Tag 15 – Wo bleibt die Langeweile?

Liebe Leser_innen,

eigentlich sollte ich in den ersten Wochen nur hospitieren. Mich in den Klassen vorstellen, ein bisschen mithelfen, aber hauptsächlich zuschauen, die Schüler_innen kennenlernen und mitkriegen, wie der Unterricht gestaltet wird, damit ich mir selbst ein paar Methoden abschauen kann, aber auch Verbesserungsvorschläge bringen kann.

Ich habe mich aber (auch dank der Berichte meiner Vorgänger_innen) schon darauf eingestellt, dass sich vieles kurzfristig ändern kann und hätte mir deshalb schon denken können, dass ich gleich voll eingespannt werde. Gestern habe ich nämlich gleich zwei Stunden in der 7. Klasse und zwei in der 10. Klasse gehalten, weil die zuständige Lehrerin ein Programm für die „Deutsche Woche“ vorbereiten musste. Überhaupt kommt auch nach Lehreraussagen der Unterricht oft zugunsten von Wettbewerben, Festen und Klassenfahrten zu kurz. Das Unterrichten war aber ziemlich entspannt – das könnte allerdings daran liegen, dass ich nur im vertieften Deutschunterricht eingesetzt werde, in dem die Klassen geteilt sind. Ich hatte also jeweils nur sieben Schüler_innen vor mir sitzen, bei denen ich gleich mal mit einigen Spielen für einen guten Eindruck gesorgt habe.

Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Unterforderung oder sogar Langeweile, vor der wir so oft auf dem Vorbereitungsseminar gewarnt wurden, so schnell nicht eintreten wird. Die Schule hat ca. 1200 Schüler_innen, aber ziemlich wenige Lehrkräfte und wenig Platz. Deshalb wird in zwei Schichten unterrichtet – ein Teil der Schüler kommt also vormittags und der andere Teil nachmittags, aber die Lehrkräfte sind teilweise von 8 bis 19 Uhr in der Schule. Der (vertiefte) Deutschunterricht ist zudem ziemlich ungleich verteilt: am Dienstag gibt es nur zwei Stunden, dafür finden am Montag 10 Deutschstunden statt, oft auch gleichzeitig bei verschiedenen Lehrerinnen – und jede Lehrerin will mich in ihrem Unterricht haben. Auch an Tagen mit wenig Deutschunterricht habe ich oft viele Freistunden, aber eben einzelne Stunden und nie so viele hintereinander, dass es sich lohnen würde, nachhause zu gehen. Deshalb war ich z.B. heute von 8:00 bis 16:30 Uhr in der Schule, obwohl ich nur fünf Stunden hatte. Zum Glück ist das Essen in der Mensa ziemlich gut, sodass ich den langen Tag auch körperlich durchstehe…

Aber ich darf mich nicht beschweren, schließlich ist eines meiner Ziele hier, Unterrichtserfahrung zu sammeln und in der Entscheidung weiterzukommen, ob ich Lehramt studieren will oder nicht.

Außerdem sind meine Tätigkeiten ja wirklich nützlich – und als Abwechslung zum doch anstrengenden Unterrichten kümmere ich mich in den Freistunden um die Dinge, für die wirklich keiner Zeit hat, wie z.B. neue Bücher beschriften und nummerieren oder kleine Vokabeltests korrigieren. Solche Arbeiten finde ich meistens sogar sehr entspannend, weil man dabei weder viel denken noch kreativ sein muss.

Ich habe übrigens einige mehr oder weniger kuriose Willkommensgeschenke bekommen. Mehrere Schülerinnen haben mir Karten geschrieben, eine Schülerin hat ein Bild von mir gemalt und es mir geschenkt und eine andere hat mir eine verhältnismäßig große Matrjoschka überreicht (selbst meine Vermieterin sagte, sie hätte noch nie so eine große Matrjoschka gesehen). Aber das beste Geschenk: eine Lehrerin hat mir vom Land einen großen Sack Kartoffeln mitgebracht, das müssen mindestens 5 Kilo gewesen sein! Der Speiseplan für die nächsten Wochen steht also schon mal fest…

Das Wetter ist immer noch schön und es wird langsam tatsächlich wärmer! Vielleicht klappt es wirklich, dass im Mai kein Schnee mehr liegt, wie meine Vermieterin vorhergesagt hat. Außerdem ist es schon nicht mehr ganz so glatt wie am Sonntag und ich muss nicht mehr mit meinen äußerst schicken Wanderschuhen in die Schule gehen, sondern kann meine etwas weniger klobigen Stiefel anziehen. Oder ich mache es einfach so wie die anderen Lehrerinnen und lagere ein oder mehrere Paar Schuhe zum Wechseln im Lehrerzimmer.

Mein Jetlag ist inzwischen auch weg, was das frühe Aufstehen leider trotzdem nicht leichter macht… aber zum Glück findet der vertiefte Deutschunterricht nur einmal in der Woche in der ersten Stunde statt, sodass ich nicht jeden Tag um halb sieben aufstehen muss.

So, und das heutige Fazit? Ich werde garantiert nicht an Unterforderung leiden, und ich glaube kaum, dass ich in der nächsten Zeit nachfragen muss, was ich denn tun könnte. Im Gegenteil haben mehrere Lehrerinnen gleichzeitig verschiedene Deutschklassen und jede fragt mich, ob ich denn nicht zu ihr kommen kann anstatt zu den anderen. Trotzdem kann ich mich im Notfall immer noch darauf berufen, dass ich nur 40 Stunden in der Woche arbeiten darf ;)

P.S.: Ich habe heute den Fachschaftsberater kennengelernt, durfte bei mehreren mündlichen DSD1-Prüfungen dabei sein und habe gleich den Auftrag bekommen, die zwei Schüler aus Ufa, die am Lesefüchse-Regionalausscheid teilnehmen, auf den Wettbewerb vorzubereiten. Also ist jetzt erstmal Lesen angesagt, immerhin müssen die Schüler vier Bücher für den Wettbewerb lesen und sich gut mit dem Inhalt auskennen – da wäre es nicht verkehrt, wenn ich auch weiß, um was es geht. Und vielleicht darf ich sogar in der Jury sitzen…

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