Betrunken vor Glück

Wie versprochen: ein Beitrag zu meinem Montag vor zwei Wochen. Liegt also schon eine Weile her und es ist wieder so viel passiert. Zu Beginn des FSJs habe ich ernsthaft gedacht, dass ich neben der Arbeit und Freizeit noch genug Zeit finden werde, Blog zu schreiben. Und manchmal habe ich die Zeit tatsächlich. Aber dann meistens keine Lust dazu. Künftig werde ich keine Beiträge mehr versprechen. Jetzt schreibe ich gerade auch eher aus Pflichtgefühl, weil ich es angekündigt habe, nicht weil ich es wirklich will. Außerdem ist die Erinnerung an den Ostermontag schon verblasst.

Was ich noch davon weiß: mein Montag hat lauter Steigerungen durchlaufen. Angefangen hat er wach, unwissend. Kurzzeitig war er stressig und nervenaufreibend. Zwischendurch war er angetrunken, abenteuerlustig, erschöpfend, erfüllt von purem einfachem Glück. Geendet hat er berauschend.

Angefangen hat der Montag eigentlich am Sonntagabend. Kurz vorm Schlafengehen habe ich eine Nachricht von jemandem bekommen, den ich nicht kenne. Es war ein Freund von einem kulturweit Freiwilligen, der gerade auch in Tiflis ist. Er fragte, ob Tina und ich Lust haben, mit ihm am Montag nach Uplisziche zu fahren. Uplisziche ist eine Höhlenstadt, die 10 km von Gori (Stalins Geburtsstadt) entfernt liegt. Vom Tifliser Busbahnhof „Didobe“ braucht man etwa 1,5 Stunden dorthin.

Wir sagten zu und trafen uns morgens in „Didobe“ für unser kleines Abenteuer. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir natürlich noch nicht, dass es ein Abenteuer wird. Wir waren einfach nur neugierig auf die Höhlenstadt.

Da Tina und ich am vorherigen Freitag (als wir nach Mzcheta gefahren sind) den Busbahnhof kennengelernt hatten, wussten wir bereits, was für ein Chaos auf uns zukommt. Auch diesmal hatten wir keine Ahnung, mit welcher Marshrutka wir von Tbilissi nach Gori kommen. Wir ließen uns von einem Fahrer zum nächsten schicken, landeten irgendwann zusammengepfercht in einem Minivan und zahlten 5 Lari, um nach Gori zu kommen.

Eingepfercht im Minivan

In Gori angekommen, waren wir drei Deutschen, die letzten Fahrgäste. Da wir nicht wussten, wie wir jetzt von Gori nach Uplisziche kommen sollen, fragten wir den Fahrer, ob er uns dorthin bringen kann. Er sagte zu. Wir fragten nach dem Preis. 15 Lari pro Person. Das erschien uns nach kurzer Beratung zu teuer. Wir versuchten zu verhandeln, doch der Fahrer verstand unser russisch plötzlich nicht mehr. (So schnell kann man also eine Sprache verlernen). Seine Ohren schienen verschlossen für unsere Worte. Und nicht nur die Ohren waren verschlossen. Die Autotüren auch. Wir saßen also in diesem Minivan, in dem wir eigentlich nicht mehr sitzen wollten, wussten nicht, ob der Preis angemessen war und wo wir ein anderes Taxi finden sollten, das uns nach Uplisziche bringt. Es gibt eine Taxiapp namens Yandex, die ich jedem empfehlen kann, der länger in Russland oder Tbilissi ist. Da wird die Fahrtroute und der Preis vom Taxi direkt angezeigt und es gibt kaum Schwierigkeiten bei der Bezahlung. Jedoch funktioniert die App in Gori nicht.

Ich glaube, wenn der Taxifahrer nicht so dreist gewesen wäre, seine Ohren und Türen vor uns zu verschließen, dann wären wir geblieben. Sein ignorantes Verhalten brachte uns aber auf die Palme, so dass wir angefangen haben gegen die Autoscheiben zu klopfen, bis er endlich aufmachte. Wir drückten ihm jeder 5 Lari in die Hand und flüchteten um die nächste Ecke. So waren wir also mehr oder weniger gezwungen, uns Gori anzuschauen.

Auf einem Hügel inmitten der Stadt entdeckten wir eine Festung. Diese Festung wurde bereits im 1. Jahrhundert vor Christus errichtet und gab der Stadt auch ihren Namen. „Goris Tsikhe“ bedeutet übersetzt soviel wie „Festung auf dem Hügel“. Deshalb wurde auch die Stadt „Gori“, also „Hügel“, genannt.

Neben der Festung gab es in Gori nicht viel zu sehen. Es gibt anscheinend ein Stalinmuseum. Dieses setzten wir aber für wann anders auf unsere Liste. Wir hatten schließlich Uplisziche im Sinne.

In Gori pendelten wir an einem Busbahnhof von Taxifahrer zu Taxifahrer, bis wir uns auf einen Preis einigten. Der Taxifahrer fuhr uns nach Uplisziche. Es war eine aufregende Fahrt. Das rasante Tempo und die gefährlichen Manöver waren wir schon von Tbilissi gewöhnt.

Fahrt nach Uplisziche

Selbst bei entgegenkommendem Verkehr ging der Fahrer nicht von der Bremse runter. Ich weiß nicht wie wir überlebt haben, aber wir haben überlebt und sind glücklich und zufrieden in Uplisziche angekommen. Dort mussten wir direkt erfahren, dass die Höhlenstadt dank Feiertag geschlossen ist. Unsere nächste Entscheidung stand bevor: vom Taxifahrer verabschieden und irgendwo im nirgendwo wandern gehen oder uns an einen Ort fahren zu lassen, den er uns empfohlen hat. Wir entschieden uns für zweiteres. Es ging ebenso rasant zurück. Dabei fiel mir zum ersten Mal in Georgien ein Geschwindigkeitsbegrenzungsschild auf. 40 km/h waren erlaubt. Ein Blick auf die Tachoanzeige zeigte mir, dass wir 80 km/h fuhren.

40 km/h erlaubt

Ich erinnere mich noch daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich aufgeregt war. Generell war ich an diesem Tag und in den paar Tagen danach ziemlich euphorisch und hibbelig. Das schreibe ich dem guten Wetter, der Sonne und der Wärme zu. Und wahrscheinlich auch dem, was wir danach erlebt haben…

Positiv gestimmt ließen wir uns auf den Geheimtipp des Taxifahrers ein. Er fuhr uns weit über Gori hinaus. In einen kleinen Ort, der den Namen Ateni trägt. Zumindest glauben wir, dass der Ort so heißt. Angekommen ließ er uns raus und erklärte, dass jede Stunde eine Marshrutka nach Gori fährt.

Weg nach Ateni

Ateni

Zunächst besuchten wir eine kleine Kirche. Wir waren die einzigen Besucher und obwohl die Kirche gerade renoviert wurde, ließ uns der Aufseher herein.

Kirche von Ateni

Auto im Fluss

Danach folgten wir einem Weg, der uns auf eine Brücke über einen Fluss brachte. Der Mangel an Infrastruktur wurde durch einen Geländewagenfahrer bewiesen, der genötigt war mit seinem Auto durch den Fluss zu fahren, weil…Ja, warum eigentlich? Gibt es tatsächlich keinen anderen Weg in die Berge? Wollte er sein Auto waschen? War es pure Faulheit? Oder Lust? Man weiß es nicht. Das Auto war auf jeden Fall im Fluss stecken geblieben. Doch unsere Hilfe wollte der Fahrer nicht annehmen. Supercool winkte er ab und so gingen wir weiter. Nach ein paar Metern kamen wir an ein sehr vielversprechendes Schild: Wine Cellar.

Wine Cellar

Dazu muss man sagen, dass wir alle hungrig waren und uns erhofften dort eine Mahlzeit einnehmen zu können. Proviant hatten wir keinen dabei. Schließlich haben wir nicht damit gerechnet, in den Bergen zu landen. Wir sprinteten los und kamen bei einem großen Hof an. Zunächst zögerten wir, ob wir den Hof betreten dürfen. Das Haus sah ziemlich verlassen aus. Doch unser Hunger war größer. Wir betraten den Hof trotzdem. Nach kurzer Zeit bellte ein Hund und ein großer Mann kam aus dem Haus heraus. Er begrüßte uns herzlich und erklärte uns auf gemischtem Deutsch und Englisch, dass er und seine Frau den Hof seit einigen Jahren betrieben, ihren eigenen Wein anbauen und Zimmer im Haus vermieten. Er bat uns, uns zu setzten, schenkte uns guten georgischen Rotwein ein (den wir mit Vergnügen auf leeren Magen tranken) und unterhielt sich mit uns. Indessen war seine Frau in der Küche beschäftigt. Nach dem Wein kam zuerst das Brot. Anschließend ein Teller mit Käse. Dann ein Teller mit Salat. Wir probierten vom hausgebrannten Chacha. Danach Fleischröllchen. Anschließend eingelegtes Lammfleisch. Und zum Schluss Osterkuchen. Als wir beim Osterkuchen ankamen, waren wir schon ziemlich angetrunken. Die Sonne brannte auf unseren Köpfen und wir grinsten uns vor lauter Glück und Wohlbefinden an.

Weinkeller auf dem Hof

Den Hof wollte ich gar nicht mehr verlassen. In dem Moment dachte ich mir: das möchte ich auch. Das ist Glück. Ja, es ist auch harte Arbeit, aber es lohnt sich. Ich nahm mir fest, wiederzukommen. Auch wenn uns eher nach Schlafen zu Mute war, gingen wir weiter. In die Weiten der georgischen Berge zog es uns. Es war erholsam dem wilden Treiben Tbilissis für einige Stunden zu entkommen. Wir liefen einfach. Teils schwiegen wir. Teils plauderten wir. Die Stimmung war beschwippst. Irgendwann erreichten wir einen Punkt, an dem wir nicht mehr weiter gehen wollten. Wir kehrten um. Ein Blick auf die Uhr verriet uns, dass bald 5 war. Wenn wir die Marshrutka pünktlich erreichen wollten, mussten wir jetzt los.

Schöne georgische Berge

 

Ateni?

Auf dem Rückweg kamen wir am Fluss vorbei. Das Auto war nicht mehr da. Zur Marshrutka schafften wir es pünktlich. Wir waren die ersten Fahrgäste, weil der Bus von ganz oben startete und die Leute bis runter, nach Gori, aufsammelte. Die ganze Zeit über war ich furchtbar müde. In Gori angekommen, mussten wir in die nächste Marshrutka steigen, um nach Tbilissi zu kommen. Es war sehr voll und ich konnte nicht schlafen, weil ich mich nirgendwo anlehnen konnte. Dabei wollten wir abends noch ausgehen.

Marshrutka plus rauchender Fahrer

Nach 2 Stunden Fahrt kamen wir schließlich zu Hause an und siehe da: fürs Ausgehen hatte ich doch noch Energie. Ich war super gut gelaunt, motiviert, sagte aber zu Tina, dass ich nur für eine Stunde bleiben werde. Schließlich war morgen wieder Schule. Wir einigten uns auf eine Stunde und gingen in eine Bar, wo unsere Mitbewohnerinnen und ein Freund bereits fleißig am Trinken waren. Bescheiden wie wir sind und weil wir nur eine Stunde bleiben wollten, teilten Tina und ich uns eine Flasche Rotwein. Anschließend noch eine. Und noch eine. Irgendwann war es egal, dass ich am nächsten Morgen um 8 aufstehen muss. Die Nacht ging weiter und ich genoss die schönen Momente mit meinen Freunden. Schließlich ist es das, was das Leben lebenswert macht.

Heimfahrt

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