Tag. Erst am Abend holen die Eltern sie wieder ab.

Gibt es genug Erzieher_innen?

Es gibt genug, aber das Problem ist, dass sie nicht so gut bezahlt sind. Aber wenn es keine andere Arbeit gibt, macht man auch diese Arbeit.

Würden Sie sagen, dass Sie es in der heutigen Zeit in Ihrem Alter, in Ihrer Generation eher leichter oder schwerer haben? War es schwierig, sich umzugewöhnen?

Für mich ist es nicht schwierig. Das freut mich sehr, das ist super, dass wir solche Möglichkeiten bekommen haben. In meiner Generation gibt es Leute, die vermissen die frühere Zeit. Natürlich, die Menschen, die älter sind als ich, nicht viel älter, aber es gibt solche Leute, die schimpfen und sagen: „Früher hatten wir ein glückliches Leben, wir hatten keine Arbeitslosigkeit, wir bekamen immer Geld…“, aber alle hatten ein gleiches Niveau des Lebens. Alle wohnten wie Zwillinge. Jetzt haben wir so viele Möglichkeiten, um unsere Begabungen auszudrücken und ich bin nicht damit einverstanden, dass es heute unmöglich ist, eine Arbeit zu finden. Es gibt Arbeit! Vielleicht nicht so gut bezahlt, vielleicht nicht so leicht, wie du willst, aber wenn du etwas verdienen willst, dann hast du immer solche Möglichkeiten. Du kannst einen anderen Beruf erlernen, aber wenn du liegen wirst und träumen, und nichts mehr, natürlich fällt nichts in deinen Mund vom Himmel! Man muss sich bemühen.
Diese Zeit ist sehr interessant, ist sehr schön. Natürlich gibt es Probleme, natürlich gibt es einige dunkle Seiten, aber es gab das früher auch. Nicht alles war so hell, so fantastisch usw. Früher gab es auch Probleme, aber solche Möglichkeiten wie heute hatten wir nicht. Und daher gefällt mir diese Zeit besonders.

Tag 22 – Kleine Alltagskuriositäten

Liebe Leser_innen,

langsam bekomme ich ein Gefühl von Alltag. Mein Stundenplan steht fest, ich weiß, was ich zu tun habe, ich kenne die Supermärkte auf dem Schulweg und ich habe ungefähr eine Vorstellung davon, wie die nächsten 5 Monate ablaufen werden. Inzwischen habe ich auch entdeckt, dass die Mensa jeden Tag zwischen 12 und 13 Uhr Mittagspause hat (kein Witz!) und kann so auch planen, dass ich mir selbst Essen in die Schule mitnehme, wenn ich nur in dieser Stunde frei habe.

In den letzten Tagen habe ich nichts Weltbewegendes erlebt, aber jeden Tag fallen mir einige kleine Dinge auf, die hier anders sind als zuhause. Anders, nicht besser oder schlechter, nur anders. Diese Liste wird sich sicherlich noch erweitern, aber ich fange hier mal an.

Wasserhähne
Die Wasserhähne funktionieren teilweise andersherum, d.h. für heißes Wasser muss man nach rechts drehen und für kaltes nach links. Aber eben nur teilweise. Manche sind auch so wie zuhause. Manche Wasserhähne haben sogar die gewohnte blaue und rote Markierung, aber funktionieren andersherum als markiert. Inzwischen traue ich keinem Wasserhahn mehr über den Weg, schon gar nicht, wenn Markierungen drauf sind… Also wird halt jedes Mal ausprobiert.

Packungsgrößen
Die Maß- und Gewichtsangaben sind ungewohnt. Es wird zwar das metrische System benutzt, aber Produkte werden oft in für uns ungewohnten Mengen verkauft. Heute habe ich mir z.B. eine 0,6-Liter-Wasserflasche gekauft und morgens esse ich Cornflakes aus einer 370-Gramm-Packung mit Milch aus einer 880-Milliliter-Flasche.

Bezahlen
An der Supermarktkasse wird gerundet – meistens sogar zum Vorteil des Kunden. Es gibt zwar eigentlich Münzen für 1, 5, 10 und 50 Kopeken, aber bis jetzt habe ich nur 10 und 50 Kopeken gesehen. Kleinere Münzen bekommt man auch laut meiner Vermieterin normalerweise nicht zu Gesicht. Ein Beispiel: Gestern habe ich für 239,98 Rubel eingekauft (ca. 4€), habe 240 Rubel bezahlt und anstatt von 2 Kopeken 50 Kopeken (½ Rubel) zurückbekommen. Naja, das stört mich jetzt wirklich nicht.

Schließfächer im Supermarkt
Am Eingang jedes Supermarkts gibt es Schließfächer, in denen man seine eventuellen Einkäufe aus einem anderen Geschäft aufbewahren kann. Damit an der Kasse keiner denkt, man würde klauen.

Schulgong
Der Schulgong wird tatsächlich von Hand betätigt. Jeden Tag sitzen zwei andere Schüler_innen neben dem Eingang und drücken pünktlich am Anfang und Ende jeder Stunde auf den Klingelknopf. Ich weiß nicht, was diese beiden sonst noch machen. Irgendwas schreiben sie immer auf, aber ich habe noch nicht herausgefunden, was. Wenn ich es weiß, werde ich berichten.

Drehkreuze
Der Eingang der Schule ist mit Drehkreuzen gesichert, für die man eine Karte braucht, um durchzukommen. Am ersten Tag hat mich meine Vermieterin zur Schule gebracht und mich der Frau, die zusätzlich zu den Schüler_innen am Eingang sitzt, vorgestellt und erklärt, dass ich noch keine Karte habe. Am nächsten Tag bin ich alleine zur Schule gegangen und es war eine andere Frau da, die mich nicht kannte und die mich auch nicht reinlassen wollte. Auch mein Lieblingssatz „Я волонтёр из Германии Ich bin die Freiwillige aus Deutschland“ hat mir nicht weitergeholfen. Irgendjemand hat dann zum Glück die Schulleiterin geholt, die dann allen versichert hat, dass ich wirklich in die Schule darf. Jetzt habe ich auch eine Karte.

Türen #1
Auch für die Haustür gibt es keinen gewöhnlichen Schlüssel, sondern nur einen Transponder, der die Tür mit lautem Gepiepse öffnet.

Sonnenbrillen
Trotz des strahlenden Sonnenscheins, der vom Schnee und den Pfützen sehr stark reflektiert wird, habe ich noch keine einzige Person mit Sonnenbrille gesehen.

Türen #2
Die allermeisten Türen gehen nach außen auf, d.h. wenn man durch den Flur läuft, darf man nicht zu nah an den Wänden laufen, weil man sonst schnell mal eine Tür ins Gesicht bekommt…

Ich finde es sehr erstaunlich zu sehen, wie schnell man sich doch an eine komplett neue Umgebung gewöhnen kann. Hätte ich nicht gedacht, dass ich schon nach 12 Tagen (fast) alles als ganz normal empfinde.