Tag 138 – Mein Status als (deutsche) Freiwillige

Liebe Leser_innen,

jetzt dauert mein Freiwilligendienst ja doch gar nicht mehr so lange und ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich eine Entwicklung in meinem Status als deutsche Freiwillige feststellen kann.

Deutsche Freiwillige – da muss ich jetzt erstmal differenzieren: Wie werde ich als Deutsche wahrgenommen und wie als Freiwillige?

Darin, wie ich als Deutsche wahrgenommen werde, hat sich seit meiner Ankunft in Ufa eigentlich wenig verändert, außer dass ich jetzt besser Russisch kann und vielleicht ein bisschen ernster genommen werde als am Anfang. Vorsicht: ich spreche jetzt nur von der Wahrnehmung durch Menschen außerhalb des schulischen Umfelds, z.B. Taxifahrer oder Bekannte, mit denen man kurz und oberflächlich ins Gespräch kommt. (Übrigens: die meisten Taxifahrer unterhalten sich sehr gerne, und zwar unabhängig davon, ob du das willst oder nicht. Also auch morgens um halb sechs auf dem Weg zum Flughafen… alles schon erlebt.)
Sobald ich mich mit jemandem unterhalten habe und ihm/ihr erklären konnte, was ich hier mache, wurde das immer positiv und mit großem Interesse aufgenommen. Auf bestimmte Fragen stelle ich mich bei neuen Begegnungen schon vorher ein, weil sie fast immer kommen: Trinkst du gerne Bier? Magst du Rammstein? Verdienst du viel Geld als Freiwillige?
Allerdings, sobald ich eine Frage nicht verstand oder sonstwie Fehler im Russischen machte, wurde ich gleich wie ein kleines Mädchen behandelt und entsprechend nicht wirklich ernst genommen. Um nochmal auf die Taxifahrer zurückzukommen: ich bestelle Taxis nur per App und habe das Geld immer abgezählt dabei, denn sonst wird es sofort ausgenutzt, dass ich nicht gut Russisch kann und nicht diskutieren kann und will – dann kommt das altbewährte „Ich habe leider kein Wechselgeld.“

Wie sieht es denn nun aus mit dem Freiwilligenstatus?
In der Zeit, als ich in der Schule gearbeitet habe, kann ich von drei unterschiedlichen Phasen sprechen:

Die Freiwillige aus Deutschland – wow!
Als ich ankam, wurde ich von vielen Schüler_innen und Lehrer_innen herzlich begrüßt und beschenkt, mir wurde immer geholfen und alle Schüler_innen grüßten mich auf dem Gang fast schon ehrfürchtig. Ich war also durchaus ein besonderer Gast, der respektiert werden sollte. Ich stellte mich immer als Freiwillige aus Deutschland vor, einfach um klarzumachen, wer ich bin, denn die meisten hatten irgendwie davon gehört, dass es Freiwillige an der Schule gibt, kannten mich aber noch nicht. Wenn ich Leuten vorgestellt wurde, war ich immer „unsere“ Freiwillige aus Deutschland, also fast schon ein bewundernswertes Statussymbol der Schule.

„Nur“ die Freiwillige
Das änderte sich, als ich quasi als Bestandteil des Schulpersonals aufgenommen war. Da wurde ich oft von Eltern oder Lehrer_innen angesprochen und nach anderen Lehrern oder irgendwelchen schulinternen Dingen gefragt. Natürlich wusste ich meistens entweder gar nicht, was sie von mir wollten, oder ich kannte den gesuchten Lehrer nicht oder ich wusste nicht, wo die gesuchte Person ist. Da war dann meine Antwort: „Entschuldigung, ich weiß es nicht, ich bin nur die Freiwillige.“ NUR die Freiwillige. Und plötzlich stufte ich mich selbst herab – von der Muttersprachlerin, die selbst unterrichten darf, zur unwissenden Praktikantin.
Aber bin ich das nicht eigentlich auch? Ich habe ja schließlich keine Erfahrung im Unterrichten, mit Deutsch als Fremdsprache noch nie zu tun gehabt und Russisch kann ich auch nicht besonders gut. Habe ich überhaupt das Recht, mich in irgendeiner Weise besonders zu fühlen, nur weil am Anfang so ein Hype aus meiner Ankunft gemacht wurde?
Und da wären wir auch schon bei einem der meistdiskutierten Themen des Vorbereitungsseminars: wie wir uns als Freiwillige verhalten sollten. Werden wir wirklich gebraucht oder sind wir eigentlich nur zu unserem eigenen Vorteil im Gastland? Eine konkrete Antwort gibt es hier wohl nicht, auch weil jede Einsatzstelle unterschiedlich ist. Ich kann nur so viel sagen: Ich war immer gut beschäftigt und hatte das Gefühl, dass die Schule ebenso profitiert wie ich.

Die vermeintliche Superheldin
Die dritte Phase war die, als ich als Wundermittel für alle ungelösten Fragen und Probleme angesehen wurde. Aber nicht unbedingt im positiven Sinne, sondern mehr so „Wir haben eigentlich noch keinen Plan, aber denk dir mal was aus, du bist ja die Freiwillige.“ Da fühlte ich mich auch mal nicht nur ge-, sondern auch überfordert, denn obwohl ich die Freiwillige aus Deutschland bin, bin ich leider keine Superheldin und kann auch nicht in einer Stunde für sieben Gruppen einen Gruppennamen, ein Motto und ein passendes Lied aus dem Hut zaubern (Beispiel Sprachlager). Nicht, dass ich nicht gerne eine Superheldin wäre…

Nochmal anders ist es jetzt im Goethe-Zentrum, aber davon werde ich wannanders erzählen. Ich hatte einfach grundsätzlich einige Schwierigkeiten mit den Strukturen in der Schule und auch mit manchen Personen dort, deshalb war in den letzten Wochen echt ein bisschen die Luft raus bei mir. Das Wetter hat dabei auch eine entscheidende Rolle gespielt – mir war nicht klar, wie groß die Auswirkungen auf die persönliche Stimmung sein können, wenn es in zwei Wochen nur einen regenfreien Tag gibt. Aber keine Angst: die Arbeit im Goethe-Zentrum inspiriert mich sehr und ich bin glücklich, dass ich jetzt noch vier Wochen lang dort aushelfen darf. Dort sind einfach die Strukturen und das Arbeitsumfeld ganz anders und eine willkommene Abwechslung. Also bin ich für die letzten (fast) sechs Wochen nochmal supermotiviert und habe den kleinen Durchhänger überwunden! (Es ist hier jetzt auch endlich richtig Sommer geworden, das gibt mir nochmal zusätzlich Energie).

Und apropos Endspurt: was erwartet euch in den letzten Wochen (voraussichtlich) noch auf diesem Blog?
  – Ich wollte noch einen Beitrag über ein paar Ausschnitte aus der Geschichte Ufas schreiben (mit Fotos, ich weiß, 
    das habe ich im April oder so schon angekündigt). Mal schauen, ob das noch was wird.
  – Auf jeden Fall möchte ich noch eine Fortsetzung des Russisch-Exkurses schreiben, denn mir sind noch ein paar
    kuriose Sprachphänomene aufgefallen.
  – Natürlich schreibe ich einen Bericht über meine Arbeit im Goethe-Zentrum.
  – Außerdem kommt noch mindestens ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. (Mindestens eins deshalb,    weil ich nicht weiß, ob es im August auch noch mal ein Thema gibt).
 – Und wenn ich es mal schaffe, eine gute Hintergrundmusik für mein Projektvideo zu finden, dann lade ich das auch
   hoch und erkläre die Idee dahinter. (Tipps, wo man möglichst kostenlos und legal Musik herbekommt, sind immer
   willkommen…)
Auch der letzte Blogeintrag ist schon in Arbeit – aber worum es geht, verrate ich noch nicht.

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