Tag 24 – Grau mit Aussicht auf Schnee

Heute hat es zum ersten Mal, seit ich hier bin, geschneit. Aber nicht so puderzucker-märchenwald-zauberhaft-mäßig, sondern mehr so „Och nööö, es liegt doch schon genug Schnee!“ Es hat zwar nur wenig geschneit, aber trotzdem war der Himmel grau und zugezogen. Bis jetzt war es immer trocken und meistens sonnig. Meine Stimmung und die der anderen Lehrer war entsprechend gedrückt und obwohl es der letzte Schultag vor den Frühlingsferien war, herrschte eine gereizte und gestresste Stimmung, weil in den Ferien die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Irgendwie alles grau heute.

Noch dazu kam ich zu spät in meine erste Stunde, weil die Stunden heute jeweils zehn Minuten kürzer waren, damit man nach Schulschluss noch genug Zeit hat, die Schule für die Ferien aufzuräumen und zu putzen. Das habe ich aber erst erfahren, als ich um fünf vor neun im Lehrerzimmer stand und auf die Lehrerin gewartet habe, in deren Unterricht ich gehen sollte. Eine andere Lehrerin schaute mich ganz erstaunt an und fragte: „Willst du zu Nastja? Die hat schon längst angefangen, heute sind doch die Stunden kürzer!“ Wieder was gelernt. Aber – eigentlich gar keine schlechte Methode, um am letzten Schultag weniger Unterricht zu haben, ohne dass ganze Fächer ausfallen müssen.

Ich bin jedenfalls froh über die Ferien, denn die ersten zwei Wochen waren ziemlich anstrengend und diese gestresste Prüfungsstimmung macht es auch nicht besser… In den Ferien werde ich dann meine ersten Russischstunden bei einer Privatlehrerin haben, die auch meinem Vorgänger Unterricht gegeben hat. Einige Schüler haben mir angeboten, mir die Stadt zu zeigen und am Wochenende werde ich mit der Tochter der Schulleiterin und ihren Freunden eine Wanderung im Taganay-Nationalpark machen. Den Fotos nach zu urteilen ist das ein echtes Winter-Wonderland… Ich hoffe, dass dort das Wetter besser ist als in der Stadt, damit ich auch schöne Fotos machen kann, auf denen man mehr sieht als Schnee und Nebel und Wolken.

Es war allerdings gar nicht so leicht, sich passende Ausrüstung zu besorgen. Zuhause hätte ich alles gehabt, gute Bergschuhe, eine wasserdichte Schneehose und einen Wanderrucksack. Hier habe ich schon Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der Schuhgröße 40 hat (und mir dann auch noch geeignete Schuhe ausleihen kann). Hoffnungsfroh habe ich die Schuhe einer Lehrerin entgegengenommen, die mir gestern noch versichert hatte, dass diese Schuhe sehr gut für diese Wanderung sein werden – und es sind Ugg-Boots. Warm ja, aber von wasserdicht weit entfernt. Die Alternative: meine Wanderschuhe, ziemlich wasserdicht, mit gutem Profil, aber nur knöchelhoch. Eine Schneehose habe ich auch aufgetrieben, aber auch die ist leider nicht wasserdicht. Den Rucksack werde ich bei der Organisation, die diesen Ausflug veranstaltet, ausleihen.

Und jetzt ärgere ich mich natürlich wahnsinnig, dass ich mich vor meiner Abreise nicht gut genug über das Wetter informiert habe – dann hätte ich zumindest die Bergschuhe eingepackt. Und über den Rucksack habe ich auch ernsthaft nachgedacht, ich weiß gar nicht mehr, warum ich mich dagegen entschieden habe, ihn mitzunehmen…

Aber nachher weiß man es immer besser als vorher und an der Situation kann ich jetzt auch nichts mehr ändern. Ich kann nur hoffen, dass es nicht regnet oder schneit und dass wir vielleicht nicht durch meterhohen Tiefschnee stapfen müssen. Wenigstens habe ich in den Ferien außer Russischlernen und jeweils einmal Zusatzunterricht für die 7. und 9. Klasse nicht allzu viel vor, also wäre es auch nicht allzu tragisch, wenn ich mich erkälte.

Trotzdem freue ich mich natürlich sehr auf diese Wanderung, weil ich wieder einmal neue Leute kennenlernen werde und überhaupt mal ein bisschen Natur zu sehen bekomme. Ufa ist zwar sehr grün, aber in unserem Bezirk Djoma sehe ich zumindest auf dem Schulweg nur Hochhäuser und graue Straßen. Außerdem gibt es in der Unterkunft beim Nationalpark eine echte russische Sauna (баня/Banja), darauf freue ich mich schon sehr.

Ich werde also berichten und hoffentlich schöne Fotos hochladen.

Und wie geht es nach den Ferien weiter? Ich werde wohl immer mehr Unterricht selbst übernehmen, allerdings wird das größtenteils so ablaufen, dass die eigentliche Lehrerin auch im Raum ist. Dass ich alleine unterrichten muss, bleibt hoffentlich die Ausnahme, das ist nämlich doch ganz schön anstrengend, vor allem wenn die Schüler meine Arbeitsanweisungen nicht verstehen. Außerdem werde ich zwei- bis dreimal in der Woche Zusatzunterricht für verschiedene Klassen anbieten, hauptsächlich zur DSD-Vorbereitung (mündliche Kommunikation, Schreibtraining usw.). Im April findet auch noch im Rahmen der „Deutschen Woche“ das republikanische Festival der deutschen Lieder in Ufa statt, bei dem Schüler aus ganz Baschkortostan nach Ufa kommen, um deutsche Lieder bei einem Wettbewerb aufzuführen. Für diesen Wettbewerb werde ich auch ein Lied mit mehreren Schülerinnen einstudieren. Die Erwartungen sind hoch – wir sollen diesen Wettbewerb doch bitte gewinnen, damit sich die Schule von dem Preisgeld neue Möbel kaufen kann! Naja, ich werde schon nicht nachhause geschickt werden, wenn wir nicht gewinnen…

Und dann werde ich irgendwann mein Freiwilligenprojekt durchführen – der Plan steht schon, aber ich werde nichts verraten, bis es tatsächlich durchgeführt wird! Wenn dann in den Restferien nach den Prüfungen ein bisschen Zeit ist, werde ich das Projekt der Schulleiterin vorstellen. Bis jetzt hatte sie nämlich kaum mehr als fünf Minuten am Stück Zeit, da war es mir zu stressig, zumal der Plan auch erst seit gestern so weit ausgearbeitet ist, dass man ihn präsentieren kann. Wenn die Schulleitung einverstanden ist und ich genügend Leute finde, die mitmachen, dann wird es sicherlich sehr cool!

Svetlanas Kindheitserinnerungen

Liebe Leser_innen,

vor kurzem kontaktierte mich die Freiwillige Jule W. aus Kolumbien. Ihr Freiwilligen-Projekt besteht darin, dass sie jeden Monat ein Thema vorgibt, zu dem möglichst viele Einheimische aus möglichst vielen Ländern befragt werden sollen und dass sie die Antworten dann in einem eigenen Blog sammelt. Das Thema im März lautete „Kindheitserinnerungen und was sich im Land seit der Kindheit verändert hat“. Hier ist mein Beitrag dazu.
Die befragte Person ist Svetlana Malikova, 65, eine ehemalige Deutschlehrerin meiner Einsatzschule, bei der ich während meines Freiwilligendienstes wohne. Wir haben das „Interview“ auf Deutsch gemacht und ich habe zur besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit kleinere Fehler korrigiert. Svetlana hat mir aber nach dem Durchlesen des Textes versichert, dass alles so geschrieben ist, wie sie es gemeint hat. Also: viel Spaß beim Lesen, vielleicht werdet ihr auch ein bisschen zum Nachdenken angeregt…

Sophia: Das Thema lautet „Kindheitserinnerungen. Was hat sich seit Ihrer Kindheit in Russland verändert“?

Svetlana: Das erste, woran ich mich erinnere, ist ein Bild aus meiner Kindheit. Das Bild ist so: ich stehe in einer Schlange, um Brot zu kaufen. Die Schlange ist so, so, so lang, so viele Menschen stehen an. Und ich bin so klein, ich muss wie alle anderen Menschen stehen und dann Brot kaufen. Es gab eine Zeit, als wir nicht so viel Brot hatten in unserem Land – wir mussten so in den Schlangen stehen, um Brot zu kaufen. Wir kauften es, und dann gingen wir nach Hause. Das war weißes Brot und das war auch schwarzes Brot. Ich weiß nicht warum, aber wir fütterten – das ist paradox – mit diesem Brot fütterten wir auch die Haustiere. Ich weiß nicht warum, vielleicht gab es kein Korn, wir fütterten die Schweine, die Kühe, es gab vielleicht wenig Heu – jetzt kann ich das nicht genau sagen. Ja, wir hatten solch eine Zeit in unserem Land. Natürlich halfen wir Kinder unseren Eltern. Wir hatten kein Wasser, zum Beispiel, im Haus, kein Gas hatten wir. Elektrizität – ja, das hatten wir, es war hell, aber kein Wasser im Haus, kein Gas, und wir Kinder, was machten wir? Unser Vater war sehr beschäftigt, er arbeitete sehr, sehr viel, von früh bis spät. Er war der Vorsitzende eines Kolchos [Kollektivwirtschaft, landwirtschaftlicher Großbetrieb in der Sowjetunion] – sie pflegen gemeinsam die Haustiere in einer Firma, und die Pflanzen, und pflegen auch das Korn, Gemüse usw. Und alle schwere Arbeit zuhause machten wir Kinder. Wir sägten sogar Bäume – sie liegen auf der Erde, ohne Blätter, wir mussten sie sägen, und der Bruder meiner Mutter hackte sie. Und was machten wir noch? Wir trugen auf unseren Schultern zwei Eimer, es gab solche Gestelle aus Holz, gebogen, mit zwei Krücken und zwei Eimer, und wir trugen diese Eimer auf unseren Schultern. Wir waren nicht so groß, aber die Eimer waren nicht klein. Wir wurden gezwungen – sagt man das so? Wir machten das, es war normal.

Wie viele Geschwister haben Sie denn?

Wir waren vier, unsere Familie: drei Schwestern und der letzte war ein Junge. Und jetzt, natürlich, das heutige Leben in unserem Land ist ganz anders. Wir hatten auch eine sehr lange Periode, als wir ein totales Defizit hatten. Wir hatten fast nichts. Es gab das in den Geschäften, aber zu wenig, um allen Leuten etwas zu verkaufen. Um das alles zu kaufen, musste man auch in den Schlangen stehen, aber das hieß nichts. Man konnte Schlange stehen, sehr lange, und nichts bekommen, weil es zu wenig Waren gab. Zum Beispiel Kinderkleidung oder – alles! Fast alles, nicht nur die Kleidung, auch die Möbel, die Wurst hatten wir nicht. Jetzt ist ein totaler Überfluss. Es gibt von allem viel, sogar zu viel, das ist fantastisch [unglaublich, nicht unbedingt positiv!]. Meine Mutter, sie ist vor 20 Jahren gestorben – solchen Überfluss hat sie nicht mehr gesehen. Das alles haben wir später bekommen, gesehen.

Seit wann gibt es diesen Überfluss, die großen Supermärkte etc.?

Eine gute Frage. Seit 2000, dem Beginn des neuen Jahrtausends. Aber mit diesem Überfluss bekamen wir in unserem Leben auch die negative Seite eines solchen Lebens mit. In der Zeit meiner Kindheit war alles ruhig. Wir hatten nicht so viele Waren, aber unser Leben war ohne Krimis, ohne… ich weiß nicht. Die Kinder gingen spazieren und die Eltern waren ganz ruhig. Wir konnten z.B. mit 6 Jahren in den Wald gehen, ja wir konnten den ganzen Tag irgendwo verbringen, und unsere Eltern waren ganz ruhig. Sie wussten: nichts geschieht, alles wird gut sein. Zur Zeit ist das nicht so. Es gibt so viele Gefahren in unserem Leben, besonders für die Kinder, und das freut uns nicht, natürlich.

Und noch eine Seite: die Lebensmittel hatten einen anderen Geschmack. Sie waren ganz natürlich: Brot, Milch, Butter, alles hatte seinen eigenen Geschmack. Keine Chemie. Wir hatten nicht so viel Wurst, aber da hatten wir in der Wurst Fleisch, Salz, Pfeffer und nichts mehr. Und zur Zeit gibt es in diesen Würstchen, in der Wurst usw. so viele verschiedene Konservierungsmittel, Aromastoffe, Geschmacksverstärker [wörtlich russisch Geschmacksverbesserer]. Und das Wasser ist ganz anders zur Zeit. Wir wussten nicht, was Allergie heißt. In meiner Kindheit kannten wir solche Krankheiten nicht. Wir wussten nicht, was Drogen sind. Überhaupt war das ganz unbekannt, wir haben davon nie gehört, nie! Wir Kinder zumindest, die Erwachsenen vielleicht, irgendwo, irgendwann, aber das war so weit von uns, also die Drogen.
Die Betrunkenen, die Alkohol tranken, die gab es. Es war die sowjetische Periode, als unsere Menschen zu viel Alkohol tranken, das war eine lange Zeit. Und die heutige Zeit ist viel besser. Früher war es so: du gehst z.B. nach Hause, aus der Schule, es ist schon Wochenende, und was siehst du? Solche: (steht auf und imitiert einen schwankenden Betrunkenen). Das war so peinlich, aber das war ein typisches Bild. Einige lagen sogar auf der Erde, das war peinlich für unser Land, für mich, für unsere Leute, alle. Das war sehr schlecht, und zur Zeit sehen wir solche Bilder nicht mehr. Wenn das geschieht, ist das sehr, sehr selten. Das ist sehr gut für das heutige Leben. Besonders die jungen Leute, sehr viele junge Leute sorgen für ihre Gesundheit. Sie trainieren, sie besuchen Fitnessstudios, Mädchen und Jungen, und das gefällt mir sehr.

Und, was natürlich neu ist: das Ausland war in meiner Kindheit wie ein Kosmos. Das Ausland war unmöglich zu erreichen. Es gab den Eisernen Vorhang, und alles, das hinter dem Eisernen Vorhang war, schien uns wie ein Kosmos. Wir wussten nichts, aber es gab natürlich die Leute, die im Ausland waren, unsere Journalisten, unsere Diplomaten. Aber die einfachen Leute hatten keine Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Und als ich das erste Mal, 1995, nach Deutschland gereist bin, habe ich zwei Monate im Goethe-Institut gelernt. Dort sah ich, wie klein unsere Erde ist. Neben mir studierten Menschen aus der Schweiz, aus Österreich, aus Australien, aus Mexiko, aus Japan, aus Afrika, und alle waren zusammen. Alle waren hier, alle bekamen Briefe, alle telefonierten, und ich habe verstanden: unsere Erde ist so klein, und wir müssen für sie sorgen. Wir müssen nachdenken, sie schützen, und keinen Krieg sollen wir haben auf dieser Erde. Sie ist so klein, und so viele gute Menschen leben auf ihr, warum muss man Kriege haben, wozu? Ich habe das verstanden, und für mich war das eine Entdeckung. Als ich hier mit meinen Eltern lebte, in meinem Haus wohnte, dachte ich immer, dass die Welt so groß ist, dass sie wie ein Kosmos ist, unendlich, nein – unsere Erde hat Grenzen, und die Natur kann auch leiden wie wir Menschen. Das Wasser kann auch nicht immer sauber sein, es kann ganz schmutzig werden, und das ist sehr schlecht für die Erde, für uns.

Haben Sie schon immer in Ufa gelebt oder haben Sie als Kind woanders gewohnt?

Natürlich! In einer Arbeitersiedlung, da wohnten und arbeiteten die Erdölarbeiter. Das ist 200km von Ufa. Jetzt gibt es dort keine Erdölbetriebe mehr. Vieles hat sich verändert in dieser Umgebung [in Djoma, Vorort von Ufa, Svetlanas jetziger Wohnort]. Wer wohnt hier zur Zeit? Die Rentner, die Kinder, es gibt drei Mittelschulen, ein Krankenhaus und viele Geschäfte, aber die jungen Leute, die noch arbeiten müssen, die fahren mit dem Zug oder fliegen mit dem Flugzeug nach Norden, sie arbeiten da, um Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren.

Seit wann wohnen Sie in Ufa?

Seit wann? Oh, das ist eine sehr interessante Geschichte! Mein Opa war Lehrer, meine Eltern waren Lehrer, meine älteste und zweite Schwester sind auch Lehrerinnen, und was sollte ich sein? Ja, natürlich auch Lehrerin! Und 100km von unserer Siedlung gibt es eine kleine Stadt, und da ist ein
pädagogisches Institut. Da studierten auch meine Schwestern, und da ging ich auch hin, um zu studieren. Nach dem ersten Studienjahr habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er studierte hier in Ufa, und ich in dieser Stadt Birsk, 100km zwischen uns. Einmal kam er zu mir mit dem Bus, beim zweiten Mal fuhr ich zu ihm usw. Das dauerte zwei Jahre. Dann wurden wir ganz müde davon, und wir dachten: „Vielleicht werden wir uns verheiraten, dann wird das viel leichter.“
Er war Student, aber er war ein sehr aktiver Student. Er leitete eine Studentenbewegung „Baugruppen“. Im Sommer trafen sich die Studenten, eine große Gruppe, 30 Studenten, oder 40, und sie fuhren nach Osten, um etwas zu bauen, fuhren nach Norden oder in den Süden oder hier, nicht weit von Ufa. Und mein Mann leitete solche Gruppen, er hatte ein Lastauto, um seine Studenten zu besuchen, denn sie arbeiteten in vielen verschiedenen Gebieten der Republik [Baschkortostan]. Wir haben uns verheiratet, und dann bekam er sogar eine Zweizimmerwohnung im Studentenwohnheim. Er hat selbst mit seinen Freunden alles repariert, renoviert usw. Unsere Hochzeit war nach dem dritten Studienjahr, das war eine sehr lustige Hochzeit mit vielen Studenten und Studentinnen, und dann nach einem Jahr ist Ina geboren. Das war in der Mitte des fünften Studienjahrs, und ein halbes Jahr studierten wir zu dritt, mein Mann, ich und unsere Tochter Ina.
Wir machten alles selbst. Zum ersten Mal ist meine Mutter nach 6 Monaten gekommen. Ich hatte staatliche Prüfungen, und um mir zu helfen, kam sie zu uns, um sich um Ina zu sorgen. Und dann sind wir hier in der Stadt geblieben. Früher bekamen alle Studenten, nachdem sie die Hochschule beendet hatten, ein Papier, auf dem stand, wo sie arbeiten werden, Beruf, Platz, Stadt usw. Zur Zeit haben wir solche Papiere überhaupt nicht mehr. Keine Papiere, jeder Absolvent wählt selbst seinen zukünftigen Arbeitsplatz. Und er bekam einen Platz hier in Ufa und wir haben ein Zimmer gemietet, das war ein kleines Holzhaus in der Vorstadt, hier in Djoma, aber weit von hier. Aber das war kein Haus, nur ein Anbau. Da gab es einen Ofen mit Holz, ein Bett, einen Fernseher, einen Schrank, und nichts mehr. Sogar einen Tisch hatten wir nicht. Und wenn meine Mutter zu uns kam, sagte sie: „Wie schlecht wohnen sie, sie haben sogar keinen Tisch, und sie denken, dass sie in einer Stadt wohnen?“ (lacht) Aber das war für uns nicht so dramatisch, das war für uns keine Tragödie. Ja, wir hatten keinen Tisch, aber wir hatten einen Korb, darauf lag eine Tischdecke. Und wir wussten, dass wir nach einigen Jahren eine Wohnung bekommen werden, wir waren sicher, wir glaubten das. Man hat uns versprochen, dass wir nach einem Jahr die Wohnung bekommen werden. Wir haben sechs Jahre gewartet.
Ina ist gewachsen, dann ist Regina geboren. Zuerst warteten wir auf eine Zweizimmerwohnung. Wir hatten ein Kind, Vater und Mutter, also eine Familie aus drei Menschen, und wir hatten das Recht auf eine Zweizimmerwohnung. Aber nicht kaufen – früher bekamen wir das kostenlos von unserem Staat. Und ich hatte meinem Mann gesagt: „Wir haben keine Wohnung und die Zeit vergeht, vielleicht wollen wir noch ein Kind?“ (lacht) „Und dann werden wir das Recht haben nicht auf zwei Zimmer, sondern auf eine Dreizimmerwohnung!“ Und das geschah, und wir haben das geschafft.
Aber die Geschichte, wie wir uns kennengelernt haben, ist sehr romantisch. Auf Deutsch kann ich das nicht erzählen, unsere Freunde und Verwandte kennen die Geschichte, ja, wir waren sehr, sehr interessant, unvergesslich. Und ich habe mit ihm 40 glückliche Jahre gelebt. Und meine Freundin sagte mir immer: „Sveta, du hast so einen Mann, die gibt es überhaupt nicht mehr!“ Ich hab gesagt: „Er ist wie alle anderen, warum sagst du das?“ Ich verstand das nicht, aber als ich allein geblieben bin, verstand ich, was für einen Mann ich diese 40 Jahre lang hatte.

Ich sagte vorhin, dass es früher ein Defizit an Kleidung, Nahrungsmitteln usw. gab. Heute haben wir ein Defizit an Gutherzigkeit und Liebe. Die Autofahrer zum Beispiel, die können sich streiten. Früher war das eine unmögliche Situation. Früher half jeder dem anderen, und jetzt haben wir etwas
anderes. Die Autofahrer können sich auf der Straße streiten, sie können sogar schießen – ja, bei uns gibt es solche. Und sehr viele Ehepaare, die nicht so glücklich sind, die lassen sich scheiden. Dafür gibt es einen objektiven Grund: die Frauen wurden unabhängig. Sehr oft verdienen sie nicht weniger als die Männer oder sie verdienen sogar mehr, sie wurden selbstständig und wozu brauchen sie dann einen Mann, der zu viel Alkohol trinkt oder nicht so sorgfältig ist, warum sollen sie einen solchen Mann neben sich haben? In meiner Kindheit kannten wir solche Situationen nicht. Die Frauen ehrten ihre Männer, sie warteten immer und machten alles. Aber das ist normal. Nichts bleibt stabil. Das Leben geht weiter, alles verändert sich, das ist ein Gesetz, kann man sagen.

Waren die Leute früher aus Liebe verheiratet oder war es eher eine Zweckgemeinschaft?

Meine Generation natürlich aus Liebe. Aber unsere Eltern – z.B. meine Mutter hat meinen Vater geheiratet ohne Liebe. Sie hat uns das gesagt, sie liebte einen anderen Mann, aber es gab Gründe dafür, um nicht mit ihm zusammen zu sein. Die Mutter meines Vaters hat unsere Mutter ausgewählt, als sie noch ein Mädchen war. Sie hat sie auf dem Markt gesehen und meine Mutter hat seiner Mutter sehr gut gefallen und sie hat ihrem Sohn gesagt: „Du sollst dieses Mädchen wählen.“ Du sollst, nicht du musst, aber du sollst, hat sie gesagt. Er hat es so gemacht und war glücklich. Er war glücklich, aber vielleicht nicht bis zum Ende. Er tat alles, um sich ihre Liebe zu verdienen. Meine Mutter liebte ihn vielleicht nicht von ganzem Herzen, aber sie hat ihn geehrt, er hatte Autorität, er war sehr klug, er war sehr sorgfältig und er war ein guter Mann, ein guter Vater, und dafür ehrte sie ihn.

Wie hat sich die Stadt Ufa im Stadtbild und in der Größe und überhaupt verändert, seitdem Sie hier wohnen?

Auch eine gute Frage! Ich habe schon gesagt, ich mietete mit meinem Mann einen Anbau, und wir begannen da zu wohnen. Und was hatten wir hier im Zentrum [von Djoma]? Es gibt viel Wasser hier, und unser Grundwasser ist sehr hoch. Und im Zentrum wuchs Schilf und die Enten schwammen. Da gab es eine Straße, die haben wir immer noch, und nicht so viele Häuser natürlich, viel weniger, und natürlich gab es nicht so viele Schulen. Die Hochhäuser hatten wir überhaupt nicht, wir hatten nur fünfstöckige Häuser. Vielleicht nicht so saubere Straßen – aber jetzt sind sie auch nicht sauber, besonders jetzt in unserem Stadtviertel, denn wir haben einen Neubau. Und ich habe in Deutschland gesehen, wenn ein Gebäude gebaut wird, dann wird die Straße neben der Baustelle gewaschen, damit der Schmutz sich nicht verbreitet, und bei uns macht man das leider nicht, darum gibt es so viel Schmutz, vor allem in den neuen Vierteln.
Was noch? Wir hatten z.B. kein Schwimmbad, wir warteten sehr lange auf dieses Schwimmbad. Man hat uns immer versprochen: „In diesem Jahr wird das Schwimmbad gebaut.“ Wir warteten, dass das Jahr vergeht, und im nächsten Jahr sagten sie wieder: „Im nächsten Jahr wird das Schwimmbad gebaut.“ und so weiter und so fort. Endlich wurde das Schwimmbad gebaut, ein gutes Schwimmbad.

In welchem Jahr wurde das Schwimmbad gebaut? Ungefähr?

Ungefähr? Also, ich wohne hier in Djoma seit 1975 und vielleicht warteten wir auf dieses Schwimmbad 15 Jahre, 20 Jahre. Ein gutes Schwimmbad, es ist heute sehr beliebt, Kinder, Rentner und die jungen Leute besuchen es. Es gab nicht so viele Kindergärten. Bei uns, als viele Kinder geboren wurden, brauchten sie natürlich Kindergartenplätze. Es gab sehr wenig Kindergärten und Plätze. Und unsere Regierung hat eine Aufgabe gestellt: jede Region soll diese Kindergärten bauen, das war eine sehr wichtige Aufgabe für den Staat. Diese Aufgabe wurde erfüllt und zur Zeit haben wir genug Plätze, z.B. in unserem Hof wird ein Kindergarten mit Schwimmbad gebaut, das ist untypisch für Kindergärten. Ein bisschen weiter gibt es auch einen neuen, jetzt haben wir genug Platz für die Kinder und das ist sehr gut für die jungen Mütter. Sie haben die Möglichkeit zu arbeiten und unsere Kindergärten sind im Vergleich zu den ausländischen Kindergärten besser, meiner Meinung nach. Warum? Sie bekommen da alles, sie essen gut, sie schlafen da, sie bekommen eine gute Entwicklung, gute Spiele und Unterricht zur Entwicklung der Kinder. Man sorgt für ihre Gesundheit, es gibt da einen Arzt, eine Krankenschwester, oder nicht nur eine, es gibt Erzieherinnen. Aber in meiner Jugend konnte man die Kinder sogar mit zwei, drei Monaten in den
Kindergarten geben. Zur Zeit – nein, mit drei Jahren, das ist normal. Und drei Jahre sorgen die Mütter für ihre Kinder, natürlich bekommen sie nicht so viel Geld vom Staat, aber sie bekommen Geld. Und die Kinder können dort sein von 8:00 bis 18:00 Uhr, den ganzen Tag. Erst am Abend holen die Eltern sie wieder ab.

Gibt es genug Erzieher_innen?

Es gibt genug, aber das Problem ist, dass sie nicht so gut bezahlt sind. Aber wenn es keine andere Arbeit gibt, macht man auch diese Arbeit.

Würden Sie sagen, dass Sie es in der heutigen Zeit in Ihrem Alter, in Ihrer Generation eher leichter oder schwerer haben? War es schwierig, sich umzugewöhnen?

Für mich ist es nicht schwierig. Das freut mich sehr, das ist super, dass wir solche Möglichkeiten bekommen haben. In meiner Generation gibt es Leute, die vermissen die frühere Zeit. Natürlich, die Menschen, die älter sind als ich, nicht viel älter, aber es gibt solche Leute, die schimpfen und sagen: „Früher hatten wir ein glückliches Leben, wir hatten keine Arbeitslosigkeit, wir bekamen immer Geld…“, aber alle hatten ein gleiches Niveau des Lebens. Alle wohnten wie Zwillinge. Jetzt haben wir so viele Möglichkeiten, um unsere Begabungen auszudrücken und ich bin nicht damit einverstanden, dass es heute unmöglich ist, eine Arbeit zu finden. Es gibt Arbeit! Vielleicht nicht so gut bezahlt, vielleicht nicht so leicht, wie du willst, aber wenn du etwas verdienen willst, dann hast du immer solche Möglichkeiten. Du kannst einen anderen Beruf erlernen, aber wenn du liegen wirst und träumen, und nichts mehr, natürlich fällt nichts in deinen Mund vom Himmel! Man muss sich bemühen.
Diese Zeit ist sehr interessant, ist sehr schön. Natürlich gibt es Probleme, natürlich gibt es einige dunkle Seiten, aber es gab das früher auch. Nicht alles war so hell, so fantastisch usw. Früher gab es auch Probleme, aber solche Möglichkeiten wie heute hatten wir nicht. Und daher gefällt mir diese Zeit besonders.

Tag 22 – Kleine Alltagskuriositäten

Liebe Leser_innen,

langsam bekomme ich ein Gefühl von Alltag. Mein Stundenplan steht fest, ich weiß, was ich zu tun habe, ich kenne die Supermärkte auf dem Schulweg und ich habe ungefähr eine Vorstellung davon, wie die nächsten 5 Monate ablaufen werden. Inzwischen habe ich auch entdeckt, dass die Mensa jeden Tag zwischen 12 und 13 Uhr Mittagspause hat (kein Witz!) und kann so auch planen, dass ich mir selbst Essen in die Schule mitnehme, wenn ich nur in dieser Stunde frei habe.

In den letzten Tagen habe ich nichts Weltbewegendes erlebt, aber jeden Tag fallen mir einige kleine Dinge auf, die hier anders sind als zuhause. Anders, nicht besser oder schlechter, nur anders. Diese Liste wird sich sicherlich noch erweitern, aber ich fange hier mal an.

Wasserhähne
Die Wasserhähne funktionieren teilweise andersherum, d.h. für heißes Wasser muss man nach rechts drehen und für kaltes nach links. Aber eben nur teilweise. Manche sind auch so wie zuhause. Manche Wasserhähne haben sogar die gewohnte blaue und rote Markierung, aber funktionieren andersherum als markiert. Inzwischen traue ich keinem Wasserhahn mehr über den Weg, schon gar nicht, wenn Markierungen drauf sind… Also wird halt jedes Mal ausprobiert.

Packungsgrößen
Die Maß- und Gewichtsangaben sind ungewohnt. Es wird zwar das metrische System benutzt, aber Produkte werden oft in für uns ungewohnten Mengen verkauft. Heute habe ich mir z.B. eine 0,6-Liter-Wasserflasche gekauft und morgens esse ich Cornflakes aus einer 370-Gramm-Packung mit Milch aus einer 880-Milliliter-Flasche.

Bezahlen
An der Supermarktkasse wird gerundet – meistens sogar zum Vorteil des Kunden. Es gibt zwar eigentlich Münzen für 1, 5, 10 und 50 Kopeken, aber bis jetzt habe ich nur 10 und 50 Kopeken gesehen. Kleinere Münzen bekommt man auch laut meiner Vermieterin normalerweise nicht zu Gesicht. Ein Beispiel: Gestern habe ich für 239,98 Rubel eingekauft (ca. 4€), habe 240 Rubel bezahlt und anstatt von 2 Kopeken 50 Kopeken (½ Rubel) zurückbekommen. Naja, das stört mich jetzt wirklich nicht.

Schließfächer im Supermarkt
Am Eingang jedes Supermarkts gibt es Schließfächer, in denen man seine eventuellen Einkäufe aus einem anderen Geschäft aufbewahren kann. Damit an der Kasse keiner denkt, man würde klauen.

Schulgong
Der Schulgong wird tatsächlich von Hand betätigt. Jeden Tag sitzen zwei andere Schüler_innen neben dem Eingang und drücken pünktlich am Anfang und Ende jeder Stunde auf den Klingelknopf. Ich weiß nicht, was diese beiden sonst noch machen. Irgendwas schreiben sie immer auf, aber ich habe noch nicht herausgefunden, was. Wenn ich es weiß, werde ich berichten.

Drehkreuze
Der Eingang der Schule ist mit Drehkreuzen gesichert, für die man eine Karte braucht, um durchzukommen. Am ersten Tag hat mich meine Vermieterin zur Schule gebracht und mich der Frau, die zusätzlich zu den Schüler_innen am Eingang sitzt, vorgestellt und erklärt, dass ich noch keine Karte habe. Am nächsten Tag bin ich alleine zur Schule gegangen und es war eine andere Frau da, die mich nicht kannte und die mich auch nicht reinlassen wollte. Auch mein Lieblingssatz „Я волонтёр из Германии Ich bin die Freiwillige aus Deutschland“ hat mir nicht weitergeholfen. Irgendjemand hat dann zum Glück die Schulleiterin geholt, die dann allen versichert hat, dass ich wirklich in die Schule darf. Jetzt habe ich auch eine Karte.

Türen #1
Auch für die Haustür gibt es keinen gewöhnlichen Schlüssel, sondern nur einen Transponder, der die Tür mit lautem Gepiepse öffnet.

Sonnenbrillen
Trotz des strahlenden Sonnenscheins, der vom Schnee und den Pfützen sehr stark reflektiert wird, habe ich noch keine einzige Person mit Sonnenbrille gesehen.

Türen #2
Die allermeisten Türen gehen nach außen auf, d.h. wenn man durch den Flur läuft, darf man nicht zu nah an den Wänden laufen, weil man sonst schnell mal eine Tür ins Gesicht bekommt…

Ich finde es sehr erstaunlich zu sehen, wie schnell man sich doch an eine komplett neue Umgebung gewöhnen kann. Hätte ich nicht gedacht, dass ich schon nach 12 Tagen (fast) alles als ganz normal empfinde.

Tag 19 – Endlich Wochenende. Oder?

Liebe Leser_innen,

die erste Woche ist vorbei und heute konnte ich endlich wieder ausschlafen. Und schon meldet sich das innere Gewohnheitstier: wie, nur am Sonntag ausschlafen? Was ist denn mit dem Samstag passiert? Tja, am Samstag ist auch Schule! Zwar „nur“ bis 16:00, aber das auch nur, weil die Pausen kürzer sind. Es gibt also, wie an den anderen Tagen, insgesamt 13 Schulstunden. Na gut, daran werde ich mich schon noch gewöhnen. Außerdem sind ja nächste Woche Frühlingsferien. Und ich muss – solange mein Stundenplan so bleibt – nie zur ersten Stunde kommen, sondern erst um 9:00 Uhr. Okay, eigentlich kann ich mich echt nicht beschweren…

Ich habe in dieser Woche einige interessante Entdeckungen bezüglich der Schule gemacht. [Natürlich spreche ich jetzt nur von meiner Einsatzstelle und vergleichend von meiner Schule in Bamberg. Keine meiner Erfahrungen können und sollen auf alle russischen/deutschen Schulen übertragen werden.] Egal, wie sehr man sich um Unvoreingenommenheit bemüht, man hat ja trotzdem irgendein Bild im Kopf, irgendeine Vorstellung, wie es in der Einsatzstelle aussehen könnte. Und meine Vorstellung war eben die, dass die Lehrer grundsätzlich viel strenger sind als in Deutschland und dass der Unterricht viel geregelter und disziplinierter abläuft. Das stimmt auch – teilweise.

Bis jetzt waren tatsächlich alle Klassen (bis auf eine, von der ich später noch berichten werde) ziemlich diszipliniert und auch die jüngeren Schüler haben sich größtenteils gut benommen, selbst wenn ich alleine unterrichtet habe. Verwirrung in neuen Situationen gab es natürlich trotzdem. Ein Beispiel: Ich kam rein und die Schüler standen sofort auf. Auch wenn es in meiner Schule bei den meisten Lehrern normal war, zur Begrüßung aufzustehen, hatte ich das schon völlig verdrängt und war deshalb entsprechend perplex – für einen kurzen Moment dachte ich: „Warum stehen die denn jetzt auf? Ich bin’s doch nur, ich bin doch keine Lehrerin…“, aber das bin ich für die Schüler natürlich schon. Und die Klasse war genauso überrascht, als ich nur „Hallo“ sagte und, als sie immer noch standen, „Ihr könnt euch schon hinsetzen…“. Normalerweise gibt es nämlich bei den meisten Deutschlehrerinnen folgendes Begrüßungsritual zwischen Lehrerin und Schülerchor: „Guten Tag, liebe Schüler.“ – „Guten Tag, liebe Lehrerin.“ – „Wie geht’s?“ – „Gut./Danke, super.“ – „Setzt euch.“ – „Wir setzen uns.“

Die Lehrerinnen sind allerdings nicht ansatzweise so streng, wie ich es erwartet hatte. Meistens herrscht eine relativ entspannte Stimmung, außer z.B. in den 9. Klassen, bei denen in gut einer Woche die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Da ist dann auch bei den Lehrkräften Stress angesagt. Aber sonst ist der Unterricht, auch dank der kleinen Klassen, ziemlich familiär. Man kennt sich gut, und ich habe das Gefühl, dass die Klassengemeinschaften stark sind. Bis jetzt habe ich in „meinen“ Klassen auch kein Mobbing oder Streit in der Gruppe festgestellt. Allerdings fällt es mir gerade wegen dieser vertrauten Atmosphäre schwer, mich als Autoritätsperson zu präsentieren. Vor allem in den 9. und 10. Klassen habe ich gemerkt, dass die Schüler_innen sich eher trauen, mit mir zu sprechen, wenn ich nicht als Lehrerin auftrete, sondern als (fast) gleichaltrige Person, mit der man sich halt nur auf Deutsch unterhalten kann. Immerhin sind wie gesagt bald die mündlichen Prüfungen, und da ist es ungünstig, wenn sich keiner traut, auch nur einen Satz auf Deutsch zu sagen. Bei den Jüngeren geht das natürlich nicht. Wenn die Viertklässler merken, dass ich mich eigentlich gar nicht so gut durchsetzen kann, wie ich das gerne hätte, dann ist es erstmal vorbei mit dem ruhigen, entspannten Unterricht.
So war es nämlich in einer fünften Klasse, die Deutsch als zweite Fremdsprache hat. Eigentlich bin ich für die gar nicht zuständig, aber durch ein Missverständnis (davon wird es, glaube ich, noch einige geben) bin ich dort gelandet. Zum Glück aber nur, um mich vorzustellen, und nicht alleine. Diese vier Kinder waren ungefähr dreimal so laut und anstrengend wie die 15 Kinder in der vierten Klasse. Ich glaube, wir haben 20 Minuten dafür gebraucht, dass ich mich vorstelle und die Kinder Fragen stellen. Meistens konnte ich nämlich wegen der Lautstärke gar nichts Hörbares sagen und wenn doch, dann hat niemand zugehört oder es hat keiner verstanden. Das wurde mir in den Momenten klar, in denen eins der Kinder sich mühsam eine Frage zusammengebastelt hatte, auf die ich die Antwort aber schon mindestens einmal gegeben hatte. Da war ich echt froh, dass ich normalerweise nicht in diese Klasse muss. Ich hatte mich auch schon gewundert, dass bis jetzt alle so brav waren, das ist doch eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Bis jetzt war das aber auch die einzige Stunde, in der ich mal streng werden musste.

Die größte Entdeckung ist bisher, dass in meiner Einsatzstelle und auch im Alltag viel überlegter mit Geld umgegangen wird. In der Schule werden wirklich Prioritäten gesetzt, was Investitionen angeht. Es sieht zwar nicht besonders schön aus, aber dafür funktionieren die wichtigen Dinge. Ja, es blättert die Farbe von Wänden, Tischen und Fensterrahmen. Auch die Türen sind so verzogen, dass man sie entweder kaum auf- und zukriegt oder man Putzlappen in den Türrahmen klemmen muss, damit die Tür nicht ständig aufgeht. Und die Fenster sind nicht dicht. Und die Möbel sind alt. Die Tafeln sind nicht besonders groß und es gibt auch nicht in jedem Klassenzimmer ein Waschbecken. Aber es funktioniert eben auch so. Diese Dinge stören niemanden, weil es genügend funktionierende Technik gibt. Und genug Schulbücher. Außerdem ist die Schule barrierefrei. Und das ist meiner Meinung nach ein bedeutender Unterschied zumindest zu meiner Schule. Zuerst wird Geld in Dinge investiert, die für die Qualität des Unterrichts wichtig sind, und dann wird darüber nachgedacht, ob man neue Möbel kauft oder die Wände neu streicht. Mir sind diese ganzen Dinge übrigens auch nicht sofort aufgefallen, weil es für alle ganz normal war und weil es nichts gab, das ich vermisste. Außer vielleicht, dass das Klopapier nicht immer leer ist, aber das war in meiner Schule ja auch nicht anders…

Ich habe mir heute übrigens einen großen Wunsch erfüllt: ich habe mir im Baschkirischen Staatstheater ein Ballett angeschaut, „Legende von der Liebe“. Wenn man schon mal in der Heimatstadt von Rudolf Nurejev ist… Und obwohl ich einen wirklich guten Platz hatte und es die Premiere von der neuen Inszenierung war, haben die Karten umgerechnet nicht mal 20 Euro gekostet. Die Vorstellung war auch sehr schön, das hat sich also echt gelohnt!

Tag 15 – Wo bleibt die Langeweile?

Liebe Leser_innen,

eigentlich sollte ich in den ersten Wochen nur hospitieren. Mich in den Klassen vorstellen, ein bisschen mithelfen, aber hauptsächlich zuschauen, die Schüler_innen kennenlernen und mitkriegen, wie der Unterricht gestaltet wird, damit ich mir selbst ein paar Methoden abschauen kann, aber auch Verbesserungsvorschläge bringen kann.

Ich habe mich aber (auch dank der Berichte meiner Vorgänger_innen) schon darauf eingestellt, dass sich vieles kurzfristig ändern kann und hätte mir deshalb schon denken können, dass ich gleich voll eingespannt werde. Gestern habe ich nämlich gleich zwei Stunden in der 7. Klasse und zwei in der 10. Klasse gehalten, weil die zuständige Lehrerin ein Programm für die „Deutsche Woche“ vorbereiten musste. Überhaupt kommt auch nach Lehreraussagen der Unterricht oft zugunsten von Wettbewerben, Festen und Klassenfahrten zu kurz. Das Unterrichten war aber ziemlich entspannt – das könnte allerdings daran liegen, dass ich nur im vertieften Deutschunterricht eingesetzt werde, in dem die Klassen geteilt sind. Ich hatte also jeweils nur sieben Schüler_innen vor mir sitzen, bei denen ich gleich mal mit einigen Spielen für einen guten Eindruck gesorgt habe.

Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Unterforderung oder sogar Langeweile, vor der wir so oft auf dem Vorbereitungsseminar gewarnt wurden, so schnell nicht eintreten wird. Die Schule hat ca. 1200 Schüler_innen, aber ziemlich wenige Lehrkräfte und wenig Platz. Deshalb wird in zwei Schichten unterrichtet – ein Teil der Schüler kommt also vormittags und der andere Teil nachmittags, aber die Lehrkräfte sind teilweise von 8 bis 19 Uhr in der Schule. Der (vertiefte) Deutschunterricht ist zudem ziemlich ungleich verteilt: am Dienstag gibt es nur zwei Stunden, dafür finden am Montag 10 Deutschstunden statt, oft auch gleichzeitig bei verschiedenen Lehrerinnen – und jede Lehrerin will mich in ihrem Unterricht haben. Auch an Tagen mit wenig Deutschunterricht habe ich oft viele Freistunden, aber eben einzelne Stunden und nie so viele hintereinander, dass es sich lohnen würde, nachhause zu gehen. Deshalb war ich z.B. heute von 8:00 bis 16:30 Uhr in der Schule, obwohl ich nur fünf Stunden hatte. Zum Glück ist das Essen in der Mensa ziemlich gut, sodass ich den langen Tag auch körperlich durchstehe…

Aber ich darf mich nicht beschweren, schließlich ist eines meiner Ziele hier, Unterrichtserfahrung zu sammeln und in der Entscheidung weiterzukommen, ob ich Lehramt studieren will oder nicht.

Außerdem sind meine Tätigkeiten ja wirklich nützlich – und als Abwechslung zum doch anstrengenden Unterrichten kümmere ich mich in den Freistunden um die Dinge, für die wirklich keiner Zeit hat, wie z.B. neue Bücher beschriften und nummerieren oder kleine Vokabeltests korrigieren. Solche Arbeiten finde ich meistens sogar sehr entspannend, weil man dabei weder viel denken noch kreativ sein muss.

Ich habe übrigens einige mehr oder weniger kuriose Willkommensgeschenke bekommen. Mehrere Schülerinnen haben mir Karten geschrieben, eine Schülerin hat ein Bild von mir gemalt und es mir geschenkt und eine andere hat mir eine verhältnismäßig große Matrjoschka überreicht (selbst meine Vermieterin sagte, sie hätte noch nie so eine große Matrjoschka gesehen). Aber das beste Geschenk: eine Lehrerin hat mir vom Land einen großen Sack Kartoffeln mitgebracht, das müssen mindestens 5 Kilo gewesen sein! Der Speiseplan für die nächsten Wochen steht also schon mal fest…

Das Wetter ist immer noch schön und es wird langsam tatsächlich wärmer! Vielleicht klappt es wirklich, dass im Mai kein Schnee mehr liegt, wie meine Vermieterin vorhergesagt hat. Außerdem ist es schon nicht mehr ganz so glatt wie am Sonntag und ich muss nicht mehr mit meinen äußerst schicken Wanderschuhen in die Schule gehen, sondern kann meine etwas weniger klobigen Stiefel anziehen. Oder ich mache es einfach so wie die anderen Lehrerinnen und lagere ein oder mehrere Paar Schuhe zum Wechseln im Lehrerzimmer.

Mein Jetlag ist inzwischen auch weg, was das frühe Aufstehen leider trotzdem nicht leichter macht… aber zum Glück findet der vertiefte Deutschunterricht nur einmal in der Woche in der ersten Stunde statt, sodass ich nicht jeden Tag um halb sieben aufstehen muss.

So, und das heutige Fazit? Ich werde garantiert nicht an Unterforderung leiden, und ich glaube kaum, dass ich in der nächsten Zeit nachfragen muss, was ich denn tun könnte. Im Gegenteil haben mehrere Lehrerinnen gleichzeitig verschiedene Deutschklassen und jede fragt mich, ob ich denn nicht zu ihr kommen kann anstatt zu den anderen. Trotzdem kann ich mich im Notfall immer noch darauf berufen, dass ich nur 40 Stunden in der Woche arbeiten darf ;)

P.S.: Ich habe heute den Fachschaftsberater kennengelernt, durfte bei mehreren mündlichen DSD1-Prüfungen dabei sein und habe gleich den Auftrag bekommen, die zwei Schüler aus Ufa, die am Lesefüchse-Regionalausscheid teilnehmen, auf den Wettbewerb vorzubereiten. Also ist jetzt erstmal Lesen angesagt, immerhin müssen die Schüler vier Bücher für den Wettbewerb lesen und sich gut mit dem Inhalt auskennen – da wäre es nicht verkehrt, wenn ich auch weiß, um was es geht. Und vielleicht darf ich sogar in der Jury sitzen…

Tag 12 – Willkommen in Ufa!

Liebe Leser_innen,

gestern war es zu spät und ich zu erschöpft, um noch etwas zu schreiben. Die Reise ist insgesamt gut verlaufen, nur in St. Petersburg war die Umsteigezeit etwas zu knapp bemessen. Womit ich nämlich nicht gerechnet hatte: ich musste nach der Passkontrolle ganz bis zum Ausgang laufen und dann ein zweites Mal durch die Sicherheitskontrolle gehen. Dort hat der Scanner meine Bordkarte erst nicht akzeptiert, und erst nachdem der dritte hektische Mitarbeiter zum dritten Mal telefoniert und das Ticket zum fünfzehnten Mal gescannt hatte, hat der Computer dann doch grün geleuchtet. Ich habe keine Ahnung, was da passiert ist, ich weiß nur, dass ich nach dieser Aktion noch fünf Minuten Zeit bis zum Boarding hatte und in dieser Zeit ziemlich gerannt bin. Die Entscheidung, dicke Kleidung zu tragen, weil es im Flugzeug immer so kalt ist und damit der Koffer weniger Gewicht hat, hat sich in diesem Moment als ziemlich blöd herausgestellt…

Trotzdem bin ich pünktlich in Ufa gelandet (zum Glück ist auch mein Koffer angekommen und nicht in St. Petersburg hängengeblieben) und wurde von der Schulleiterin, die gleichzeitig meine Ansprechperson ist, abgeholt und zu meiner Wohnung gefahren. Eigentlich ist es gar nicht meine Wohnung, sondern ich bewohne ein Zimmer bei einer ehemaligen Deutschlehrerin meiner Einsatzschule. [Antwort auf den letzten Kommentar: ich sollte eigentlich die Wohnung meines Vorgängers übernehmen, aber die Schulleiterin hat mir ein paar Tage vor meiner Abreise dieses Zimmer angeboten. Ich bezahle dafür monatlich 12.000 Rubel, das sind je nach Wechselkurs knapp 200€, also habe ich noch 150€ von meinem Gehalt übrig.] Sie ist sehr nett und sagt mir immer wieder, wie sehr sie sich darüber freut, dass ich da bin. Sie spricht ziemlich gut Deutsch, will aber unbedingt, dass ich sie korrigiere und ihr helfe, besser Deutsch zu sprechen. Im Gegenzug beantwortet sie mir sämtliche Fragen über die russische Sprache. Außerdem finde ich es gut, dass sie freundlich, aber klar sagt, was sie will. „In Russland sagt man: ‚Man ist drei Tage lang Gast, danach ist man ein Mitglied der Familie.’“ Soll heißen, bis morgen werde ich noch bekocht, danach muss ich – und darf ich – mich selber kümmern, was Einkaufen und Kochen betrifft. Ich möchte ja schließlich auch lernen, selbstständiger zu werden.

Heute hat sie mir schon die wichtigsten Orte der Stadt gezeigt und mir vieles über Ufa erzählt. Ich habe leider den Fehler gemacht, mich nicht warm genug anzuziehen – ich dachte, bei -2°C und strahlendem Sonnenschein brauche ich keine Strumpfhose, aber ich hatte den Wind nicht miteingerechnet, der mich ziemlich tiefgefroren hat. Außerdem ist mir bei dem langen Spaziergang bewusst geworden, was es eigentlich für ein Luxus ist, dass in Deutschland die Gehwege geräumt und gestreut sind. Hier sind nur die Straßen freigeräumt, und der Schnee landet auf dem Gehweg, wo er dann festgetreten und zu Eis wird. Ich habe die anderen Spaziergänger wirklich bewundert, die teilweise mit ganz normalen oder sogar hochhackigen Schuhen problemlos über das Glatteis gelaufen sind, während ich mit meinen Wanderschuhen doch öfters Schwierigkeiten hatte, mich auf den Beinen zu halten. Die Schulleiterin sagte gestern sogar (wenn auch deutlich ironisch): „Minus zwei Grad, das ist Frühling, es wird warm!“

Morgen ist mein erster Tag in der Schule, wo ich mit der Schulleiterin erst einmal alles genau besprechen werde, was meine Arbeitszeiten und Aufgaben angeht. Zum Glück muss ich, weil es mein erster Tag ist, erst um 10 Uhr dort sein – letzte Nacht bin ich erst um 3 Uhr eingeschlafen und um halb 12 aufgewacht.

Die ältere Tochter der Schulleiterin ist auch sehr freundlich und hat mir heute geholfen, eine neue SIM-Karte für mein Handy zu kaufen. Obwohl ich dachte, dass ich mich mit meinen Russischbrocken halbwegs verständigen kann, musste ich mit großer Enttäuschung feststellen, dass „Internet“ so ziemlich das einzige Wort war, das ich im Geschäft verstanden habe.

Trotzdem bin ich insgesamt sehr zufrieden und fühle mich sehr wohl hier. Das wunderschöne Wetter hat definitiv zu einem guten ersten Eindruck der Stadt beigetragen, obwohl ich noch nicht viel von Ufa gesehen habe. Der riesige Fluss Belaja ist tatsächlich komplett zugefroren und verschneit („belaja/белая“ bedeutet übrigens „weiß“ – logisch, oder?).

Jetzt höre ich aber mal auf zu schreiben, damit ihr meine nächsten Einträge auch noch lest. Wenn die Überschwemmung mit neuen Eindrücken nachlässt, wird auch die Überschwemmung mit Blogeinträgen nachlassen, versprochen!

Tag 10 – Der ganz große Abschied

Liebe Leser_innen,

ich habe ein großartiges Vorbereitungsseminar hinter mir! Zusammen mit knapp 200 anderen Freiwilligen habe ich zehn Tage am Werbellinsee verbracht – und weil ich einige von euch schon fragen höre: nein, die anderen gehen nicht auch alle nach Russland, sondern diese vielen Menschen sind sämtliche Freiwillige, die mit kulturweit ausreisen, also auch in alle anderen Einsatzländer.

Übrigens: außer mir reisen noch fünf Andere nach Russland. Fünf wunderbare und inspirierende Menschen, die ich alle auf dem Vorbereitungsseminar kennenlernen durfte und die ich zum Glück schon in zweieinhalb Monaten auf dem Zwischenseminar wiedersehe.

Zum Seminar kann ich nur Folgendes sagen: Es sind jetzt alle Fragen geklärt, die auf dem Seminar geklärt werden konnten. Alle anderen offenen Fragen werden sich in den nächsten Tagen und Wochen von selbst klären (wie sieht die Schule von innen aus, was sind meine Aufgaben, wird mir meine Wohnung gefallen…?). In diesem Punkt hat das Vorbereitungsseminar seinen Zweck für mich absolut erfüllt. Die Themen und Workshops waren abwechslungsreich und waren, wo möglich, sehr lustig für alle Teilnehmer. Natürlich kann man von einem Workshop über Rassismus und Kolonialismus nicht gerade erwarten, Spaß zu haben und Spiele zu spielen… Es gab aber z.B. auch einen Workshop darüber, was man macht, wenn man spontan eine Klasse übernehmen muss – da haben wir 14 Spiele für mehrere Altersgruppen kennengelernt und die allermeisten auch gleich in der Gruppe durchgespielt.

Und jetzt nochmal etwas für zukünftige Freiwillige: stellt euch darauf ein, dass das Essen eher mittelmäßig ist, aber das ist ja bei Jugendherbergen zu erwarten. Außerdem: dass es nur einen Schlüssel für die Zwei- bzw. Dreibettzimmer gab, hat oft dazu geführt, dass ich auf der Suche nach der Schlüsselverantwortlichen entweder weite Strecken auf dem großen Seminargeländer zurückgelegt oder statt im Zimmer eben im Seminarhaus rumgehangen habe.

Bevor sich jetzt jemand denkt „Wieso nennt sie denn den Artikel ‚Der ganz große Abschied‘ und labert dann nur über das Seminar?“: ein Mitglied meiner Homezone (= eine feste, nach Regionen eingeteilte Gruppe, die sich auf dem Seminar einige Male trifft, um sich über ihre Erfahrungen, Hoffnungen, Erwartungen und so etwas auszutauschen und Spiele zu spielen) hat gestern einen sehr treffenden Gedanken geäußert, den ich jetzt ganz dreist klaue. Er meinte, das Seminar sei so ein komisches Zwischending. Man hat sich schon von den Freunden und der Familie zuhause verabschiedet und ist zwar nicht mehr zuhause, aber auch noch nicht im Ausland. Ich habe mich sogar dabei ertappt, wie ich jemanden anrufen wollte und für einen kurzen Moment dachte: „Ach nee, geht nicht, ist zu teuer, ich bin ja im Ausland“ … Und dann muss man sich schon wieder von den vielen Leuten verabschieden, die man doch gerade erst kennengelernt hat und von denen man einige wahrscheinlich gar nicht mehr sehen wird. Ich bin jetzt aber trotzdem ganz froh darüber, dass ich erstmal wieder weniger Leute um mich herum habe. Natürlich werde ich in Russland auch viele Menschen kennenlernen – aber eben nicht so viele und vor allem nicht so viele auf einmal. Es ist nämlich doch erstaunlich anstrengend, ständig neue Namen zu lernen, sich Gesichter zu merken und dann auch noch den Überblick zu behalten, mit wem man über was geredet hat…

Morgen habe ich jedenfalls „nur“ einen Reisetag. Keine neuen Leute, kein Workshop, kein Input, nur ins richtige Flugzeug steigen und richtig umsteigen… Ich werde euch auf dem Laufenden halten und Bescheid sagen, wenn ich angekommen bin.

Bis morgen!

Tag 1 – Vorbereitungsseminar

Liebe Leser_innen,

heute ist der erste Tag des Vorbereitungsseminars am Werbellinsee. Ich habe mich schon mit gefühlt 50 Freiwilligen unterhalten und mindestens 40 Namen und die dazugehörigen Einsatzländer wieder vergessen – mein Gedächtnis wird hier ziemlich herausgefordert!

Vom weiteren Verlauf des Seminars werde ich später berichten, wenn es vorbei ist, denn was mir gestern passiert ist, ist eine spannendere und kuriosere Geschichte als der erste Seminartag.

Gestern ging der Zug von Bamberg nach Berlin um 10:09 Uhr und um 9:30 Uhr wollten wir uns auf den Weg zum Bahnhof machen. Um 9.15 Uhr klingelt das Telefon und eine Beraterin meiner Bank ist dran und erklärt mir, ich könne mit meinem jetzigen Jugendkonto keine Kreditkarte beantragen (die brauche ich aber für Russland, für den Fall, dass meine EC-Karte nicht angenommen wird). Ich solle bitte persönlich vorbeikommen und unterschreiben, dass mein Konto auf ein normales „Erwachsenenkonto“ umgestellt wird. Da die Bank zum Glück nur zwei Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt ist, war ich schnell da, musste aber noch einige Minuten warten (diese Minuten kamen mir natürlich wie Stunden vor, wie das eben so ist, wenn man es eilig hat). Die Kontoumstellung hat auch funktioniert und die Karte wird mir noch rechtzeitig zugeschickt. Allerdings war die Zeit, die ich in der Bank verbracht habe, wirklich ein Erlebnis, weil sämtliche Mitarbeiter – es war Faschingsdienstag – verkleidet waren. Ich wurde von einem Dienstmädchen zum Büro begleitet, wo ich von einer Polizistin beraten wurde und als ich nach einiger Zeit in ziemlicher Eile wieder hinausstürmte, war da doch tatsächlich ein Bankangestellter mit einem quietschgrünen T-Shirt und einer ebenso grünen Gießkanne auf dem Kopf…

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an den Taxifahrer, der geduldig vor unserer Haustür gewartet hat, bis ich von der Bank zurückgerannt kam.

Nach diesem Stress vor der Abfahrt kann es jetzt ja hoffentlich nur noch besser werden! So viele nette Leute, wie ich hier schon kennengelernt habe, bin ich aber sehr zuversichtlich, dass die kommenden neun Tage sehr lehrreich und unterhaltsam sein werden – darüber später mehr.

Noch 4 Wochen bis zum Abflug – Das Abenteuer Visabeantragung

Liebe Leser_innen,

herzlich willkommen auf meinem Blog! Ich werde mich bemühen, euch während meines Russland-Aufenthalts bis Ende August regelmäßig über meine Erlebnisse in Ufa auf dem Laufenden zu halten.

Obwohl es erst im März losgeht, habe ich schon einiges zu berichten, nämlich über die Beschaffung meines Visums. Ich rate allen zukünftigen Freiwilligen und Russlandreisenden: kümmert euch wirklich früh darum! Es kann nämlich sehr lange dauern, bis man den Pass mit dem Visum drin tatsächlich in der Hand hat. So ist es mir passiert. Ich werde jetzt nicht im Detail berichten, das wäre nämlich viel zu lang und kompliziert, aber hier die Kurzfassung:

Man braucht eine Einreiseeinladung aus Russland. Diese kann entweder von der kulturweit-Einsatzstelle selbst (in diesem Fall die Schule mit vertieftem Fremdsprachenlernen 103) oder von der Migrationsbehörde der Stadt ausgestellt werden. In meinem Fall habe ich gleich beide Einladungen bekommen, allerdings aus verschiedenen Gründen erst Anfang Januar. Als ich dann mit allen meinen Unterlagen nach München zur ausstellenden Visabehörde gefahren bin, wurde mir erstens gesagt, dass die von der Schule ausgestellte Einladung nicht reicht, um ein Visum zu bekommen, und zweitens, dass ich doch bitte nach Berlin fahren möge, weil auf der Einladung der Migrationsbehörde „Berlin“ als Ausstellungsort eingetragen ist.

Jetzt kann ich natürlich nicht „einfach mal so“ nach Berlin fahren, das sind ja immerhin über 4 Stunden Fahrt. Also habe ich eine Mail geschrieben, nur um zu erfahren, dass ich in München das Visum ebenso gut beantragen kann…

Beim zweiten Versuch in München hat es dann auch geklappt. Wenn alles gut geht, kommt der Pass samt Visum am 21.2. an, gut eine Woche vor Beginn des Vorbereitungsseminars. Knapper geht es eigentlich fast nicht.

Aber ich bin guter Dinge und hoffe, dass es wie bei Konzerten ist: wenn in der Generalprobe alles schiefgeht, klappt es doch meistens beim Auftritt sehr gut. In diesem Sinne sehe ich die Visa-Odyssee als Generalprobe zu meinem Freiwilligendienst in Ufa. Und außerdem: irgendwie klappt es ja doch immer.