До свидания!

Liebe Leser_innen,

jetzt bin ich seit fast zwei Wochen wieder in Deutschland und bin schon wieder weit genug angekommen, dass ich wieder an meinen Blog denken kann und an diesen letzten Blogeintrag, der schon seit Wochen als Entwurf in meinem Dashboard rumgammelt.
Ich liebe es, mir Dinge in Listen aufzuschreiben und zu ordnen. Das hat sich auch während meiner Zeit in Russland nicht geändert. Deshalb schreibe ich jetzt anstatt eines großen, poetischen Schlussreflexionsromans einfach eine Liste.

Ich werde in Russland vermissen, dass …

… die Geschäfte auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet sind.
… Gemüse, das nicht mehr schön aussieht, noch verkauft und nicht gleich weggeworfen wird.
… alles etwas entspannter ist. Посмотрим. Mal sehen, das wird schon irgendwie.
… öffentliche Verkehrsmittel so wunderbar billig sind.
… Taxifahren auch so billig ist. (Außer man wird als Ausländerin erkannt, dann wird man gerne abgezogen.)
… man regelmäßig in die Banja geht und im Winter ins Eiswasser springt.

In Deutschland freue ich mich darauf, dass …

… man das Leitungswasser trinken kann.
… Spotify wieder funktioniert.
… es Fahrpläne für öffentliche Verkehrsmittel gibt. (Nicht dass die immer eingehalten werden, aber es gibt zumindest welche.)
… man Lebensmittel wie Käse oder Erdnussbutter zu einem bezahlbaren Preis im Supermarkt kaufen kann.
… man trotz des deutschen Bürokratiewahnsinns in öffentlichen Behörden zurechtkommt, weil die Leute zumindest die gleiche Sprache sprechen wie man selbst. Ohne die Sprachbarriere ist plötzlich alles so schön einfach…
… es Fahrradwege gibt und Autofahrer verhältnismäßig rücksichtsvoll fahren.

Ich habe mich insofern verändert, als …

… ich entspannter geworden bin. Wenn ein Plan nicht aufgeht, ist das kein Weltuntergang. Und ich habe gelernt, mir konkret zu überlegen, was ich mache, wenn ein Plan nicht aufgeht.
… ich endlich damit angefangen habe, ziemlich konsequent Tagebuch zu schreiben.
… ich angefangen habe, regelmäßig Sport zu machen.
… ich jetzt Kohl, rote Bete und Kefir mag.
… ich mich (beschränkt) auf Russisch verständigen kann.
… ich es nicht mehr so stressig finde, alleine zu fliegen.
… ich endlich gute Pfannkuchen machen kann.
… ich mich für ein Studium entschieden habe!

 

Ab jetzt werdet ihr über diesen Blog wohl nichts mehr von mir hören.
Ich hoffe, ich konnte euch und zukünftigen Freiwilligen einen guten Eindruck von meinem Freiwilligendienst in Russland vermitteln. Vielleicht konnte ich sogar jemanden dazu motivieren, selbst eine Zeitlang ins Ausland zu gehen. Falls nach den letzten 6 Monaten noch Fragen offen geblieben sind, freue ich mich natürlich über Kommentare und Nachrichten. Mir hat das Schreiben jedenfalls immer Spaß gemacht und ich hoffe, dass euch das Lesen ebenso viel Freude bereitet hat.

Einen Freiwilligendienst im Ausland kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen. Für mich haben sich diese sechs Monate definitiv gelohnt, auch wenn ich immer wieder Schwierigkeiten meistern musste. Auf die Frage – die mich bestimmt noch viele Leute fragen werden – „Hat es dir gefallen?“ möchte ich hier mit einer Zeile aus einem Lied von LaBrassBanda antworten:

Ned oiwei, aber die mehra Zeit.

Tag 175 – Hallo Deutsch!

Liebe Leser_innen,

ich hatte ja versprochen, noch zu erzählen, was ich im Goethe-Zentrum alles gemacht habe.

Das Goethe-Zentrum heißt eigentlich „Hallo Deutsch – Zentrum der deutschen Sprache“ und ist ein zertifizierter Partner des Goethe-Instituts. Seit letztem Jahr gibt es in Ufa die Sommerakademie – zwei Wochen Deutschunterricht, verbunden mit Spielen und Ausflügen, für Jugendliche von zehn bis 16 Jahren. Dieses Jahr gab es die Sommerakademie sogar zweimal – vom 17.7. bis zum 28.7. und vom 7.8. bis zum 18.8.

In der Woche vor der ersten Sommerakademie bin ich jeden Nachmittag ins Goethe-Zentrum gefahren, das leider fast am anderen Ende der Stadt liegt (also jeden Tag mindestens eine Stunde Busfahrt in jede Richtung). Da habe ich schon mal bei der Vorbereitung geholfen und – wow, war das anders als die Arbeit in der Schule! Jetzt kenne ich neben dem Spontan-Unterrichten auch die Situation, in der man einen ganzen Nachmittag lang eine Stunde Unterricht plant.

Obwohl ich ja schon seit Längerem fest entschlossen bin, Lehramt zu studieren, war das nochmal eine gute Vorbereitung, weil ich jetzt die beiden Extreme der Unterrichtsplanung kenne – nämlich von gar nicht bis unendlich viel Material selber machen. Wir haben uns zwar Inspiration aus Lehrbüchern geholt, aber trotzdem ganz viele neue Arbeitsblätter und Spiele selbst gemacht. Und das Schöne an dieser Arbeit war, dass mir meine Kollegen (die übrigens alle sehr nette Menschen sind) genug Anweisungen gegeben, aber auch genug Freiraum gelassen haben. Sie haben mir verschiedene Methoden vorgeschlagen, die ich vorher meist gar nicht kannte, und ich durfte mir dann selbst aussuchen, wie ich diese Methoden anwende und miteinander verbinde. So waren mit dem Ergebnis auch meistens alle zufrieden.

Unterrichtet habe ich diesmal aber nicht selbst – diesmal war ich wirklich eine Sprachassistentin, wie ich es in der Schule eigentlich auch hätte sein sollen. Ich habe die Übungen und Spiele alle mitgemacht und stand immer für Fragen zur Verfügung. Und wenn jemand krank war, habe ich dessen Platz eingenommen, sodass man trotzdem gleichmäßige Gruppen bilden konnte.

Unser Nachmittagsprogramm war ganz unterschiedlich: wir haben Spiele gespielt, waren im Park spazieren, haben einen Film angeschaut oder Workshops besucht.

Leider haben wir bei der zweiten Runde komplett vergessen zu fotografieren, deshalb gibt es jetzt nur ein paar Eindrücke von der ersten Sommerakademie.

Ein ausgestopfter Elch im Waldmuseum.


Eine ganz normale Unterrichtsstunde.


Kohl und Äpfel schneiden im Kochworkshop…


Der schönste Dessertteller des Tages!


Wir haben versucht, eine Burg vor einem Wald abzumalen.


Ich war für die künstlerische Gestaltung des Plans verantwortlich.


Unsere Armbänder als Abschlussgeschenk.


Und das haben wir in den zwei Wochen gemacht:

Insgesamt war diese Arbeit eine riesige Inspiration für mich, nicht nur langfristig und aufs Studium bezogen, sondern auch kurzfristig, denn sie hat mich aus einem Motivationsloch rausgeholt, in dem ich nach meinem Urlaub in Deutschland feststeckte. Die Kollegen waren alle sehr kompetent (einer spricht sogar so gut Deutsch, dass ich am Anfang echt dachte, er wäre Deutscher – bis er sich doch durch einen winzigen Fehler verraten hat…) und total nett und unterstützend. Ich war immer gut beschäftigt, aber nie überfordert und ich fühlte mich und meine Arbeit immer wertgeschätzt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Albina, Danija, Rustem, Artur, Irina, Elvira und Elvira, dass ich einfach so bei euch arbeiten durfte und eine sinnvolle Sommerbeschäftigung hatte! Und auch an Darina und Renata, die bei der zweiten Sommerakademie ganz ordentlich mit angepackt haben und eine supercoole Schnitzeljagd und einen Kurzfilm auf die Beine gestellt haben. Es war eine tolle Zeit!

Tag 166 – Just random stuff

Liebe Leser_innen,

da mir heute nichts einfällt, was ich schreiben könnte, habe ich mal wieder mein Tagebuch aufgeschlagen, darin herumgeblättert und einige Situationen gefunden, die bis jetzt thematisch nicht gepasst haben oder nicht relevant genug waren, um es in den Blog zu schaffen. Daher folgt jetzt eine total zufällige, planlose und nicht chronologische Zusammenstellung von Situationen und Beobachtungen aller Art in meinem Freiwilligendienst.


Die Lehrerin bringt der sechsten Klasse neue Vokabeln bei. Sie fragt, was das Wort „Teller“ auf Russisch heißt, keiner weiß es. Als ich die richtige russische Übersetzung sage, drehen sich alle mit großen Augen zu mir um und applaudieren mir begeistert. Danach gibt es großes Getuschel in der Klasse – „Sie kann ja Russisch sprechen!“.

Auf dem Schulweg fährt ein etwa achtjähriger, stark übergewichtiger Junge im Trainingsanzug auf seinem Mountainbike langsam an mir vorbei und ruft alle paar Sekunden laut „Motherfucker!“.

Ein Schüler möchte zum Thema „Sommerferien“ sagen, dass im Sommer alles grün ist und sagt stattdessen: „Wir haben sehr viel Gras“.

Im Sprachlager gibt es ebenso wie in der Schule aus Sicherheitsgründen keine Messer beim Essen. Meistens gibt es sogar nur Löffel, weshalb ich zum ersten Mal in meinem Leben nur mit einem Löffel einen Fisch (mit Gräten) zerlege oder ein Brot mit Butter bestreiche.

Im Flugzeug von Ufa nach Moskau heißt es in der Durchsage: „Das Wetter in Moskau ist gut“. Wir kommen an – es hat 10 Grad und regnet in Strömen.

Ich erlebe beim Busfahren gleich drei Überraschungen.
1. Der Bus ist ganz neu, hat vorne eine Leuchtanzeige und innen eine Lautsprecherdurchsage, die die nächsten Stationen ansagt. Das gibt es hier normalerweise nicht.
2. Der Bus wird von einer Busfahrerin gefahren.
3. Diese Busfahrerin ist das Gegenteil von dem, wie man sich eine Busfahrerin normalerweise vorstellt: sie ist sehr jung, unglaublich hübsch und sehr gepflegt gekleidet.

Im Supermarkt kennt mich eine der Kassiererinnen schon: ich bin die Ausländerin, die immer keine Plastiktüten will. Bis jetzt war es immer so, dass ich das Gemüse und Obst bewusst nicht in Plastiktüten gepackt habe, und an der Kasse haben die Kassiererinnen trotz meines Protests jede Obst- und Gemüsesorte in einzelne Tüten gesteckt. Dadurch bin ich entgegen meiner guten Vorsätze dann doch mit fünf Plastiktüten aus dem Supermarkt gegangen. (Immerhin lassen sie sich ganz gut als Gefrierbeutel verwenden). Diese eine Kassiererin kennt mich aber inzwischen und verzichtet nicht nur auf die Tüten, sondern gibt mir auch die Produkte einzeln in die Hand und wartet immer, bis ich mit dem Einpacken fertig bin.

Genau wie es mir alle vorhergesagt haben: als ich für ein paar Tage in Kasan bin, merke ich, dass Ufa wirklich keine besonders schöne Stadt ist. Kasan ist zwar kaum größer als Ufa, hat aber viel mehr Sehenswürdigkeiten und ist im Allgemeinen viel moderner. Da ist es z.B. Standard, dass es in Bussen digitale Anzeigen und Lautsprecherdurchsagen gibt 😉

Ich wundere mich, dass über Ufa nicht längst eine große Smogwolke hängt. Überall gibt es nur große, breite Straßen mit viel Verkehr und es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich sehe, wie fast jeder zweite Bus eine dunkelgraue bis pechschwarze Abgaswolke ausstößt, die noch einige Sekunden über der Straße steht, bevor sie sich verzieht. Und da die Busse und Marschrutkas gefühlt ein Drittel des Straßenverkehrs ausmachen, passiert das ganz schön oft. Nervige Situation: der Bus steht an der Ampel, der Busfahrer lässt durchgehend den Motor aufheulen und die Abgase gelangen durch die geöffneten Fenster ins Innere. Da die Ampel aber noch eine Minute lang rot ist, hat man keine andere Wahl, als das Zeug irgendwann einzuatmen. Die Krönung davon ist dann nur noch, wenn neben einem ein (nicht mal unbedingt alter) Mann sitzt, der nach Schweiß und/oder Alkohol und/oder Urin und/oder Zigaretten riecht. Kommt leider sehr viel öfter vor, als man sich das wünschen würde.

In Kasan gehe ich in das tatarische Nationalmuseum. Es gibt Studentenrabatte, deshalb zeige ich probehalber mal meinen Freiwilligenausweis und hoffe, dass ich damit auch einen Rabatt bekomme. Zu meiner Überraschung drückt die Frau mir einfach eine Freikarte in die Hand. Naja, so geht’s auch!

An der Autobahn gibt es einen Rastplatz, der aussieht wie ein großer Markt. Es werden Kuchen, Eis, Gebäck, Räucherfisch und jede Menge tatarischer Spezialitäten verkauft und überall laufen alte Frauen herum, die Beeren und Blumen verkaufen.

„Krawatte“ heißt auf Russisch „galstuk“. Stimmt, ist ja quasi ein Halstuch.

Fast jedes Mal, wenn ich laufen gehe, bekomme ich blöde Kommentare von Männern. Dabei ist es nicht mal unüblich, dass Frauen in der Öffentlichkeit Sport machen. Und ich trage auch keine Kleidung, die unbedingt provozierend ist – lange Jogginghose und ein normales T-Shirt… Einmal hat mir sogar ein Mann den Mittelfinger gezeigt. Ich frage mich immer noch, ob ich etwas dazu beigetragen habe oder ob das einfach nur ein Depp war. Gerne versperren mir pubertierende Jugendliche auch den Weg oder joggen ein Stück neben mir her, um mir zu zeigen, dass sie schneller sind als ich. Herzlichen Glückwunsch!

Als Ergänzung zu Germann Gesse und Geinrich Geine: Es gibt natürlich noch E.T.A. Goffmann 🙂

Tag 159 – Russisch-Exkurs #2

Liebe Leser_innen,

nachdem mein erster Beitrag über die Feinheiten der russischen Sprache schon eine Weile her ist und ich seitdem noch einiges dazugelernt habe, kommen jetzt noch einige Ergänzungen dazu.

Die Zahlen.
Dieses Phänomen begegnet wohl jedem Russischlerner irgendwann und lässt ihn in Ratlosigkeit zurück. Die Zahlen an sich sind nicht schwer – gezählt wird ab zwanzig nach dem Prinzip zwanzig-eins, zwanzig-zwei usw.
Schwierig wird es erst, wenn man tatsächlich Dinge zählen will und ein Nomen hinter das Zahlwort setzt.

Denn: bei Zahlen, die mit eins aufhören, also 1, 21, 31, 583671 usw. wird der Nominativ Singular gebraucht. Ok, bei 1 macht das ja noch Sinn, aber bei 21?  Das ist doch kein Singular mehr…

Bei Zahlen, die mit 2, 3 oder 4 aufhören, also 2, 3, 4, 23, 583674 usw., nimmt man den Genitiv Singular. Also, immer noch das Singular-Paradox, aber diesmal im Genitiv, sonst wäre es ja zu langweilig.

Der lang ersehnte Plural kommt dann aber bei Zahlen ab 5, also 5 bis 20, 25, 26, 47, 68, 99 oder 583670 – aber auch im Genitiv. Und da dieser Fall je nach Deklination des Nomens auf mindestens fünf verschiedene Arten gebildet werden kann, hat man dann richtig Spaß. Auch wenn man einfach nur von wenigen, vielen, einigen oder keinen Dingen spricht, braucht man immer den Genitiv Plural.

Der Buchstabe H …
ist im russischen Alphabet nicht vorhanden. Da aber beispielsweise einige deutsche Namen mit H beginnen, wird als Ersatz entweder das Х (Ch) oder Г (G) verwendet. Wenn man also über deutsche Schriftsteller spricht, kommt man meist irgendwann auf Germann Gesse und Geinrich Geine zu sprechen. Die Partnerstadt von Ufa ist übrigens Galle. Aber Gamburg und Gannover sind auch schöne Städte…

Geklaute deutsche Wörter.
Im Russischen gibt es einige Wörter, die aus dem Deutschen übernommen wurden und nach ihrem Klang mehr oder weniger exakt mit russischen Buchstaben geschrieben werden. Das sind z.B. Zifferblatt, Schlagbaum, Lager, Bruderschaft, Landschaft, Maßstab und Strafe (циферблат, шлагбаум, лагерь, брудершафт, ландшафт, масштаб, штраф). Diese Wörter haben in beiden Sprachen ziemlich genau die gleiche Bedeutung. Ein anderer Fall ist da бутерброд („Butterbrot“) – es handelt sich hierbei aber um ein belegtes Brötchen mit mehr als nur Butter drauf.

Immer diese Umlaute …
Das ist jetzt eigentlich keine Besonderheit der russischen Sprache, sondern ein lustiger Fehler, der mir bei Schüler_innen immer wieder auffällt. Fast alle russischen Deutschlerner_innen tun sich mit den Lauten Ö und Ü schwer und sprechen sie meist wie die russischen Laute Jo und Ju. Ich höre also oft die Zahlen fjunf und zwjolf. Das Lustige daran ist jetzt, dass Viele ganz normale Wörter mit O und U mit nahezu perfektem Ö und Ü aussprechen, z.B. öft oder Blüme. Jetzt noch den richtigen Laut an die richtige Stelle und dann ist es perfekt. Aber dieser Schritt ist offenbar schwer…

Frag doch mal in Russland #3: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft

Liebe Leser_innen,

diese Woche gibt es wieder ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. Ich habe mich diesmal mit Danija Asfandijarova unterhalten. Sie ist 53 und arbeitet als Deutschlehrerin in einer Waldorfschule und im Goethe-Sprachlernzentrum in Ufa. Für mich war dieses Gespräch sehr interessant und einige Antworten haben mich auch überrascht. Viel Spaß beim Lesen!

Gibt es in Russland ein typisches oder ideales Bild der Frau?

Ich würde sagen, das ist alles sehr persönlich. Erstens: das Thema ist bei uns nicht so thematisiert wie bei euch in Deutschland, und daher hat jeder seine persönliche Meinung und eigentlich sprechen wir nicht so viel darüber, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch mit der nächsten Generation, aber eigentlich wirken da eher alte Stereotype. Und wir sprechen mehr über die Frauen als diejenigen, die es zuhause gemütlich machen, aber natürlich können sie auch arbeiten. Aber die Orientierung für die Mädchen und Frauen ist vor allem die Familie, glaube ich, trotzdem, immer noch.

Ich habe bisher noch kaum junge Frauen mit Kurzhaarfrisur gesehen. Was für ein Schönheitsideal wird jungen Mädchen und Frauen vermittelt?

Ich glaube, es wandelt sich mit der Zeit und ändert sich immer wieder. Jetzt ist es eher Mode, lange Haare zu haben. Ich habe zwar einen kurzen Schnitt, aber mein Sohn, der ist jetzt 15, der hat gesagt: „Nööö, das gefällt mir nicht!“. Es ist einfach im Trend gerade jetzt.

Also ist das nicht grundsätzlich so?

Nein, du kannst auch Mädchen mit Kahlkopf treffen, die gibt es auch. Und bei mir in der Schule – ich arbeite in der zweiten Klasse – da hat eine Mutter sich rasieren lassen, überhaupt kein Haar, und ihr kleiner Junge, der hat sie gemalt, immer mit langen Zöpfen, und macht das immer noch.

Kann man bei Berufen eine typische Männer-Frauen-Verteilung feststellen?

Ja, natürlich, es gibt typische Männerberufe, vielleicht die, die irgendwie körperlich anstrengend sind. Und typische Frauenberufe, wo man sich nicht so anstrengen sollte oder mit Schönheit mehr zu tun hat. Aber ansonsten – so richtig, dass wir sagen, diese Berufe sind nur für Männer und diese nur für Frauen – nein. Lastkraftwagenfahrer, das sind eher Männer, aber Frauen kann man da vielleicht auch treffen. Und es nicht so, dass es fatal ist, es gibt eigentlich keinen Wunsch bei den Frauen, da zu arbeiten.

Gibt es Initiativen, dass mehr Frauen z.B. naturwissenschaftliche oder technische Berufe lernen sollen?

Da meinst du bestimmt diese feministische Bewegung oder sonstwas – das gibt es bei uns nicht, irgendwie grundsätzlich nicht, und wir sind im Moment einfach nicht interessiert, solche Diskussionen zu führen.

Wie sieht es mit der Bezahlung aus in den Berufen, in denen sowohl Männer als auch Frauen arbeiten? Werden Frauen gleich gut bezahlt?

Ich glaube, es gibt irgendeinen Standard für Gehälter, und das wird bezahlt, egal ob das ein Mann oder eine Frau macht. Und vielleicht gibt es Bereiche, wo man sehr wenig Männer hat, aber man möchte sie haben, dann wird man denen natürlich etwas mehr bezahlen als den Frauen, damit sie kommen. Aber ansonsten, grundsätzlich, werden Frauen nicht schlechter bezahlt.

Sind Familie und Beruf in Russland gut vereinbar?

Ich arbeite in der Waldorfschule, und da fragen die Ehemänner von unseren Lehrerinnen: Ist eigentlich die Schule familienfreundlich oder nicht? – in dem Sinne, dass man sehr viel zu tun hat. Es ist immer verschieden, je nachdem, was für ein Beruf es ist. Eine Lehrerin hat immer viel zu tun, und dann noch zuhause viel zu tun. Je nachdem, es gibt Ehemänner, die sehr viel helfen, und dann klappt es sehr gut in der Familie, und es gibt solche, die meckern – mein Sohn sagt zum Beispiel immer wieder: „Bitte, lieber Gott, nie im Leben soll meine Ehefrau eine Lehrerin sein!“

Aber gibt es genug Angebote an Kindergärten, damit die Kinder während der Arbeit gut versorgt sind?

Also, extra macht keiner etwas für die Frauen. Das heißt, du musst immer selber schauen, wie machst du das, wie kommst du über die Runden? Ich hätte gerne viel mehr Angebote gehabt, die billiger sind für eine Frau, die voll beschäftigt ist, aber ich hatte das nie. Aber früher, in der Sowjetunion, da gab es das immer. Für meine Mutter z.B., da gab es immer irgendwelche Ermäßigungen. Für Mehrkinderfamilien, da gibt es etwas, aber nicht so viel, und das Kindergeld ist auch sehr wenig. In Deutschland konnte ich davon meine Wohnung bezahlen, ich habe dort auch Kindergeld bekommen, ich habe meinen Sohn in Deutschland bekommen. Und da konnte ich die Wohnung richtig bezahlen, allein vom Kindergeld, und hier nicht. Hier ist es eher symbolisch, das ist eine sehr kleine Summe.

Hat die Zeit der Gleichberechtigung der Frauen in der Sowjetunion Auswirkungen auf die heutige Situation der Frauen?

Die Frauen waren damals sooo sehr gleichberechtigt und mussten immer sooo viel arbeiten, hatten keinen Mutterurlaub und so weiter – das heißt, sie mussten genauso viel machen wie die Männer – dass der Wind eher in die andere Richtung weht. Man möchte nicht so viel arbeiten wie die Männer. Man möchte die Männer arbeiten lassen und mehr Zeit zuhause haben. Wir haben schon genug von der Arbeit. Meine Mutter hat so viel gearbeitet, wir haben uns immer gewünscht, dass sie zuhause ist. Und jetzt sind wir eher neidisch auf diejenigen, die es sich leisten können, zuhause zu bleiben. Würde ich vielleicht auch gerne…

Gab es schon Situationen, in denen du dich als Frau benachteiligt gefühlt hast?

Ich habe immer anders gedacht: Warum soll ich genau solche Leistungen bringen wie die Männer? Ich möchte nicht wie die Männer jetzt hier dastehen, ich möchte eher als Frau behandelt werden.

Hast du dir nie gedacht: Wenn ich jetzt ein Mann wäre, hätte ich es in dieser Situation jetzt leichter?

Nein. Wenn, dann waren das Situationen, wo die Männer viel leisten müssen, körperlich vielleicht, und natürlich müssen sie dann besser bezahlt werden als ich. Ansonsten nicht.

Tag 145 – Mein kulturweit-Projekt

Liebe Leser_innen,

mein Projekt ist jetzt endlich fertig! Es ist ein Video mit dem Titel „14 deutsche Wörter, die wörtlich eigentlich sinnlos sind“. Anschauen könnt ihr euch es hier:

Die konkrete Idee zu diesem Projekt kam mir ein paar Wochen nach meiner Ankunft in Ufa, aber die Inspiration war schon vorher da. Ich hatte mich nämlich auf dem Vorbereitungsseminar mit einer Freiwilligen aus meiner Homezone, Eléna Mayer, unterhalten, die ihren Freiwilligendienst in der Mongolei macht. Sie hatte schon angefangen, Mongolisch zu lernen und ihr war aufgefallen, dass es in dieser Sprache viele Wörter gibt, die auf einfachen Beobachtungen basieren. Dann stellten wir fest, dass es im Deutschen auch einige solcher Wörter gibt, wie zum Beispiel Stinktier, Vielfraß oder Grashüpfer. Ich dachte noch einige Zeit darüber nach, bevor mir einige Wörter einfielen, die eben keinen Sinn ergeben, wenn man sie wörtlich nimmt. Das erste, was mir einfiel, war „Maulwurf“. In den nächsten Wochen schrieb ich alle Wörter auf, die mir einfielen oder die ich in Büchern fand. Als ich dann 15 zusammen hatte, überlegte ich, was ich jetzt damit machen könnte, und schnell kam mir die Idee, die Einzelbestandteile sowie die „fertigen“ Wörter von Schülern malen zu lassen und in einem Video zu zeigen, um bildlich veranschaulichen zu können, wie unlogisch die Wörter sind. Natürlich sind nicht alle total sinnlos – mir ist die Etymologie der meisten Wörter durchaus bewusst, und ich finde auch persönlich nicht alle gleich gut und lustig. Trotzdem fand ich, dass es sich lohnte, dieses Projekt durchzuführen, auch deshalb, weil ich zu diesem Thema so gut wie nichts im Internet gefunden habe.

Ich habe mich übrigens nicht vertippt – ursprünglich waren es tatsächlich 15 Wörter (Hexenschuss wäre das letzte gewesen), aber leider hat mich die dafür zuständige Schülerin immer vertröstet, hat mir aber nie die Bilder gegeben, und ich konnte auch niemanden mehr finden, der mir diese Bilder noch gemalt hätte. Ich bin auch selbst wirklich gar nicht zeichnerisch begabt, sonst hätte ich mich wahrscheinlich noch selber hingesetzt und die Bilder gemalt.

Die Konzeption dieses Projektes eignete sich auch perfekt für die Zeit meiner schulischen Beschäftigung hier – es musste etwas sein, bei dem die Arbeit der Schüler innerhalb der Schulzeit, also bis Ende Mai, abgeschlossen wäre. So konnten die Schüler mir bis Ende Mai ihre Bilder geben, und in den Sommerferien konnte ich alleine arbeiten, also die ganze Arbeit am Video erledigen.
Falls ihr euch jetzt fragt, warum ich denn dann nicht gleich alleine ein Projekt gemacht habe: ich möchte dieses Projekt beim PASCH-Projektwettbewerb einreichen, und da ist die Voraussetzung, dass mindestens fünf Schüler_innen an dem Projekt beteiligt sind. (Was ist denn jetzt PASCH schon wieder?)

Ich hoffe jedenfalls, dass euch das Video gefällt und dass ihr das ein oder andere Wort erraten könnt 😉

Tag 138 – Mein Status als (deutsche) Freiwillige

Liebe Leser_innen,

jetzt dauert mein Freiwilligendienst ja doch gar nicht mehr so lange und ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich eine Entwicklung in meinem Status als deutsche Freiwillige feststellen kann.

Deutsche Freiwillige – da muss ich jetzt erstmal differenzieren: Wie werde ich als Deutsche wahrgenommen und wie als Freiwillige?

Darin, wie ich als Deutsche wahrgenommen werde, hat sich seit meiner Ankunft in Ufa eigentlich wenig verändert, außer dass ich jetzt besser Russisch kann und vielleicht ein bisschen ernster genommen werde als am Anfang. Vorsicht: ich spreche jetzt nur von der Wahrnehmung durch Menschen außerhalb des schulischen Umfelds, z.B. Taxifahrer oder Bekannte, mit denen man kurz und oberflächlich ins Gespräch kommt. (Übrigens: die meisten Taxifahrer unterhalten sich sehr gerne, und zwar unabhängig davon, ob du das willst oder nicht. Also auch morgens um halb sechs auf dem Weg zum Flughafen… alles schon erlebt.)
Sobald ich mich mit jemandem unterhalten habe und ihm/ihr erklären konnte, was ich hier mache, wurde das immer positiv und mit großem Interesse aufgenommen. Auf bestimmte Fragen stelle ich mich bei neuen Begegnungen schon vorher ein, weil sie fast immer kommen: Trinkst du gerne Bier? Magst du Rammstein? Verdienst du viel Geld als Freiwillige?
Allerdings, sobald ich eine Frage nicht verstand oder sonstwie Fehler im Russischen machte, wurde ich gleich wie ein kleines Mädchen behandelt und entsprechend nicht wirklich ernst genommen. Um nochmal auf die Taxifahrer zurückzukommen: ich bestelle Taxis nur per App und habe das Geld immer abgezählt dabei, denn sonst wird es sofort ausgenutzt, dass ich nicht gut Russisch kann und nicht diskutieren kann und will – dann kommt das altbewährte „Ich habe leider kein Wechselgeld.“

Wie sieht es denn nun aus mit dem Freiwilligenstatus?
In der Zeit, als ich in der Schule gearbeitet habe, kann ich von drei unterschiedlichen Phasen sprechen:

Die Freiwillige aus Deutschland – wow!
Als ich ankam, wurde ich von vielen Schüler_innen und Lehrer_innen herzlich begrüßt und beschenkt, mir wurde immer geholfen und alle Schüler_innen grüßten mich auf dem Gang fast schon ehrfürchtig. Ich war also durchaus ein besonderer Gast, der respektiert werden sollte. Ich stellte mich immer als Freiwillige aus Deutschland vor, einfach um klarzumachen, wer ich bin, denn die meisten hatten irgendwie davon gehört, dass es Freiwillige an der Schule gibt, kannten mich aber noch nicht. Wenn ich Leuten vorgestellt wurde, war ich immer „unsere“ Freiwillige aus Deutschland, also fast schon ein bewundernswertes Statussymbol der Schule.

„Nur“ die Freiwillige
Das änderte sich, als ich quasi als Bestandteil des Schulpersonals aufgenommen war. Da wurde ich oft von Eltern oder Lehrer_innen angesprochen und nach anderen Lehrern oder irgendwelchen schulinternen Dingen gefragt. Natürlich wusste ich meistens entweder gar nicht, was sie von mir wollten, oder ich kannte den gesuchten Lehrer nicht oder ich wusste nicht, wo die gesuchte Person ist. Da war dann meine Antwort: „Entschuldigung, ich weiß es nicht, ich bin nur die Freiwillige.“ NUR die Freiwillige. Und plötzlich stufte ich mich selbst herab – von der Muttersprachlerin, die selbst unterrichten darf, zur unwissenden Praktikantin.
Aber bin ich das nicht eigentlich auch? Ich habe ja schließlich keine Erfahrung im Unterrichten, mit Deutsch als Fremdsprache noch nie zu tun gehabt und Russisch kann ich auch nicht besonders gut. Habe ich überhaupt das Recht, mich in irgendeiner Weise besonders zu fühlen, nur weil am Anfang so ein Hype aus meiner Ankunft gemacht wurde?
Und da wären wir auch schon bei einem der meistdiskutierten Themen des Vorbereitungsseminars: wie wir uns als Freiwillige verhalten sollten. Werden wir wirklich gebraucht oder sind wir eigentlich nur zu unserem eigenen Vorteil im Gastland? Eine konkrete Antwort gibt es hier wohl nicht, auch weil jede Einsatzstelle unterschiedlich ist. Ich kann nur so viel sagen: Ich war immer gut beschäftigt und hatte das Gefühl, dass die Schule ebenso profitiert wie ich.

Die vermeintliche Superheldin
Die dritte Phase war die, als ich als Wundermittel für alle ungelösten Fragen und Probleme angesehen wurde. Aber nicht unbedingt im positiven Sinne, sondern mehr so „Wir haben eigentlich noch keinen Plan, aber denk dir mal was aus, du bist ja die Freiwillige.“ Da fühlte ich mich auch mal nicht nur ge-, sondern auch überfordert, denn obwohl ich die Freiwillige aus Deutschland bin, bin ich leider keine Superheldin und kann auch nicht in einer Stunde für sieben Gruppen einen Gruppennamen, ein Motto und ein passendes Lied aus dem Hut zaubern (Beispiel Sprachlager). Nicht, dass ich nicht gerne eine Superheldin wäre…

Nochmal anders ist es jetzt im Goethe-Zentrum, aber davon werde ich wannanders erzählen. Ich hatte einfach grundsätzlich einige Schwierigkeiten mit den Strukturen in der Schule und auch mit manchen Personen dort, deshalb war in den letzten Wochen echt ein bisschen die Luft raus bei mir. Das Wetter hat dabei auch eine entscheidende Rolle gespielt – mir war nicht klar, wie groß die Auswirkungen auf die persönliche Stimmung sein können, wenn es in zwei Wochen nur einen regenfreien Tag gibt. Aber keine Angst: die Arbeit im Goethe-Zentrum inspiriert mich sehr und ich bin glücklich, dass ich jetzt noch vier Wochen lang dort aushelfen darf. Dort sind einfach die Strukturen und das Arbeitsumfeld ganz anders und eine willkommene Abwechslung. Also bin ich für die letzten (fast) sechs Wochen nochmal supermotiviert und habe den kleinen Durchhänger überwunden! (Es ist hier jetzt auch endlich richtig Sommer geworden, das gibt mir nochmal zusätzlich Energie).

Und apropos Endspurt: was erwartet euch in den letzten Wochen (voraussichtlich) noch auf diesem Blog?
  – Ich wollte noch einen Beitrag über ein paar Ausschnitte aus der Geschichte Ufas schreiben (mit Fotos, ich weiß, 
    das habe ich im April oder so schon angekündigt). Mal schauen, ob das noch was wird.
  – Auf jeden Fall möchte ich noch eine Fortsetzung des Russisch-Exkurses schreiben, denn mir sind noch ein paar
    kuriose Sprachphänomene aufgefallen.
  – Natürlich schreibe ich einen Bericht über meine Arbeit im Goethe-Zentrum.
  – Außerdem kommt noch mindestens ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. (Mindestens eins deshalb,    weil ich nicht weiß, ob es im August auch noch mal ein Thema gibt).
 – Und wenn ich es mal schaffe, eine gute Hintergrundmusik für mein Projektvideo zu finden, dann lade ich das auch
   hoch und erkläre die Idee dahinter. (Tipps, wo man möglichst kostenlos und legal Musik herbekommt, sind immer
   willkommen…)
Auch der letzte Blogeintrag ist schon in Arbeit – aber worum es geht, verrate ich noch nicht.

Tag 131 – Kreativ, produktiv und innovativ!

Liebe Leser_innen,

nach einer kurzen Pause geht es jetzt wieder weiter mit meinem Blog. Ich war die letzten zwei Wochen zuhause in Deutschland und habe das Schreiben immer wieder vor mir hergeschoben…

Dafür geht es weiter mit dem Bericht über das Sprachlager, in dem ich vor meinem Urlaub zumindest dreieinhalb Tage war. Ich wusste zunächst gar nicht, wo dieses Lager ist, denn es existiert in Google Maps nicht, sondern nur im russischen 2GIS (da habe ich aber vergessen zu suchen). Wir wurden in mehreren Marschrutkas dorthin gefahren, und auf den ersten Blick sah alles ganz idyllisch aus. Ein kleines Lager/лагерь (übrigens auch wie „Landschaft/ландшафт“ und „Schlagbaum/шлагбаум“ ein deutsches Wort, das im Russischen genauso heißt) mitten in der Natur, ein kleiner See, eine große Wiese und ein paar Häuser.
Uns wurde schon vorher mitgeteilt, dass wir (Theresa und ich) ein besonders schönes Zimmer mit eigenem Badezimmer bekommen (dazu bekamen wir auch öfters von mehreren Personen stichelnde Bemerkungen zu hören), nämlich im Verwaltungshaus, wo auch die Betreiber des Lagers wohnen. Nun ja, als wir dieses Zimmer sahen, waren wir ein bisschen überrascht. Ich denke, wenn wir vorher gewusst hätten, dass das ganze Lager und die Häuser ziemlich alt sind, hätten wir uns auf etwas anderes eingestellt. Aber als wir die Betten sahen, deren dünne Matratzen voll mit Haaren, Dreck und Steinchen waren, und den Boden, der mit Staub bedeckt war, und das Fensterbrett, das von toten Fliegen bewohnt wurde, waren wir doch etwas erstaunt. Und das „eigene“ Badezimmer war auch nur ein Klo, was von allen Hausbewohnern benutzt wurde, und ich habe die Vermutung, dass es deshalb nicht geputzt wurde, weil es (wie auch in der Schule) gleichzeitig die Putzkammer war. Und wer putzt schon die Putzkammer? Klopapier gab es auch nicht, woraufhin unsere Nachfrage mit „Naja, die Kinder haben sich das eben selber mitgebracht“ beantwortet wurde, bevor eine Lehrerin uns zwei Rollen schenkte. Trinkwasser gab es am ersten Tag noch in einem Kanister in der Mensa, und als der leer war, bekamen wir die Antworten „Der wird nicht mehr aufgefüllt“ und „Naja, ihr hättet euch euer Wasser schon selber mitbringen müssen“. Gut, dass ich vor der Abreise noch nachgefragt habe, ob wir außer Handtüchern irgendetwas Wichtiges brauchen. „Nein, nein, es gibt alles dort.“ Zum Glück gab es einen Brunnen, bei dem die Meinungen zwar geteilt waren, ob man das Wasser trinken könne oder nicht, aber es war unsere einzige Möglichkeit. Besonders gut geschmeckt hat es zwar nicht, aber krank geworden sind wir auch nicht.

Nun zu unserem Unterricht: die Idee war, dass wir mit der 7. und 8. Klasse Schriftliche Kommunikation als Vorbereitung auf das DSD1 üben sollten.
Problem Nr. 1: Die 7. Klassen haben diese Prüfung erst in 2 Jahren und verstehen vieles noch nicht.
Problem Nr. 2: Es sind auch Schüler_innen dabei, die Deutsch als zweite Fremdsprache lernen und daher ungefähr auf dem Niveau der 4. Klassen sind.
Problem Nr. 3: Es gibt weder genug Tische noch genug Stühle. Unterrichtsräume gibt es auch nicht, nur Schlafräume. Die Kinder saßen also draußen, entweder auf beiden Seiten eines Bettes, sodass einige mit dem Rücken zu uns saßen, oder auf Bänken ohne Tisch, oder zu zweit auf einem Stuhl. Wir standen in der prallen Sonne, da der einzige Fleck, wo uns alle sehen und hören konnten, nie im Schatten lag, und wurden von Mücken zerstochen.
Problem Nr. 4: Niemand hatte Hefte oder Stifte dabei.

Und jetzt macht mal Schriftliche Kommunikation mit denen!

Was mich ja eigentlich am meisten erstaunt hat, war ja nicht, dass niemand so wirklich einen Plan hatte, wie das Ganze laufen sollte, sondern, dass niemand einen Plan hatte, obwohl das Sprachlager jedes Jahr an diesem Ort stattfindet. Und dann heißt es halt so ungefähr: „Denk dir was aus, du bist doch die Freiwillige!“.

Naja, irgendwie haben wir uns dann doch arrangiert, und vieles wurde auch einfacher, als einige Schüler_innen der 8. Klasse plötzlich beschlossen, nicht mehr zum Unterricht zu kommen, da waren es nämlich 8 Leute weniger. Und wir waren uns einig, dass wir, anstatt das ganze Gelände nach den Schüler_innen abzusuchen, lieber mit den Übriggebliebenen effektiv arbeiten wollen. Mit verschiedenen Spielen konnten wir dann auch die Motivation wieder ein bisschen hervorlocken.

Mein letzter Tag dort war gleichzeitig der Tag, an dem sich jede Gruppe präsentieren sollte. Jede Klassenstufe bildete eine Gruppe mit einem Namen, einem Motto und einem Lied. Bei der Vorbereitung dieser Präsentation waren wir auch beteiligt und haben lange überlegt, nach Liedern gesucht und Mottos gedichtet, nur um dann festzustellen, dass die meisten Gruppen sich am Ende doch selbst etwas ausgedacht hatten. Ursprünglich hätten wir ja sowieso für jede Gruppe etwas machen sollen, was zeitlich einfach zu viel für uns war, aber es wurde offenbar gar nicht erwartet, dass sich die Gruppen selber Gedanken machen. Auf die Idee sind sie dann wohl erst gekommen, als wir fertig waren.

Diese Präsentation war dann ganz lustig. Die Gruppen hatten am Ende sehr interessante Namen und passende Mottos, z.B. „Coca-Cola – Hey Kids, ich bin Cola“, „Wir sind das Brot“ oder „Regenbogen – Wir sind kreativ, produktiv und innovativ!“. Das waren alles Schülerideen, wie ihr euch vielleicht denken könnt. Zum Schluss dieser Veranstaltung wurden Theresa und ich auf die Bühne geholt und sollten irgendetwas sagen – aber im Improvisieren sind wir ja inzwischen geübt. Dann fiel uns die ehrenvolle Aufgabe zu, die Sprachlager-Fahne zu hissen, wofür wir von allen sehr gefeiert wurden.

Das Highlight der drei Tage war auf jeden Fall, als wir uns an zwei Abenden eine Gitarre ausleihen durften und mit Interessierten deutsche Kanons gesungen haben. Zwar haben meistens nur wir gesungen, weil sich niemand getraut hat, mitzusingen, aber immerhin wurde uns hier der Respekt zuteil, dass uns zugehört wurde, nicht wie im Kinderlager, wo sich mindestens fünf Schüler_innen, Betreuer_innen oder Lehrer_innen unterhalten haben, während wir Lieder vorgesungen haben. Es waren auch nur die Leute da, die sich dafür interessiert haben, und als wir fertig waren, haben ein paar Mädchen uns russische Lieder vorgesungen. Am zweiten Abend haben wir mit ein paar Viertklässler_innen gesungen und das war mindestens genauso schön. Bis wir von einer Betreuerin mitten in „Abendstille überall“ unterbrochen wurden: „Die Kinder müssen jetzt zum zweiten Abendessen!“

Ja richtig, zum zweiten Abendessen. Insgesamt gab es fünf Mahlzeiten am Tag: Frühstück, Mittagessen, zweites Mittagessen, Abendessen, zweites Abendessen. Die Hauptmahlzeiten waren allerdings auch so klein, dass die zweiten Mahlzeiten wirklich nötig waren. Wie in der Schule gibt es grundsätzlich nur kleine Frühstücksteller für sämtliche Gerichte, d.h. eine Portion ist ungefähr die Hälfte von dem, was ich normalerweise esse, um satt zu werden. Oft haben wir uns noch übriges Brot oder Gemüse von anderen Tischen geholt, damit wir nach dem Essen zumindest keinen Hunger mehr haben. Das Tolle an so vielen Kindern ist ja, dass die meisten kein Gemüse mögen, also haben Theresa und ich immer die rote Beete von sämtlichen Tischen in der Nähe bekommen. „Bäh, ja, das könnt ihr gerne haben!“ Die entsetzten Blicke der kleineren Kinder haben wir gerne in Kauf genommen. Beim zweiten Mittagessen (süße Brötchen und Äpfel) wurde zum Glück nicht nach Tischen aufgeteilt und rationiert, sondern man konnte sich die Äpfel einfach aus einem großen Korb nehmen (da haben wir auch ordentlich zugeschlagen). Und das zweite Abendessen bestand aus Kefir und Keksen. Seitdem trinke ich sehr gerne Kefir, ich hatte es vorher nur nie probiert…

Alles in allem würde ich sagen, dass alles ein bisschen besser organisiert werden könnte, z.B. dass man das Sprachlager an einem Ort stattfinden lassen könnte, wo es ordentliche Unterrichtsräume gibt und dass man den Schüler_innen sagt, dass sie Hefte und Stifte brauchen. Der grundsätzliche Zustand des Lagers lässt sich wohl damit erklären, dass man für zwei Wochen in diesem Lager umgerechnet nur ca. 10 Euro bezahlt. Als ich wieder abreiste, hatte sich ja irgendwie alles arrangiert, ich hätte es also durchaus noch bis zum Ende ausgehalten (auch dank Theresa, ich glaube, alleine hätte das echt keinen Spaß gemacht).
Aber der Familienbesuch ging dann doch vor 😉

Tag 110 – Und das Hähnchen macht Kikerikiki…

Liebe Leser_innen,

nach zwei Wochen Kinderlager kann ich mehrere Dinge feststellen:

1. Die Kinder wachsen mir mit jedem Tag mehr ans Herz, weil sie sich jeden Tag mehr trauen, mit uns zu sprechen und uns auszufragen. Inzwischen können Theresa und ich nicht mehr an einer Gruppe vorbeigehen, ohne von mindestens fünf Kindern umarmt zu werden (auch wenn wir die Gruppe in den letzten fünf Minuten zweimal gesehen haben und beide Male umarmt wurden). Und wenn unsere Stunde beginnt, kommen die meisten Kinder begeistert in den Raum gestürmt und begrüßen uns mit „THEREEEEEESAAAAAAA!!! SOOOOOPHIIIIIIIAAAAAAA!!! GUTEN MORGEN!“.

2. Die Organisation ist etwas fragwürdig. Es gibt zwar einen Plan, aber dass dieser Plan eingehalten wurde, ist noch nicht so oft vorgekommen. Und die Gruppen sind sehr ungleichmäßig verteilt – damit meine ich, dass Gruppe 5 schon sechsmal bei uns war und die meisten anderen nur dreimal. Gut, dass ich immer noch mindestens ein „Reserve“-Lied dabeihatte, für den Fall, dass eine Gruppe noch einmal kommt (Es kam auch schon vor, dass eine Gruppe zweimal an einem Tag kam…).

3. Dafür lernen wir umso mehr, spontan zu sein. Bis jetzt hatte ich mich daran gewöhnt, Unterricht zu halten, wenn jemand sagte „Kannst du in fünf Minuten die 6. Klasse übernehmen?“ – aber ich wusste, wo, wer, wann und was ich machen sollte. Jetzt wissen wir zwar wo und theoretisch wann, aber meistens nicht, wer und damit auch nicht, was wir machen sollen. Da müssen wir dann erstmal die Gruppe fragen, welche Gruppe sie denn eigentlich sind, und dann können wir entscheiden, welches Lied wir mit ihnen singen. Kleines Selbstlob: es war eine gute Entscheidung, jeden Tag aufzuschreiben, welche Gruppen da waren und was sie gemacht haben. Sonst würden wir jetzt heillos im Chaos versinken… Oft passiert es auch, dass wir aus verschiedensten Gründen unterbrochen werden und die Kinder jetzt irgendwo anders hingehen müssen. Und während der Stunde werde ich oft von den Betreuer_innen der Gruppe unterbrochen, meistens während ich gerade ein Lied vorsinge. Denn wenn auch nur zwei Kinder leise tuscheln, wird sofort die ganze Gruppe von den Betreuer_innen angebrüllt, dass sie endlich leise sein sollen. Oh the irony…
Übrigens, die Lieder, die wir singen, sind folgende: Was müssen das für Bäume sein, Lied vom Wecken, Auf einem Baum ein Kuckuck saß, Die Vogelhochzeit, Das Auto von Lucio und Zwei kleine Wölfe. Meine Favoriten sind definitiv Nr. 2 und 3, denn die Kinder finden diese Lieder super und es ist schon ein tolles Gefühl, wenn alle mitmachen und 25 Kinderstimmen laut singen „UND DAS HÄÄÄÄHNCHEN MACHT KIKERIKIKIIIIIIIIIIIIII!“ oder „SIMSALADIMBAMBASALADUSALADIM!“.

4. Die Kinder werden bei manchen Veranstaltungen ziemlich überfordert, so ist zumindest mein Eindruck. Es fanden oft Theaterstücke oder Musikvorstellungen in der Aula statt, bei denen völlig überdrehte Moderatoren die Kinder zu guter Laune animierten. Manche Kinder saßen selbst in der letzten Reihe noch mit zugehaltenen Ohren da, denn die Mikrofone werden grundsätzlich sehr laut eingestellt, und die Schauspieler und Sänger haben nun mal sehr laute Stimmen.
Bei einem Theaterstück wurden verschiedene Länder repräsentiert – die meisten waren nachvollziehbar, aber für England stand ein Mann auf der Bühne, der eine orangene Perücke, meiner Meinung nach viel zu enge Sportkleidung und Fahrradhandschuhe trug, und er sang ein Lied über London, während im Hintergrund Bilder von Sehenswürdigkeiten aus Ufa gezeigt wurden. Er leitete dann auch ein Spiel an, das so ähnlich wie Reise nach Jerusalem funktionierte, nur dass die Kinder, wenn die Musik ausging, Gegenstände vom Boden aufheben mussten. Die Verlierer wurden schnell mehr oder weniger unsanft von der Bühne befördert, während der „Engländer“ den Gewinnern begeistert die Arme zur Siegerpose hochriss, sodass die kleinen Kinder auf Zehenspitzen standen, um nicht in der Luft zu hängen. Und inzwischen glaube ich tatsächlich, dass unsere Stunden die einzigen sind, bei denen kein Wettbewerb stattfindet und die Kinder einfach nur zum Spaß Lieder singen. Selbst in den Malstunden suchen die Betreuer_innen das schönste Bild aus.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass in anderen Ländern vieles anders läuft als in Deutschland. Und einige Dinge laufen hier meiner Meinung nach besser als in Deutschland. Aber andere Dinge schockieren mich wirklich, und die Art, wie die Kinder auch von den Betreuer_innen manchmal behandelt werden, ist eines davon. Ich kann das auch nicht einfach ignorieren oder an mir abprallen lassen, denn durch meine Erziehung und kulturelle Prägung finde ich solche Verhaltensweisen unangenehm. Und ich lege Wert darauf, dass mein Blog nicht nur zeigt, was ich für tolle Sachen erlebe und dass alles supertoll und mein Freiwilligendienst eine einzige Party ist, sondern dass ich auch schreibe, was nicht so toll läuft und was mich im Einsatzland und in der Einsatzstelle nervt.

So, aber abgesehen davon gab es diese Woche wieder einige Veranstaltungen in der Stadt. Am Montag war Feiertag (Tag Russlands) und seitdem gab es jeden Tag ein Open-Air-Konzert von verschiedenen Gruppen. Am Montag gab es überall in der Stadt verschiedene Angebote, von denen ich sehr viele auch interessant fand, aber die Stadt ist leider so groß, dass es schwer ist, alles zu sehen, was einen interessiert. Das Wetter war leider nicht besonders feierlich, denn es regnete fast die ganze Zeit, aber daran habe ich mich schon gewöhnt und habe inzwischen fast immer einen Schirm dabei. Wir sind jedenfalls zum zentralen Veranstaltungsort gefahren, nämlich zum Leninplatz, wo sich das Regierungsgebäude und ein großes Theater befindet. Unter dem Vordach dieses Theaters fand ein internationales Festival der Kulturen statt, bei dem Gruppen aus Südkorea, Mexiko, Iran, Kasachstan, Sri Lanka, Indien, Estland, Kolumbien, Serbien, Südafrika, China und natürlich Baschkortostan entweder Volkstänze oder traditionelle Musik oder beides vorstellten. Am Schluss wurden Stühle aufgebaut und alle beteiligten Musiker (ca. 20) sollten zusammen musizieren. Das klappte auch sehr schnell sehr gut – jeder durfte mal ein Solo spielen und es entstand ein ganz besonderer Klang mit Instrumenten aus ganz verschiedenen Kulturen, und am Schluss stimmte einer der estnischen Musiker noch einen Gesang mit dem Text „Ufa Festival“ an, bei dem natürlich auch das Publikum begeistert mitsang.

Indien

Mexiko

Mexiko

Musiker aus allen Ländern

Gestern waren wir dann bei einem Konzert des Baschkirischen Staatsorchesters und heute bei einem Konzert von traditionellen baschkirischen Musikern. Wobei, so traditionell war das meiste gar nicht… eigentlich waren es hauptsächlich Pop- und Rockbands, die baschkirische Flöten (kurai) in ihre Musik einbauten. Eine Gruppe spielte z.B. ein Cover von Smells Like Teen Spirit, bei dem der Gesang durch die Flöte ersetzt wurde. Die Lage der Bühne ist aber wirklich perfekt: sie ist auf einem Platz aufgebaut, der von Hügeln umgeben ist, d.h. man sitzt auf der schrägen Wiese, hat von überall eine gute Sicht auf die Bühne und dazu noch einen schönen Ausblick ins Tal.

Tag 103 – Du hast einen deutschen Akzent!

Liebe Leser_innen,

seit Montag läuft in der Schule jetzt das Kinderlager. Kurz erklärt: ca. 120 Erst- bis Viertklässler unserer Schule kommen montags bis freitags von 8:30 bis 15:00 Uhr in die Schule und bekommen dort ein Ferienprogramm. In der Schule gibt es Malstunden, Tanzen, Musik, Sport und andere Indoor-Aktivitäten und oft gibt es Ausflüge, z.B. in den Zoo, ins Theater, ins Schwimmbad usw.
Am Donnerstag gab es außerdem einen Sportwettbewerb, bei dem alle Gruppen gegeneinander angetreten sind, indem sie in der Sporthalle vom Rand bis zur Mittellinie und zurück rennen mussten, in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. In einer Runde z.B. musste der erste Läufer auf dem Weg einen Staffelstab in einen Hula-Hoop-Reifen legen, der zweite Läufer musste ihn aufheben und dem dritten Läufer übergeben, der ihn wiederum in den Reifen legte usw. Zum Zuschauen war es lustig, aber auch sehr anstrengend, denn die Sporthalle hallt ganz fürchterlich (no pun intended), es läuft laut Musik und 120 Kinder schreien aus vollem Hals, um sich gegenseitig anzufeuern…

Meine Aufgabe ist aber, Musikstunden zu halten, allerdings mache ich keinen normalen Unterricht, sondern ich singe mit den Kindern deutsche Lieder. Dabei habe ich seit Mittwoch auch eine große Unterstützung, nämlich Theresa aus Berlin – sie ist eigentlich mehr Freiwillige als ich, denn sie ist wirklich ganz freiwillig und ohne Organisation hier und bekommt auch kein Geld dafür. Sie ist für vier Wochen in Ufa, wo sie anstelle von mir im Sprachlager arbeiten wird (ich habe in der Zeit Urlaub genommen, allerdings ohne zu wissen, dass das Sprachlager genau in der Zeit liegt, shame on me) und arbeitet danach noch in einem Sprachlager in Sochi, was von einer anderen Schule organisiert wird. In den Musikstunden arbeiten wir allerdings weniger zusammen als dass wir uns vielmehr abwechseln, denn dadurch, dass immer drei Gruppen hintereinander kommen, machen wir dreimal hintereinander das gleiche Programm, und das ist auch mental anstrengend, wenn man dreimal das gleiche Lied einstudiert. Immerhin hat diejenige, die gerade nicht mit den Kindern arbeitet, die verantwortungsvolle Aufgabe, die Powerpoint-Präsentation weiterzuklicken, auf der der Text zu sehen ist.

Die Gruppen (es gibt insgesamt 7) sind alle ganz unterschiedlich. Manche haben das Lied nach fünf Minuten drauf und wir müssen uns spontan überlegen, wie man die Kinder die restlichen 25 Minuten bespaßen kann. In manchen Gruppen singen nur wenige Kinder überhaupt mit und der Rest langweilt sich und wird unruhig. Und eine Gruppe kam sowohl in meiner als auch in Theresas ersten Stunde am Ende nach vorne gestürmt, alle mit Handys bewaffnet: „Können wir ein Foto zusammen machen?“
Und fast alle stellen viele Fragen – natürlich auf Russisch und nicht auf Deutsch, denn die deutsch- und englischlernenden Schüler_innen sind in den Gruppen durchmischt und sprechen auch nur sehr wenig Deutsch oder Englisch. Für uns ist das aber gar nicht schlecht, denn so können wir unsere Russischkenntnisse verbessern (vor allem ich – Theresa spricht um einiges besser Russisch als ich, sie hat das aber auch in der Schule gelernt…). Ein Mädchen hat uns beide nacheinander gefragt, wie alt wir sind, und nach meiner Antwort stellte sie (offenbar mit großer Zufriedenheit) fest: „Немецкий акцент есть!“ (Du hast einen deutschen Akzent!)

Ich muss sagen, es ist so schön, noch jemanden hier zu kennen, mit der ich Deutsch sprechen kann und die in meinem Alter ist. Außerdem ist es das erste Mal, dass ich jemandem Ufa zeigen kann oder zumindest das, was ich kenne. Da fühle ich mich gleich noch ein Stückchen mehr zuhause, denn jetzt habe ich jemandem meine Stadt gezeigt. Und jetzt habe ich noch mehr Lust, noch mehr von der Stadt zu entdecken. Morgen fahren wir zusammen in die Stadt und werden uns einige Veranstaltungen anschauen, denn morgen wird das Stadtfest gefeiert. Am 12. Juni ist nämlich der Tag Russlands UND der Geburtstag des baschkirischen Nationalhelden Salavat Yulaev. Ich bin sehr gespannt, was Ufa wieder an Feierlichkeiten zu bieten hat…