Osterwochenende

Wow. Seit meinem letzten Eintrag ist „nur“ ein Woche vergangen und ich habe wieder wahnsinnig viel erlebt. Letzten Freitag, bis einschließlich Montag, waren hier in Georgien Feiertage: Ostern.

Unser verlängertes Wochenende wollten Tina und ich natürlich nutzten und ein bisschen mehr von Georgien sehen, als nur Tiflis. Wobei ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich betonen muss, dass Tiflis unglaublich vielfältig ist und ich jeden, vollen Tag durch die Stadt schlendern könnte. Jedes Mal aufs Neue in Stauen versetzt.

Tina und ich haben uns dafür entschieden, am Freitag nach Mzcheta zu fahren. Eine kleine Stadt mit beträchtlicher Bedeutung.

Eins meiner Lieblingsbilder

Archäologischen Forschungen zufolge existiert Mzcheta seit 3000 Jahren und war die mittelalterliche Hauptstadt des iberischen Reichs, das ein Vorgängerstaat des heutigen Georgien ist. Die Stadt gehörte zu den wichtigsten Handelsstädten zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer an der Seidenstraße. Außerdem gilt Mzcheta mit seinen malerischen Kirchen und Klöstern als ein religiöses Zentrum des Landes.

Die Swetizchoweli-Kathedrale

Ehrlich gesagt war das auch schon alles, was ich über Mzcheta weiß.

Ehrlich gesagt haben wir uns nicht besonders intensiv mit der Geschichte der Stadt beschäftigt.

Ehrlich gesagt, sind wir ohne genauen Plan hingefahren.

Gelb stechen die Marshrutkas heraus

Wir wussten nur, dass wir in Tiflis am Busbahnhof „Didobe“ in eine Marshrutka (einen Minibus) steigen müssen, die uns nach Mzcheta bringt. Was wir nicht wussten: der Busbahnhof „Didobe“ ist riesig –und chaotisch. Man könnte ihn sogar als Basar bezeichnen. Und das nicht, weil man umringt von Gemüsehändlern, Blumenverkäufern und allerlei anderer Stände ist, sondern weil die Taxifahrer einen umwerben und einem lauter Preise an den Kopf werfen. Wie die Geier warten sie am Ausgang der Metro auf ihre Beute. Sobald man gewollt oder ungewollt Augenkontakt mit einem von ihnen aufnimmt, treten sie dir in den Weg, fragen wohin du möchtest, nennen dir ihren Preis, bieten dir weitere Destinationen an und lassen dich kaum gehen, wenn du dankend ablehnst. Uns wurde angeboten, uns direkt nach Batumi zu fahren. Batumi liegt am Schwarzen Meer. Das ist sechs Stunden von Tbilissi entfernt…

Ich möchte nicht verallgemeinern. Es gibt bestimmt auch ruhigere Taxifahrer, die nicht so aufdringlich sind. Außerdem verstehe ich, dass man irgendwie sein Geld verdienen muss. In Georgien darf übrigens jeder Mensch als Nebenberuf sein Gehalt mit Taxifahren aufbessern.

Marshrutkas am Busbahnhof „Didobe“

Trotzdem habe ich mich in dem ganzen Menschengewirr sehr unwohl und verloren gefühlt. Unser Hauptproblem: Wir wussten nicht in welche Marshrutka wir steigen müssen. Normalerweise hat jede Marshrutka eine bestimmte Nummer und fährt auf einer bestimmten Strecke. Am Busbahnhof trauten wir uns keinen zu fragen, welche Marshrutka wir nehmen müssen. So sehr war unser Vertrauen geschrumpft. Es gab auch kein Informationshäuschen. Was blieb uns also übrig? Das gute, alte Internet fragen. Dort lasen wir eine Wegbeschreibung zur Marshrutka: aus der Metro raus, die ganze Zeit gerade aus laufen, bis links ein Schild mit der Aufschrift „Cash Desk“ erscheint. Dort kauft man sich für 1 Lari ein Ticket und bekommt die richtige Marshrutka gezeigt. Die Beschreibung war richtig. Wir gingen geradeaus, ignorierten erfolgreich alle im Weg stehenden Taxifahrer, gingen weiter geradeaus, ignorierten weiter, gingen weiter, sahen links kein Schild mit „Cash Desk“.

„Cash Desk“

Irgendwann hatte meine Geduld ein Ende. Ich entlockte einem der Taxifahrer, dass Geheiminis der Marshrutkas. Der Gute hat uns -wie alle anderen vor ihm auch, versucht davon zu überzeugen, dass es sich mit der Marshrutka zu fahren nicht lohne und diese vielleicht gar nicht fährt. Jedoch hat er den Fehler begangen, in die Richtung der Marshrutkas zu zeigen. Wir mussten noch weiter geradeaus, uns zwischen den Händlern durchzwängen. Immer noch kein Cash Desk. Ich fragte freundlich aussehende Marshrutkafahrer, wo man ein Ticket kaufen kann. Sie deuteten nach links: endlich. „Cash Desk“.

Versteckt hinter einer Reihe von Ständen. Dort, wo es kaum einer sieht. Wir zahlten für unsere Tickets 1 Lari (etwa 30 Cent) und warteten schließlich glücklich und zufrieden darauf, dass die Marshrutka sich füllt und wir endlich losfahren. Sie fährt nämlich erst dann los, wenn es so aussieht:

In der Marshrutka

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Mzcheta angekommen, waren wir überwältigt von der Schönheit der Natur. Die Stadt an sich war auch ganz hübsch. Für meinen Geschmack aber zu künstlich, zu hergerichtet, zu perfekt. Tina und ich blieben auch nicht lange im Zentrum. Uns zog es ins Unbekannte. In die fremden, schönen Berge.

Mzchetas Marktplatz mit Blick auf die Berge (und auf Tina)

 

Ich werde an dieser Stelle nicht mehr viel erläutern. Ich kann nur sagen, dass ich an diesem Tag sehr glücklich war und mit Dauergrinsen im Gesicht rumgelaufen bin. Nach Mzcheta komme ich auf jeden Fall wieder. Vor Allem, um das Dschwari-Kloster zu sehen, das auf einer Anhöhe über der Stadt steht.

Halbe Paska und rote Eier

Kurz zurück zu Ostern: am Freitag ist es in Georgien üblich die Eier rot (und zwar nur rot) zu färben. Am Samstag vor Ostern passiert nichts Besonderes. Dafür jedoch am Ostersonntag und Ostermontag. An diesen beiden Tagen besucht man auf dem Friedhof die Gräber von Verwandten und legt die rotgefärbten Eier darauf. Viele Georgier verweilen länger an den Gräbern. Dort essen, trinken und unterhalten sie sich sogar. Neben den rotgefärbten Eiern ist an Ostern immer der Osterkuchen namens „Paska“ dabei. Ein weiterer Brauch ist, dass man sich mit „Christe Aghsdga!“ (Christus ist auferstanden) grüßt und darauf „Tscheschmaritad!“ (er ist wahrlich auferstanden) antwortet.

Auch ich wollte ein bisschen von dem Osterflair abbekommen und bin deshalb Samstagnacht mit meiner Mitbewohnerin Lina in die Samebakirche gegangen. Diese wurde 2004 durch die Finanzierung des georgischen Milliardärs und ehemaligen Premierminister Bidsina Iwanischwili erbaut und ist ziemlich berühmt. Auf fast allen Tiflisreisebildern überleuchtet ihre goldene Kuppel die anderen Lichter der Stadt.

Die Samebakirche

Wie zu erwarten war der Andrang in der Osternacht groß. Erstaunlicherweise waren auch viele Jugendliche in der Kirche oder „hingen“ um die Kirche herum ab. Auch die Polizei war anwesend, was ich zunächst etwas befremdlich fand, mir allmählich aber einleuchtete. Das Gedränge war enorm. In der Kirche war kaum Platz. Man stieß ständig mit andern Körpern zusammen. Irgendwann wurde es unglaublich stickig. Weihrauch und Kirchengesang benebelten Kopf und Geist zusätzlich.

Lange blieben wir nicht.

Am Sonntag war ein sehr entspannter Tag. Wir verbrachten fast die ganze Zeit in einem Café, lasen, quatschten, sonnten uns. Abends ging ich mit meinem georgischen Bekannten in das Theaterstück „Die Drei Musketiere“.

Und was am Montag passierte, erfährst du im nächsten Beitrag 😉

 

 

 

 

 

 

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