Frag doch mal in Russland #2 Bildung, Arbeit, Chancen

Liebe Leser_innen,

dieser Beitrag ist das zweite Interview im Rahmen des Projekts „Frag doch mal in…“, diesmal wieder mit Svetlana, meiner Vermieterin und Mitbewohnerin. Sie ist 65 Jahre alt und war früher Deutschlehrerin an meiner Einsatzstelle, der Schule 103. Das Thema lautet dieses Mal „Bildung, Arbeit, Chancen“.

Wie war Ihre Laufbahn von der Schule bis zum Ende Ihrer Arbeit?

Als ich in der Schule lernte, wusste ich nicht, was ich werden will. Ich hatte keinen Traum, ich hatte keine Ziele. Ich war in einer sehr schweren Situation. Aber ich hatte zwei Beispiele vor mir, nämlich meine Schwestern. Ich hatte auch ein Beispiel von meinem Vater, von meiner Mutter, von meinem Großvater sogar. Er war ein Dorflehrer, er war sehr lange der einzige Lehrer in seinem Dorf. Und  sehr viele Generationen von Kindern hat er unterrichtet. Und mein Vater hat auch die pädagogische Fachschule beendet, aber als Lehrer arbeitete er nicht. Warum? Er war Mitglied der Kommunistischen Partei, und die Partei hat ihm gesagt: „Sie sollen in der Landwirtschaft arbeiten.“ Die Landwirtschaft war schlecht, man brauchte sehr viele Kräfte, um sie zu verbessern. Und sehr viele Jahre, 30 oder 40 Jahre, arbeitete er als Vorsitzender eines Kolchos. Aber meine ältere Schwester hat ihren Beruf ganz zielstrebig gewählt. Sie wusste schon in der Schule, dass sie Lehrerin werden will, und sie bereitete sich selbst auf diesen Beruf vor. Und sie wollte Russischlehrerin werden, aber als sie in die pädagogische Hochschule in Birsk gekommen ist, hat die Prüfungskommission ihre Fremdsprachenkenntnisse geprüft, in Deutsch, und sie haben ein paar Fragen auf Deutsch gestellt, Luise hat geantwortet, und das hat ihnen gefallen, und sie haben gefragt: „Warum wollen Sie Russischlehrerin werden? Bitte arbeiten Sie lieber als Deutschlehrerin! Das ist viel interessanter, hat mehr Prestige, und Sie haben gute Kenntnisse. Bitte schreiben Sie sich an unserer Fakultät ein!“ Das ist die Fakultät der Fremdsprachen, Deutsch und Französisch.
Nach Luise ist meine zweite Schwester in diese Stadt, in diese Fachschule gegangen, und sie wurde auch Studentin dort. Mir blieb also nichts anderes übrig, ich ging auch in diese Schule. Die zweite Schwester wurde Russischlehrerin, Luise Deutsch- und Französischlehrerin, und ich wollte nur Fremdsprachen lernen, Russisch wollte ich nicht. Aber in der Schule lernte ich sehr gut, besonders gut waren für mich Literatur, Geschichte und Fremdsprachen. Mathematik war schwerer, bis zur 9. Klasse waren alle meine Noten nur 5 [beste Note in Russland], aber in der 10. Klasse, 11. Klasse, war ich in Mathematik nicht mehr gut, und Physik war besonders schwer für mich. Aber Chemie war viel besser.
Ich war schon verheiratet, ich hatte schon Kinder, aber in meinem Traum sah ich solche Bilder: ich stehe an der Tafel in der Physikstunde, und soll eine physikalische Aufgabe lösen, das war schrecklich! Und als ich verstand, dass das ein Traum war, war ich so glücklich.

Was für eine Schule haben Sie besucht?

Bei uns hatten wir nur eine einzige Schulart, eine Mittelschule von der 1. bis zur 11. Klasse.

Wann sind Sie in den Beruf eingestiegen? Haben Sie gleich hier in Ufa gearbeitet?

Als ich Studentin war, hatten wir in unserem Land eine Studentenbewegung, die Baugruppen. Ich wurde auch mit meinen Freundinnen und Mitstudentinnen Mitglied einer solchen Baugruppe. Nach dem 1. Studienjahr ist eine Gruppe von ca. 100 Studenten in die Vorstadt von Ufa gekommen, um in einer Baustelle eine Firma für die Viehfarm zu bauen. Fast 100 Mädchen und nur 3 oder 4 Jungen. Kannst du dir das vorstellen? Wir Mädchen trugen Beton, das war so schwierig. Wir gruben Erde für das Fundament usw. Die Arbeit war sehr schwierig, aber sehr interessant und nach der Arbeit war es sehr lustig. Wir wohnten in Zelten unter den Birken. Rechts war ein Kornfeld, das war eine sehr romantische Atmosphäre, und damals habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er war auch Student, er leitete eine solche Baugruppe, aber nicht von unserem Institut, sondern von Ufa. Er war Student der landwirtschaftlichen Hochschule. Er sollte Ingenieur werden. Das war nach dem ersten Studienjahr, und zwei Jahre lang haben wir uns getroffen. Er kam in meine Stadt, und dann kam ich nach Ufa, und nach zwei Jahren veranstalteten wir die Hochzeit. Sehr viele Studenten waren bei unserer Hochzeit, das war sehr lustig, aber für meine Mutter war das nicht leicht, denn vieles hat sie selbst gemacht und sie hatte fast keine Helfer. Und es gab Probleme, ich konnte nicht einmal ein Brautkleid kaufen. Es gab das nicht, in den Kaufhäusern gab es überhaupt keine solchen Kleider, und wir suchten, wir schrieben nach Moskau, aus Moskau haben sie uns Stoffe geschickt usw. Das ist eine andere Geschichte, man kann darüber sehr lange sprechen. Aber wir wurden Frau und Mann. Und von der Stadt Birsk bin ich nach Ufa umgezogen. Mein Mann hat viel dafür gemacht, und er hat auch im Studentenwohnheim ein Zimmer für uns organisiert, und er war sehr aktiv in diesem Institut, und darum kamen die Leiter des Instituts ihm entgegen und machten vieles für ihn. Also bekamen wir ein solches Zimmer. Das waren sogar 2 kleine Zimmer, eine Küche und ein Wohnzimmer. Und im 5. Studienjahr ist Ina geboren, im Dezember. Und als wir studierten, damals, bekamen alle Studenten Papiere, wo geschrieben wurde: die Stadt, die Organisation, der Betrieb oder die Schule, wo die Absolventen arbeiten sollten. Weil ich schon verheiratet war, gaben sie mir kein solches Papier. Ich musste oder sollte selbst meine Arbeitsstelle auswählen. Das Studium an der Fakultät der Fremdsprachen hat mir sehr gut gefallen, vieles, die Aussprache usw. Aber Deutsch hat man uns sehr schlecht beigebracht, das war ein junger Professor, wir machten ihm schöne Augen. Er war nicht streng, er hatte keine Erfahrung, er war ein sehr, sehr junger Professor und konnte nichts von uns fordern. Aber ich hatte gute Noten, weil ich Deutsch in der Schule gelernt hatte.

Als Sie angefangen haben, in der Schule zu arbeiten: Wo haben Sie angefangen?

Ich habe mir selbst Arbeit gesucht. Ich ging in eine Schule: „Brauchen Sie eine Deutschlehrerin oder nicht?“ – Nein, sagten sie mir. Endlich, in der Schule 102, hat man mir gesagt: „Ja, wir brauchen eine Deutschlehrerin, weil unsere Deutschlehrerin schwanger ist.“ Und ich begann zu arbeiten. Ich war eine so junge Lehrerin, und meine Schüler waren schon in der 11. Klasse. Und solche großen Jungen saßen da. Und jetzt lachten sie und strahlten mich mit den Augen an wie wir unseren Deutschprofessor.
Die Arbeit war sehr schwierig für mich. Jetzt verstehe ich, die Arbeit des Lehrers ist nicht für mich. Aber ich war sehr tüchtig. Die Disziplin war für mich am Anfang ein Problem. Sogar bei den kleinen Schülern, in der 5., in der 6. Klasse. Ich meinte, ich liebe sie, und darum sollen sie mich auch lieben. Warum muss ich so streng sein? Ich will nicht so streng sein, ich liebe sie, und das ist genug! Aber die Kinder sind nicht so. Eine alte Deutschlehrerin, Galina, sagte mir: „Oh, Svetlana, ich verstehe dich nicht. Sie sind so klein, warum sind sie so undiszipliniert in deiner Stunde? Es ist so leicht, sie dazu zu bringen, sich zu benehmen!“ Nach vielen Jahren habe ich es verstanden, und ich konnte auch eine gute Disziplin in der Stunde haben.

Wie lange haben Sie als Lehrerin gearbeitet, bevor Sie ins Schulamt gegangen sind?

Ich habe in der Schule 102 zwei Jahre gearbeitet, und dann ist diese Lehrerin zurückgekommen, und ich begann wieder, Arbeit zu suchen. Und in der Schule 103 habe ich diese Arbeit gefunden. Da habe ich 25 Jahre gearbeitet. Das war eine sehr interessante Zeit, wir hatten mit den Schülern viele interessante Schulabende. In unseren Schulen gab es die Tradition, dass am Ende des Schuljahres die Schüler mit den Lehrern Ausflüge machten. Diese Ausflüge waren sehr interessant und nicht nur für ein paar Stunden: wir wohnten in Zelten, wir fuhren mit dem Zug, dann gingen wir zu Fuß… Ein Ausflug mit meinen Schülern dauerte eine Woche. Wir waren in interessanten Höhlen in Regionen, die sehr weit von Ufa waren, wo es sogar keine Elektrizität gab. Die Leute wohnten in den Dörfern, aber sie hatten da keine Elektrizität, das kann man sich heute unmöglich vorstellen, aber es war so. Und die Schüler mochten das sehr.

Wie lange haben Sie im Schulamt gearbeitet?

8 Jahre. Und ich habe verstanden, dass das meine Bestimmung war. Das war eine schöpferische Arbeit, ich war für die methodische Arbeit verantwortlich. Aber diese Arbeit war sehr schlecht bezahlt, sogar die Lehrer verdienten mehr als ich. Das ist paradox, meiner Meinung nach. Ich half den Lehrern, ich leitete und koordinierte die Arbeit, aber mein Lohn war so klein. Aber ich litt nicht, weil mein Mann gut verdiente. Die Arbeit war sehr interessant, und eine Richtung – das kann ich ohne Bescheidenheit sagen – habe ich in unserem Bezirk entwickelt, das ist eine wissenschaftliche Arbeit der Schüler. Die Schüler schreiben über verschiedene Projekte, sie bearbeiten eine Frage und schützen ihre Projekte. Das ist sehr interessant, sie machen sehr, sehr viel, um ihr Projekt zu schützen, und die Schüler haben jetzt sehr viele Auszeichnungen für ihre Projekte, zuerst in der Stadt, und dann auch in anderen Regionen.

Welche Berufe sind in Russland am besten bezahlt oder am angesehensten?

Gazprom, die Erdölbetriebe. Aber man muss sagen: die Leiter bekommen sehr viel, aber die Arbeiter nicht. Die Leiter bekommen unmöglich, undenkbar viel.
In der Bank kann man auch viel Geld verdienen. Die Leute, die verkaufen – wenn sie gut verkaufen, bekommen sie viel Geld, und die Direktoren, die Manager auch. Und Richter verdienen auch sehr gut! Meine Rente ist z.B. 15.000 Rubel und die Rente von einem Richter ist 75.000 Rubel, so viel mal größer. Die Stadtangestellten – ihre Rente ist auch gut, mehr als z.B. die Rente der Lehrer, der Ärzte…

Was ist Ihre persönliche Meinung zum russischen Bildungssystem?

Früher war die Bildung sehr gut, meiner Meinung nach. Wir hatten keine Tests, keine einheitlichen staatlichen Tests für alle Schüler im ganzen Land. Warum ist das schlecht? Ihr Denken entwickelt sich nicht, sie sollen nur viele Fakten wissen. Und dann: Plus, Minus, Plus, Minus…
Wir hatten früher andere Prüfungen: die Schüler sollten eine Frage beantworten, mündlich, sie sollten z.B. eine Theorie beweisen, sie sollten ihre Position beweisen. Natürlich war das nicht leicht. Wir hatten Abschlussprüfungen, und als wir das Abitur hatten, mussten wir auch Prüfungen bestehen, um in die Hochschule zu kommen. Zweimal – im Juni in der Schule und im August hatten wir Prüfungen in der Hochschule, die wir gewählt hatten. Das war nicht leicht. Sehr viele junge Lehrer wissen schon nichts mehr davon, aber die Lehrer, die schon seit langem arbeiten und die selbst in einem anderen System gelernt hatten – alle schimpfen auf diese Tests. Und die Mitglieder unserer Regierung, unsere Abgeordneten, sie diskutieren viel über die Bildung.

Wie lange studiert man normalerweise?

Normalerweise in einer Hochschule 5 Jahre, aber es gibt jetzt Bachelor und Master. Früher studierten alle 5 Jahre, und manche 6 Jahre. Zur Zeit gibt es die Studenten, die 3 Jahre studieren und dann den Bachelor haben, und nach zwei Jahren den Master. Aber nicht alle Hochschulen sind so.

Soweit ich weiß, muss man immer Russisch, Mathematik und Sport studieren, egal, welches Fach man studiert.

Mathematik, ja. Früher war das nicht so. Ich habe die Fremdsprachenfakultät gewählt, und an unserer Fakultät hatten wir keine Mathematik, wozu? Oder Psychologie, wozu Biologie, wozu Mathematik? Aber jetzt ist Mathematik überall, warum? Fast alle Abiturienten wollen eine Hochbildung haben. Aber das Land braucht nicht so viele Fachmänner mit Hochbildung. Unser Land braucht viele Arbeiter. Und darum ist Mathematik seit einigen Jahren überall. Und alle sind erstaunt, wozu Mathematik? Das ist eine Barriere, und die Universitäten mit hohem Ansehen, z.B. MGU in Moskau, die beste Universität in unserem Land, und die Bauman-Universität, haben begonnen, den Abiturienten ihre eigenen Prüfungen zu stellen. Früher hatten wir sehr viele Fachschulen [Berufsschulen], und die Schüler, die diese Schule absolviert hatten, gingen in die Werke, in die Fabriken, sie wurden gute Fachleute, und zur Zeit braucht unser Land solche Fachleute, aber diese sehr guten Fachschulen waren ganz zerstört, wir haben nur noch sehr wenige. Und unser Land braucht sehr viele solche Leute, Arbeitsmänner, Arbeitshände.

Welche verschiedenen Schularten gibt es in Russland?

Bei uns gibt es Mittelschulen: sie vereinigen Grundschule, Mittelstufe und Oberstufe. Es gibt auch Gymnasien, d.h. Schulen, wo humanistische Fächer sehr gut unterrichtet werden, Literatur, Fremdsprachen, Geschichte. Es gibt auch Lyzeen. Im Lyzeum werden die „genauen“ Wissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie sehr gut unterrichtet. Alle diese Schulen haben 11 Klassen.

Welche Möglichkeiten der Weiterbildung hat man, wenn man die Schule beendet hat?

Zur Zeit haben unsere Studenten sehr viele Möglichkeiten. Sie können gleichzeitig zwei Berufe in einer Universität studieren. Und sie können sogar gleichzeitig arbeiten, wir kennen solche Beispiele. Z.B. die Tochter von Inas Freundin, die in St. Petersburg studiert, studiert zwei Berufe und arbeitet. Oder der Sohn meiner Cousine studiert an der Bauman-Universität, er arbeitet und verdient als Student viel mehr als sein Vater.
[…]
Unsere Universität in Ufa ist zur Zeit nicht so beliebt. Jetzt studieren alle in Kasan, da studierte zu seiner Zeit Lenin, aber das hängt nicht davon ab (lacht). Jetzt liegt Kasan in allen Richtungen vorne, Bildung, Straßen, Tourismus usw. Es heißt jetzt immer Moskau, St. Petersburg, Kasan.

Wie groß sind die Chancen, nach dem Universitätsabschluss eine Arbeit zu finden? Welche Studienfächer bieten die besten Chancen?

Früher hatten wir kein Problem. Alle bekamen ein Papier: du wirst in diesem Betrieb, in dieser Stadt, in dieser Organisation, in dieser Schule arbeiten, alle hatten so ein Papier. Jetzt ist alles ganz anders. Natürlich, wenn du Student von der Moskauer Universität warst, hast du mehr Chancen, oder wenn du im Ausland studiert hast. Sehr viele Schüler wollen Jura studieren, aber sehr wenige finden eine Arbeit, weil es zu viele gibt. Oder die Studenten, die Wirtschaft studiert haben, sie können auch keine Arbeit finden. Aber sie alle gehen und gehen, um das zu studieren.

Anmerkung: nach dem Interview (die Aufnahme war schon beendet) sagte Svetlana noch, dass die Kindergärten hier sehr gut seien und die Kinder dort eine gute Bildung und Entwicklung bekämen. Es sei dann geradezu ein Schock für die Kinder, vom Paradies Kindergarten in die Schule zu kommen.

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