Tag 32 – Erfolge und Enttäuschungen

Liebe Leser_innen,

mit jedem Tag, den ich hier bin, fühle ich mich immer mehr zuhause. An die Schule und den Schulweg habe ich mich schnell gewöhnt, aber um hier in der Wohnung wirklich anzukommen, habe ich mehr Zeit gebraucht. Inzwischen fühle ich mich schon zuhause, auch weil ich jetzt weiß, wo alles ist und nicht mehr beim Kochen erstmal alle Schränke aufmachen muss, um einen Topf zu finden. Und inzwischen fühle ich mich auch außerhalb der Wohnung ziemlich „sicher“ – damit meine ich, dass ich mich jetzt in den Supermärkten auskenne, dass ich weiß, in welchem Supermarkt man was bekommt und was nicht, dass ich weiß, mit welchen Bussen ich in die Stadt komme usw. Außerdem weiß ich jetzt, was ich an der Supermarktkasse gefragt werden kann und was ich darauf antworte. Am Anfang wusste ich nämlich gar nicht, was die von mir wollten. Aber jetzt weiß ich: zuerst fragen sie schön gereimt: „Paket ili njet?“ („Tüte oder nicht?“), dann, ob ich eine Bonuskarte habe und dann, ob ich noch Kleingeld habe. Und wenn ich schlau genug war, selber eine Einkaufstüte mitzunehmen, sage ich einfach dreimal „Njet“. So einfach geht das! Und weil ich mich auch über die kleinen Dinge sehr freue, gebe ich mir immer ein kleines mentales High-Five, wenn ich irgendwo in der Öffentlichkeit mit Leuten reden musste und alles verstanden habe.

Auch wenn ich jetzt meine ersten 10 Russischstunden hinter mir habe (in den Ferien haben wir schon viel Unterricht gemacht, weil die Lehrerin und ich beide viel Zeit hatten), kann ich mich noch nicht in allen Alltagssituationen souverän bewegen. Zum Beispiel heute im Bus: zwei Stationen, bevor ich aussteigen musste, war ich die Letzte im Bus und der Busfahrer fragte mich, wo ich aussteigen will. Als ich ihm die Straße nannte, war er sichtlich genervt (was ich gar nicht verstanden habe, weil der Bus sonst auch immer da gehalten hatte) und hat wild auf mich eingeredet und ich habe natürlich nichts verstanden, außer dass es ihn offenbar gestört hat, dass ich jetzt unbedingt DA aussteigen will. Ob es etwas an seiner Fahrtroute geändert hätte, wenn ich früher ausgestiegen wäre, weiß ich nicht, aber ordentlich verwirrt war ich schon. Und mal ehrlich: alleine in einem Bus zu sein mit einem aggressiv fahrenden und offenbar schlecht gelaunten Busfahrer ist auch nicht gerade angenehm… Ich war jedenfalls froh, dass er mich dann doch an der richtigen Stelle rausgelassen hat.

Eine andere Situation: ich musste mein Handyguthaben aufladen. Auf der Wanderung am Wochenende habe ich mein Guthaben aus Versehen aufgebraucht, weil ich im Internet war, ohne zu wissen, dass wir nicht mehr in der Republik Baschkortostan waren und ich damit im „Ausland“ war. Mein Tarif gilt aber nur fürs „Inland“ und deshalb musste ich 130 Rubel bezahlen, um mein Internet wieder freizuschalten. Das geht dann an einem Automaten in einer Filiale des Anbieters. Auf meinem Schulweg ist glücklicherweise eine solche Filiale, weshalb ich am Montagmorgen mein Guthaben wieder aufladen wollte. Auf dem Automaten gab es aber viele Möglichkeiten zur Auswahl, und es standen zu viele Leute hinter mir, als dass ich in Ruhe alles im Wörterbuch hätte nachschauen können. Also habe ich die beiden Verkäufer gefragt, ob sie Englisch sprechen – erstaunte, fast verwirrte Blicke und „Njet“. Weil ich auf Russisch absolut nicht mein Problem erklären konnte, hat mir einer der beiden plötzlich sein Handy mit einer Übersetzungs-App hingehalten und mich aufgefordert, mein Problem dem Handy zu erzählen. Das hat mäßig gut geklappt, aber am Ende hat mir der andere Verkäufer dann das Guthaben aufgeladen. Wie der Automat funktioniert, weiß ich leider immer noch nicht, weil das echt schnell ging und es ziemlich viele Schritte bis zum Bezahlen waren, aber nächstes Mal nehme ich mir dann jemanden mit, der Deutsch oder Englisch spricht und sich auskennt… Aber das war mir echt peinlich. Vor allem, wie die ganzen Leute im Laden mich angeschaut haben, wie ich da in dieses Handy reinspreche – die müssen sich auch gewundert haben!

Aber genug von den peinlichen Situationen: jetzt gibt es noch ein paar Fun Facts über das Leben in Ufa!

Busfahren
Es gibt neben den großen Stadtbussen auch kleine Shuttlebusse (marschrutka) ohne festen Fahrplan, die nicht immer an ausgeschriebenen Haltestellen halten. Da, wo ich normalerweise einsteige, gibt es kein Schild. Man muss halt wissen, dass der Bus da vor dem Supermarkt hält. Man bezahlt beim Aussteigen, und zwar immer 25 Rubel (in manchen Bussen 20), egal, wie weit man fährt. Der Busfahrer hat dann meistens einen Schwamm mit Schlitzen drin, in dem er die Münzen aufbewahrt. Die Scheine stecken oft im CD-Fach oder so.

Autobahnabfahrten
Die meisten Abfahrten, die auf Autobahnbrücken führen, sind meiner Meinung nach extrem unpraktisch. Man fährt nämlich nicht vor der Brücke raus und dann in einer großen Kurve nach links auf die Brücke, sondern unter der Brücke durch und macht dann eine 180-Grad-Kurve, die ziemlich eng ist, und dann biegt man nach rechts auf die Brücke ab. Ausfädelungsstreifen gibt es nicht wirklich, also bremst man einfach so voll ab, um diese Kurve zu kriegen. Apropos:

Straßen
Viele Straßen haben keine Markierungen. Im besten Fall liegt das daran, dass die Straße neu ist und noch keine Markierungen hat, in den meisten Fällen daran, dass die Straße schon so alt ist, dass man die Markierungen nicht mehr sieht. Auf den großen Straßen hängen dann Schilder über der Straße, die anzeigen, wie viele Spuren es gibt und wo man wohin abbiegen kann (daran hält sich aber keiner). Es kommt dadurch oft zu mutigen Überholmanövern, bei denen es dann halt Ansichtssache ist, ob man eigentlich auf der Gegenfahrbahn fährt oder ob da doch noch eine Spur ist. Schlaglöcher sind die Normalität, und oft wünscht man sich, der Busfahrer würde einfach drüberfahren, anstatt kurz mal einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn zu machen…

Packungsgrößen (Ergänzung)
Auch wenn es hier teilweise die gleichen Marken gibt wie in Deutschland, sind die Packungen kleiner. Es ist aber gleich viel drin, nur sind die Packungen tatsächlich voll und nicht zur Hälfte mit Luft gefüllt. Da hat mal jemand mitgedacht.

Und noch ein Moment, der mich zum Lächeln gebracht hat: Mehrere Schülerinnen einer Klasse haben mir gesagt, dass mein Name wie ein Zauberspruch aus Harry Potter klingt. Süß, oder?
*zauberstab schwing* „SOPHIARIVINIUS!“ Was dann wohl passieren würde?

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