Tag 175 – Hallo Deutsch!

Liebe Leser_innen,

ich hatte ja versprochen, noch zu erzählen, was ich im Goethe-Zentrum alles gemacht habe.

Das Goethe-Zentrum heißt eigentlich „Hallo Deutsch – Zentrum der deutschen Sprache“ und ist ein zertifizierter Partner des Goethe-Instituts. Seit letztem Jahr gibt es in Ufa die Sommerakademie – zwei Wochen Deutschunterricht, verbunden mit Spielen und Ausflügen, für Jugendliche von zehn bis 16 Jahren. Dieses Jahr gab es die Sommerakademie sogar zweimal – vom 17.7. bis zum 28.7. und vom 7.8. bis zum 18.8.

In der Woche vor der ersten Sommerakademie bin ich jeden Nachmittag ins Goethe-Zentrum gefahren, das leider fast am anderen Ende der Stadt liegt (also jeden Tag mindestens eine Stunde Busfahrt in jede Richtung). Da habe ich schon mal bei der Vorbereitung geholfen und – wow, war das anders als die Arbeit in der Schule! Jetzt kenne ich neben dem Spontan-Unterrichten auch die Situation, in der man einen ganzen Nachmittag lang eine Stunde Unterricht plant.

Obwohl ich ja schon seit Längerem fest entschlossen bin, Lehramt zu studieren, war das nochmal eine gute Vorbereitung, weil ich jetzt die beiden Extreme der Unterrichtsplanung kenne – nämlich von gar nicht bis unendlich viel Material selber machen. Wir haben uns zwar Inspiration aus Lehrbüchern geholt, aber trotzdem ganz viele neue Arbeitsblätter und Spiele selbst gemacht. Und das Schöne an dieser Arbeit war, dass mir meine Kollegen (die übrigens alle sehr nette Menschen sind) genug Anweisungen gegeben, aber auch genug Freiraum gelassen haben. Sie haben mir verschiedene Methoden vorgeschlagen, die ich vorher meist gar nicht kannte, und ich durfte mir dann selbst aussuchen, wie ich diese Methoden anwende und miteinander verbinde. So waren mit dem Ergebnis auch meistens alle zufrieden.

Unterrichtet habe ich diesmal aber nicht selbst – diesmal war ich wirklich eine Sprachassistentin, wie ich es in der Schule eigentlich auch hätte sein sollen. Ich habe die Übungen und Spiele alle mitgemacht und stand immer für Fragen zur Verfügung. Und wenn jemand krank war, habe ich dessen Platz eingenommen, sodass man trotzdem gleichmäßige Gruppen bilden konnte.

Unser Nachmittagsprogramm war ganz unterschiedlich: wir haben Spiele gespielt, waren im Park spazieren, haben einen Film angeschaut oder Workshops besucht.

Leider haben wir bei der zweiten Runde komplett vergessen zu fotografieren, deshalb gibt es jetzt nur ein paar Eindrücke von der ersten Sommerakademie.

Ein ausgestopfter Elch im Waldmuseum.


Eine ganz normale Unterrichtsstunde.


Kohl und Äpfel schneiden im Kochworkshop…


Der schönste Dessertteller des Tages!


Wir haben versucht, eine Burg vor einem Wald abzumalen.


Ich war für die künstlerische Gestaltung des Plans verantwortlich.


Unsere Armbänder als Abschlussgeschenk.


Und das haben wir in den zwei Wochen gemacht:

Insgesamt war diese Arbeit eine riesige Inspiration für mich, nicht nur langfristig und aufs Studium bezogen, sondern auch kurzfristig, denn sie hat mich aus einem Motivationsloch rausgeholt, in dem ich nach meinem Urlaub in Deutschland feststeckte. Die Kollegen waren alle sehr kompetent (einer spricht sogar so gut Deutsch, dass ich am Anfang echt dachte, er wäre Deutscher – bis er sich doch durch einen winzigen Fehler verraten hat…) und total nett und unterstützend. Ich war immer gut beschäftigt, aber nie überfordert und ich fühlte mich und meine Arbeit immer wertgeschätzt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Albina, Danija, Rustem, Artur, Irina, Elvira und Elvira, dass ich einfach so bei euch arbeiten durfte und eine sinnvolle Sommerbeschäftigung hatte! Und auch an Darina und Renata, die bei der zweiten Sommerakademie ganz ordentlich mit angepackt haben und eine supercoole Schnitzeljagd und einen Kurzfilm auf die Beine gestellt haben. Es war eine tolle Zeit!

Tag 166 – Just random stuff

Liebe Leser_innen,

da mir heute nichts einfällt, was ich schreiben könnte, habe ich mal wieder mein Tagebuch aufgeschlagen, darin herumgeblättert und einige Situationen gefunden, die bis jetzt thematisch nicht gepasst haben oder nicht relevant genug waren, um es in den Blog zu schaffen. Daher folgt jetzt eine total zufällige, planlose und nicht chronologische Zusammenstellung von Situationen und Beobachtungen aller Art in meinem Freiwilligendienst.


Die Lehrerin bringt der sechsten Klasse neue Vokabeln bei. Sie fragt, was das Wort „Teller“ auf Russisch heißt, keiner weiß es. Als ich die richtige russische Übersetzung sage, drehen sich alle mit großen Augen zu mir um und applaudieren mir begeistert. Danach gibt es großes Getuschel in der Klasse – „Sie kann ja Russisch sprechen!“.

Auf dem Schulweg fährt ein etwa achtjähriger, stark übergewichtiger Junge im Trainingsanzug auf seinem Mountainbike langsam an mir vorbei und ruft alle paar Sekunden laut „Motherfucker!“.

Ein Schüler möchte zum Thema „Sommerferien“ sagen, dass im Sommer alles grün ist und sagt stattdessen: „Wir haben sehr viel Gras“.

Im Sprachlager gibt es ebenso wie in der Schule aus Sicherheitsgründen keine Messer beim Essen. Meistens gibt es sogar nur Löffel, weshalb ich zum ersten Mal in meinem Leben nur mit einem Löffel einen Fisch (mit Gräten) zerlege oder ein Brot mit Butter bestreiche.

Im Flugzeug von Ufa nach Moskau heißt es in der Durchsage: „Das Wetter in Moskau ist gut“. Wir kommen an – es hat 10 Grad und regnet in Strömen.

Ich erlebe beim Busfahren gleich drei Überraschungen.
1. Der Bus ist ganz neu, hat vorne eine Leuchtanzeige und innen eine Lautsprecherdurchsage, die die nächsten Stationen ansagt. Das gibt es hier normalerweise nicht.
2. Der Bus wird von einer Busfahrerin gefahren.
3. Diese Busfahrerin ist das Gegenteil von dem, wie man sich eine Busfahrerin normalerweise vorstellt: sie ist sehr jung, unglaublich hübsch und sehr gepflegt gekleidet.

Im Supermarkt kennt mich eine der Kassiererinnen schon: ich bin die Ausländerin, die immer keine Plastiktüten will. Bis jetzt war es immer so, dass ich das Gemüse und Obst bewusst nicht in Plastiktüten gepackt habe, und an der Kasse haben die Kassiererinnen trotz meines Protests jede Obst- und Gemüsesorte in einzelne Tüten gesteckt. Dadurch bin ich entgegen meiner guten Vorsätze dann doch mit fünf Plastiktüten aus dem Supermarkt gegangen. (Immerhin lassen sie sich ganz gut als Gefrierbeutel verwenden). Diese eine Kassiererin kennt mich aber inzwischen und verzichtet nicht nur auf die Tüten, sondern gibt mir auch die Produkte einzeln in die Hand und wartet immer, bis ich mit dem Einpacken fertig bin.

Genau wie es mir alle vorhergesagt haben: als ich für ein paar Tage in Kasan bin, merke ich, dass Ufa wirklich keine besonders schöne Stadt ist. Kasan ist zwar kaum größer als Ufa, hat aber viel mehr Sehenswürdigkeiten und ist im Allgemeinen viel moderner. Da ist es z.B. Standard, dass es in Bussen digitale Anzeigen und Lautsprecherdurchsagen gibt 😉

Ich wundere mich, dass über Ufa nicht längst eine große Smogwolke hängt. Überall gibt es nur große, breite Straßen mit viel Verkehr und es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich sehe, wie fast jeder zweite Bus eine dunkelgraue bis pechschwarze Abgaswolke ausstößt, die noch einige Sekunden über der Straße steht, bevor sie sich verzieht. Und da die Busse und Marschrutkas gefühlt ein Drittel des Straßenverkehrs ausmachen, passiert das ganz schön oft. Nervige Situation: der Bus steht an der Ampel, der Busfahrer lässt durchgehend den Motor aufheulen und die Abgase gelangen durch die geöffneten Fenster ins Innere. Da die Ampel aber noch eine Minute lang rot ist, hat man keine andere Wahl, als das Zeug irgendwann einzuatmen. Die Krönung davon ist dann nur noch, wenn neben einem ein (nicht mal unbedingt alter) Mann sitzt, der nach Schweiß und/oder Alkohol und/oder Urin und/oder Zigaretten riecht. Kommt leider sehr viel öfter vor, als man sich das wünschen würde.

In Kasan gehe ich in das tatarische Nationalmuseum. Es gibt Studentenrabatte, deshalb zeige ich probehalber mal meinen Freiwilligenausweis und hoffe, dass ich damit auch einen Rabatt bekomme. Zu meiner Überraschung drückt die Frau mir einfach eine Freikarte in die Hand. Naja, so geht’s auch!

An der Autobahn gibt es einen Rastplatz, der aussieht wie ein großer Markt. Es werden Kuchen, Eis, Gebäck, Räucherfisch und jede Menge tatarischer Spezialitäten verkauft und überall laufen alte Frauen herum, die Beeren und Blumen verkaufen.

„Krawatte“ heißt auf Russisch „galstuk“. Stimmt, ist ja quasi ein Halstuch.

Fast jedes Mal, wenn ich laufen gehe, bekomme ich blöde Kommentare von Männern. Dabei ist es nicht mal unüblich, dass Frauen in der Öffentlichkeit Sport machen. Und ich trage auch keine Kleidung, die unbedingt provozierend ist – lange Jogginghose und ein normales T-Shirt… Einmal hat mir sogar ein Mann den Mittelfinger gezeigt. Ich frage mich immer noch, ob ich etwas dazu beigetragen habe oder ob das einfach nur ein Depp war. Gerne versperren mir pubertierende Jugendliche auch den Weg oder joggen ein Stück neben mir her, um mir zu zeigen, dass sie schneller sind als ich. Herzlichen Glückwunsch!

Als Ergänzung zu Germann Gesse und Geinrich Geine: Es gibt natürlich noch E.T.A. Goffmann 🙂

Tag 159 – Russisch-Exkurs #2

Liebe Leser_innen,

nachdem mein erster Beitrag über die Feinheiten der russischen Sprache schon eine Weile her ist und ich seitdem noch einiges dazugelernt habe, kommen jetzt noch einige Ergänzungen dazu.

Die Zahlen.
Dieses Phänomen begegnet wohl jedem Russischlerner irgendwann und lässt ihn in Ratlosigkeit zurück. Die Zahlen an sich sind nicht schwer – gezählt wird ab zwanzig nach dem Prinzip zwanzig-eins, zwanzig-zwei usw.
Schwierig wird es erst, wenn man tatsächlich Dinge zählen will und ein Nomen hinter das Zahlwort setzt.

Denn: bei Zahlen, die mit eins aufhören, also 1, 21, 31, 583671 usw. wird der Nominativ Singular gebraucht. Ok, bei 1 macht das ja noch Sinn, aber bei 21?  Das ist doch kein Singular mehr…

Bei Zahlen, die mit 2, 3 oder 4 aufhören, also 2, 3, 4, 23, 583674 usw., nimmt man den Genitiv Singular. Also, immer noch das Singular-Paradox, aber diesmal im Genitiv, sonst wäre es ja zu langweilig.

Der lang ersehnte Plural kommt dann bei Zahlen ab 5, also 5 bis 20, 25, 26, 47, 68, 99 oder 583670 – aber auch im Genitiv. Und da dieser Fall je nach Deklination des Nomens auf mindestens fünf verschiedene Arten gebildet werden kann, hat man dann richtig Spaß. Auch wenn man einfach nur von wenigen, vielen, einigen oder keinen Dingen spricht, braucht man immer den Genitiv Plural.

Der Buchstabe H …
ist im russischen Alphabet nicht vorhanden. Da aber beispielsweise einige deutsche Namen mit H beginnen, wird als Ersatz entweder das Х (Ch) oder Г (G) verwendet. Wenn man also über deutsche Schriftsteller spricht, kommt man meist irgendwann auf Germann Gesse und Geinrich Geine zu sprechen. Die Partnerstadt von Ufa ist übrigens Galle. Aber Gamburg und Gannover sind auch schöne Städte…

Geklaute deutsche Wörter.
Im Russischen gibt es einige Wörter, die aus dem Deutschen übernommen wurden und nach ihrem Klang mehr oder weniger exakt mit russischen Buchstaben geschrieben werden. Das sind z.B. Zifferblatt, Schlagbaum, Lager, Bruderschaft, Landschaft, Maßstab und Strafe (циферблат, шлагбаум, лагерь, брудершафт, ландшафт, масштаб, штраф). Diese Wörter haben in beiden Sprachen ziemlich genau die gleiche Bedeutung. Ein anderer Fall ist da бутерброд („Butterbrot“) – es handelt sich hierbei um ein belegtes Brötchen mit mehr als nur Butter drauf.

Immer diese Umlaute …
Das ist jetzt eigentlich keine Besonderheit der russischen Sprache, sondern ein lustiger Fehler, der mir bei Schüler_innen immer wieder auffällt. Fast alle russischen Deutschlerner_innen tun sich mit den Lauten Ö und Ü schwer und sprechen sie meist wie die russischen Laute Jo und Ju. Ich höre also oft die Zahlen fjunf und zwjolf. Das Lustige daran ist jetzt, dass Viele ganz normale Wörter mit O und U mit nahezu perfektem Ö und Ü aussprechen, z.B. öft oder Blüme. Jetzt noch den richtigen Laut an die richtige Stelle und dann ist es perfekt. Aber dieser Schritt ist offenbar schwer…