Tag 96 – Zwischenseminar

Liebe Leser_innen,

die Ankunft in Ufa gestern Abend war ein kleiner Schock für mich – 5 Grad und Regen. Nachdem ich über eine Woche lang fast nur Sonnenschein und Wärme hatte, war es doch sehr deprimierend, in eine kalte Wohnung zurückzukommen, während der Wind den Regen gegen die Fenster peitschen ließ. In Gedanken bin ich immer noch in der wunderschönen Villa Greta in Polen (als Urlaubsziel übrigens sehr empfehlenswert…), da hat mich die sommerliche Natur sehr fasziniert, nachdem die Sommertage hier doch eher selten waren. Obwohl wir dort unser Zwischenseminar hatten und viel gearbeitet und diskutiert haben, war es für mich wie eine Woche Urlaub. Die Gruppenzusammensetzung hat echt gut gepasst, noch besser als auf dem Vorbereitungsseminar, und alle gruppenpädagogischen Spiele haben wir ziemlich gut gemeistert. Die Trainer_innen waren auch sehr nett und hatten gute Methoden und Spiele für uns dabei. Und die Villa Greta war einfach ein Traum – tolles Essen, wunderschöne Häuser, ein großer Garten und ein sehr liebenswerter Hund. Wir Russland-Freiwilligen haben den Sonnenbrand gerne in Kauf genommen – bis jetzt haben wir ja noch nicht so wahnsinnig viel Sonne abbekommen…

Ein Visum habe ich jetzt auch, nach dem kleinen Schock, dass ich eine neue Einladung von der Schule brauchte, in der explizit drinsteht, dass ich zweimal ein- und ausreisen darf, das stand nämlich vorher nicht drin. Das ging aber sehr schnell, und zum Glück reichte das als Email und ich brauchte kein Original. Die Mitarbeiterin im Visazentrum war auch sehr freundlich und hilfsbereit und so konnte ich vorgestern meinen Pass wieder abholen, mit dem richtigen Visum drin. Leider kann ich mich nicht nur freuen, denn es hat bis jetzt nicht bei allen Russland-Freiwilligen geklappt, ein neues Visum zu bekommen – diese ganze Visageschichte ist einfach viel zu kompliziert.

Morgen geht es dann im Kinderlager los und vielleicht komme ich dann mal dazu, meine musikalischen Fähigkeiten einzusetzen und mit den Kindern zu singen – bis jetzt ist das ja leider eher untergegangen.

Achso, fast hätte ich es vergessen: was haben wir denn auf dem Seminar gemacht? Wir haben über unsere Arbeit in den Einsatzstellen gesprochen und ggf. nach Verbesserungsmöglichkeiten oder Beschäftigungsmöglichkeiten gesprochen, denn erstaunlicherweise sind fast alle Freiwilligen (Goethe-Institut ausgenommen) total unterfordert und haben kaum etwas zu tun. Außerdem haben wir uns mit unseren Projekten beschäftigt und dafür gesorgt, dass jetzt jeder eine Idee und einen groben Plan für die Umsetzung hat. Einen Ausflug haben wir auch gemacht, der war zwar interessant, hat uns aber auch leider einen ganzen Tag der sowieso knappen Seminarzeit gekostet. Wir sind nach Krzyżowa (Kreisau) gefahren und hatten dort eine Führung über das Gelände und haben viel über die Geschichte des Guts Kreisau, die deutsch-polnischen Beziehungen und den Kreisauer Kreis erfahren. Und abgesehen davon haben wir natürlich viele Spiele gemacht, manchmal thematisch passend, manchmal einfach nur als Energizer.

Ich würde sehr gerne Fotos hochladen, aber leider hat sich mein Handy gestern ohne Rücksprache mit mir dazu entschlossen, sämtliche Daten von der Speicherkarte, darunter auch die Kamerabilder, zu löschen. Vielleicht waren ihm die ganzen Länderwechsel auch einfach zu blöd 😉

Tag 82 – Besuch des Generalkonsuls

Liebe Leser_innen,

gestern war eigentlich der einzige wirklich spannende Tag der letzten Woche, deshalb werde ich einfach ausführlich über diesen Tag berichten.

Die ganze Woche lang bereiteten wir uns auf den Besuch des Generalkonsuls aus Jekaterinburg vor. Ich hatte viele Infos über alle deutschen Bundesländer zusammengesucht, bei der Einstudierung einiger Märchen-Theaterstücke geholfen und eine Unterrichtsstunde vorbereitet, bei der der Konsul und die anderen Gäste zuschauen sollten. Es war wirklich unglaublich zu sehen, was für einen aufwändigen Jahrmarkt wir mit nur vier Wochen Planung zustandegebracht hatten. Ich werde gar nicht mehr erzählen, schaut es euch hier an. (Es lohnt sich, die 12 Minuten durchzuhalten!)

Mein Unterricht bestand darin, einen Sketch von Loriot anzuschauen und Fragen dazu zu besprechen. Anschließend sollten die Schüler_innen den Dialog üben und vorspielen. Die Gäste fanden den Film – wie erwartet – sehr lustig, die Klasse hat den Humor nicht ganz verstanden, glaube ich… Der Konsul sagte mir später, ihm hätte der Unterricht sehr gefallen. Falls jemand diesen Sketch nicht kennt (Bildungslücke!), dann schaut ihn euch hier an:

Nach dem Unterricht gab es eine „Pressekonferenz“, bei der einige Schüler_innen Fragen vorbereitet hatten, teilweise über Themen wie Musik und Sport, aber auch über z.B. Studieren in Deutschland. Danach gab es eine „coffee break“ (das heißt hier wohl tatsächlich so, wenn ich auch etwas länger brauchte, um das englische Wort in russischer Aussprache zu erkennen). Es gab Kaffee, Tee, Obst, Blini und einige baschkirische Spezialitäten, die irgendwie alle aus frittiertem Teig in verschiedenen Ausführungen bestehen und entweder in Zucker oder Honig gewälzt sind. Zum Beispiel чак-чак (Tschak-tschak), da sieht der Teig aus wie größere Erdnussflips, und die einzelnen Teile sind zu einem Berg aufgetürmt (die Höhe kann beliebig variiert werden) und mit (baschkirischem!) Honig übergossen. Sehr klebrig, sehr süß, sehr lecker.

Danach durfte ich freundlicherweise mit dem Konsul und zwei Begleiterinnen im Auto mit in die Stadt fahren. Wir fuhren zuerst ins Goethe-Zentrum am anderen Ende der Stadt. Das ist quasi eine kleine Sprachschule vom Goethe-Institut, die berechtigt ist, Sprachkurse zu geben und Prüfungen durchzuführen. Da wollte ich mich sowieso noch melden, um mich als Helferin im Sommer anzubieten, wenn in der Schule nichts mehr zu tun ist. Und weil ich jetzt schon da war, habe ich das gleich vorgeschlagen und die Mitarbeiter waren ganz begeistert von der Idee. Ich werde dann also ab Mitte Juli im Sommersprachkurs mithelfen, dann habe ich was zu tun und lerne auch nochmal ein anderes Arbeitsumfeld kennen. Der einzige Nachteil ist, dass ich jeden Tag über eine Stunde mit dem Bus dorthin fahren muss. Aber das ist zum Glück nur lang und nicht teuer.

Zum Abschluss fuhren wir dann ins Stadtzentrum, um den Frühlingsball zu sehen. Da versammeln sich die Absolventen aller Schulen in Ufa auf dem Sowjetischen Platz und tanzen verschiedene Tänze. Ich habe zwar auch Fotos und Videos gemacht, aber am besten sind natürlich die Luftaufnahmen der Veranstalter. Das Ganze ist nämlich vom Internet- und Mobilfunkanbieter Ufanet organisiert und natürlich keine schlechte Werbeaktion. Deshalb schaut euch lieber dieses Video an, da sieht man am Anfang und am Schluss ganz gut die Dimensionen der Veranstaltung (und es ist kein verwackeltes Handyvideo). Soweit ich weiß, waren da 5000 Schüler_innen beteiligt. So ein Abschlussball hätte mir auch gefallen…

Ich bin jedenfalls immer noch beeindruckt, wie feierlich die meisten Veranstaltungen hier sind. Manchmal wirkt es auf mich etwas übertrieben, aber es macht trotzdem Spaß, in diese Feierlichkeit mit einzusteigen und sie einfach zu genießen. Und beim Schulabschluss ist diese Festlichkeit auf jeden Fall gerechtfertigt!

Und wie geht es jetzt weiter? Am Donnerstag fliege ich nach Berlin, um ein neues Visum zu beantragen, und am Samstag geht es dann nach Wroclaw, wo am Sonntagmittag der Bus zum Ort des Zwischenseminars fährt. Das geht dann bis Donnerstag, am Freitag hole ich meinen Pass (hoffentlich mit Visum drin!) in Berlin ab und fliege am Samstag wieder nachhause. Merkt ihr was? Ufa ist für mich schon „zuhause“ 🙂

Frag doch mal in Russland #2 Bildung, Arbeit, Chancen

Liebe Leser_innen,

dieser Beitrag ist das zweite Interview im Rahmen des Projekts „Frag doch mal in…“, diesmal wieder mit Svetlana, meiner Vermieterin und Mitbewohnerin. Sie ist 65 Jahre alt und war früher Deutschlehrerin an meiner Einsatzstelle, der Schule 103. Das Thema lautet dieses Mal „Bildung, Arbeit, Chancen“.

Wie war Ihre Laufbahn von der Schule bis zum Ende Ihrer Arbeit?

Als ich in der Schule lernte, wusste ich nicht, was ich werden will. Ich hatte keinen Traum, ich hatte keine Ziele. Ich war in einer sehr schweren Situation. Aber ich hatte zwei Beispiele vor mir, nämlich meine Schwestern. Ich hatte auch ein Beispiel von meinem Vater, von meiner Mutter, von meinem Großvater sogar. Er war ein Dorflehrer, er war sehr lange der einzige Lehrer in seinem Dorf. Und  sehr viele Generationen von Kindern hat er unterrichtet. Und mein Vater hat auch die pädagogische Fachschule beendet, aber als Lehrer arbeitete er nicht. Warum? Er war Mitglied der Kommunistischen Partei, und die Partei hat ihm gesagt: „Sie sollen in der Landwirtschaft arbeiten.“ Die Landwirtschaft war schlecht, man brauchte sehr viele Kräfte, um sie zu verbessern. Und sehr viele Jahre, 30 oder 40 Jahre, arbeitete er als Vorsitzender eines Kolchos. Aber meine ältere Schwester hat ihren Beruf ganz zielstrebig gewählt. Sie wusste schon in der Schule, dass sie Lehrerin werden will, und sie bereitete sich selbst auf diesen Beruf vor. Und sie wollte Russischlehrerin werden, aber als sie in die pädagogische Hochschule in Birsk gekommen ist, hat die Prüfungskommission ihre Fremdsprachenkenntnisse geprüft, in Deutsch, und sie haben ein paar Fragen auf Deutsch gestellt, Luise hat geantwortet, und das hat ihnen gefallen, und sie haben gefragt: „Warum wollen Sie Russischlehrerin werden? Bitte arbeiten Sie lieber als Deutschlehrerin! Das ist viel interessanter, hat mehr Prestige, und Sie haben gute Kenntnisse. Bitte schreiben Sie sich an unserer Fakultät ein!“ Das ist die Fakultät der Fremdsprachen, Deutsch und Französisch.
Nach Luise ist meine zweite Schwester in diese Stadt, in diese Fachschule gegangen, und sie wurde auch Studentin dort. Mir blieb also nichts anderes übrig, ich ging auch in diese Schule. Die zweite Schwester wurde Russischlehrerin, Luise Deutsch- und Französischlehrerin, und ich wollte nur Fremdsprachen lernen, Russisch wollte ich nicht. Aber in der Schule lernte ich sehr gut, besonders gut waren für mich Literatur, Geschichte und Fremdsprachen. Mathematik war schwerer, bis zur 9. Klasse waren alle meine Noten nur 5 [beste Note in Russland], aber in der 10. Klasse, 11. Klasse, war ich in Mathematik nicht mehr gut, und Physik war besonders schwer für mich. Aber Chemie war viel besser.
Ich war schon verheiratet, ich hatte schon Kinder, aber in meinem Traum sah ich solche Bilder: ich stehe an der Tafel in der Physikstunde, und soll eine physikalische Aufgabe lösen, das war schrecklich! Und als ich verstand, dass das ein Traum war, war ich so glücklich.

Was für eine Schule haben Sie besucht?

Bei uns hatten wir nur eine einzige Schulart, eine Mittelschule von der 1. bis zur 11. Klasse.

Wann sind Sie in den Beruf eingestiegen? Haben Sie gleich hier in Ufa gearbeitet?

Als ich Studentin war, hatten wir in unserem Land eine Studentenbewegung, die Baugruppen. Ich wurde auch mit meinen Freundinnen und Mitstudentinnen Mitglied einer solchen Baugruppe. Nach dem 1. Studienjahr ist eine Gruppe von ca. 100 Studenten in die Vorstadt von Ufa gekommen, um in einer Baustelle eine Firma für die Viehfarm zu bauen. Fast 100 Mädchen und nur 3 oder 4 Jungen. Kannst du dir das vorstellen? Wir Mädchen trugen Beton, das war so schwierig. Wir gruben Erde für das Fundament usw. Die Arbeit war sehr schwierig, aber sehr interessant und nach der Arbeit war es sehr lustig. Wir wohnten in Zelten unter den Birken. Rechts war ein Kornfeld, das war eine sehr romantische Atmosphäre, und damals habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er war auch Student, er leitete eine solche Baugruppe, aber nicht von unserem Institut, sondern von Ufa. Er war Student der landwirtschaftlichen Hochschule. Er sollte Ingenieur werden. Das war nach dem ersten Studienjahr, und zwei Jahre lang haben wir uns getroffen. Er kam in meine Stadt, und dann kam ich nach Ufa, und nach zwei Jahren veranstalteten wir die Hochzeit. Sehr viele Studenten waren bei unserer Hochzeit, das war sehr lustig, aber für meine Mutter war das nicht leicht, denn vieles hat sie selbst gemacht und sie hatte fast keine Helfer. Und es gab Probleme, ich konnte nicht einmal ein Brautkleid kaufen. Es gab das nicht, in den Kaufhäusern gab es überhaupt keine solchen Kleider, und wir suchten, wir schrieben nach Moskau, aus Moskau haben sie uns Stoffe geschickt usw. Das ist eine andere Geschichte, man kann darüber sehr lange sprechen. Aber wir wurden Frau und Mann. Und von der Stadt Birsk bin ich nach Ufa umgezogen. Mein Mann hat viel dafür gemacht, und er hat auch im Studentenwohnheim ein Zimmer für uns organisiert, und er war sehr aktiv in diesem Institut, und darum kamen die Leiter des Instituts ihm entgegen und machten vieles für ihn. Also bekamen wir ein solches Zimmer. Das waren sogar 2 kleine Zimmer, eine Küche und ein Wohnzimmer. Und im 5. Studienjahr ist Ina geboren, im Dezember. Und als wir studierten, damals, bekamen alle Studenten Papiere, wo geschrieben wurde: die Stadt, die Organisation, der Betrieb oder die Schule, wo die Absolventen arbeiten sollten. Weil ich schon verheiratet war, gaben sie mir kein solches Papier. Ich musste oder sollte selbst meine Arbeitsstelle auswählen. Das Studium an der Fakultät der Fremdsprachen hat mir sehr gut gefallen, vieles, die Aussprache usw. Aber Deutsch hat man uns sehr schlecht beigebracht, das war ein junger Professor, wir machten ihm schöne Augen. Er war nicht streng, er hatte keine Erfahrung, er war ein sehr, sehr junger Professor und konnte nichts von uns fordern. Aber ich hatte gute Noten, weil ich Deutsch in der Schule gelernt hatte.

Als Sie angefangen haben, in der Schule zu arbeiten: Wo haben Sie angefangen?

Ich habe mir selbst Arbeit gesucht. Ich ging in eine Schule: „Brauchen Sie eine Deutschlehrerin oder nicht?“ – Nein, sagten sie mir. Endlich, in der Schule 102, hat man mir gesagt: „Ja, wir brauchen eine Deutschlehrerin, weil unsere Deutschlehrerin schwanger ist.“ Und ich begann zu arbeiten. Ich war eine so junge Lehrerin, und meine Schüler waren schon in der 11. Klasse. Und solche großen Jungen saßen da. Und jetzt lachten sie und strahlten mich mit den Augen an wie wir unseren Deutschprofessor.
Die Arbeit war sehr schwierig für mich. Jetzt verstehe ich, die Arbeit des Lehrers ist nicht für mich. Aber ich war sehr tüchtig. Die Disziplin war für mich am Anfang ein Problem. Sogar bei den kleinen Schülern, in der 5., in der 6. Klasse. Ich meinte, ich liebe sie, und darum sollen sie mich auch lieben. Warum muss ich so streng sein? Ich will nicht so streng sein, ich liebe sie, und das ist genug! Aber die Kinder sind nicht so. Eine alte Deutschlehrerin, Galina, sagte mir: „Oh, Svetlana, ich verstehe dich nicht. Sie sind so klein, warum sind sie so undiszipliniert in deiner Stunde? Es ist so leicht, sie dazu zu bringen, sich zu benehmen!“ Nach vielen Jahren habe ich es verstanden, und ich konnte auch eine gute Disziplin in der Stunde haben.

Wie lange haben Sie als Lehrerin gearbeitet, bevor Sie ins Schulamt gegangen sind?

Ich habe in der Schule 102 zwei Jahre gearbeitet, und dann ist diese Lehrerin zurückgekommen, und ich begann wieder, Arbeit zu suchen. Und in der Schule 103 habe ich diese Arbeit gefunden. Da habe ich 25 Jahre gearbeitet. Das war eine sehr interessante Zeit, wir hatten mit den Schülern viele interessante Schulabende. In unseren Schulen gab es die Tradition, dass am Ende des Schuljahres die Schüler mit den Lehrern Ausflüge machten. Diese Ausflüge waren sehr interessant und nicht nur für ein paar Stunden: wir wohnten in Zelten, wir fuhren mit dem Zug, dann gingen wir zu Fuß… Ein Ausflug mit meinen Schülern dauerte eine Woche. Wir waren in interessanten Höhlen in Regionen, die sehr weit von Ufa waren, wo es sogar keine Elektrizität gab. Die Leute wohnten in den Dörfern, aber sie hatten da keine Elektrizität, das kann man sich heute unmöglich vorstellen, aber es war so. Und die Schüler mochten das sehr.

Wie lange haben Sie im Schulamt gearbeitet?

8 Jahre. Und ich habe verstanden, dass das meine Bestimmung war. Das war eine schöpferische Arbeit, ich war für die methodische Arbeit verantwortlich. Aber diese Arbeit war sehr schlecht bezahlt, sogar die Lehrer verdienten mehr als ich. Das ist paradox, meiner Meinung nach. Ich half den Lehrern, ich leitete und koordinierte die Arbeit, aber mein Lohn war so klein. Aber ich litt nicht, weil mein Mann gut verdiente. Die Arbeit war sehr interessant, und eine Richtung – das kann ich ohne Bescheidenheit sagen – habe ich in unserem Bezirk entwickelt, das ist eine wissenschaftliche Arbeit der Schüler. Die Schüler schreiben über verschiedene Projekte, sie bearbeiten eine Frage und schützen ihre Projekte. Das ist sehr interessant, sie machen sehr, sehr viel, um ihr Projekt zu schützen, und die Schüler haben jetzt sehr viele Auszeichnungen für ihre Projekte, zuerst in der Stadt, und dann auch in anderen Regionen.

Welche Berufe sind in Russland am besten bezahlt oder am angesehensten?

Gazprom, die Erdölbetriebe. Aber man muss sagen: die Leiter bekommen sehr viel, aber die Arbeiter nicht. Die Leiter bekommen unmöglich, undenkbar viel.
In der Bank kann man auch viel Geld verdienen. Die Leute, die verkaufen – wenn sie gut verkaufen, bekommen sie viel Geld, und die Direktoren, die Manager auch. Und Richter verdienen auch sehr gut! Meine Rente ist z.B. 15.000 Rubel und die Rente von einem Richter ist 75.000 Rubel, so viel mal größer. Die Stadtangestellten – ihre Rente ist auch gut, mehr als z.B. die Rente der Lehrer, der Ärzte…

Was ist Ihre persönliche Meinung zum russischen Bildungssystem?

Früher war die Bildung sehr gut, meiner Meinung nach. Wir hatten keine Tests, keine einheitlichen staatlichen Tests für alle Schüler im ganzen Land. Warum ist das schlecht? Ihr Denken entwickelt sich nicht, sie sollen nur viele Fakten wissen. Und dann: Plus, Minus, Plus, Minus…
Wir hatten früher andere Prüfungen: die Schüler sollten eine Frage beantworten, mündlich, sie sollten z.B. eine Theorie beweisen, sie sollten ihre Position beweisen. Natürlich war das nicht leicht. Wir hatten Abschlussprüfungen, und als wir das Abitur hatten, mussten wir auch Prüfungen bestehen, um in die Hochschule zu kommen. Zweimal – im Juni in der Schule und im August hatten wir Prüfungen in der Hochschule, die wir gewählt hatten. Das war nicht leicht. Sehr viele junge Lehrer wissen schon nichts mehr davon, aber die Lehrer, die schon seit langem arbeiten und die selbst in einem anderen System gelernt hatten – alle schimpfen auf diese Tests. Und die Mitglieder unserer Regierung, unsere Abgeordneten, sie diskutieren viel über die Bildung.

Wie lange studiert man normalerweise?

Normalerweise in einer Hochschule 5 Jahre, aber es gibt jetzt Bachelor und Master. Früher studierten alle 5 Jahre, und manche 6 Jahre. Zur Zeit gibt es die Studenten, die 3 Jahre studieren und dann den Bachelor haben, und nach zwei Jahren den Master. Aber nicht alle Hochschulen sind so.

Soweit ich weiß, muss man immer Russisch, Mathematik und Sport studieren, egal, welches Fach man studiert.

Mathematik, ja. Früher war das nicht so. Ich habe die Fremdsprachenfakultät gewählt, und an unserer Fakultät hatten wir keine Mathematik, wozu? Oder Psychologie, wozu Biologie, wozu Mathematik? Aber jetzt ist Mathematik überall, warum? Fast alle Abiturienten wollen eine Hochbildung haben. Aber das Land braucht nicht so viele Fachmänner mit Hochbildung. Unser Land braucht viele Arbeiter. Und darum ist Mathematik seit einigen Jahren überall. Und alle sind erstaunt, wozu Mathematik? Das ist eine Barriere, und die Universitäten mit hohem Ansehen, z.B. MGU in Moskau, die beste Universität in unserem Land, und die Bauman-Universität, haben begonnen, den Abiturienten ihre eigenen Prüfungen zu stellen. Früher hatten wir sehr viele Fachschulen [Berufsschulen], und die Schüler, die diese Schule absolviert hatten, gingen in die Werke, in die Fabriken, sie wurden gute Fachleute, und zur Zeit braucht unser Land solche Fachleute, aber diese sehr guten Fachschulen waren ganz zerstört, wir haben nur noch sehr wenige. Und unser Land braucht sehr viele solche Leute, Arbeitsmänner, Arbeitshände.

Welche verschiedenen Schularten gibt es in Russland?

Bei uns gibt es Mittelschulen: sie vereinigen Grundschule, Mittelstufe und Oberstufe. Es gibt auch Gymnasien, d.h. Schulen, wo humanistische Fächer sehr gut unterrichtet werden, Literatur, Fremdsprachen, Geschichte. Es gibt auch Lyzeen. Im Lyzeum werden die „genauen“ Wissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie sehr gut unterrichtet. Alle diese Schulen haben 11 Klassen.

Welche Möglichkeiten der Weiterbildung hat man, wenn man die Schule beendet hat?

Zur Zeit haben unsere Studenten sehr viele Möglichkeiten. Sie können gleichzeitig zwei Berufe in einer Universität studieren. Und sie können sogar gleichzeitig arbeiten, wir kennen solche Beispiele. Z.B. die Tochter von Inas Freundin, die in St. Petersburg studiert, studiert zwei Berufe und arbeitet. Oder der Sohn meiner Cousine studiert an der Bauman-Universität, er arbeitet und verdient als Student viel mehr als sein Vater.
[…]
Unsere Universität in Ufa ist zur Zeit nicht so beliebt. Jetzt studieren alle in Kasan, da studierte zu seiner Zeit Lenin, aber das hängt nicht davon ab (lacht). Jetzt liegt Kasan in allen Richtungen vorne, Bildung, Straßen, Tourismus usw. Es heißt jetzt immer Moskau, St. Petersburg, Kasan.

Wie groß sind die Chancen, nach dem Universitätsabschluss eine Arbeit zu finden? Welche Studienfächer bieten die besten Chancen?

Früher hatten wir kein Problem. Alle bekamen ein Papier: du wirst in diesem Betrieb, in dieser Stadt, in dieser Organisation, in dieser Schule arbeiten, alle hatten so ein Papier. Jetzt ist alles ganz anders. Natürlich, wenn du Student von der Moskauer Universität warst, hast du mehr Chancen, oder wenn du im Ausland studiert hast. Sehr viele Schüler wollen Jura studieren, aber sehr wenige finden eine Arbeit, weil es zu viele gibt. Oder die Studenten, die Wirtschaft studiert haben, sie können auch keine Arbeit finden. Aber sie alle gehen und gehen, um das zu studieren.

Anmerkung: nach dem Interview (die Aufnahme war schon beendet) sagte Svetlana noch, dass die Kindergärten hier sehr gut seien und die Kinder dort eine gute Bildung und Entwicklung bekämen. Es sei dann geradezu ein Schock für die Kinder, vom Paradies Kindergarten in die Schule zu kommen.

Tag 75 – Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch

Liebe Leser_innen,

ich glaube, langsam pendelt sich ein guter Wochenrhythmus in meinem Blog ein, den ich versuchen werde, zu behalten.
In der letzten Woche ist wieder einiges passiert, also schön der Reihe nach:

Am 8. Mai war Feiertag, als Brückentag zwischen dem Wochenende und dem Tag des Sieges am 9. Mai. Diesen Tag habe ich genutzt, um einen Ausflug zu „Mega“ zu machen. Das ist ein Einkaufszentrum außerhalb der Stadt (also NOCH MEHR außerhalb als Djoma) und macht seinem Namen alle Ehre. Es gibt viele Marschrutka-Linien, die zu Mega fahren, auch eine direkt von Djoma aus, allerdings nur einmal in der Stunde, und da es keinen Fahrplan an der Bushaltestelle gibt, hatte ich halt das Pech, fast eine Stunde warten zu müssen. Diese Busfahrt kostet übrigens mehr als die normalen Fahrten, nämlich 30 statt 25 Rubel, ein halbes Vermögen! 😉 Als wir auf das Gelände fuhren, dachte ich kurz „Oh, cool, da gibt es auch einen Decathlon, da kann ich ja später vielleicht noch reingehen!“. Und dann sind wir von da aus noch ein ganzes Stück bis zu Mega gefahren und ich wusste in diesem Moment, dass ich am Ende nicht mehr genug Energie haben würde, um diese Strecke zu laufen.  Wie gesagt, die Dimensionen sind etwas größer als in Bamberg…
Als ich dann einmal drin war, hat mich die Größe dieses Gebäudes echt umgehauen. Nur mal zum Vergleich: ca. ein Viertel der Fläche bestand aus einem kompletten IKEA. Zum Glück war alles auf einer Ebene, sodass ich zumindest noch ein bisschen Orientierung hatte. Meine Mission habe ich auch erfüllt: ich wollte mir ein Paar Laufschuhe kaufen, weil ich keinen Platz im Koffer hatte, um meine mitzunehmen, und weil ich sowieso schon seit langem nicht mehr die Motivation zum Joggen aufgebracht hatte. Aber hier hab ich plötzlich einen Energieschub bekommen und mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu machen. Ich hatte jedenfalls 5000 Rubel in bar dabei (ca. 80 Euro) und habe mir vorgenommen, bei Mega kein Geld abheben oder meine Kreditkarte benutzen zu müssen. Diesen Vorsatz konnte ich tatsächlich einhalten und bin nur mit einem Paar Sportschuhe wieder nachhause gefahren.
Falls ihr euch jetzt fragt, wie ich die Schuhe nachhause bringe, wenn ich schon auf der Hinreise keinen Platz im Koffer hatte: ich werde zwischendurch nachhause fliegen und alles, was ich in den letzten Wochen nicht mehr brauche, zuhause lassen (Anorak, Winterstiefel usw.), damit ich dann genug Platz für Souvenirs und sonstige Mitbringsel habe.
Auf dem Rückweg habe ich dann die Bushaltestelle nicht mehr gefunden und bin mit dem Taxi gefahren. Das ist hier zum Glück eine gute Alternative, weil es echt nicht teuer ist. Natürlich nicht zu vergleichen mit dem Preis für eine Busfahrt, aber trotzdem: für eine 15-minütige Fahrt über ca. 15 Kilometer habe ich nicht mal 4 Euro bezahlt. Und meine Angst vor dem Alleine-Taxifahren habe ich auch schnell verloren, denn bis jetzt waren alle Taxifahrer echt nett und ich kann inzwischen auch gut genug Russisch, um mich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. Apropos: meine neue Taktik im Gespräch mit Einheimischen ist die Offensivattacke: ich rede einfach drauflos und hoffe, dass mir möglichst wenig Fragen gestellt werden. Denn erzählen kann ich ja – selbst mit meinem begrenzten Wortschatz – nur verstehe ich meistens die Fragen nicht. Und klar, wenn ich auf keine Frage antworten kann, denkt der Gesprächspartner natürlich, dass ich kein Wort Russisch kann, obwohl ich eben nur die entscheidenden Schlüsselwörter der Frage nicht kenne.
Der Kauf hat sich übrigens gelohnt, die Schuhe sind super.

Am 9. Mai war dann großer Feiertag. Ich bin in die Stadt gefahren, um mir die Parade anzusehen, aber erstens war ich zu spät, und zweitens glaube ich, dass es gar keine Militärparade gab, sondern nur einen langen Zug von Menschen, die teilweise Uniformen trugen oder Fahnen schwenkten oder wie ich einfach nur mitliefen. Die meisten hatten aber Bilder von den Brüdern, Vätern und Großvätern dabei, die im Krieg gestorben sind. Deshalb hieß die Parade auch „Unsterbliches Regiment“ und diese Geste hat mir wirklich gut gefallen. So ging es an diesem Tag auch darum, der Gefallenen zu gedenken und nicht nur zu feiern, wie toll das eigene Land ist. Denn das war für mich als Deutsche natürlich extrem ungewohnt, zu sehen, wie stolz alle Menschen auf ihr Land sind, darauf, dass sie Russen sind und dass Russland den Zweiten Weltkrieg (hier: den Großen Vaterländischen Krieg) gewonnen hat.
Aber da dieser Blog ein persönlicher und kein politischer ist, möchte ich es gern bei dieser Beobachtung belassen.
Die Parade endete dann am Leninplatz und da bekam ich dann doch noch eine Militärparade zu sehen, denn auf einer großen Leinwand wurde die Parade aus Moskau übertragen.


Und weil ich gerade so sportlich motiviert war, beschloss ich einfach, vom Leninplatz zum Stadtzentrum zurückzulaufen. Das waren zwar knapp 10 Kilometer und es fing irgendwann an, leicht zu regnen, aber ich hatte keinen Termin und konnte etwas von der Stadt sehen. Außerdem hätte ich jederzeit in einen Bus steigen können, da ich neben einer der drei Hauptstraßen Ufas gelaufen bin, nämlich dem Oktoberprospekt. Und da fährt so ziemlich jeder Bus entlang. Aber ich bin gelaufen und gelaufen und habe mir schließlich im Zentrum ein/eine/einen Schawarma gegönnt (ich weiß immer noch nicht den Artikel…). Nach Djoma bin ich dann aber schon mit dem Bus gefahren, keine Sorge 😉

Am Mittwoch fand dann ein einschneidendes Ereignis statt: ein großes Picknick mit ganz vielen Studenten. Der Anlass war folgender: jeden Sommer gibt es einen Studentenaustausch zwischen den Partnerstädten Ufa und Halle (Saale). Und an dem Picknick nahmen sowohl die Austauschstudenten von diesem Jahr teil als auch diejenigen, die den Austausch in den letzten Jahren schon gemacht haben. Meine Russischlehrerin hatte mich dazu eingeladen, denn sie kennt viele Studenten und war selbst vor ein paar Jahren bei dem Austausch dabei. Der Austausch ist allerdings für alle Studenten, nicht nur für diejenigen, die Deutsch sprechen oder Deutsch studieren. Deshalb waren nicht so viele deutschsprachige Leute außer mir da, aber die meisten sprachen ziemlich gut Englisch oder zumindest besser, als ich Russisch spreche. Die diesjährigen Austauschstudenten hatten sogar eine Art Schnitzeljagd organisiert, bei der wir durch den ganzen Park rennen mussten und verschiedene Aufgaben lösen mussten. Meine Lieblingsstation war eine, bei der man aus einem echten deutschen Wort und einem Fantasiewort das echte Wort erraten musste. Außerdem sollte man die richtige Bedeutung erraten. Ich bekam einige erstaunte, bewundernde und auch verwirrte Blicke, als ich das Wort „Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch“ in meinem schönsten Bayrisch aussprach.
An diesem Abend konnte ich gar nicht mehr denken oder reden, weil ich den ganzen Nachmittag abwechselnd oder gleichzeitig Russisch, Englisch und Deutsch gesprochen hatte. Da ich den letzten Bus nachhause verpasst hatte, bin ich wieder mit dem Taxi gefahren und habe wieder meine neue Offensivtaktik im Gespräch verwendet.

Und jetzt kenne ich ganz viele Leute und lerne das kulturelle Leben hier kennen. Gleich am Freitag wurde ich zu einer Theatervorstellung eingeladen, die perfekt für mich war, denn es war eine pantomimische Vorstellung. Heute werde ich noch ein Theaterstück sehen bzw. eine Probe vor Publikum, bei der eine andere Gruppe spielt, die aber einige Mitglieder hat, die auch in der Theatergruppe vom Freitag dabei waren. Mal sehen, wie viel ich von der Musikszene noch mitbekomme, aber im Moment tauche ich erstmal ins Theater ein.

Tag 67 – Eine Kirche und viele Denkmäler

Liebe Leser_innen,

in den letzten Tagen ist die Stadt plötzlich grün geworden. Von einem Tag auf den anderen blühten plötzlich alle Wiesen und Bäume, die Grünstreifen neben den Straßen sind jetzt tatsächlich grün und überall wuchert der Löwenzahn vor sich hin. Ich würde jetzt gerne Fotos hochladen, aber leider ist es jetzt, wo wirklich jeder Baum blüht, wieder kalt, grau und regnerisch geworden, kurz: nicht besonders präsentabel. (In der Wohnung ist es zur Zeit tatsächlich ziemlich kalt, weil die Zentralheizung jetzt aus ist und es draußen nachts wieder um 0°C hat…) Aber in der letzten Woche habe ich schon einen Eindruck davon bekommen, wie der Sommer hier sein wird. Es hatte bis zu 25°C und die Sonne strahlte den ganzen Tag an einem meist wolkenlosen Himmel. Da ist der Wind dann wieder angenehm…

Bei diesem Wetter bin ich dann am Sonntag und am Montag jeweils nachmittags in die Stadt gefahren, um das Zentrum ein bisschen zu Fuß zu erkunden. Die Straßen sind dort alle rechtwinklig und sehr gerade, deshalb hatte ich keine Angst, mich zu verlaufen. Irgendwann stand ich dann an einer Kreuzung, unschlüssig, in welche Richtung ich weiterlaufen soll, und dann habe ich eine Kirche am Ende einer der Straßen entdeckt und habe beschlossen, sie mir anzuschauen. Nur leider habe ich die Entfernungen in dieser Stadt noch nicht ganz verinnerlicht, und deshalb war ich erst nach einer knappen Viertelstunde bei der Kirche, obwohl ich sie die ganze Zeit direkt vor Augen hatte. Dort angekommen hörte ich eine Zeitlang dem Gottesdienst zu und bewunderte die Innengestaltung, die fast nur aus Gold bestand. Ein Foto davon habe ich leider nicht, denn es gab mehrere Schilder, die ausdrücklich auf ein Handyverbot in der Kirche hinwiesen, und daran habe ich mich lieber mal gehalten.

Diese wunderschöne Kirche trägt den langen Namen „Кафедральный соборный храм Рождества Богородицы“. Eine Übersetzung dieses Titels habe ich nicht zustandegebracht.

Ich bin dann noch ein bisschen herumgewandert und habe einige Denkmäler auf den gleichnamigen Straßen entdeckt (Lenina ulitsa, Puschkina ulitsa, Kirova ulitsa, Karla Marksa ulitsa, …).

Ein Denkmal des sowjetischen Schriftstellers Wladimir Wladirimirowitsch Majakowskij.

Lenin von Weitem…

… und nochmal in Nahaufnahme mit besserem Licht.

Eine Gebäudewand der wissenschaftlichen Akademie der Republik Baschkortostan.

Schließlich habe ich mein erstes, wohlverdientes Schawarma gegessen (Der Schawarma? Die Schawarma?) und es war wie erwartet sehr, sehr lecker. Bei dem Stand war außerdem nichts los und deshalb habe ich mich, während der/die/das Schawarma zubereitet wurde, mit der Verkäuferin unterhalten. Sie hatte mich nämlich gefragt, woher ich komme, weil sie meinen Akzent bemerkt hatte (Mist!) und hat sich sehr dafür interessiert, was ich hier mache und wie es mir gefällt. Und das war wirklich ein tolles Erlebnis.

Bis jetzt bin ich nämlich leider hauptsächlich auf Ablehnung und sichtliche Genervtheit gestoßen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit als Ausländerin „geoutet“ habe, indem ich etwas nicht verstanden habe. Und bei den Menschen, bei denen mir das bis jetzt passiert ist (Supermarktkassiererinnen, Busfahrer, Friseur), war das auch sicher keine Ausländerfeindlichkeit oder Misstrauen oder sonst irgendwas, sondern sie waren einfach genervt, dass sie mir jetzt etwas nochmal sagen oder gar erklären müssen. Obwohl die Reaktionen in den meisten Situationen verständlich sind und in Deutschland genauso ausfallen würden, ist es für mich trotzdem jedes Mal ein blödes Gefühl. Und dann stelle ich mir jedes Mal die gleichen Fragen: Bin ich jetzt zu empfindlich oder könnten die anderen Leute auch mal ein bisschen freundlicher sein? War die Person vorher schon schlecht gelaunt oder bin ich jetzt der Grund dafür? Wie hätte ich mich verhalten, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären? Wie hätte sich eine vergleichbare Person in Deutschland verhalten? …? …? …?

Das einzige, was mir da für meinen Seelenfrieden hilft, ist, das Ganze einfach erstmal zu vergessen und mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Außerdem wurde ich neulich netterweise zu einer wöchentlichen Skypekonferenz auf Russisch mit anderen Freiwilligen aus russischsprachigen Ländern eingeladen. Und da merke ich, dass ich eigentlich doch gar nicht so schlecht Russisch spreche. Auch wenn ich wenig Vokabular habe und natürlich nichts verstehe, wenn ich in der Öffentlichkeit etwas gefragt werde, kann ich mich doch, wenn auch beschränkt, über meinen Alltag unterhalten. Und das Skypegespräch ist immer der Punkt in der Woche, an dem ich meinen tatsächlichen Fortschritt bemerke. Jede Woche verstehe ich mehr und kann mehr sagen und das ist für das Selbstbewusstsein und die Motivation wirklich äußerst hilfreich.

Für euren Seelenfrieden gibt es jetzt noch einen einsamen Fun Fact, den ich beim letzten Mal vergessen habe zu erwähnen:

Makkaroni
Alle Nudeln heißen Makkaroni. Egal, ob Spaghetti, Penne, Girandole, Linguine oder wie sie alle heißen, hier heißen sie Makkaroni und man kann einige Sorten zu einem Kilopreis von ca. 50 Cent in Plastiktüten im Supermarkt kaufen. Die schmecken auch gar nicht so schlecht. (Ja, ich habe diese Nudeln mal gekauft…)

Übrigens hatte ich schöne zwei Wochen, in denen ich die 7. und 8. Klasse alleine unterrichtet habe, und im Moment steht mir der Sinn doch wieder sehr danach, Lehramt zu studieren. Diese zwei Klassen sind einfach total nett und bringen mich oft zum Lachen. Neulich sollten sie z.B. Dialoge vorspielen, in denen verschiedene Familienmitglieder sagen, was sie jetzt gerne unternehmen wollen. Der Dialog, der von mir trotz wenig Text einen Extrapunkt für realistische Darstellung bekommen hätte, wenn es Punkte gegeben hätte, verlief so:
Mutter: Ich möchte gerne ins Kino gehen.
Sohn: Ich möchte lieber Tretboot fahren.
Tochter: Bist du dumm?
Sohn: DU bist dumm!

Tag 61 – Sophia, Saphia, Sophie

Liebe Leser_innen,

es ist ein entspannter Sonntagvormittag und alle sind in Feiertagsstimmung. So auch Svetlana und ich – gerade saßen wir noch in aller Ruhe bei Tee und Gebäck in der Küche und haben darüber geredet, ob das gesamte Leben eigentlich vorbestimmt ist oder nicht… Was hier allerdings fehlt, ist die „Oh mein Gott, morgen und übermorgen sind die Geschäfte zu, wir müssen Vorräte für drei Wochen kaufen!“-Samstagnachmittag-Einkaufshektik. Denn hier sind ja alle Geschäfte auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Und da es jetzt tatsächlich sonnige 18°C hat, herrscht hier eine wohlige, fast sommerliche Sonntagsentspannung. Mein Zimmer wird durch die vielen Fenster wunderschön von der Sonne beleuchtet und ich kann bei schöner Musik in aller Ruhe ein bisschen schreiben.

Morgen ist also der erste Mai. Die meisten Leute, so auch Svetlana, fahren auf ihre Datschen, um diese sommerfertig zu machen. Von meiner Russischlehrerin habe ich aber erfahren, dass es in der Stadt ziemlich viele Veranstaltungen und abends ein Feuerwerk gibt. Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen und werde die Gelegenheit nutzen, nochmal ein bisschen die Stadt zu erkunden und endlich mal Schawarma zu essen. Das ist so ähnlich wie Döner und gibt es an jeder Ecke, aber es hat sich für mich bisher leider noch nicht ergeben…
In Djoma gab es gestern außerdem eine „Jarmarka“ (ja, genau, einen Jahrmarkt), bei der unter anderem frisches Gemüse und Schaschlik verkauft wurde. Dafür wurde die ulitsa Pravdy, eine der Hauptverkehrsstraßen in meiner näheren Umgebung, gesperrt.

Die „Jarmarka“

Bei dem schönen Wetter habe ich auch noch ein paar Bilder gemacht. Ich entschuldige mich übrigens sehr für die schlechte Qualität, die eben entsteht, wenn man mit dem Handy Fotos macht. Aber in den Momenten, wenn mir auffällt, dass man jetzt ein schönes Foto machen könnte, habe ich meine Kamera eben nie dabei. (Wobei die Kamerabilder auch nicht viiiel besser sind…)

Das ist mein Schreibtisch im Büro der stellvertretenden Direktorin.

Und das ist der Blick aus dem Fenster. Leider blühen die Birken noch nicht.

Und durch diesen kleinen Park führt mein Schulweg:

Und hier sind noch ein paar weitere Fun Facts:

Busfahren #2
In den großen Stadtbussen gibt es meistens eine Fahrkartenverkäuferin, die einem während der Fahrt ein Ticket verkauft (das kostet auch da normalerweise 25 Rubel). Und diese Verkäuferin hat einen eigenen Platz im Bus, der manchmal sogar mit Klebeband oder ähnlichem markiert ist. Bei meiner ersten Busfahrt mit einem Stadtbus hab ich Depp mich gleich mal auf diesen Platz gesetzt, aber eine andere Frau hat mich rechtzeitig freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich doch bitte wieder aufstehen solle. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ticketverkäuferin auch so freundlich gewesen wäre… Es hätte mir allerdings auch verdächtig vorkommen müssen, dass dieser eine Platz frei ist und trotzdem mehrere Leute stehen. Übrigens: wenn gerade keine Verkäuferin mitfährt, bezahlt man wie in der Marschrutka beim Aussteigen beim Fahrer.

Handys im Unterricht
… sind ganz normal und offenbar völlig akzeptiert. Ich bekomme immer nur erstaunte Blicke, wenn ich die Schüler bitte, ihre Handys aus der Hand zu legen oder gar in die Tasche zu packen… In der 4. Klasse muss ich es am häufigsten sagen, da passiert es auch regelmäßig, dass ein Handy klingelt und sein Besitzer, anstatt es wegzupacken, seelenruhig aus dem Zimmer geht und telefoniert. Neulich hat mich ein Junge während einer Klassenarbeit sogar gefragt, ob er rausgehen und mit einem Freund telefonieren kann, ich dachte, ich hör nicht richtig. Und ich hab mich auch schon in der einen oder anderen Story auf VKontakte gefunden, wenn die Schüler meinten, den Unterricht dokumentieren zu müssen. Ich weiß nicht, ob ihnen nicht klar ist, dass ich ihre Bilder und Videos sehen kann, oder ob es ihnen egal ist…

Mensa
Das Essen in der Mensa ist, wie schon mal erwähnt, relativ gut. Zwar absolut nicht gesund, das Angebot besteht aus Nudeln, Kartoffeln, Hühnchen und kotlety (Fleischküchla/Fleischpflanzerl/Buletten/…) und diversem Weißmehlgebäck. Ungefähr alle drei Wochen gibt es Salat. Das ist gar nicht so schlimm, aber was richtig nervt, ist, dass es aus Sicherheitsgründen keine Messer gibt. Am ersten Tag habe ich eine der Deutschlehrerinnen gefragt, wo es denn Messer gibt, und sie hat mich erst angeschaut wie ein Auto, dann laut gelacht und gesagt „Aber Sophie, was willst du denn mit einem Messer? Das ist doch gefährlich!“
Wenn man also nicht mit den Händen essen will, fallen die Hähnchenschenkel/-flügel weg, denn mit Löffel und Gabel ist das nahezu unmöglich. Und ganz realistisch gesehen kann man meiner Meinung nach mit den ziemlich spitzen Gabeln noch eher jemanden verletzen als mit einem stumpfen Buttermesser, wie es sie in einer Mensa normalerweise gibt…

Sophie…
Nein, ich habe mich nicht vertippt. Tatsächlich höre ich den Namen Sophia fast nur dann, wenn ich mit Freunden und Familie in Deutschland telefoniere. Am Anfang hat mich das echt genervt, denn auch in Deutschland haben mich viele Leute, vor allem Lehrer, nur Sophie genannt, und so heiße ich eben nicht. Und das zählt meiner Meinung auch nicht mehr als Spitzname, weil Sophie ein eigener, anderer Name ist. Und wenn mich jemand Sophia nennt, dann klingt das Saphia, weil das O unbetont ist und als A gesprochen wird… Dann habe ich aber gemerkt, dass Sophie hier einfach der Kosename für Sophia ist, und das macht es erträglicher. Hier wird Alina auch Alin genannt, Regina heißt Regin, Diana wird zu Dian und Evelina heißt Evelin.

Bis bald, eure Sophie. Ääähhh, Sophia. 😉

Tag 55 – Kurzes Projekt-Update

Liebe Leser_innen,

ein kurzes Update zu meinem Projekt: es sind heute tatsächlich 15 Schüler_innen zu meinem zweiten Versuch eines Projekttreffens gekommen! Zwar nicht alle von denen, die sich eingetragen und angemeldet hatten, aber es tauchten plötzlich noch 7 Schülerinnen aus der 6. Klasse auf, denen ich mein Projekt gar nicht vorgestellt hatte (und niemand wollte mir verraten, wer ihnen Bescheid gesagt hatte 😉 ). Ich dachte nämlich, es wird zu schwierig, ihnen das Projekt zu erklären, weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Aber die älteren Schülerinnen haben, wenn es nötig war, übersetzt – und es sind jetzt tatsächlich alle Aufgaben verteilt und es sieht gut aus, dass die Arbeit von den Schülern vor den Ferien fertig wird. Die restliche Arbeit am Projekt ist dann meine Aufgabe – während die Schüler Ferien haben, werde ich alles zusammensetzen und etwas daraus machen, was sich (hoffentlich) sehen lassen kann! Wer jetzt neugierig ist, was denn eigentlich das Projekt ist, den muss ich leider so lange vertrösten, bis das Endergebnis fertig ist…

Und was habe ich heute gelernt?
1. Man muss die Leute wirklich mehrmals persönlich und schriftlich an einen Termin erinnern, und selbst dann gibt es noch welche, die es vergessen.
2. Nach einem gescheiterten Versuch darf man nicht gleich aufgeben. Beim zweiten Mal hat es ja doch geklappt.
3. Ich sollte nicht alles persönlich nehmen. Die Schüler hatten letzte Woche tatsächlich Unterricht und Prüfungen und haben halt vergessen, mir das vorher zu sagen. Aber trotz aller Verpeiltheit habe ich heute gemerkt, dass sie (fast) alle wirklich mitmachen wollen.
4. Vielleicht sollte ich wirklich Lehramt studieren. Heute hatte ich wieder einen dieser Momente, wo ich mich vor den Schülern absolut wohl und am richtigen Platz gefühlt habe. Und in den nächsten zwei Wochen wird diese Entscheidung hoffentlich mal vorankommen, denn da habe ich zwei Deutschklassen jeweils 5 Stunden die Woche, also 20 Stunden Deutschunterricht alleine.

Ich bin jedenfalls gerade vollkommen glücklich mit allem und meine Motivation, die sich letzte Woche einige Male schmollend unter dem Bett verkrochen hatte, ist jetzt mit einem großen Sprung wieder rausgekommen und hüpft fröhlich um mich herum. Um mal ein bisschen bildhafte Sprache in diesen Blog reinzubringen…

Tag 53 – Frühling?

Liebe Leser_innen,

jetzt ist endlich der Moment gekommen, dass hier besseres Wetter ist als in Deutschland. Geschneit hat es schon länger nicht mehr, und manchmal hat es sogar über 10 Grad. Aprilwetter haben wir hier trotzdem: am Mittwoch hatte es 3 Grad mit Regen, am Donnerstag 17 Grad bei strahlendem Sonnenschein, und gestern 2 Grad mit sehr starkem Wind. Sowieso ist es meistens sehr windig, und jetzt, da der ganze Schnee geschmolzen ist, kommt der ganze Dreck zum Vorschein, der im Schnee überwintert hatte und der jetzt als Sand und Staub über die Straßen weht. Jetzt wird auch wieder viel gebaut und die Straßen müssen repariert werden, also kommt der Baustaub noch dazu. Vorher ist mir nie aufgefallen, dass in Deutschland der Baustellendreck gleich weggewaschen wird (s. Svetlanas Kindheitserinnerungen). Jetzt weiß ich das sehr zu schätzen…

Heute war außerdem Subbotnik (letzte Woche ist das wegen Regen ausgefallen) und die Schüler ab der 7. Klasse haben draußen die Gehwege gekehrt, den restlichen Schnee weggeschaufelt, Laub von den Wiesen gekehrt und Müll aufgesammelt. Bei vielen Schülern sah das so aus: die Mädchen standen kichernd in Grüppchen zusammen und haben hin und wieder mal etwas aufgehoben und die Jungs haben sich mit Schnee und Blättern beworfen… aber größtenteils ist doch alles ziemlich sauber jetzt. Nur, den Staub und Sand wegzukehren, sah nach einer ziemlichen Sisyphusarbeit aus, weil der Wind die fein säuberlich zusammengekehrten Häufchen immer wieder über die Straße verteilt hat. Trotzdem waren wahrscheinlich alle Schüler froh, dass sie keinen Unterricht hatten (und ich auch!). So ein freier Samstag ist schon ein Luxus!

Letzte Woche habe ich entdeckt, dass ich, obwohl ich in einer großen Hochhaussiedlung wohne, in 5 Minuten zu Fuß in der Natur sein kann, weil ich ganz am Rand von Djoma wohne.

Das ist das Haus, in dem ich wohne.

 

5 Minuten davon entfernt beginnt ein Fahrradweg.

 

Und wenn man die Siedlung und die Baustellen hinter sich lässt…

 

…kommt man auf ein großes, endlos scheinendes Feld.

 

Und wenn man dem Fahrradweg eine Weile folgt, ist die Siedlung plötzlich ganz klein.

Mehr Fotos mache ich, wenn das Wetter schöner ist und mir beim Fotografieren nicht mehr die Hände einfrieren. Und über den Fortschritt meines Projekts werde ich nächste Woche berichten, wenn feststeht, ob das Projekt stattfinden kann. Letzte Woche ist nämlich niemand zum Treffen gekommen, weil plötzlich doch niemand Zeit hatte, obwohl mir die allermeisten gesagt hatten, dass sie auf jeden Fall kommen. Am Montag gibt es einen zweiten Versuch (diesmal sage ich tatsächlich jeder Person vorher mehrmals persönlich und über WhatsApp und über VKontakte Bescheid, weil offenbar niemand einen Kalender oder sowas besitzt), und wenn dann wieder keiner kommt, dann mache ich ein Projekt, das ich alleine durchführen kann, denn so viel Geduld habe ich nicht und auch nicht die Zeit, um mich ewig mit einem Projekt aufzuhalten, bei dem ich auf Schüler angewiesen bin, die sich nicht an Termine halten. Damit entspreche ich jetzt natürlich total dem Klischee der pünktlichen, strengen Deutschen, aber russische Spontaneität kann ich bei einem Projekt mit mehreren Schülern aus mehreren Klassen wirklich nicht gebrauchen…
Die Hoffnung, dass alle am Montag kommen, habe ich sowieso schon aufgegeben, aber vielleicht kommen ja zumindest so viele, dass man das Projekt noch durchführen kann.

Ich bleibe optimistisch!

Tag 46 – Von Füchsen und Schlagerpartys

Liebe Leser_innen,

gestern ging die Woche der deutschen Sprache zu Ende, und obwohl ich nur an zwei Tagen dabei war, habe ich viel zu erzählen.

Es haben sich zwei Dinge wieder komplett geändert – wie gesagt, inzwischen gehe ich jeder Verabredung mit Skepsis entgegen und nehme nichts „for granted“ (die deutsche Formulierung fällt mir grade nicht ein…). Svetlana sagt, es gibt ein russisches Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Bei den Lesefüchsen saß ich doch in der Jury, weil die Bücher plötzlich noch aufgetaucht sind, und beim Liederfestival haben wir doch nicht teilgenommen, weil wir das Originallied mit Gesang nicht verwenden durften und die Stimme nicht rausschneiden konnten und weil eine Klavierbegleitung zu wenig gewesen wäre. Dafür durfte ich dort auch in der Jury sitzen.

Am Montag fand erst einmal der Wettbewerb „Lesefüchse international“ für die Region Ural statt. Und zwar im Gymnasium 86, das am anderen Ende der Stadt liegt. Schaut euch Ufa mal auf der Karte an. Meine Schule und meine Wohnung liegen in Djoma, ganz im Süden der Stadt, und das Gymnasium 86 ist ganz im Norden, im Viertel Tschernikowka. Und da Ufa ganz lang gestreckt ist, sind das 26 Kilometer durch die Stadt, was mit dem Bus eine Stunde dauert. Das Problem ist nur: diesen Bus gibt es offenbar nicht.

Das wusste ich aber noch nicht, als ich um 7:45 an der Bushaltestelle stand und etwas naiv auf diesen Bus wartete. Immerhin hatte die sonst sehr zuverlässige App 2GIS behauptet, dass der Bus 216 von meiner Schule bis zum Gymnasium 86 durchfährt. Nach einer erfolglosen halben Stunde bin ich dann in einen Bus eingestiegen, der ins Zentrum fuhr, dort wollte ich dann umsteigen, in der Hoffnung, dass ich einen passenden Bus finden würde. Leider hatte ich den Montagmorgen-Stau nicht mit eingerechnet, wodurch der Bus fast 20 Minuten länger brauchte und meine Zeit langsam knapp wurde. Schließlich sollte ich mich um 9:30 mit den anderen Jurymitgliedern treffen. Im Zentrum gab es natürlich auch keinen Bus, der in meine gewünschte Richtung fuhr, deshalb rief ich den Fachschaftsberater an, der mir freundlicherweise ein Taxi bestellte. Am Ende kam ich um 10:20 Uhr in der Schule an, aber die Verspätung war nicht weiter schlimm.

In der Jury zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung. In Prüfungen war ich ja schon dabei, aber diesmal durfte ich selbst mitreden und meine Meinung äußern und nicht nur zuhören.

Das Prinzip funktioniert übrigens so: die Schüler_innen haben sich seit Beginn des Schuljahres mit vier deutschen Jugendbüchern beschäftigt, die für jedes Jahr neu ausgewählt werden. Dieses Jahr sind das folgende:

1. Herbert Günther: Zeit der großen Worte
2. Christoph Scheuring: Echt
3. Lukas Erler: Brennendes Wasser
4. Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt
(Das ist auch meine persönliche Ranking-Reihenfolge…)

Dann gibt es eine ca. zweistündige Podiumsdiskussion (auf Deutsch) zwischen den Schüler_innen, bei denen Fragen und Thesen zu den Büchern besprochen werden. Bewertet wird dann, wie gut der/die Einzelne die Bücher kennt, wie gut er Deutsch spricht und wie er sich im Gespräch verhält. Wer mehr über das Projekt wissen möchte, kann sich hier informieren.

Anschließend gab es für die 8 Schüler_innen und deren Lehrer_innen, die aus der ganzen Republik angereist waren, eine Stadtführung, bei der ich auch mitkommen durfte. Das war sehr interessant, weil ich ja selbst noch nicht so viel von der Stadt gesehen habe und man auch nicht mal eben so ans andere Ende der Stadt fahren kann, wie ich jetzt weiß… Die Bilder gibt es später in einem anderen Blogeintrag, in Verbindung mit Informationen über die Geschichte Ufas. Da habe ich auch viele andere Deutsche kennengelernt, denn einige der Lehrer_innen waren Deutsche, die mit der ZfA im Ausland arbeiten (was ist das denn jetzt wieder?).

Außerdem habe ich einige Mitarbeiterinnen der Deutschen Botschaft Jekaterinburg kennengelernt. Abends wurde dann das deutsche Kinofestival eröffnet, bei dem jeden Tag ein deutscher Film mit russischen Untertiteln gezeigt wird. Eigentlich wollte ich den Film am Montagabend auch sehen, aber es gab noch einen „kleinen“ Empfang, der ebenso lange dauerte wie der Film, aber das war auch ganz lustig. Und die Kinobesucher waren größtenteils nicht besonders begeistert von dem Film. Ich habe also nichts verpasst, außerdem war ich am Mittwoch mit der 5. Klasse und gestern mit der 8. Klasse im Kino. Nicht ganz meine Altersklasse („Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Ostwind“), aber trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Am Donnerstag war ich dann beim Liederfestival, das glücklicherweise in einem Saal stattfand, den ich zu Fuß in 15 Minuten erreichen konnte. Die Veranstaltung begann 15 Minuten zu spät, unter anderem, weil die restlichen Jurymitglieder 10 Minuten zu spät kamen. Im Programm musste ich vorher 5 Beiträge ausbessern und die Reihenfolge ändern, und bei der tatsächlichen Vorführung ist noch ein weiterer Beitrag ausgefallen. Aber trotz der vielen Planänderungen hat es Spaß gemacht, die meisten Beiträge waren auch ziemlich gut. Und ich hatte Glück – dieses Jahr war der Wettbewerb mit 16 teilnehmenden Gruppen ziemlich klein. In den letzten Jahren waren es wohl bis zu 40 Beiträge… Die Entscheidung fiel auch nicht besonders schwer, weil vier Siegerplätze und sieben Nominierungen zu vergeben waren (Bestes Kostüm, Bestes Arrangement usw., die Trostpreise halt). Die Nominierungen waren nicht schwer zu entscheiden, und die vier Sieger waren auch eindeutig, weil es vier wirklich beeindruckende Beiträge gab. Die Liedauswahl war allerdings…interessant, man könnte die Veranstaltung vielleicht in Schlagerparty umbenennen? Von romantischen Tränendrüsenliedern wie „Endlich sehe ich das Licht“ bis zu Skikursliedern wie „Das rote Pferd“ oder „Das Fliegerlied“ war alles dabei…
Danach gab es noch ein „Galakonzert“, bei dem alle 11 Gewinner des Wettbewerbs und einige Gruppen von den verschiedenen Fakultäten der Baschkirischen Staatlichen Universität aufgetreten sind. Die Studenten hatten sehr unterschiedliche, aber allesamt sehr kreative Beiträge (dass es 20 Minuten später als geplant begonnen hat, hat mich gar nicht mehr überrascht…).

Obwohl die Woche nicht besonders anstrengend war, war ich doch oft lang unterwegs und spät zuhause. Deshalb war es gar nicht schlecht, dass ich gestern überraschend erfahren habe, dass ich heute frei habe, weil heute Subbotnik ist (eine Art Frühjahrsputz, bei dem ein Teil der Schüler die Straßen saubermacht und aufräumt) und alle Klassen, die ich gehabt hätte, beim Subbotnik beteiligt waren.

Heute hat es übrigens tatsächlich mal geregnet – normalerweise ist es hier sehr trocken. Wie trocken? In den vier Wochen, in denen ich jetzt hier bin, hat es an genau drei Tagen Niederschlag gegeben, sonst war es immer trocken, zwar meistens bewölkt, aber trocken. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungefähr dreimal so viel Cremes und Bodylotion und Labello brauche wie zuhause, und weshalb ich mich immer total freue, wenn ich endlich wieder Wäsche waschen kann, damit ich in meinem Zimmer nicht vertrockne (Zentralheizung und so, außerdem hat mein Zimmer drei Heizungen und ist ziemlich gut isoliert, deshalb schlafe ich meistens mit offenem Fenster. Nicht besonders umweltfreundlich, ich weiß, ich schäme mich sehr…).

Das war’s erstmal über die deutsche Woche. Es wird in der nächsten Zeit wie gesagt einen Artikel über die Geschichte Ufas geben, und ich versuche mal, daran zu denken, die Schule und meine Umgebung zu fotografieren, dann seht ihr auch mal, wie es in Djoma aussieht.

P.S.: Falls ich Dinge doppelt erwähne, tut mir das leid, aber ich habe inzwischen keinen Überblick mehr, ob etwas schon auf meinem Blog steht oder ob ich das nur mehreren Leuten erzählt habe… Also, falls ich mich wiederhole, dürft ihr mich gerne darauf hinweisen.

Tag 40 – Kleiner Russisch-Exkurs

Liebe Leser_innen,

bald ist schon mein erster Monat in Russland vorbei. Neulich ist mir plötzlich klar geworden, wie kurz die Zeit hier doch eigentlich sein wird, wenn man die Seminare und den Urlaub von den sechs Monaten abzieht. Also los, mach was draus, sagte ich mir nach dieser Erkenntnis. Dazu gehört auch, sich mit der Landessprache vertraut zu machen. In meinem Fall aber Russisch, nicht Baschkirisch… Hier ist zwar fast alles zweisprachig (Straßenschilder, Namen von Geschäften, Sicherheitshinweise usw.), aber es sprechen nur noch wenige Menschen Baschkirisch. Diese Sprache wird zwar in der Schule unterrichtet, aber ich höre die Schüler_innen immer nur über dieses Schulfach schimpfen. Das spricht doch eh keiner mehr, warum sollen wir das lernen, mimimi… Natürlich ist es schade, dass diese Sprache immer mehr aus dem Alltag verschwindet und irgendwann nur noch in Büchern existieren wird. Auch Svetlana (siehe „Svetlanas Kindheitserinnerungen“), die gebürtige Baschkirin ist, findet das sehr traurig. Ich werde diese Sprache aber trotzdem nicht lernen, weil sie erstens eine Turksprache ist und mit Russisch nicht viel gemeinsam hat und sie mir zweitens im Alltag nichts bringen wird, weil eben keiner mehr Baschkirisch spricht.

Also lerne ich Russisch. Da es keine Sprachschule gibt, die Russisch als Fremdsprache anbietet, lerne ich bei einer Deutschlehrerin aus einer anderen Schule, bei der auch schon mein Vorgänger Unterricht hatte. Mit ihr komme ich sehr gut zurecht, sie ist ziemlich jung und sehr, sehr nett. Insgesamt 13 Stunden habe ich schon gehabt, und in jeder Stunde lerne ich neue Sprachregeln – bei manchen schaue ich meine Russischlehrerin nur verständnislos an und es fällt mir schwer, sie mir anzugewöhnen. Einige davon möchte ich euch gerne hier präsentieren. Der Einfachheit halber werde ich Beispiele nicht auf Kyrillisch, sondern in lateinischer Schrift in der ungefähren Lautübertragung schreiben. Und liebe Russisch-Experten, verzeiht mir meine Fehler, die durch meine eigentliche Unkenntnis der russischen Sprache zustandekommen.

Die Schrift.
Es sollte, glaube ich, jedem von euch klar sein, dass im Russischen das kyrillische Alphabet verwendet wird. Das habe ich aber schon lang vor der Ausreise gelernt (Notiz an mich selbst: gute Entscheidung!). Tatsächlich komme ich aber bei manchen Buchstaben immer noch durcheinander, vor allem bei denen, die gleich aussehen wie im deutschen bzw. lateinischen Alphabet, aber anders ausgesprochen werden (P=R, H=N, X=Ch, B=W).

Die Aussprache.
Erst habe ich mich gefreut, dass es für jeden Laut ein eigenes Zeichen gibt, und nicht wie im Deutschen oder Französischen bestimmte Buchstabenverbindungen, die besonders ausgesprochen werden. Aber leider gibt es wenig Ausspracheregeln, außer dass z.B. unbetontes O wie A ausgesprochen wird. Meine Russischlehrerin hat gesagt, dass die Russen die Vokale einfach so aussprechen, wie sie wollen. Für die Betonung gibt es gar keine Regeln. In Lehrbüchern stehen immerhin Akzente über den betonten Buchstaben, aber sonst muss man für jedes Wort die Betonung mitlernen und bei unbekannten Wörtern raten.
Und dann gibt es noch dieses wunderschöne Weichheitszeichen Ь und das Härtezeichen Ъ. Auch schön, dass sie fast gleich aussehen, oder? Das Härtezeichen kommt zum Glück kaum vor, und das Weichheitszeichen zeigt an, dass der vorhergehende Buchstabe „weich“ gesprochen wird – das hat aber nichts mit dem fränkischen „haddn B“ und „weichen B“ zu tun (für Nicht-Franken: P und B). Wenn ein Buchstabe „weich“ ist, geht die Zunge an den Gaumen, sodass bei manchen Buchstaben sowas wie ein Zischlaut entsteht. Ich bin da noch nicht ganz durchgestiegen, weiß aber jetzt, dass russische „harte“ und „weiche“ Laute nichts mit deutschen „harten“ und „weichen“ Lauten zu tun haben. Am deutlichsten ist mir das klar geworden, als die Lehrerin behauptete, K wäre weich und G wäre hart. Für mich, in Bamberg groß geworden, völlig unbegreiflich…

Die Fälle.
Im Russischen gibt es sechs Fälle. Zu den uns bekannten vier Fällen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ kommen noch der Instrumental und der Präpositiv hinzu. Ganz grob: der Instrumental antwortet auf die Fragen Womit?/Von wem? und der Präpositiv, der nur nach bestimmten Präpositionen steht, auf Über wen?/Worüber?/Wo?. Diese zwei Extrafälle sind gar nicht mal so das Problem, sondern dass die anderen Fälle teilweise anders verwendet werden. Wörtlich übersetzt hieße es z.B. jemandem anrufen. Oder jemanden gratulieren. Oder jemanden danken. (Wer von euch sich jetzt fragt, was daran jetzt falsch ist, der sollte nochmal an seinen eigenen Deutschkenntnissen arbeiten…)

Der Satzbau.
Meistens völlig willkürlich, man kann im Satzbau fast nichts falsch machen, außer bei bestimmten Formulierungen, z.B.:
Wenn ich sage Kagda mnje byla schest ljet, dann heißt das Als ich sechs Jahre alt war.
Wenn ich aber sage Kagda mnje byla ljet schest, dann heißt es Als ich ungefähr sechs Jahre alt war.

Die Artikel.
Gibt es nicht. Hallelujah! Das kommt mir als Russischlernerin natürlich sehr entgegen, aber ungewohnt ist es schon, keine Artikel zu verwenden. Vor allem komme ich mir immer so unhöflich vor und habe ständig das Gefühl, dass ich jetzt irgendwas im Satz vergessen habe. Aber wenn ich die Lehrerin etwas verunsichert anschaue und sie frage: „Ist das jetzt überhaupt ein richtiger Satz?“, sagt sie immer: „Ja natürlich! Warum denn nicht?“

Das Verb sein.
Gibt es auch nicht, zumindest nicht in der Gegenwart. Wenn ich mich also vorstelle, kann ich einfach sagen (wörtlich übersetzt): „Ich Sophia. Mir 18 Jahre. Ich aus Deutschland. Ich Freiwillige.“ Auch sehr ungewohnt, aber ein Verb weniger, das ich lernen muss!

Die Zeiten.
Es gibt nur drei Zeiten, Präteritum, Präsens und Futur. Und die Formenbildung ist auch gar nicht sooo schwer. Das wäre ja alles schön und gut und toll, wären da nicht…

…die Aspekte.
Es gibt von fast jedem Verb einen vollendeten und einen unvollendeten Aspekt. Diese Aspekte sind, glaube ich, vergleichbar mit den simple- und progressive-Formen im Englischen. Der vollendete Aspekt zeigt eine einmalige oder abgeschlossene Handlung und der unvollendete zeigt eine sich wiederholende Handlung oder betont den Ablauf der Handlung. Das Problem dabei: für ein Wort im Deutschen gibt es zwei im Russischen (und noch ganz viele Synonyme). Zum Beispiel hören. Unvollendet slyschat, vollendet uslyschat. Oder helfen – unvollendet pamagat, vollendet pamotsch. Eigentlich auch mit O geschrieben, aber als A gesprochen. Oder verstehen. Unvollendet panimat, vollendet panjat. Es gibt also auch keine Regeln, wie die jeweils andere Form gebildet wird. Und manchmal ist die unvollendete Form das längere Wort und manchmal die vollendete. In meinem Kopf herrscht also das vollendete Chaos (no pun intended). Übrigens: es gibt auch noch unterschiedliche Verben für zielgerichtete und unbestimmte Bewegungen, das sind dann aber meistens komplett verschiedene Wörter (gehen – zielgerichtet idti, unbestimmt chadit).

So, ich hoffe, ich habe jetzt niemanden vergrault, der bis heute unbedingt Russisch lernen wollte… aber es ist eigentlich schon eine schöne Sprache, finde ich. Und jedes Mal, wenn ich mich über eine Grammatikregel beschwere, dann denke ich an die armen Schüler, die Deutsch lernen. Für die muss es ja viel schlimmer sein, weil sie z.B. diese ganze Geschichte mit bestimmten und unbestimmten Artikeln neu lernen müssen. Und ich kann jetzt die ganzen Fehler nachvollziehen, die sie machen, weil ich jetzt weiß, wie der entsprechende Satz auf Russisch heißen würde.

In diesem Sinne: bis zum nächsten Mal, wenn wieder genug passiert ist, dass ich tatsächlich etwas berichten kann. Morgen beginnt die Deutsche Woche, da werde ich sicher viel erleben.

Пока!