Tag 61 – Sophia, Saphia, Sophie

Liebe Leser_innen,

es ist ein entspannter Sonntagvormittag und alle sind in Feiertagsstimmung. So auch Svetlana und ich – gerade saßen wir noch in aller Ruhe bei Tee und Gebäck in der Küche und haben darüber geredet, ob das gesamte Leben eigentlich vorbestimmt ist oder nicht… Was hier allerdings fehlt, ist die „Oh mein Gott, morgen und übermorgen sind die Geschäfte zu, wir müssen Vorräte für drei Wochen kaufen!“-Samstagnachmittag-Einkaufshektik. Denn hier sind ja alle Geschäfte auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Und da es jetzt tatsächlich sonnige 18°C hat, herrscht hier eine wohlige, fast sommerliche Sonntagsentspannung. Mein Zimmer wird durch die vielen Fenster wunderschön von der Sonne beleuchtet und ich kann bei schöner Musik in aller Ruhe ein bisschen schreiben.

Morgen ist also der erste Mai. Die meisten Leute, so auch Svetlana, fahren auf ihre Datschen, um diese sommerfertig zu machen. Von meiner Russischlehrerin habe ich aber erfahren, dass es in der Stadt ziemlich viele Veranstaltungen und abends ein Feuerwerk gibt. Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen und werde die Gelegenheit nutzen, nochmal ein bisschen die Stadt zu erkunden und endlich mal Schawarma zu essen. Das ist so ähnlich wie Döner und gibt es an jeder Ecke, aber es hat sich für mich bisher leider noch nicht ergeben…
In Djoma gab es gestern außerdem eine „Jarmarka“ (ja, genau, einen Jahrmarkt), bei der unter anderem frisches Gemüse und Schaschlik verkauft wurde. Dafür wurde die ulitsa Pravdy, eine der Hauptverkehrsstraßen in meiner näheren Umgebung, gesperrt.

Die „Jarmarka“

Bei dem schönen Wetter habe ich auch noch ein paar Bilder gemacht. Ich entschuldige mich übrigens sehr für die schlechte Qualität, die eben entsteht, wenn man mit dem Handy Fotos macht. Aber in den Momenten, wenn mir auffällt, dass man jetzt ein schönes Foto machen könnte, habe ich meine Kamera eben nie dabei. (Wobei die Kamerabilder auch nicht viiiel besser sind…)

Das ist mein Schreibtisch im Büro der stellvertretenden Direktorin.

Und das ist der Blick aus dem Fenster. Leider blühen die Birken noch nicht.

Und durch diesen kleinen Park führt mein Schulweg:

Und hier sind noch ein paar weitere Fun Facts:

Busfahren #2
In den großen Stadtbussen gibt es meistens eine Fahrkartenverkäuferin, die einem während der Fahrt ein Ticket verkauft (das kostet auch da normalerweise 25 Rubel). Und diese Verkäuferin hat einen eigenen Platz im Bus, der manchmal sogar mit Klebeband oder ähnlichem markiert ist. Bei meiner ersten Busfahrt mit einem Stadtbus hab ich Depp mich gleich mal auf diesen Platz gesetzt, aber eine andere Frau hat mich rechtzeitig freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich doch bitte wieder aufstehen solle. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ticketverkäuferin auch so freundlich gewesen wäre… Es hätte mir allerdings auch verdächtig vorkommen müssen, dass dieser eine Platz frei ist und trotzdem mehrere Leute stehen. Übrigens: wenn gerade keine Verkäuferin mitfährt, bezahlt man wie in der Marschrutka beim Aussteigen beim Fahrer.

Handys im Unterricht
… sind ganz normal und offenbar völlig akzeptiert. Ich bekomme immer nur erstaunte Blicke, wenn ich die Schüler bitte, ihre Handys aus der Hand zu legen oder gar in die Tasche zu packen… In der 4. Klasse muss ich es am häufigsten sagen, da passiert es auch regelmäßig, dass ein Handy klingelt und sein Besitzer, anstatt es wegzupacken, seelenruhig aus dem Zimmer geht und telefoniert. Neulich hat mich ein Junge während einer Klassenarbeit sogar gefragt, ob er rausgehen und mit einem Freund telefonieren kann, ich dachte, ich hör nicht richtig. Und ich hab mich auch schon in der einen oder anderen Story auf VKontakte gefunden, wenn die Schüler meinten, den Unterricht dokumentieren zu müssen. Ich weiß nicht, ob ihnen nicht klar ist, dass ich ihre Bilder und Videos sehen kann, oder ob es ihnen egal ist…

Mensa
Das Essen in der Mensa ist, wie schon mal erwähnt, relativ gut. Zwar absolut nicht gesund, das Angebot besteht aus Nudeln, Kartoffeln, Hühnchen und kotlety (Fleischküchla/Fleischpflanzerl/Buletten/…) und diversem Weißmehlgebäck. Ungefähr alle drei Wochen gibt es Salat. Das ist gar nicht so schlimm, aber was richtig nervt, ist, dass es aus Sicherheitsgründen keine Messer gibt. Am ersten Tag habe ich eine der Deutschlehrerinnen gefragt, wo es denn Messer gibt, und sie hat mich erst angeschaut wie ein Auto, dann laut gelacht und gesagt „Aber Sophie, was willst du denn mit einem Messer? Das ist doch gefährlich!“
Wenn man also nicht mit den Händen essen will, fallen die Hähnchenschenkel/-flügel weg, denn mit Löffel und Gabel ist das nahezu unmöglich. Und ganz realistisch gesehen kann man meiner Meinung nach mit den ziemlich spitzen Gabeln noch eher jemanden verletzen als mit einem stumpfen Buttermesser, wie es sie in einer Mensa normalerweise gibt…

Sophie…
Nein, ich habe mich nicht vertippt. Tatsächlich höre ich den Namen Sophia fast nur dann, wenn ich mit Freunden und Familie in Deutschland telefoniere. Am Anfang hat mich das echt genervt, denn auch in Deutschland haben mich viele Leute, vor allem Lehrer, nur Sophie genannt, und so heiße ich eben nicht. Und das zählt meiner Meinung auch nicht mehr als Spitzname, weil Sophie ein eigener, anderer Name ist. Und wenn mich jemand Sophia nennt, dann klingt das Saphia, weil das O unbetont ist und als A gesprochen wird… Dann habe ich aber gemerkt, dass Sophie hier einfach der Kosename für Sophia ist, und das macht es erträglicher. Hier wird Alina auch Alin genannt, Regina heißt Regin, Diana wird zu Dian und Evelina heißt Evelin.

Bis bald, eure Sophie. Ääähhh, Sophia. 😉

2 thoughts on “Tag 61 – Sophia, Saphia, Sophie

  1. Hallo Sophia,
    spannend und sehr interessant, Deinem Blog zu folgen. Toll, wenn man seine neu erworben Sprachkenntnisse über längere Zeit im Land anwenden und erweitern kann. Mein Kommentar ist an dieser Stell eig. falsch, da er sich auf die Zukunft (Tag 67) bezieht – ich habe etwas über die Kathedrale samt Übersetzung gefunden:

    „Mariä-Geburt-Kathedrale
    Nach den Bauplänen der Stadt Ufa wurde bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts der Platz für die zukünftige Kirche festgelegt. Die Grundsteinlegung erfolgte jedoch erst im Jahre 1901 und auch die Fertigstellung zog sich, aufgrund des Mangels von Finanzmitteln, bis 1909 hin.
    Nach der Revolution wurde in ihr ein Krankenhaus untergebracht, die Kirche selbst aber blieb zunächst noch aktiv. Ihre Schließung erfolgte 1934. In den darauf folgenden Jahren wurde das Gebäude auf verschiedene Weise genutzt, unter anderem als eine Flugzeugwerkstatt. Die größten Veränderungen erfuhr die Kathedrale durch Umbaumaßnahmen in den 1950er Jahren und ihrer anschließenden Nutzung als Kino. Unter anderem wurde die Hauptkuppel abgetragen und die Fertigstellung des Glockenturms durch eine Deckenkonstruktion ersetzt.
    1991 wurde die Kirche der orthodoxen Gemeinde zurückgegeben und mit der Wiederherstellung des Gebäudes begonnen – es wurde insgesamt erweitert, die Kuppel erneuert und der Glockenturm fertiggestellt. Er besitzt eine Höhe von 47 Metern. Die Kirche ist heute die Bischofskathedrale (kafedral’nyj sobor) der Eparchie Ufa.“

    Also berichte weiterhin so spannend und sei versichert, das Deine Mühen nicht umsonst sind, sondern dein Blog auch gelesen wird. Viel Grüße aus dem sonnigen Bamberg, Peter

  2. Hallo Sophia, vielen Dank für deine schönen und regelmäßigen Beiträge!
    Ich lese sie sehr gerne und fühle mich an meine kulturweit-Zeit 2012 in St. Petersburg. Dort war/ist der europäische Einfluss natürlich viel deutlicher zu spüren (und sichtbar) als wahrscheinlich in Ufa – aber außerhalb der touristisch aufgewerteten/inzenierten Viertel sah es ganz genau so aus wie bei dir.
    Ich wünsche dir eine gute Zeit und freue mich auf weitere Berichte 🙂
    Hanna

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