bei der räubertochter, ein erstes letztes kapitel.

bei der räubertochter, ein erstes letztes kapitel.

nun, der baum ist abgefallen. müssen wohl doch nägel und eine einwilligung der schulleitung her. zumindest ist er jetzt da, der sommer, und mit ihm der erste sonnenbrand, der erste kurze-hosen-abdruck auf den oberschenkeln, und brüderlicher besuch aus deutschland.

die pläne sind geschmiedet und wenn man so den kalender durchblättert und sieht, wie überschaubar nun alles ist, wenn man anfängt auf einmal tage zu zählen, weil die zahl nun klein genug ist, um sie sich von tag zu tag zu merken, dann möchte man- ja, was eigentlich.

oder man saugt halt auf. ich bin ein schwamm geworden. am 26. mai ist der hundertste jahrestag der unabhängigkeit georgiens und man verwandelt die rustaveli in ein straßenfest, bis man ins nächste büchercafé vor der sonne flüchtet. fährt nach kojori, hinauf hinunter, vom unwetter eingeholt, von lieben menschen ins auto gerettet, eingequetscht neben dem hund und im trockenen. ganz viel mittagschlaf, denn die hitze macht müde und manchmal schon möchtest du nur noch in der früh oder am abend einen fuß vor die tür setzen. da ist es aber auch schön, da draußen.

der juni ist hier und ich renne mit meinen kindern um unser aller leben. denn die sind schnell und ich hab ja aufsichtspflicht, und letzten endes gewinnen wir sogar das geländespiel im botanischen garten. ich bekomme eine topfpflanze geschenkt, sie steht jetzt in der küche und fragt sich wahrscheinlich, womit sie das verdient hat. letztens habe ich nämlich diverse schubladen nach der fernbedienung für die klimananlage durchwühlt. es ist wieder so weit.

und dann kam post! bunt beklebte antworten aus deutschland, auf das postkartenpaket vom april. vor lauter entzücken erstmal alles selbst gelesen. dann staunenden und immer wieder dazwischenplappernden gesichtern ausgeteilt, inklusive mitgeschickter bonbons und schokolade. ja, da kam wirklich was zurück, nika, wie du siehst hab ich mir das damals doch nicht nur ausgedacht, um dich zum schreiben zu bringen. (wobei das sicher eine kleine rolle spielte.) aufgefädelt und aufgehangen. danke an liebe lehrer und kinder.

 

und dann war er auf einmal da, der allseits gefürchtete letzte tag, denn mit ihm beginnt die zeit all dieser „letzten male“, auf die man sich einerseits freut, aber die man andererseits gerne schnell vorbeiziehen sehen möchte. überraschungsessen im deutschlehrerzimmer mit zuckersüßer torte und zuckersüßen lehrerinnen. ein letztes mit kamera bewaffnetes rumstreunen, als keiner hinsieht, denn zugegeben, dieses wieder-herausgerissen-aus-etwas-werden macht nachdenklich. ich finde mich unter einem berg von viertklässlern wieder. einmal noch winken, hinein in die marschrutka, und schnell, schnell weg. als würde man ein pflaster abreißen.

am selben abend verlässt um 21:45 ein nachtzug mit zwei paar wanderschuhen an board den tbiliser hafen, gen zugdidi, westgeorgien. im schlafabteil mit einem schweigsamen russischen pärchen. stickig ist es, und das rattern der schienen unterm rücken wechselt sich ab mit ständigen standzeiten an zwischendurch-bahnhöfen, schlaf und wach, schlaf und wach. dann sehe ich vom geöffneten fenster im zugklo aus eine rosafarbene sonne aufgehen, hach, wie romantisch, und dann sind wir da. ab in die nächstbeste marschrutka mit „Mestia“-schild hinter der windschutzscheibe, zu vier stunden weiterfahrt in serpentinen. alles grün, ich wieder wechselnd zwischen sein oder nicht sein, und dahinter die berge und schnee ganz oben drauf. in Mestia, Swanetien, finden wir uns am frühen nachmittag zuerst im garten unserer herbergsmutter wieder, wo aufgespannt zwischen haus und baum die bettwäsche wedelt, dann, nach einem spaziergang an den ersten alten swanetischen wehrtürmen vorbei, auf einer wiese mit margariten, kühen und pferden in jeweils gleicher anzahl. und verbrennen uns in der so vom wetterbericht überhaupt nicht angesagten sonne die nasen. am abend ein dorffest im regen, ganz viel zitronenlimonade, ganz viel georgisches tanzen.

ushguli ist alt, sehr alt. eine gemeinschaft aus vier dörfern, in fast 2200 meter höhe über dem meeresspiegel gelegen. überall in swanetien die wehrtürme, auch hier, und unesco-welterbe. in der mitte der ersten strecke geht das auto kurzfristig kaputt, und wir steigen um. wir passieren den „turm der liebenden“, der mich irgendwie an die schwarze mühle aus krabat denken lässt. derselbe architekt vielleicht. regenwetter und nebel, der aus den bäumen steigt. zuerst laufen wir nur schnell durch die kopfsteinpflasterstraßen, dann hechten wir ins nächste café, einen tee zu schlürfen. ein weiterer sprint zum auto, denn das will ja hier gar nicht aufhören, und begleitet von russischer popmusik geht es richtung zurück, vorbei an tapferen radfahrern und wanderern, die nun wahrscheinlich etwas mit ihrem schicksal hadern dürften. bei allzu schmaler straße, entgegenkommenden kühen oder den weg versperrenden baufahrzeugen- einfach die augen schließen und das schicksal in die hand einer überirdischen macht legen. uns wird empfohlen in mestia gleich einen schnaps zu trinken, damit wir – triefend und tropfend auf der rückbank sitzend – uns auch ja keine erkältung einhandeln. aber, wie es in den bergen so ist, scheint natürlich bald wieder die sonne. am abend ein museum und ein fußballspiel (da war ja was.)

am nächsten tag stehe ich wieder in kanada. es riecht sogar so. nach bäumen und kalter luft, und vielen vielen steinen. als wir beim Chalaadi-Gletscher ankommen, reißt der himmel auf und wir picknicken in der sonne. hätte mich nicht gewundert, wenn ronja räubertochter uns auf dem weg durch den wald überholt hätte. nach dieser wanderung scheint sogar der weg zum abendessen irgendwie unvernünftig lang. die füße puckern und die beine streiken, aber hey, die gedanken sind frei. sie hängen irgendwo in den baumwipfeln. in der nacht blitz und donner zwischen dunklen bergriesen.

ausschlafen und hoch hinauf mit zweimal skilift. die vom gestrigen tag klumpig gelaufenen beine baumeln und im bauch wird es flau, aber der ausblick lässt die angst vergessen. hinweg über die baumkronen, bis da kaum noch welche kommen wollen. den Ushba, den „Schrecklichen“ sehen wir nicht, regenjacke an, regenjacke aus, an, aus, ein müsliriegelpicknick auf „grüne(n) wiesen im sonnenschein“. auf dem grat entlang, dann wieder, die seilbahn über uns als orientierungspunkt, den vom regen aufgeweichten, glitschigen waldweg hinunter. ich mache 327 bilder von blumen/bienen/bäumen/bergen. von der nächsten seilbahnstation aus dröhnt mallorca-mucke durch das tal, was ist es absurd, herrlich. zu hause schuhe wechseln und im versteckten museum „margianis machubi“ versuchen, sich das bild der jahrhundertealten swanetischen wohnstube mit in ihr lebenden menschen vorzustellen. zeiten überdauerndes holz und stein. einen turm hinauf und hinunter, was einfacher klingt, als es für mich war. ein freundlicher junger mann, der uns verwirrt durch die gegend hat geistern sehen, rief die besitzerin an, die die räume für uns und ein paar andere touristen noch einmal aufschloss. wir erzählen ihm von unserem vorhaben, morgen zu den Koruldi Lakes zu wandern, und er meint er würde die nacht für uns beten. man brauche dafür sehr gutes wetter. später klopft es an der zimmertür, die liebenswerte omi des hauses bringt kuchen (zota namzvari!) vorbei. zu dieser zeit erinnere ich mich schon kaum noch an tbilisi.

7:05 klingelt dann der wecker am nächsten tag. er hat offensichtlich gebetet, denn die sonne scheint, und zwar heftigst. steil und steinig zuerst durch heiß, dann steil und durch wald, dann steil und durchs auenland und schließlich angekommen am ersten kreuz und aussichtspunkt. den meisten wanderen reicht es hier schon. uns natürlich nicht. wir wissen die grobe richtung und einen weg gibt es auch, und so erreichen wir nach gefühlt drei jahren die seen. die im juni eher schnee als see sind, aber das ist ja auch egal. der schwamm saugt auf, die augen sehen, die ohren hören zum ersten mal seit langer zeit, nichts. nichts. das eine paar wanderschuhe geht seinem neuestem hobby (bergblumen in unzähligen varianten ablichten) nach, das andere dem seinen (schlafen). auf dem rückweg verpassen wir einen vermutlich nicht-existenten wegweiser und laufen unnötigerweise einen viel zu langen weg. die arme und die wangen sind leicht angekokelt, als wir endlich wieder unten ankommen. ab und an wackelt ein busch und eine vom floh gebissene kuh springt heraus, woraufhin ich mich vor angst an carlas rucksack klammere. wenigstens regnet es nicht. im dorf das rückfahrticket für morgen kaufen und kurz die füße ausziehen und in die kühltruhe legen. muss mich noch einmal fest kneifen lassen. fünf sehr glückliche tage winken mir zu, als die marschrutka am nächsten tag mestia verlässt. im sonnenuntergang sitzen wir in zugdidi und warten darauf, dass im zug die lichter angehen. 22:15 los, 6:33 wieder zu hause.

und was ist sonst noch so passiert? tbilisi open air, ein festivalwochenende. mit wimpeln und lichterketten, seifenblasen und zuckerwatte, strohballen und donuts und viel viel musik, wenig wenig schlaf. mal schunkeln, mal tanzen wie die vom floh gebissene kuh, mal hängen in der hängematte und durch die bäume in die nacht starren.

(c) carla

und jetzt, jetzt sitzt man im schönsten café des viertels, geflohen vor 37 grad, und beendet nach der inzwischen dritten limonade ein weiteres kapitel aus dem jahr im leben. es ist wohl das erste von den letzten, die wir noch schreiben werden.

 

 

 

 

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