Tag 40 – Kleiner Russisch-Exkurs

Liebe Leser_innen,

bald ist schon mein erster Monat in Russland vorbei. Neulich ist mir plötzlich klar geworden, wie kurz die Zeit hier doch eigentlich sein wird, wenn man die Seminare und den Urlaub von den sechs Monaten abzieht. Also los, mach was draus, sagte ich mir nach dieser Erkenntnis. Dazu gehört auch, sich mit der Landessprache vertraut zu machen. In meinem Fall aber Russisch, nicht Baschkirisch… Hier ist zwar fast alles zweisprachig (Straßenschilder, Namen von Geschäften, Sicherheitshinweise usw.), aber es sprechen nur noch wenige Menschen Baschkirisch. Diese Sprache wird zwar in der Schule unterrichtet, aber ich höre die Schüler_innen immer nur über dieses Schulfach schimpfen. Das spricht doch eh keiner mehr, warum sollen wir das lernen, mimimi… Natürlich ist es schade, dass diese Sprache immer mehr aus dem Alltag verschwindet und irgendwann nur noch in Büchern existieren wird. Auch Svetlana (siehe „Svetlanas Kindheitserinnerungen“), die gebürtige Baschkirin ist, findet das sehr traurig. Ich werde diese Sprache aber trotzdem nicht lernen, weil sie erstens eine Turksprache ist und mit Russisch nicht viel gemeinsam hat und sie mir zweitens im Alltag nichts bringen wird, weil eben keiner mehr Baschkirisch spricht.

Also lerne ich Russisch. Da es keine Sprachschule gibt, die Russisch als Fremdsprache anbietet, lerne ich bei einer Deutschlehrerin aus einer anderen Schule, bei der auch schon mein Vorgänger Unterricht hatte. Mit ihr komme ich sehr gut zurecht, sie ist ziemlich jung und sehr, sehr nett. Insgesamt 13 Stunden habe ich schon gehabt, und in jeder Stunde lerne ich neue Sprachregeln – bei manchen schaue ich meine Russischlehrerin nur verständnislos an und es fällt mir schwer, sie mir anzugewöhnen. Einige davon möchte ich euch gerne hier präsentieren. Der Einfachheit halber werde ich Beispiele nicht auf Kyrillisch, sondern in lateinischer Schrift in der ungefähren Lautübertragung schreiben. Und liebe Russisch-Experten, verzeiht mir meine Fehler, die durch meine eigentliche Unkenntnis der russischen Sprache zustandekommen.

Die Schrift.
Es sollte, glaube ich, jedem von euch klar sein, dass im Russischen das kyrillische Alphabet verwendet wird. Das habe ich aber schon lang vor der Ausreise gelernt (Notiz an mich selbst: gute Entscheidung!). Tatsächlich komme ich aber bei manchen Buchstaben immer noch durcheinander, vor allem bei denen, die gleich aussehen wie im deutschen bzw. lateinischen Alphabet, aber anders ausgesprochen werden (P=R, H=N, X=Ch, B=W).

Die Aussprache.
Erst habe ich mich gefreut, dass es für jeden Laut ein eigenes Zeichen gibt, und nicht wie im Deutschen oder Französischen bestimmte Buchstabenverbindungen, die besonders ausgesprochen werden. Aber leider gibt es wenig Ausspracheregeln, außer dass z.B. unbetontes O wie A ausgesprochen wird. Meine Russischlehrerin hat gesagt, dass die Russen die Vokale einfach so aussprechen, wie sie wollen. Für die Betonung gibt es gar keine Regeln. In Lehrbüchern stehen immerhin Akzente über den betonten Buchstaben, aber sonst muss man für jedes Wort die Betonung mitlernen und bei unbekannten Wörtern raten.
Und dann gibt es noch dieses wunderschöne Weichheitszeichen Ь und das Härtezeichen Ъ. Auch schön, dass sie fast gleich aussehen, oder? Das Härtezeichen kommt zum Glück kaum vor, und das Weichheitszeichen zeigt an, dass der vorhergehende Buchstabe „weich“ gesprochen wird – das hat aber nichts mit dem fränkischen „haddn B“ und „weichen B“ zu tun (für Nicht-Franken: P und B). Wenn ein Buchstabe „weich“ ist, geht die Zunge an den Gaumen, sodass bei manchen Buchstaben sowas wie ein Zischlaut entsteht. Ich bin da noch nicht ganz durchgestiegen, weiß aber jetzt, dass russische „harte“ und „weiche“ Laute nichts mit deutschen „harten“ und „weichen“ Lauten zu tun haben. Am deutlichsten ist mir das klar geworden, als die Lehrerin behauptete, K wäre weich und G wäre hart. Für mich, in Bamberg groß geworden, völlig unbegreiflich…

Die Fälle.
Im Russischen gibt es sechs Fälle. Zu den uns bekannten vier Fällen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ kommen noch der Instrumental und der Präpositiv hinzu. Ganz grob: der Instrumental antwortet auf die Fragen Womit?/Von wem? und der Präpositiv, der nur nach bestimmten Präpositionen steht, auf Über wen?/Worüber?/Wo?. Diese zwei Extrafälle sind gar nicht mal so das Problem, sondern dass die anderen Fälle teilweise anders verwendet werden. Wörtlich übersetzt hieße es z.B. jemandem anrufen. Oder jemanden gratulieren. Oder jemanden danken. (Wer von euch sich jetzt fragt, was daran jetzt falsch ist, der sollte nochmal an seinen eigenen Deutschkenntnissen arbeiten…)

Der Satzbau.
Meistens völlig willkürlich, man kann im Satzbau fast nichts falsch machen, außer bei bestimmten Formulierungen, z.B.:
Wenn ich sage Kagda mnje byla schest ljet, dann heißt das Als ich sechs Jahre alt war.
Wenn ich aber sage Kagda mnje byla ljet schest, dann heißt es Als ich ungefähr sechs Jahre alt war.

Die Artikel.
Gibt es nicht. Hallelujah! Das kommt mir als Russischlernerin natürlich sehr entgegen, aber ungewohnt ist es schon, keine Artikel zu verwenden. Vor allem komme ich mir immer so unhöflich vor und habe ständig das Gefühl, dass ich jetzt irgendwas im Satz vergessen habe. Aber wenn ich die Lehrerin etwas verunsichert anschaue und sie frage: „Ist das jetzt überhaupt ein richtiger Satz?“, sagt sie immer: „Ja natürlich! Warum denn nicht?“

Das Verb sein.
Gibt es auch nicht, zumindest nicht in der Gegenwart. Wenn ich mich also vorstelle, kann ich einfach sagen (wörtlich übersetzt): „Ich Sophia. Mir 18 Jahre. Ich aus Deutschland. Ich Freiwillige.“ Auch sehr ungewohnt, aber ein Verb weniger, das ich lernen muss!

Die Zeiten.
Es gibt nur drei Zeiten, Präteritum, Präsens und Futur. Und die Formenbildung ist auch gar nicht sooo schwer. Das wäre ja alles schön und gut und toll, wären da nicht…

…die Aspekte.
Es gibt von fast jedem Verb einen vollendeten und einen unvollendeten Aspekt. Diese Aspekte sind, glaube ich, vergleichbar mit den simple- und progressive-Formen im Englischen. Der vollendete Aspekt zeigt eine einmalige oder abgeschlossene Handlung und der unvollendete zeigt eine sich wiederholende Handlung oder betont den Ablauf der Handlung. Das Problem dabei: für ein Wort im Deutschen gibt es zwei im Russischen (und noch ganz viele Synonyme). Zum Beispiel hören. Unvollendet slyschat, vollendet uslyschat. Oder helfen – unvollendet pamagat, vollendet pamotsch. Eigentlich auch mit O geschrieben, aber als A gesprochen. Oder verstehen. Unvollendet panimat, vollendet panjat. Es gibt also auch keine Regeln, wie die jeweils andere Form gebildet wird. Und manchmal ist die unvollendete Form das längere Wort und manchmal die vollendete. In meinem Kopf herrscht also das vollendete Chaos (no pun intended). Übrigens: es gibt auch noch unterschiedliche Verben für zielgerichtete und unbestimmte Bewegungen, das sind dann aber meistens komplett verschiedene Wörter (gehen – zielgerichtet idti, unbestimmt chadit).

So, ich hoffe, ich habe jetzt niemanden vergrault, der bis heute unbedingt Russisch lernen wollte… aber es ist eigentlich schon eine schöne Sprache, finde ich. Und jedes Mal, wenn ich mich über eine Grammatikregel beschwere, dann denke ich an die armen Schüler, die Deutsch lernen. Für die muss es ja viel schlimmer sein, weil sie z.B. diese ganze Geschichte mit bestimmten und unbestimmten Artikeln neu lernen müssen. Und ich kann jetzt die ganzen Fehler nachvollziehen, die sie machen, weil ich jetzt weiß, wie der entsprechende Satz auf Russisch heißen würde.

In diesem Sinne: bis zum nächsten Mal, wenn wieder genug passiert ist, dass ich tatsächlich etwas berichten kann. Morgen beginnt die Deutsche Woche, da werde ich sicher viel erleben.

Пока!

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