Frag doch mal in Russland #3: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft

Liebe Leser_innen,

diese Woche gibt es wieder ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. Ich habe mich diesmal mit Danija Asfandijarova unterhalten. Sie ist 53 und arbeitet als Deutschlehrerin in einer Waldorfschule und im Goethe-Sprachlernzentrum in Ufa. Für mich war dieses Gespräch sehr interessant und einige Antworten haben mich auch überrascht. Viel Spaß beim Lesen!

Gibt es in Russland ein typisches oder ideales Bild der Frau?

Ich würde sagen, das ist alles sehr persönlich. Erstens: das Thema ist bei uns nicht so thematisiert wie bei euch in Deutschland, und daher hat jeder seine persönliche Meinung und eigentlich sprechen wir nicht so viel darüber, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch mit der nächsten Generation, aber eigentlich wirken da eher alte Stereotype. Und wir sprechen mehr über die Frauen als diejenigen, die es zuhause gemütlich machen, aber natürlich können sie auch arbeiten. Aber die Orientierung für die Mädchen und Frauen ist vor allem die Familie, glaube ich, trotzdem, immer noch.

Ich habe bisher noch kaum junge Frauen mit Kurzhaarfrisur gesehen. Was für ein Schönheitsideal wird jungen Mädchen und Frauen vermittelt?

Ich glaube, es wandelt sich mit der Zeit und ändert sich immer wieder. Jetzt ist es eher Mode, lange Haare zu haben. Ich habe zwar einen kurzen Schnitt, aber mein Sohn, der ist jetzt 15, der hat gesagt: „Nööö, das gefällt mir nicht!“. Es ist einfach im Trend gerade jetzt.

Also ist das nicht grundsätzlich so?

Nein, du kannst auch Mädchen mit Kahlkopf treffen, die gibt es auch. Und bei mir in der Schule – ich arbeite in der zweiten Klasse – da hat eine Mutter sich rasieren lassen, überhaupt kein Haar, und ihr kleiner Junge, der hat sie gemalt, immer mit langen Zöpfen, und macht das immer noch.

Kann man bei Berufen eine typische Männer-Frauen-Verteilung feststellen?

Ja, natürlich, es gibt typische Männerberufe, vielleicht die, die irgendwie körperlich anstrengend sind. Und typische Frauenberufe, wo man sich nicht so anstrengen sollte oder mit Schönheit mehr zu tun hat. Aber ansonsten – so richtig, dass wir sagen, diese Berufe sind nur für Männer und diese nur für Frauen – nein. Lastkraftwagenfahrer, das sind eher Männer, aber Frauen kann man da vielleicht auch treffen. Und es nicht so, dass es fatal ist, es gibt eigentlich keinen Wunsch bei den Frauen, da zu arbeiten.

Gibt es Initiativen, dass mehr Frauen z.B. naturwissenschaftliche oder technische Berufe lernen sollen?

Da meinst du bestimmt diese feministische Bewegung oder sonstwas – das gibt es bei uns nicht, irgendwie grundsätzlich nicht, und wir sind im Moment einfach nicht interessiert, solche Diskussionen zu führen.

Wie sieht es mit der Bezahlung aus in den Berufen, in denen sowohl Männer als auch Frauen arbeiten? Werden Frauen gleich gut bezahlt?

Ich glaube, es gibt irgendeinen Standard für Gehälter, und das wird bezahlt, egal ob das ein Mann oder eine Frau macht. Und vielleicht gibt es Bereiche, wo man sehr wenig Männer hat, aber man möchte sie haben, dann wird man denen natürlich etwas mehr bezahlen als den Frauen, damit sie kommen. Aber ansonsten, grundsätzlich, werden Frauen nicht schlechter bezahlt.

Sind Familie und Beruf in Russland gut vereinbar?

Ich arbeite in der Waldorfschule, und da fragen die Ehemänner von unseren Lehrerinnen: Ist eigentlich die Schule familienfreundlich oder nicht? – in dem Sinne, dass man sehr viel zu tun hat. Es ist immer verschieden, je nachdem, was für ein Beruf es ist. Eine Lehrerin hat immer viel zu tun, und dann noch zuhause viel zu tun. Je nachdem, es gibt Ehemänner, die sehr viel helfen, und dann klappt es sehr gut in der Familie, und es gibt solche, die meckern – mein Sohn sagt zum Beispiel immer wieder: „Bitte, lieber Gott, nie im Leben soll meine Ehefrau eine Lehrerin sein!“

Aber gibt es genug Angebote an Kindergärten, damit die Kinder während der Arbeit gut versorgt sind?

Also, extra macht keiner etwas für die Frauen. Das heißt, du musst immer selber schauen, wie machst du das, wie kommst du über die Runden? Ich hätte gerne viel mehr Angebote gehabt, die billiger sind für eine Frau, die voll beschäftigt ist, aber ich hatte das nie. Aber früher, in der Sowjetunion, da gab es das immer. Für meine Mutter z.B., da gab es immer irgendwelche Ermäßigungen. Für Mehrkinderfamilien, da gibt es etwas, aber nicht so viel, und das Kindergeld ist auch sehr wenig. In Deutschland konnte ich davon meine Wohnung bezahlen, ich habe dort auch Kindergeld bekommen, ich habe meinen Sohn in Deutschland bekommen. Und da konnte ich die Wohnung richtig bezahlen, allein vom Kindergeld, und hier nicht. Hier ist es eher symbolisch, das ist eine sehr kleine Summe.

Hat die Zeit der Gleichberechtigung der Frauen in der Sowjetunion Auswirkungen auf die heutige Situation der Frauen?

Die Frauen waren damals sooo sehr gleichberechtigt und mussten immer sooo viel arbeiten, hatten keinen Mutterurlaub und so weiter – das heißt, sie mussten genauso viel machen wie die Männer – dass der Wind eher in die andere Richtung weht. Man möchte nicht so viel arbeiten wie die Männer. Man möchte die Männer arbeiten lassen und mehr Zeit zuhause haben. Wir haben schon genug von der Arbeit. Meine Mutter hat so viel gearbeitet, wir haben uns immer gewünscht, dass sie zuhause ist. Und jetzt sind wir eher neidisch auf diejenigen, die es sich leisten können, zuhause zu bleiben. Würde ich vielleicht auch gerne…

Gab es schon Situationen, in denen du dich als Frau benachteiligt gefühlt hast?

Ich habe immer anders gedacht: Warum soll ich genau solche Leistungen bringen wie die Männer? Ich möchte nicht wie die Männer jetzt hier dastehen, ich möchte eher als Frau behandelt werden.

Hast du dir nie gedacht: Wenn ich jetzt ein Mann wäre, hätte ich es in dieser Situation jetzt leichter?

Nein. Wenn, dann waren das Situationen, wo die Männer viel leisten müssen, körperlich vielleicht, und natürlich müssen sie dann besser bezahlt werden als ich. Ansonsten nicht.

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