Tag 61 – Sophia, Saphia, Sophie

Liebe Leser_innen,

es ist ein entspannter Sonntagvormittag und alle sind in Feiertagsstimmung. So auch Svetlana und ich – gerade saßen wir noch in aller Ruhe bei Tee und Gebäck in der Küche und haben darüber geredet, ob das gesamte Leben eigentlich vorbestimmt ist oder nicht… Was hier allerdings fehlt, ist die „Oh mein Gott, morgen und übermorgen sind die Geschäfte zu, wir müssen Vorräte für drei Wochen kaufen!“-Samstagnachmittag-Einkaufshektik. Denn hier sind ja alle Geschäfte auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Und da es jetzt tatsächlich sonnige 18°C hat, herrscht hier eine wohlige, fast sommerliche Sonntagsentspannung. Mein Zimmer wird durch die vielen Fenster wunderschön von der Sonne beleuchtet und ich kann bei schöner Musik in aller Ruhe ein bisschen schreiben.

Morgen ist also der erste Mai. Die meisten Leute, so auch Svetlana, fahren auf ihre Datschen, um diese sommerfertig zu machen. Von meiner Russischlehrerin habe ich aber erfahren, dass es in der Stadt ziemlich viele Veranstaltungen und abends ein Feuerwerk gibt. Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen und werde die Gelegenheit nutzen, nochmal ein bisschen die Stadt zu erkunden und endlich mal Schawarma zu essen. Das ist so ähnlich wie Döner und gibt es an jeder Ecke, aber es hat sich für mich bisher leider noch nicht ergeben…
In Djoma gab es gestern außerdem eine „Jarmarka“ (ja, genau, einen Jahrmarkt), bei der unter anderem frisches Gemüse und Schaschlik verkauft wurde. Dafür wurde die ulitsa Pravdy, eine der Hauptverkehrsstraßen in meiner näheren Umgebung, gesperrt.

Die „Jarmarka“

Bei dem schönen Wetter habe ich auch noch ein paar Bilder gemacht. Ich entschuldige mich übrigens sehr für die schlechte Qualität, die eben entsteht, wenn man mit dem Handy Fotos macht. Aber in den Momenten, wenn mir auffällt, dass man jetzt ein schönes Foto machen könnte, habe ich meine Kamera eben nie dabei. (Wobei die Kamerabilder auch nicht viiiel besser sind…)

Das ist mein Schreibtisch im Büro der stellvertretenden Direktorin.

Und das ist der Blick aus dem Fenster. Leider blühen die Birken noch nicht.

Und durch diesen kleinen Park führt mein Schulweg:

Und hier sind noch ein paar weitere Fun Facts:

Busfahren #2
In den großen Stadtbussen gibt es meistens eine Fahrkartenverkäuferin, die einem während der Fahrt ein Ticket verkauft (das kostet auch da normalerweise 25 Rubel). Und diese Verkäuferin hat einen eigenen Platz im Bus, der manchmal sogar mit Klebeband oder ähnlichem markiert ist. Bei meiner ersten Busfahrt mit einem Stadtbus hab ich Depp mich gleich mal auf diesen Platz gesetzt, aber eine andere Frau hat mich rechtzeitig freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich doch bitte wieder aufstehen solle. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ticketverkäuferin auch so freundlich gewesen wäre… Es hätte mir allerdings auch verdächtig vorkommen müssen, dass dieser eine Platz frei ist und trotzdem mehrere Leute stehen. Übrigens: wenn gerade keine Verkäuferin mitfährt, bezahlt man wie in der Marschrutka beim Aussteigen beim Fahrer.

Handys im Unterricht
… sind ganz normal und offenbar völlig akzeptiert. Ich bekomme immer nur erstaunte Blicke, wenn ich die Schüler bitte, ihre Handys aus der Hand zu legen oder gar in die Tasche zu packen… In der 4. Klasse muss ich es am häufigsten sagen, da passiert es auch regelmäßig, dass ein Handy klingelt und sein Besitzer, anstatt es wegzupacken, seelenruhig aus dem Zimmer geht und telefoniert. Neulich hat mich ein Junge während einer Klassenarbeit sogar gefragt, ob er rausgehen und mit einem Freund telefonieren kann, ich dachte, ich hör nicht richtig. Und ich hab mich auch schon in der einen oder anderen Story auf VKontakte gefunden, wenn die Schüler meinten, den Unterricht dokumentieren zu müssen. Ich weiß nicht, ob ihnen nicht klar ist, dass ich ihre Bilder und Videos sehen kann, oder ob es ihnen egal ist…

Mensa
Das Essen in der Mensa ist, wie schon mal erwähnt, relativ gut. Zwar absolut nicht gesund, das Angebot besteht aus Nudeln, Kartoffeln, Hühnchen und kotlety (Fleischküchla/Fleischpflanzerl/Buletten/…) und diversem Weißmehlgebäck. Ungefähr alle drei Wochen gibt es Salat. Das ist gar nicht so schlimm, aber was richtig nervt, ist, dass es aus Sicherheitsgründen keine Messer gibt. Am ersten Tag habe ich eine der Deutschlehrerinnen gefragt, wo es denn Messer gibt, und sie hat mich erst angeschaut wie ein Auto, dann laut gelacht und gesagt „Aber Sophie, was willst du denn mit einem Messer? Das ist doch gefährlich!“
Wenn man also nicht mit den Händen essen will, fallen die Hähnchenschenkel/-flügel weg, denn mit Löffel und Gabel ist das nahezu unmöglich. Und ganz realistisch gesehen kann man meiner Meinung nach mit den ziemlich spitzen Gabeln noch eher jemanden verletzen als mit einem stumpfen Buttermesser, wie es sie in einer Mensa normalerweise gibt…

Sophie…
Nein, ich habe mich nicht vertippt. Tatsächlich höre ich den Namen Sophia fast nur dann, wenn ich mit Freunden und Familie in Deutschland telefoniere. Am Anfang hat mich das echt genervt, denn auch in Deutschland haben mich viele Leute, vor allem Lehrer, nur Sophie genannt, und so heiße ich eben nicht. Und das zählt meiner Meinung auch nicht mehr als Spitzname, weil Sophie ein eigener, anderer Name ist. Und wenn mich jemand Sophia nennt, dann klingt das Saphia, weil das O unbetont ist und als A gesprochen wird… Dann habe ich aber gemerkt, dass Sophie hier einfach der Kosename für Sophia ist, und das macht es erträglicher. Hier wird Alina auch Alin genannt, Regina heißt Regin, Diana wird zu Dian und Evelina heißt Evelin.

Bis bald, eure Sophie. Ääähhh, Sophia. 😉

Tag 55 – Kurzes Projekt-Update

Liebe Leser_innen,

ein kurzes Update zu meinem Projekt: es sind heute tatsächlich 15 Schüler_innen zu meinem zweiten Versuch eines Projekttreffens gekommen! Zwar nicht alle von denen, die sich eingetragen und angemeldet hatten, aber es tauchten plötzlich noch 7 Schülerinnen aus der 6. Klasse auf, denen ich mein Projekt gar nicht vorgestellt hatte (und niemand wollte mir verraten, wer ihnen Bescheid gesagt hatte 😉 ). Ich dachte nämlich, es wird zu schwierig, ihnen das Projekt zu erklären, weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Aber die älteren Schülerinnen haben, wenn es nötig war, übersetzt – und es sind jetzt tatsächlich alle Aufgaben verteilt und es sieht gut aus, dass die Arbeit von den Schülern vor den Ferien fertig wird. Die restliche Arbeit am Projekt ist dann meine Aufgabe – während die Schüler Ferien haben, werde ich alles zusammensetzen und etwas daraus machen, was sich (hoffentlich) sehen lassen kann! Wer jetzt neugierig ist, was denn eigentlich das Projekt ist, den muss ich leider so lange vertrösten, bis das Endergebnis fertig ist…

Und was habe ich heute gelernt?
1. Man muss die Leute wirklich mehrmals persönlich und schriftlich an einen Termin erinnern, und selbst dann gibt es noch welche, die es vergessen.
2. Nach einem gescheiterten Versuch darf man nicht gleich aufgeben. Beim zweiten Mal hat es ja doch geklappt.
3. Ich sollte nicht alles persönlich nehmen. Die Schüler hatten letzte Woche tatsächlich Unterricht und Prüfungen und haben halt vergessen, mir das vorher zu sagen. Aber trotz aller Verpeiltheit habe ich heute gemerkt, dass sie (fast) alle wirklich mitmachen wollen.
4. Vielleicht sollte ich wirklich Lehramt studieren. Heute hatte ich wieder einen dieser Momente, wo ich mich vor den Schülern absolut wohl und am richtigen Platz gefühlt habe. Und in den nächsten zwei Wochen wird diese Entscheidung hoffentlich mal vorankommen, denn da habe ich zwei Deutschklassen jeweils 5 Stunden die Woche, also 20 Stunden Deutschunterricht alleine.

Ich bin jedenfalls gerade vollkommen glücklich mit allem und meine Motivation, die sich letzte Woche einige Male schmollend unter dem Bett verkrochen hatte, ist jetzt mit einem großen Sprung wieder rausgekommen und hüpft fröhlich um mich herum. Um mal ein bisschen bildhafte Sprache in diesen Blog reinzubringen…

Tag 53 – Frühling?

Liebe Leser_innen,

jetzt ist endlich der Moment gekommen, dass hier besseres Wetter ist als in Deutschland. Geschneit hat es schon länger nicht mehr, und manchmal hat es sogar über 10 Grad. Aprilwetter haben wir hier trotzdem: am Mittwoch hatte es 3 Grad mit Regen, am Donnerstag 17 Grad bei strahlendem Sonnenschein, und gestern 2 Grad mit sehr starkem Wind. Sowieso ist es meistens sehr windig, und jetzt, da der ganze Schnee geschmolzen ist, kommt der ganze Dreck zum Vorschein, der im Schnee überwintert hatte und der jetzt als Sand und Staub über die Straßen weht. Jetzt wird auch wieder viel gebaut und die Straßen müssen repariert werden, also kommt der Baustaub noch dazu. Vorher ist mir nie aufgefallen, dass in Deutschland der Baustellendreck gleich weggewaschen wird (s. Svetlanas Kindheitserinnerungen). Jetzt weiß ich das sehr zu schätzen…

Heute war außerdem Subbotnik (letzte Woche ist das wegen Regen ausgefallen) und die Schüler ab der 7. Klasse haben draußen die Gehwege gekehrt, den restlichen Schnee weggeschaufelt, Laub von den Wiesen gekehrt und Müll aufgesammelt. Bei vielen Schülern sah das so aus: die Mädchen standen kichernd in Grüppchen zusammen und haben hin und wieder mal etwas aufgehoben und die Jungs haben sich mit Schnee und Blättern beworfen… aber größtenteils ist doch alles ziemlich sauber jetzt. Nur, den Staub und Sand wegzukehren, sah nach einer ziemlichen Sisyphusarbeit aus, weil der Wind die fein säuberlich zusammengekehrten Häufchen immer wieder über die Straße verteilt hat. Trotzdem waren wahrscheinlich alle Schüler froh, dass sie keinen Unterricht hatten (und ich auch!). So ein freier Samstag ist schon ein Luxus!

Letzte Woche habe ich entdeckt, dass ich, obwohl ich in einer großen Hochhaussiedlung wohne, in 5 Minuten zu Fuß in der Natur sein kann, weil ich ganz am Rand von Djoma wohne.

Das ist das Haus, in dem ich wohne.

 

5 Minuten davon entfernt beginnt ein Fahrradweg.

 

Und wenn man die Siedlung und die Baustellen hinter sich lässt…

 

…kommt man auf ein großes, endlos scheinendes Feld.

 

Und wenn man dem Fahrradweg eine Weile folgt, ist die Siedlung plötzlich ganz klein.

Mehr Fotos mache ich, wenn das Wetter schöner ist und mir beim Fotografieren nicht mehr die Hände einfrieren. Und über den Fortschritt meines Projekts werde ich nächste Woche berichten, wenn feststeht, ob das Projekt stattfinden kann. Letzte Woche ist nämlich niemand zum Treffen gekommen, weil plötzlich doch niemand Zeit hatte, obwohl mir die allermeisten gesagt hatten, dass sie auf jeden Fall kommen. Am Montag gibt es einen zweiten Versuch (diesmal sage ich tatsächlich jeder Person vorher mehrmals persönlich und über WhatsApp und über VKontakte Bescheid, weil offenbar niemand einen Kalender oder sowas besitzt), und wenn dann wieder keiner kommt, dann mache ich ein Projekt, das ich alleine durchführen kann, denn so viel Geduld habe ich nicht und auch nicht die Zeit, um mich ewig mit einem Projekt aufzuhalten, bei dem ich auf Schüler angewiesen bin, die sich nicht an Termine halten. Damit entspreche ich jetzt natürlich total dem Klischee der pünktlichen, strengen Deutschen, aber russische Spontaneität kann ich bei einem Projekt mit mehreren Schülern aus mehreren Klassen wirklich nicht gebrauchen…
Die Hoffnung, dass alle am Montag kommen, habe ich sowieso schon aufgegeben, aber vielleicht kommen ja zumindest so viele, dass man das Projekt noch durchführen kann.

Ich bleibe optimistisch!

Tag 46 – Von Füchsen und Schlagerpartys

Liebe Leser_innen,

gestern ging die Woche der deutschen Sprache zu Ende, und obwohl ich nur an zwei Tagen dabei war, habe ich viel zu erzählen.

Es haben sich zwei Dinge wieder komplett geändert – wie gesagt, inzwischen gehe ich jeder Verabredung mit Skepsis entgegen und nehme nichts „for granted“ (die deutsche Formulierung fällt mir grade nicht ein…). Svetlana sagt, es gibt ein russisches Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Bei den Lesefüchsen saß ich doch in der Jury, weil die Bücher plötzlich noch aufgetaucht sind, und beim Liederfestival haben wir doch nicht teilgenommen, weil wir das Originallied mit Gesang nicht verwenden durften und die Stimme nicht rausschneiden konnten und weil eine Klavierbegleitung zu wenig gewesen wäre. Dafür durfte ich dort auch in der Jury sitzen.

Am Montag fand erst einmal der Wettbewerb „Lesefüchse international“ für die Region Ural statt. Und zwar im Gymnasium 86, das am anderen Ende der Stadt liegt. Schaut euch Ufa mal auf der Karte an. Meine Schule und meine Wohnung liegen in Djoma, ganz im Süden der Stadt, und das Gymnasium 86 ist ganz im Norden, im Viertel Tschernikowka. Und da Ufa ganz lang gestreckt ist, sind das 26 Kilometer durch die Stadt, was mit dem Bus eine Stunde dauert. Das Problem ist nur: diesen Bus gibt es offenbar nicht.

Das wusste ich aber noch nicht, als ich um 7:45 an der Bushaltestelle stand und etwas naiv auf diesen Bus wartete. Immerhin hatte die sonst sehr zuverlässige App 2GIS behauptet, dass der Bus 216 von meiner Schule bis zum Gymnasium 86 durchfährt. Nach einer erfolglosen halben Stunde bin ich dann in einen Bus eingestiegen, der ins Zentrum fuhr, dort wollte ich dann umsteigen, in der Hoffnung, dass ich einen passenden Bus finden würde. Leider hatte ich den Montagmorgen-Stau nicht mit eingerechnet, wodurch der Bus fast 20 Minuten länger brauchte und meine Zeit langsam knapp wurde. Schließlich sollte ich mich um 9:30 mit den anderen Jurymitgliedern treffen. Im Zentrum gab es natürlich auch keinen Bus, der in meine gewünschte Richtung fuhr, deshalb rief ich den Fachschaftsberater an, der mir freundlicherweise ein Taxi bestellte. Am Ende kam ich um 10:20 Uhr in der Schule an, aber die Verspätung war nicht weiter schlimm.

In der Jury zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung. In Prüfungen war ich ja schon dabei, aber diesmal durfte ich selbst mitreden und meine Meinung äußern und nicht nur zuhören.

Das Prinzip funktioniert übrigens so: die Schüler_innen haben sich seit Beginn des Schuljahres mit vier deutschen Jugendbüchern beschäftigt, die für jedes Jahr neu ausgewählt werden. Dieses Jahr sind das folgende:

1. Herbert Günther: Zeit der großen Worte
2. Christoph Scheuring: Echt
3. Lukas Erler: Brennendes Wasser
4. Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt
(Das ist auch meine persönliche Ranking-Reihenfolge…)

Dann gibt es eine ca. zweistündige Podiumsdiskussion (auf Deutsch) zwischen den Schüler_innen, bei denen Fragen und Thesen zu den Büchern besprochen werden. Bewertet wird dann, wie gut der/die Einzelne die Bücher kennt, wie gut er Deutsch spricht und wie er sich im Gespräch verhält. Wer mehr über das Projekt wissen möchte, kann sich hier informieren.

Anschließend gab es für die 8 Schüler_innen und deren Lehrer_innen, die aus der ganzen Republik angereist waren, eine Stadtführung, bei der ich auch mitkommen durfte. Das war sehr interessant, weil ich ja selbst noch nicht so viel von der Stadt gesehen habe und man auch nicht mal eben so ans andere Ende der Stadt fahren kann, wie ich jetzt weiß… Die Bilder gibt es später in einem anderen Blogeintrag, in Verbindung mit Informationen über die Geschichte Ufas. Da habe ich auch viele andere Deutsche kennengelernt, denn einige der Lehrer_innen waren Deutsche, die mit der ZfA im Ausland arbeiten (was ist das denn jetzt wieder?).

Außerdem habe ich einige Mitarbeiterinnen der Deutschen Botschaft Jekaterinburg kennengelernt. Abends wurde dann das deutsche Kinofestival eröffnet, bei dem jeden Tag ein deutscher Film mit russischen Untertiteln gezeigt wird. Eigentlich wollte ich den Film am Montagabend auch sehen, aber es gab noch einen „kleinen“ Empfang, der ebenso lange dauerte wie der Film, aber das war auch ganz lustig. Und die Kinobesucher waren größtenteils nicht besonders begeistert von dem Film. Ich habe also nichts verpasst, außerdem war ich am Mittwoch mit der 5. Klasse und gestern mit der 8. Klasse im Kino. Nicht ganz meine Altersklasse („Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Ostwind“), aber trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Am Donnerstag war ich dann beim Liederfestival, das glücklicherweise in einem Saal stattfand, den ich zu Fuß in 15 Minuten erreichen konnte. Die Veranstaltung begann 15 Minuten zu spät, unter anderem, weil die restlichen Jurymitglieder 10 Minuten zu spät kamen. Im Programm musste ich vorher 5 Beiträge ausbessern und die Reihenfolge ändern, und bei der tatsächlichen Vorführung ist noch ein weiterer Beitrag ausgefallen. Aber trotz der vielen Planänderungen hat es Spaß gemacht, die meisten Beiträge waren auch ziemlich gut. Und ich hatte Glück – dieses Jahr war der Wettbewerb mit 16 teilnehmenden Gruppen ziemlich klein. In den letzten Jahren waren es wohl bis zu 40 Beiträge… Die Entscheidung fiel auch nicht besonders schwer, weil vier Siegerplätze und sieben Nominierungen zu vergeben waren (Bestes Kostüm, Bestes Arrangement usw., die Trostpreise halt). Die Nominierungen waren nicht schwer zu entscheiden, und die vier Sieger waren auch eindeutig, weil es vier wirklich beeindruckende Beiträge gab. Die Liedauswahl war allerdings…interessant, man könnte die Veranstaltung vielleicht in Schlagerparty umbenennen? Von romantischen Tränendrüsenliedern wie „Endlich sehe ich das Licht“ bis zu Skikursliedern wie „Das rote Pferd“ oder „Das Fliegerlied“ war alles dabei…
Danach gab es noch ein „Galakonzert“, bei dem alle 11 Gewinner des Wettbewerbs und einige Gruppen von den verschiedenen Fakultäten der Baschkirischen Staatlichen Universität aufgetreten sind. Die Studenten hatten sehr unterschiedliche, aber allesamt sehr kreative Beiträge (dass es 20 Minuten später als geplant begonnen hat, hat mich gar nicht mehr überrascht…).

Obwohl die Woche nicht besonders anstrengend war, war ich doch oft lang unterwegs und spät zuhause. Deshalb war es gar nicht schlecht, dass ich gestern überraschend erfahren habe, dass ich heute frei habe, weil heute Subbotnik ist (eine Art Frühjahrsputz, bei dem ein Teil der Schüler die Straßen saubermacht und aufräumt) und alle Klassen, die ich gehabt hätte, beim Subbotnik beteiligt waren.

Heute hat es übrigens tatsächlich mal geregnet – normalerweise ist es hier sehr trocken. Wie trocken? In den vier Wochen, in denen ich jetzt hier bin, hat es an genau drei Tagen Niederschlag gegeben, sonst war es immer trocken, zwar meistens bewölkt, aber trocken. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungefähr dreimal so viel Cremes und Bodylotion und Labello brauche wie zuhause, und weshalb ich mich immer total freue, wenn ich endlich wieder Wäsche waschen kann, damit ich in meinem Zimmer nicht vertrockne (Zentralheizung und so, außerdem hat mein Zimmer drei Heizungen und ist ziemlich gut isoliert, deshalb schlafe ich meistens mit offenem Fenster. Nicht besonders umweltfreundlich, ich weiß, ich schäme mich sehr…).

Das war’s erstmal über die deutsche Woche. Es wird in der nächsten Zeit wie gesagt einen Artikel über die Geschichte Ufas geben, und ich versuche mal, daran zu denken, die Schule und meine Umgebung zu fotografieren, dann seht ihr auch mal, wie es in Djoma aussieht.

P.S.: Falls ich Dinge doppelt erwähne, tut mir das leid, aber ich habe inzwischen keinen Überblick mehr, ob etwas schon auf meinem Blog steht oder ob ich das nur mehreren Leuten erzählt habe… Also, falls ich mich wiederhole, dürft ihr mich gerne darauf hinweisen.

Tag 40 – Kleiner Russisch-Exkurs

Liebe Leser_innen,

bald ist schon mein erster Monat in Russland vorbei. Neulich ist mir plötzlich klar geworden, wie kurz die Zeit hier doch eigentlich sein wird, wenn man die Seminare und den Urlaub von den sechs Monaten abzieht. Also los, mach was draus, sagte ich mir nach dieser Erkenntnis. Dazu gehört auch, sich mit der Landessprache vertraut zu machen. In meinem Fall aber Russisch, nicht Baschkirisch… Hier ist zwar fast alles zweisprachig (Straßenschilder, Namen von Geschäften, Sicherheitshinweise usw.), aber es sprechen nur noch wenige Menschen Baschkirisch. Diese Sprache wird zwar in der Schule unterrichtet, aber ich höre die Schüler_innen immer nur über dieses Schulfach schimpfen. Das spricht doch eh keiner mehr, warum sollen wir das lernen, mimimi… Natürlich ist es schade, dass diese Sprache immer mehr aus dem Alltag verschwindet und irgendwann nur noch in Büchern existieren wird. Auch Svetlana (siehe „Svetlanas Kindheitserinnerungen“), die gebürtige Baschkirin ist, findet das sehr traurig. Ich werde diese Sprache aber trotzdem nicht lernen, weil sie erstens eine Turksprache ist und mit Russisch nicht viel gemeinsam hat und sie mir zweitens im Alltag nichts bringen wird, weil eben keiner mehr Baschkirisch spricht.

Also lerne ich Russisch. Da es keine Sprachschule gibt, die Russisch als Fremdsprache anbietet, lerne ich bei einer Deutschlehrerin aus einer anderen Schule, bei der auch schon mein Vorgänger Unterricht hatte. Mit ihr komme ich sehr gut zurecht, sie ist ziemlich jung und sehr, sehr nett. Insgesamt 13 Stunden habe ich schon gehabt, und in jeder Stunde lerne ich neue Sprachregeln – bei manchen schaue ich meine Russischlehrerin nur verständnislos an und es fällt mir schwer, sie mir anzugewöhnen. Einige davon möchte ich euch gerne hier präsentieren. Der Einfachheit halber werde ich Beispiele nicht auf Kyrillisch, sondern in lateinischer Schrift in der ungefähren Lautübertragung schreiben. Und liebe Russisch-Experten, verzeiht mir meine Fehler, die durch meine eigentliche Unkenntnis der russischen Sprache zustandekommen.

Die Schrift.
Es sollte, glaube ich, jedem von euch klar sein, dass im Russischen das kyrillische Alphabet verwendet wird. Das habe ich aber schon lang vor der Ausreise gelernt (Notiz an mich selbst: gute Entscheidung!). Tatsächlich komme ich aber bei manchen Buchstaben immer noch durcheinander, vor allem bei denen, die gleich aussehen wie im deutschen bzw. lateinischen Alphabet, aber anders ausgesprochen werden (P=R, H=N, X=Ch, B=W).

Die Aussprache.
Erst habe ich mich gefreut, dass es für jeden Laut ein eigenes Zeichen gibt, und nicht wie im Deutschen oder Französischen bestimmte Buchstabenverbindungen, die besonders ausgesprochen werden. Aber leider gibt es wenig Ausspracheregeln, außer dass z.B. unbetontes O wie A ausgesprochen wird. Meine Russischlehrerin hat gesagt, dass die Russen die Vokale einfach so aussprechen, wie sie wollen. Für die Betonung gibt es gar keine Regeln. In Lehrbüchern stehen immerhin Akzente über den betonten Buchstaben, aber sonst muss man für jedes Wort die Betonung mitlernen und bei unbekannten Wörtern raten.
Und dann gibt es noch dieses wunderschöne Weichheitszeichen Ь und das Härtezeichen Ъ. Auch schön, dass sie fast gleich aussehen, oder? Das Härtezeichen kommt zum Glück kaum vor, und das Weichheitszeichen zeigt an, dass der vorhergehende Buchstabe „weich“ gesprochen wird – das hat aber nichts mit dem fränkischen „haddn B“ und „weichen B“ zu tun (für Nicht-Franken: P und B). Wenn ein Buchstabe „weich“ ist, geht die Zunge an den Gaumen, sodass bei manchen Buchstaben sowas wie ein Zischlaut entsteht. Ich bin da noch nicht ganz durchgestiegen, weiß aber jetzt, dass russische „harte“ und „weiche“ Laute nichts mit deutschen „harten“ und „weichen“ Lauten zu tun haben. Am deutlichsten ist mir das klar geworden, als die Lehrerin behauptete, K wäre weich und G wäre hart. Für mich, in Bamberg groß geworden, völlig unbegreiflich…

Die Fälle.
Im Russischen gibt es sechs Fälle. Zu den uns bekannten vier Fällen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ kommen noch der Instrumental und der Präpositiv hinzu. Ganz grob: der Instrumental antwortet auf die Fragen Womit?/Von wem? und der Präpositiv, der nur nach bestimmten Präpositionen steht, auf Über wen?/Worüber?/Wo?. Diese zwei Extrafälle sind gar nicht mal so das Problem, sondern dass die anderen Fälle teilweise anders verwendet werden. Wörtlich übersetzt hieße es z.B. jemandem anrufen. Oder jemanden gratulieren. Oder jemanden danken. (Wer von euch sich jetzt fragt, was daran jetzt falsch ist, der sollte nochmal an seinen eigenen Deutschkenntnissen arbeiten…)

Der Satzbau.
Meistens völlig willkürlich, man kann im Satzbau fast nichts falsch machen, außer bei bestimmten Formulierungen, z.B.:
Wenn ich sage Kagda mnje byla schest ljet, dann heißt das Als ich sechs Jahre alt war.
Wenn ich aber sage Kagda mnje byla ljet schest, dann heißt es Als ich ungefähr sechs Jahre alt war.

Die Artikel.
Gibt es nicht. Hallelujah! Das kommt mir als Russischlernerin natürlich sehr entgegen, aber ungewohnt ist es schon, keine Artikel zu verwenden. Vor allem komme ich mir immer so unhöflich vor und habe ständig das Gefühl, dass ich jetzt irgendwas im Satz vergessen habe. Aber wenn ich die Lehrerin etwas verunsichert anschaue und sie frage: „Ist das jetzt überhaupt ein richtiger Satz?“, sagt sie immer: „Ja natürlich! Warum denn nicht?“

Das Verb sein.
Gibt es auch nicht, zumindest nicht in der Gegenwart. Wenn ich mich also vorstelle, kann ich einfach sagen (wörtlich übersetzt): „Ich Sophia. Mir 18 Jahre. Ich aus Deutschland. Ich Freiwillige.“ Auch sehr ungewohnt, aber ein Verb weniger, das ich lernen muss!

Die Zeiten.
Es gibt nur drei Zeiten, Präteritum, Präsens und Futur. Und die Formenbildung ist auch gar nicht sooo schwer. Das wäre ja alles schön und gut und toll, wären da nicht…

…die Aspekte.
Es gibt von fast jedem Verb einen vollendeten und einen unvollendeten Aspekt. Diese Aspekte sind, glaube ich, vergleichbar mit den simple- und progressive-Formen im Englischen. Der vollendete Aspekt zeigt eine einmalige oder abgeschlossene Handlung und der unvollendete zeigt eine sich wiederholende Handlung oder betont den Ablauf der Handlung. Das Problem dabei: für ein Wort im Deutschen gibt es zwei im Russischen (und noch ganz viele Synonyme). Zum Beispiel hören. Unvollendet slyschat, vollendet uslyschat. Oder helfen – unvollendet pamagat, vollendet pamotsch. Eigentlich auch mit O geschrieben, aber als A gesprochen. Oder verstehen. Unvollendet panimat, vollendet panjat. Es gibt also auch keine Regeln, wie die jeweils andere Form gebildet wird. Und manchmal ist die unvollendete Form das längere Wort und manchmal die vollendete. In meinem Kopf herrscht also das vollendete Chaos (no pun intended). Übrigens: es gibt auch noch unterschiedliche Verben für zielgerichtete und unbestimmte Bewegungen, das sind dann aber meistens komplett verschiedene Wörter (gehen – zielgerichtet idti, unbestimmt chadit).

So, ich hoffe, ich habe jetzt niemanden vergrault, der bis heute unbedingt Russisch lernen wollte… aber es ist eigentlich schon eine schöne Sprache, finde ich. Und jedes Mal, wenn ich mich über eine Grammatikregel beschwere, dann denke ich an die armen Schüler, die Deutsch lernen. Für die muss es ja viel schlimmer sein, weil sie z.B. diese ganze Geschichte mit bestimmten und unbestimmten Artikeln neu lernen müssen. Und ich kann jetzt die ganzen Fehler nachvollziehen, die sie machen, weil ich jetzt weiß, wie der entsprechende Satz auf Russisch heißen würde.

In diesem Sinne: bis zum nächsten Mal, wenn wieder genug passiert ist, dass ich tatsächlich etwas berichten kann. Morgen beginnt die Deutsche Woche, da werde ich sicher viel erleben.

Пока!

Tag 36 – Lange Tage

Liebe Leser_innen,

es ist erst Mittwoch und trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis nach Wochenende! Seit Montag war ich jeden Tag 8 Stunden oder länger in der Schule. Jetzt werdet ihr euch denken: ist doch ganz normal bei einer 40-Stunden-Woche… nur muss ich samstags ja auch in die Schule, deshalb ist 8 Stunden jeden Tag dann doch etwas zu viel. Die langen Arbeitstage hatten verschiedene Gründe. Montag – ganz normal, da bin ich regulär 8 Stunden in der Schule. Dienstag ist echt blöd, weil ich morgens um 9 eine Stunde habe, mittags um 1 eine Stunde und dann nochmal von 16:40 bis 18:05. Normalerweise gehe ich vormittags nochmal nachhause, kaufe ein und bereite das Essen vor, gehe dann nochmal in die Schule und verbringe die restlichen Freistunden dort – meistens findet sich etwas, das ich tun kann. Und mittwochs bin ich gewöhnlich von 9:55 bis 15:35 in der Schule.

Woher kamen dann die vielen restlichen Stunden, die ich noch in der Schule verbracht habe? Gestern haben wir Probeprüfungen mit den Neuntklässlerinnen gemacht, die am Samstag die DSD1-Prüfung ablegen. Das hat wie erwartet länger gedauert – bis 19:00, und bis wir dann alles fertig besprochen hatten, war es auch schon 19:45. Bei dieser Besprechung haben wir auch festgestellt, dass niemand weiß, wo die Bücher für den Lesefüchse-Wettbewerb sind, die die Schule bekommen hat. Dass ich dort in der Jury sitze, hat sich damit auch erledigt, sofern die Bücher nicht sofort wieder auftauchen – denn sonst schaffe ich es nicht, bis nächsten Montag noch zwei Bücher zu lesen. Und ohne die Bücher zu kennen, kann ich ja wohl schlecht in der Jury sitzen…

Heute wäre ich dann wie gesagt um halb vier fertig gewesen. Aber nächste Woche findet in Ufa die „Woche der deutschen Sprache“ statt. Da findet z.B. der Lesefüchse-Ausscheid statt, es werden in den Kinos deutsche Filme gezeigt und es gibt ein Liederfestival, bei dem Schüler aus der ganzen Republik Baschkortostan deutsche Lieder vortragen. Wir machen da auch mit und es muss natürlich geprobt werden! Ich bin gespannt, ob es auf die „russische Art“ auch klappt – nämlich sich eine Woche vor dem Auftritt das erste Mal zusammen treffen und proben. Das haben wir heute getan, und es war gar nicht so leicht, 14 pubertierende Jugendliche dazu zu bringen, mir zuzuhören, nicht wild in der Gegend rumzuhüpfen und nicht Klavier zu spielen. Nach knapp 2 Stunden anstrengender Probe haben sie es aber ganz gut hinbekommen. Zum Glück konnte ich sie davon überzeugen, dass nur die drei Schülerinnen singen, die auch singen können, und der Rest sind quasi die Background-Tänzer. Sonst wäre das ein heilloses Rumgegröle gewesen, und gleichzeitig singen und tanzen hätte wahrscheinlich auch nicht geklappt.

Jetzt wollt ihr bestimmt wissen, was wir denn eigentlich singen. Auf Wunsch der Schulleiterin singen wir „Ich bin wie Du“, ein Lied, das sich an Flüchtlingskinder in Deutschland richtet und davon handelt, dass wir doch eigentlich alle gleich sind. Etwas kitschig, entspricht nicht wirklich meinen viel zu hohen musikalischen Ansprüchen, aber hat auf jeden Fall eine gute Wirkung und die Schüler machen das auch echt schön. Anspruchsvolle Sachen könnte man sowieso nicht aufführen, weil es leider nur wenige Schüler_innen gibt, die gut singen können und es auch keine festen Ensembles an der Schule gibt.

Ihr seht schon, es wird immer weniger, was ich zu berichten habe. Aber ich bin natürlich ständig auf der Suche nach neuen Fun Facts und lustigen, peinlichen oder interessanten Anekdoten. Bis dahin könnt ihr euch hier noch das Lied „Ich bin wie Du“ anhören.

Tag 32 – Erfolge und Enttäuschungen

Liebe Leser_innen,

mit jedem Tag, den ich hier bin, fühle ich mich immer mehr zuhause. An die Schule und den Schulweg habe ich mich schnell gewöhnt, aber um hier in der Wohnung wirklich anzukommen, habe ich mehr Zeit gebraucht. Inzwischen fühle ich mich schon zuhause, auch weil ich jetzt weiß, wo alles ist und nicht mehr beim Kochen erstmal alle Schränke aufmachen muss, um einen Topf zu finden. Und inzwischen fühle ich mich auch außerhalb der Wohnung ziemlich „sicher“ – damit meine ich, dass ich mich jetzt in den Supermärkten auskenne, dass ich weiß, in welchem Supermarkt man was bekommt und was nicht, dass ich weiß, mit welchen Bussen ich in die Stadt komme usw. Außerdem weiß ich jetzt, was ich an der Supermarktkasse gefragt werden kann und was ich darauf antworte. Am Anfang wusste ich nämlich gar nicht, was die von mir wollten. Aber jetzt weiß ich: zuerst fragen sie schön gereimt: „Paket ili njet?“ („Tüte oder nicht?“), dann, ob ich eine Bonuskarte habe und dann, ob ich noch Kleingeld habe. Und wenn ich schlau genug war, selber eine Einkaufstüte mitzunehmen, sage ich einfach dreimal „Njet“. So einfach geht das! Und weil ich mich auch über die kleinen Dinge sehr freue, gebe ich mir immer ein kleines mentales High-Five, wenn ich irgendwo in der Öffentlichkeit mit Leuten reden musste und alles verstanden habe.

Auch wenn ich jetzt meine ersten 10 Russischstunden hinter mir habe (in den Ferien haben wir schon viel Unterricht gemacht, weil die Lehrerin und ich beide viel Zeit hatten), kann ich mich noch nicht in allen Alltagssituationen souverän bewegen. Zum Beispiel heute im Bus: zwei Stationen, bevor ich aussteigen musste, war ich die Letzte im Bus und der Busfahrer fragte mich, wo ich aussteigen will. Als ich ihm die Straße nannte, war er sichtlich genervt (was ich gar nicht verstanden habe, weil der Bus sonst auch immer da gehalten hatte) und hat wild auf mich eingeredet und ich habe natürlich nichts verstanden, außer dass es ihn offenbar gestört hat, dass ich jetzt unbedingt DA aussteigen will. Ob es etwas an seiner Fahrtroute geändert hätte, wenn ich früher ausgestiegen wäre, weiß ich nicht, aber ordentlich verwirrt war ich schon. Und mal ehrlich: alleine in einem Bus zu sein mit einem aggressiv fahrenden und offenbar schlecht gelaunten Busfahrer ist auch nicht gerade angenehm… Ich war jedenfalls froh, dass er mich dann doch an der richtigen Stelle rausgelassen hat.

Eine andere Situation: ich musste mein Handyguthaben aufladen. Auf der Wanderung am Wochenende habe ich mein Guthaben aus Versehen aufgebraucht, weil ich im Internet war, ohne zu wissen, dass wir nicht mehr in der Republik Baschkortostan waren und ich damit im „Ausland“ war. Mein Tarif gilt aber nur fürs „Inland“ und deshalb musste ich 130 Rubel bezahlen, um mein Internet wieder freizuschalten. Das geht dann an einem Automaten in einer Filiale des Anbieters. Auf meinem Schulweg ist glücklicherweise eine solche Filiale, weshalb ich am Montagmorgen mein Guthaben wieder aufladen wollte. Auf dem Automaten gab es aber viele Möglichkeiten zur Auswahl, und es standen zu viele Leute hinter mir, als dass ich in Ruhe alles im Wörterbuch hätte nachschauen können. Also habe ich die beiden Verkäufer gefragt, ob sie Englisch sprechen – erstaunte, fast verwirrte Blicke und „Njet“. Weil ich auf Russisch absolut nicht mein Problem erklären konnte, hat mir einer der beiden plötzlich sein Handy mit einer Übersetzungs-App hingehalten und mich aufgefordert, mein Problem dem Handy zu erzählen. Das hat mäßig gut geklappt, aber am Ende hat mir der andere Verkäufer dann das Guthaben aufgeladen. Wie der Automat funktioniert, weiß ich leider immer noch nicht, weil das echt schnell ging und es ziemlich viele Schritte bis zum Bezahlen waren, aber nächstes Mal nehme ich mir dann jemanden mit, der Deutsch oder Englisch spricht und sich auskennt… Aber das war mir echt peinlich. Vor allem, wie die ganzen Leute im Laden mich angeschaut haben, wie ich da in dieses Handy reinspreche – die müssen sich auch gewundert haben!

Aber genug von den peinlichen Situationen: jetzt gibt es noch ein paar Fun Facts über das Leben in Ufa!

Busfahren
Es gibt neben den großen Stadtbussen auch kleine Shuttlebusse (marschrutka) ohne festen Fahrplan, die nicht immer an ausgeschriebenen Haltestellen halten. Da, wo ich normalerweise einsteige, gibt es kein Schild. Man muss halt wissen, dass der Bus da vor dem Supermarkt hält. Man bezahlt beim Aussteigen, und zwar immer 25 Rubel (in manchen Bussen 20), egal, wie weit man fährt. Der Busfahrer hat dann meistens einen Schwamm mit Schlitzen drin, in dem er die Münzen aufbewahrt. Die Scheine stecken oft im CD-Fach oder so.

Autobahnabfahrten
Die meisten Abfahrten, die auf Autobahnbrücken führen, sind meiner Meinung nach extrem unpraktisch. Man fährt nämlich nicht vor der Brücke raus und dann in einer großen Kurve nach links auf die Brücke, sondern unter der Brücke durch und macht dann eine 180-Grad-Kurve, die ziemlich eng ist, und dann biegt man nach rechts auf die Brücke ab. Ausfädelungsstreifen gibt es nicht wirklich, also bremst man einfach so voll ab, um diese Kurve zu kriegen. Apropos:

Straßen
Viele Straßen haben keine Markierungen. Im besten Fall liegt das daran, dass die Straße neu ist und noch keine Markierungen hat, in den meisten Fällen daran, dass die Straße schon so alt ist, dass man die Markierungen nicht mehr sieht. Auf den großen Straßen hängen dann Schilder über der Straße, die anzeigen, wie viele Spuren es gibt und wo man wohin abbiegen kann (daran hält sich aber keiner). Es kommt dadurch oft zu mutigen Überholmanövern, bei denen es dann halt Ansichtssache ist, ob man eigentlich auf der Gegenfahrbahn fährt oder ob da doch noch eine Spur ist. Schlaglöcher sind die Normalität, und oft wünscht man sich, der Busfahrer würde einfach drüberfahren, anstatt kurz mal einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn zu machen…

Packungsgrößen (Ergänzung)
Auch wenn es hier teilweise die gleichen Marken gibt wie in Deutschland, sind die Packungen kleiner. Es ist aber gleich viel drin, nur sind die Packungen tatsächlich voll und nicht zur Hälfte mit Luft gefüllt. Da hat mal jemand mitgedacht.

Und noch ein Moment, der mich zum Lächeln gebracht hat: Mehrere Schülerinnen einer Klasse haben mir gesagt, dass mein Name wie ein Zauberspruch aus Harry Potter klingt. Süß, oder?
*zauberstab schwing* „SOPHIARIVINIUS!“ Was dann wohl passieren würde?