Tag 19 – Endlich Wochenende. Oder?

Liebe Leser_innen,

die erste Woche ist vorbei und heute konnte ich endlich wieder ausschlafen. Und schon meldet sich das innere Gewohnheitstier: wie, nur am Sonntag ausschlafen? Was ist denn mit dem Samstag passiert? Tja, am Samstag ist auch Schule! Zwar „nur“ bis 16:00, aber das auch nur, weil die Pausen kürzer sind. Es gibt also, wie an den anderen Tagen, insgesamt 13 Schulstunden. Na gut, daran werde ich mich schon noch gewöhnen. Außerdem sind ja nächste Woche Frühlingsferien. Und ich muss – solange mein Stundenplan so bleibt – nie zur ersten Stunde kommen, sondern erst um 9:00 Uhr. Okay, eigentlich kann ich mich echt nicht beschweren…

Ich habe in dieser Woche einige interessante Entdeckungen bezüglich der Schule gemacht. [Natürlich spreche ich jetzt nur von meiner Einsatzstelle und vergleichend von meiner Schule in Bamberg. Keine meiner Erfahrungen können und sollen auf alle russischen/deutschen Schulen übertragen werden.] Egal, wie sehr man sich um Unvoreingenommenheit bemüht, man hat ja trotzdem irgendein Bild im Kopf, irgendeine Vorstellung, wie es in der Einsatzstelle aussehen könnte. Und meine Vorstellung war eben die, dass die Lehrer grundsätzlich viel strenger sind als in Deutschland und dass der Unterricht viel geregelter und disziplinierter abläuft. Das stimmt auch – teilweise.

Bis jetzt waren tatsächlich alle Klassen (bis auf eine, von der ich später noch berichten werde) ziemlich diszipliniert und auch die jüngeren Schüler haben sich größtenteils gut benommen, selbst wenn ich alleine unterrichtet habe. Verwirrung in neuen Situationen gab es natürlich trotzdem. Ein Beispiel: Ich kam rein und die Schüler standen sofort auf. Auch wenn es in meiner Schule bei den meisten Lehrern normal war, zur Begrüßung aufzustehen, hatte ich das schon völlig verdrängt und war deshalb entsprechend perplex – für einen kurzen Moment dachte ich: „Warum stehen die denn jetzt auf? Ich bin’s doch nur, ich bin doch keine Lehrerin…“, aber das bin ich für die Schüler natürlich schon. Und die Klasse war genauso überrascht, als ich nur „Hallo“ sagte und, als sie immer noch standen, „Ihr könnt euch schon hinsetzen…“. Normalerweise gibt es nämlich bei den meisten Deutschlehrerinnen folgendes Begrüßungsritual zwischen Lehrerin und Schülerchor: „Guten Tag, liebe Schüler.“ – „Guten Tag, liebe Lehrerin.“ – „Wie geht’s?“ – „Gut./Danke, super.“ – „Setzt euch.“ – „Wir setzen uns.“

Die Lehrerinnen sind allerdings nicht ansatzweise so streng, wie ich es erwartet hatte. Meistens herrscht eine relativ entspannte Stimmung, außer z.B. in den 9. Klassen, bei denen in gut einer Woche die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Da ist dann auch bei den Lehrkräften Stress angesagt. Aber sonst ist der Unterricht, auch dank der kleinen Klassen, ziemlich familiär. Man kennt sich gut, und ich habe das Gefühl, dass die Klassengemeinschaften stark sind. Bis jetzt habe ich in „meinen“ Klassen auch kein Mobbing oder Streit in der Gruppe festgestellt. Allerdings fällt es mir gerade wegen dieser vertrauten Atmosphäre schwer, mich als Autoritätsperson zu präsentieren. Vor allem in den 9. und 10. Klassen habe ich gemerkt, dass die Schüler_innen sich eher trauen, mit mir zu sprechen, wenn ich nicht als Lehrerin auftrete, sondern als (fast) gleichaltrige Person, mit der man sich halt nur auf Deutsch unterhalten kann. Immerhin sind wie gesagt bald die mündlichen Prüfungen, und da ist es ungünstig, wenn sich keiner traut, auch nur einen Satz auf Deutsch zu sagen. Bei den Jüngeren geht das natürlich nicht. Wenn die Viertklässler merken, dass ich mich eigentlich gar nicht so gut durchsetzen kann, wie ich das gerne hätte, dann ist es erstmal vorbei mit dem ruhigen, entspannten Unterricht.
So war es nämlich in einer fünften Klasse, die Deutsch als zweite Fremdsprache hat. Eigentlich bin ich für die gar nicht zuständig, aber durch ein Missverständnis (davon wird es, glaube ich, noch einige geben) bin ich dort gelandet. Zum Glück aber nur, um mich vorzustellen, und nicht alleine. Diese vier Kinder waren ungefähr dreimal so laut und anstrengend wie die 15 Kinder in der vierten Klasse. Ich glaube, wir haben 20 Minuten dafür gebraucht, dass ich mich vorstelle und die Kinder Fragen stellen. Meistens konnte ich nämlich wegen der Lautstärke gar nichts Hörbares sagen und wenn doch, dann hat niemand zugehört oder es hat keiner verstanden. Das wurde mir in den Momenten klar, in denen eins der Kinder sich mühsam eine Frage zusammengebastelt hatte, auf die ich die Antwort aber schon mindestens einmal gegeben hatte. Da war ich echt froh, dass ich normalerweise nicht in diese Klasse muss. Ich hatte mich auch schon gewundert, dass bis jetzt alle so brav waren, das ist doch eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Bis jetzt war das aber auch die einzige Stunde, in der ich mal streng werden musste.

Die größte Entdeckung ist bisher, dass in meiner Einsatzstelle und auch im Alltag viel überlegter mit Geld umgegangen wird. In der Schule werden wirklich Prioritäten gesetzt, was Investitionen angeht. Es sieht zwar nicht besonders schön aus, aber dafür funktionieren die wichtigen Dinge. Ja, es blättert die Farbe von Wänden, Tischen und Fensterrahmen. Auch die Türen sind so verzogen, dass man sie entweder kaum auf- und zukriegt oder man Putzlappen in den Türrahmen klemmen muss, damit die Tür nicht ständig aufgeht. Und die Fenster sind nicht dicht. Und die Möbel sind alt. Die Tafeln sind nicht besonders groß und es gibt auch nicht in jedem Klassenzimmer ein Waschbecken. Aber es funktioniert eben auch so. Diese Dinge stören niemanden, weil es genügend funktionierende Technik gibt. Und genug Schulbücher. Außerdem ist die Schule barrierefrei. Und das ist meiner Meinung nach ein bedeutender Unterschied zumindest zu meiner Schule. Zuerst wird Geld in Dinge investiert, die für die Qualität des Unterrichts wichtig sind, und dann wird darüber nachgedacht, ob man neue Möbel kauft oder die Wände neu streicht. Mir sind diese ganzen Dinge übrigens auch nicht sofort aufgefallen, weil es für alle ganz normal war und weil es nichts gab, das ich vermisste. Außer vielleicht, dass das Klopapier nicht immer leer ist, aber das war in meiner Schule ja auch nicht anders…

Ich habe mir heute übrigens einen großen Wunsch erfüllt: ich habe mir im Baschkirischen Staatstheater ein Ballett angeschaut, „Legende von der Liebe“. Wenn man schon mal in der Heimatstadt von Rudolf Nurejev ist… Und obwohl ich einen wirklich guten Platz hatte und es die Premiere von der neuen Inszenierung war, haben die Karten umgerechnet nicht mal 20 Euro gekostet. Die Vorstellung war auch sehr schön, das hat sich also echt gelohnt!

One thought on “Tag 19 – Endlich Wochenende. Oder?

  1. Hi Sophia,
    freut mich dass du so gut angekommen bist.
    Du sagst du hättest eine Vorstellung wie die nächsten 5 Monate ablaufen könnten/ sollten – könntest du vielleicht in einem deiner Nächsten Posts bisschen mehr inhaltlich auf deine Arbeit in der Schule eingehen? Inwiefern hast du dich schon vor Reiseantritt zuhause vorbereitet (außer dass du Russisch gepaukt hast)? Was hast du für die kommende Zeit geplant?

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