einmal nach jerewan, bitte.

einmal nach jerewan, bitte.

man sollte feiertage ja grundsätzlich nutzen. man könnte zum beispiel für drei tage nach jerewan fahren, nach armenien. mit dem nachtzug, versteht sich. nur an ungeraden tagen fährt er hin, an geraden tagen jedoch auch zurück. wie unser schicksal, so nenne ich es, wenn eine meiner mitbewohnerinnen fünf minuten vor abfahrt unbedingt auf toilette muss, es wollte, kamen wir also angerannt, dreißig sekunden bevor das schiff den hafen verließ. aber zum glück mit uns an bord.

und ich kann dir nicht mal genau sagen, wie es sich eigentlich anfühlt. melancholisch. der zug ist laut, alt, ich bin jung, leise. wir treffen uns in der mitte. wir treffen ein abkommen, den anderen nicht für das, was er weiß und das, was er nicht wissen kann, zu verurteilen.

draußen zappenduster, die luft bitterkalt, passkontrolle hier, aussteigen „border control“ da, wir müde, verwirrt und mit von stickig-heißer waggonluft geröteten gesichtern mittendrin. ich schreibe „bitterkalt“ eindeutig zu oft. ein klopfen an der tür reißt mich, es können nur wenige sekunden gewesen sein, aus dem schlaf. wo sind wir nochmal? in sechs minuten „yerevan“. draußen ist es immer noch dunkel. dunkel hier, dunkel da, aber als wir dann noch ein paar „sekunden“ später aus dem metroeingang empor torkeln kann man im orangefarbenen licht der straßenlaternen feine flocken hinab rieseln sehen. die nacht in jerewan begrüßt uns mit schnee. nun, so kann man gleich ein paar spuren hinterlassen.

ein frühstück und einen armenischen tee und erste gespräche mit neuen iranischen bekanntschaften und kein schlaf später raus aus dem fensterlosen hostelzimmer in eine rosafarbene stadt. an vielen wichtigen gebäuden, an der oper und ein paar schlittschuhläufern vorbei hinauf zu den kaskaden. auch hier wacht eine mutter aus stein schützend über ihre stadt. mein vertrocknetes französisch kommt überraschend ans tageslicht gekrochen, hatte es doch in georgien lange ferien, hier wird es gebraucht. abends ein wiedersehen mit unseren armenischen spiegelbildern.

wir frühstücken um eins und steigen in einen bus und steigen an den ruinen einer festung wieder aus. erebuni. den ararat kann man nur erahnen in der ferne. man sieht durch den nebel mehr „groß“, als „berg aus fels und stein“. die grenze zur türkei sieht man auch nicht, aber von ihr weiß man, oh, dass sie da ist. „blaue moschee“ und ein stromausfall im restaurant und dann ein fenstervolles zimmer, dessen bett mich mit offenen armen empfängt. am nächsten tag hört man mehrere elsterschätze auf der „vernissage“ meinen namen rufen, ich folge pflichtbewusst. wir tauchen ein und lange nicht mehr auf.

später raubt einem das genozid-denkmal kurz den atem. ein feuer, das nie ausgehen soll, in der mitte. auch dieses wird das langsam für uns fremde fühlbare loch im herzen dieses kleinen landes nicht füllen. selbst die mutter armeniens blickt, das schwert in der hand, in eine klare richtung.

der zug wartet schon und es ist wieder dunkel. hin und fort im dunkeln. du großes wesen, metalleingeweide, stehst da und empfängst uns fast wie ein alter freund in deinen armen. stoffvorhang und klapphochbett. fragst uns was wir gesehen haben. zu wenig, viel zu wenig noch. und du ja so viel mehr.

denn kann sich nach drei tagen ein bild aus diesen wenigen bruchstücken zusammenfügen? nein. es hat hier und da leere stellen, an die noch kein teil passen will. aber es sprach ja niemand von einem „nie“, als wir auf wiedersehen sagten.

 

 

 

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