Tag 131 – Kreativ, produktiv und innovativ!

Liebe Leser_innen,

nach einer kurzen Pause geht es jetzt wieder weiter mit meinem Blog. Ich war die letzten zwei Wochen zuhause in Deutschland und habe das Schreiben immer wieder vor mir hergeschoben…

Dafür geht es weiter mit dem Bericht über das Sprachlager, in dem ich vor meinem Urlaub zumindest dreieinhalb Tage war. Ich wusste zunächst gar nicht, wo dieses Lager ist, denn es existiert in Google Maps nicht, sondern nur im russischen 2GIS (da habe ich aber vergessen zu suchen). Wir wurden in mehreren Marschrutkas dorthin gefahren, und auf den ersten Blick sah alles ganz idyllisch aus. Ein kleines Lager/лагерь (übrigens auch wie „Landschaft/ландшафт“ und „Schlagbaum/шлагбаум“ ein deutsches Wort, das im Russischen genauso heißt) mitten in der Natur, ein kleiner See, eine große Wiese und ein paar Häuser.
Uns wurde schon vorher mitgeteilt, dass wir (Theresa und ich) ein besonders schönes Zimmer mit eigenem Badezimmer bekommen (dazu bekamen wir auch öfters von mehreren Personen stichelnde Bemerkungen zu hören), nämlich im Verwaltungshaus, wo auch die Betreiber des Lagers wohnen. Nun ja, als wir dieses Zimmer sahen, waren wir ein bisschen überrascht. Ich denke, wenn wir vorher gewusst hätten, dass das ganze Lager und die Häuser ziemlich alt sind, hätten wir uns auf etwas anderes eingestellt. Aber als wir die Betten sahen, deren dünne Matratzen voll mit Haaren, Dreck und Steinchen waren, und den Boden, der mit Staub bedeckt war, und das Fensterbrett, das von toten Fliegen bewohnt wurde, waren wir doch etwas erstaunt. Und das „eigene“ Badezimmer war auch nur ein Klo, was von allen Hausbewohnern benutzt wurde, und ich habe die Vermutung, dass es deshalb nicht geputzt wurde, weil es (wie auch in der Schule) gleichzeitig die Putzkammer war. Und wer putzt schon die Putzkammer? Klopapier gab es auch nicht, woraufhin unsere Nachfrage mit „Naja, die Kinder haben sich das eben selber mitgebracht“ beantwortet wurde, bevor eine Lehrerin uns zwei Rollen schenkte. Trinkwasser gab es am ersten Tag noch in einem Kanister in der Mensa, und als der leer war, bekamen wir die Antworten „Der wird nicht mehr aufgefüllt“ und „Naja, ihr hättet euch euer Wasser schon selber mitbringen müssen“. Gut, dass ich vor der Abreise noch nachgefragt habe, ob wir außer Handtüchern irgendetwas Wichtiges brauchen. „Nein, nein, es gibt alles dort.“ Zum Glück gab es einen Brunnen, bei dem die Meinungen zwar geteilt waren, ob man das Wasser trinken könne oder nicht, aber es war unsere einzige Möglichkeit. Besonders gut geschmeckt hat es zwar nicht, aber krank geworden sind wir auch nicht.

Nun zu unserem Unterricht: die Idee war, dass wir mit der 7. und 8. Klasse Schriftliche Kommunikation als Vorbereitung auf das DSD1 üben sollten.
Problem Nr. 1: Die 7. Klassen haben diese Prüfung erst in 2 Jahren und verstehen vieles noch nicht.
Problem Nr. 2: Es sind auch Schüler_innen dabei, die Deutsch als zweite Fremdsprache lernen und daher ungefähr auf dem Niveau der 4. Klassen sind.
Problem Nr. 3: Es gibt weder genug Tische noch genug Stühle. Unterrichtsräume gibt es auch nicht, nur Schlafräume. Die Kinder saßen also draußen, entweder auf beiden Seiten eines Bettes, sodass einige mit dem Rücken zu uns saßen, oder auf Bänken ohne Tisch, oder zu zweit auf einem Stuhl. Wir standen in der prallen Sonne, da der einzige Fleck, wo uns alle sehen und hören konnten, nie im Schatten lag, und wurden von Mücken zerstochen.
Problem Nr. 4: Niemand hatte Hefte oder Stifte dabei.

Und jetzt macht mal Schriftliche Kommunikation mit denen!

Was mich ja eigentlich am meisten erstaunt hat, war ja nicht, dass niemand so wirklich einen Plan hatte, wie das Ganze laufen sollte, sondern, dass niemand einen Plan hatte, obwohl das Sprachlager jedes Jahr an diesem Ort stattfindet. Und dann heißt es halt so ungefähr: „Denk dir was aus, du bist doch die Freiwillige!“.

Naja, irgendwie haben wir uns dann doch arrangiert, und vieles wurde auch einfacher, als einige Schüler_innen der 8. Klasse plötzlich beschlossen, nicht mehr zum Unterricht zu kommen, da waren es nämlich 8 Leute weniger. Und wir waren uns einig, dass wir, anstatt das ganze Gelände nach den Schüler_innen abzusuchen, lieber mit den Übriggebliebenen effektiv arbeiten wollen. Mit verschiedenen Spielen konnten wir dann auch die Motivation wieder ein bisschen hervorlocken.

Mein letzter Tag dort war gleichzeitig der Tag, an dem sich jede Gruppe präsentieren sollte. Jede Klassenstufe bildete eine Gruppe mit einem Namen, einem Motto und einem Lied. Bei der Vorbereitung dieser Präsentation waren wir auch beteiligt und haben lange überlegt, nach Liedern gesucht und Mottos gedichtet, nur um dann festzustellen, dass die meisten Gruppen sich am Ende doch selbst etwas ausgedacht hatten. Ursprünglich hätten wir ja sowieso für jede Gruppe etwas machen sollen, was zeitlich einfach zu viel für uns war, aber es wurde offenbar gar nicht erwartet, dass sich die Gruppen selber Gedanken machen. Auf die Idee sind sie dann wohl erst gekommen, als wir fertig waren.

Diese Präsentation war dann ganz lustig. Die Gruppen hatten am Ende sehr interessante Namen und passende Mottos, z.B. „Coca-Cola – Hey Kids, ich bin Cola“, „Wir sind das Brot“ oder „Regenbogen – Wir sind kreativ, produktiv und innovativ!“. Das waren alles Schülerideen, wie ihr euch vielleicht denken könnt. Zum Schluss dieser Veranstaltung wurden Theresa und ich auf die Bühne geholt und sollten irgendetwas sagen – aber im Improvisieren sind wir ja inzwischen geübt. Dann fiel uns die ehrenvolle Aufgabe zu, die Sprachlager-Fahne zu hissen, wofür wir von allen sehr gefeiert wurden.

Das Highlight der drei Tage war auf jeden Fall, als wir uns an zwei Abenden eine Gitarre ausleihen durften und mit Interessierten deutsche Kanons gesungen haben. Zwar haben meistens nur wir gesungen, weil sich niemand getraut hat, mitzusingen, aber immerhin wurde uns hier der Respekt zuteil, dass uns zugehört wurde, nicht wie im Kinderlager, wo sich mindestens fünf Schüler_innen, Betreuer_innen oder Lehrer_innen unterhalten haben, während wir Lieder vorgesungen haben. Es waren auch nur die Leute da, die sich dafür interessiert haben, und als wir fertig waren, haben ein paar Mädchen uns russische Lieder vorgesungen. Am zweiten Abend haben wir mit ein paar Viertklässler_innen gesungen und das war mindestens genauso schön. Bis wir von einer Betreuerin mitten in „Abendstille überall“ unterbrochen wurden: „Die Kinder müssen jetzt zum zweiten Abendessen!“

Ja richtig, zum zweiten Abendessen. Insgesamt gab es fünf Mahlzeiten am Tag: Frühstück, Mittagessen, zweites Mittagessen, Abendessen, zweites Abendessen. Die Hauptmahlzeiten waren allerdings auch so klein, dass die zweiten Mahlzeiten wirklich nötig waren. Wie in der Schule gibt es grundsätzlich nur kleine Frühstücksteller für sämtliche Gerichte, d.h. eine Portion ist ungefähr die Hälfte von dem, was ich normalerweise esse, um satt zu werden. Oft haben wir uns noch übriges Brot oder Gemüse von anderen Tischen geholt, damit wir nach dem Essen zumindest keinen Hunger mehr haben. Das Tolle an so vielen Kindern ist ja, dass die meisten kein Gemüse mögen, also haben Theresa und ich immer die rote Beete von sämtlichen Tischen in der Nähe bekommen. „Bäh, ja, das könnt ihr gerne haben!“ Die entsetzten Blicke der kleineren Kinder haben wir gerne in Kauf genommen. Beim zweiten Mittagessen (süße Brötchen und Äpfel) wurde zum Glück nicht nach Tischen aufgeteilt und rationiert, sondern man konnte sich die Äpfel einfach aus einem großen Korb nehmen (da haben wir auch ordentlich zugeschlagen). Und das zweite Abendessen bestand aus Kefir und Keksen. Seitdem trinke ich sehr gerne Kefir, ich hatte es vorher nur nie probiert…

Alles in allem würde ich sagen, dass alles ein bisschen besser organisiert werden könnte, z.B. dass man das Sprachlager an einem Ort stattfinden lassen könnte, wo es ordentliche Unterrichtsräume gibt und dass man den Schüler_innen sagt, dass sie Hefte und Stifte brauchen. Der grundsätzliche Zustand des Lagers lässt sich wohl damit erklären, dass man für zwei Wochen in diesem Lager umgerechnet nur ca. 10 Euro bezahlt. Als ich wieder abreiste, hatte sich ja irgendwie alles arrangiert, ich hätte es also durchaus noch bis zum Ende ausgehalten (auch dank Theresa, ich glaube, alleine hätte das echt keinen Spaß gemacht).
Aber der Familienbesuch ging dann doch vor 😉

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