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Tag 27 – Schnee, Schnaps und Schwitzen

Liebe Leser_innen,

als ich am Samstag um 5 Uhr morgens in den Bus einstieg, bekam ich erst mal Angst. 16 Leute in einem kleinen, engen Bus eingequetscht, davon 8 betrunkene Männer, die eine Schnapsflasche nach der anderen durchreichen. Ich dachte, was mache ich hier, warum habe ich mich auf diesen Ausflug eingelassen, ohne überhaupt zu wissen, wer da mitfährt, ich will nach Hause! Dann fragte mich mein Sitznachbar, der wirklich sehr betrunken war, irgendwas, und ich sagte meinen Standardsatz „Ich verstehe es nicht, ich spreche kein Russisch, ich komme aus Deutschland.“ Bei der Info fing der halbe Bus an zu grölen und zu jubeln (die meisten haben wirklich sehr laute Stimmen) und ich wäre komplett verzweifelt, wenn sich nicht einer der Organisatoren meiner erbarmt hätte. Er hat sich dann zu mir gesetzt und wir haben uns ein bisschen auf Englisch unterhalten und er hat mir erklärt, dass das alles „good people“ sind und ich mir keine Sorgen machen muss. Und dass sie nicht immer betrunken sind, aber jetzt ist halt Wochenende…

Dann haben wir erstmal alle geschlafen und waren gegen 11 Uhr am Taganay-Nationalpark. Vom Parkplatz gingen wir ca. 7 Kilometer zu einem Camp mit mehreren Holzhütten und Zelten, wo wir Pause gemacht haben und Tee aus frischem Quellwasser getrunken haben, das in einem Kessel über dem Lagerfeuer gekocht wurde. Dieses Wasser vermisse ich jetzt schon… Vorher kam aber noch ein Kulturschock: als wir an einem größtenteils zugefrorenen und verschneiten Bach vorbeikamen, sind doch tatsächlich zwei der Männer nur in Unterhose in diesen Bach gestiegen und haben sich ins Wasser gelegt! Danach natürlich einige Runden Schnaps zum Aufwärmen (übrigens ganz verschiedene Sorten, nicht nur Wodka!). Mich wollten auch fast alle zum Trinken überreden, aber ich habe sie immer auf „später“ oder „abends“ vertröstet – nicht dass ich was gegen Alkohol hätte, aber wenn ich noch einen Berg rauf- und wieder runtermuss, trinke ich vorher ganz sicher nichts.

Besagter Berg war dann ziemlich anstrengend. Ohne Schnee wäre das kein großes Problem gewesen – der Berg war zwar steil, aber auf jeden Fall machbar, und der Aufstieg war auch nicht besonders lang. Das Problem war nur, dass der Weg erstens gerade den Berg hinaufging, also keine Serpentinen oder sowas, sondern der kürzeste Weg nach oben, und zweitens war alles verschneit und vereist. Man musste außerhalb des eigentlichen Weges hinaufsteigen und hoffen, dass man nicht im Schnee versank, denn auf dem eigentlichen Weg in der Mitte hatte man keine Chance, einen Schritt zu gehen, ohne abzurutschen. Den Grund dafür habe ich erst auf dem Rückweg verstanden: Wenn man von oben kommt, hat man fast keine andere Möglichkeit, hinunterzukommen, als sich hinzusetzen und auf dem Hintern runterzurutschen. Das ist dann umso lustiger, aber der Aufstieg ist halt hart. Der „Chef“ der Truppe hat gleich gemerkt, dass ich mit dem Weg Schwierigkeiten hatte, und ist mir vorausgegangen und ich bin ihm in seinen Fußstapfen hinterhergekeucht. An seinem Handgelenk hatte er einen Lautsprecher hängen, aus dem (auf meinen Wunsch nach motivierender Musik) den ganzen Aufstieg lang in voller Lautstärke AC/DC schallte. Hat meiner Motivation auf jeden Fall weitergeholfen!

Oben angekommen habe ich mich dann doch zu einem Gipfelschnaps überreden lassen, denn ich war einigermaßen fertig mit den Nerven und ich wusste, dass ich ja nur noch den Berg runterrutschen und 2 Kilometer in der Ebene laufen muss. In unserem Haus gab es dann abends Essen und einen Banja-Besuch, den ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte [Banja funktioniert im Prinzip genau wie Sauna, heißt nur anders]. Ich habe dann auch das volle Programm mitgemacht: erst mit Tannenzweigen abschlagen (bei zwei Aufgüssen in gefühlt einer Minute), dann schnell raus und in den Bottich mit eiskaltem Quellwasser steigen, schnell wieder in die Banja zurück und das Ganze nochmal, ab ins Wasser, nochmal in die Banja zurück. Das hätte man wahrscheinlich bis zur totalen Erschöpfung weitermachen können, aber nach dem zweiten Eisbaden war es mir dann doch genug und das wurde zum Glück auch akzeptiert. Danach sah ich aus und roch wie ein Weihnachtsbaum, überall klebten die Tannennadeln, aber der Geruch von Birkenholz und Tannennadeln ist echt unglaublich toll.

Trotz wenig Platz (drei Leute auf einer 1,60m-Matratze) schlief ich wie ein Stein und konnte mich auch halbwegs ausschlafen. Am Sonntag begann sich erst ab 11 Uhr eine leichte Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Erst ging eine kleine Gruppe noch auf einen anderen Berg (da man sich etwas beeilen musste, sind nur die geübten Wanderer mitgegangen, also bin ich im Haus geblieben) und um 16 Uhr gingen wir wieder zurück zum Parkplatz. Das war ein wunderschöner Weg, weil es nachts noch einmal geschneit hatte und die Wege nicht mehr so vereist waren. Trotzdem bin ich am Schluss einmal hingefallen, weil meine Müdigkeit größer und die Konzentration kleiner wurde. Und zwar echt so, wie wenn im Comic jemand auf einer Bananenschale ausrutscht. Mit dem Rucksack hatte ich noch schön viel Gewicht, das mich noch schneller nach unten zog. Aber es ist nichts passiert, auch wenn mein Hintern in dem Moment sehr wehtat…

Und obwohl die Wanderungen schön waren und die Leute sehr lustig, hatte ich doch oft Langeweile, weil wir im Haus sehr viel Freizeit hatten und in unserem 6er-Zimmer keine Sprache hatten, die jeder verstand. Deshalb konnte ich meistens nicht mitreden und habe dann Musik gehört. Allerdings musste ich Akku sparen, weil es keine Steckdosen gab und dank der Solaranlage gerade genug Strom für Licht am Abend. Und ein Buch hatte ich auch nicht dabei, weil ich nicht mit so viel freier Zeit gerechnet hatte und weil ich das ja die ganze Zeit hätte tragen müssen. Aber alles in allem hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Die meisten Teilnehmer haben gesagt „So viel russische Kultur in so kurzer Zeit wirst du nicht mehr erleben!“… Und wenn ich so gut Russisch könnte, dass ich mich mit den anderen unterhalten kann, würde ich so eine Wanderung noch einmal machen. Die Sprachbarriere war schon sehr hinderlich.

Außerdem kamen wir leider abends viel später an als erwartet, hauptsächlich deshalb, weil für die Fahrt 3 bis 4 Stunden geplant waren, wir aber trotz guter Geschwindigkeit und wenig Verkehr fast 6 Stunden gebraucht haben. Um 00:30 Uhr waren wir also am Busparkplatz, dann noch eine halbe Stunde Taxifahrt nach Hause, duschen, auspacken und heute früh in die Schule, um den Schüler_innen ein letztes Training vor der DSD-Prüfung anzubieten. Entsprechend müde bin ich heute, und mein Plan, morgen endlich auszuschlafen, weil ja Ferien sind, steht auch schon nicht mehr, weil ich bei den Prüfungen auch dabei sein soll. Die gehen um 10 los und dauern offiziell bis 16 Uhr, aber mir wurde schon versichert, dass es mindestens bis 18 Uhr dauern wird. Langsam gewöhne ich mir an, mich auf keine freie Stunde mehr zu verlassen… Aber gut, ich bin ja schließlich nicht zum Urlaubmachen hier 😉

P.S.: Ich bekomme die Bilder leider nicht in die richtige Reihenfolge – so, wie sie in der Übersicht angezeigt werden, ist es richtig. Ich weiß nicht, warum die Gipfelfotos beim Durchklicken an den Schluss rutschen…

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