Rechts oder Links?

Donnerstag 7.40 Uhr. Der Wecker klingelt. Ich stelle ihn auf 8 Uhr und lege mich wieder ins Bett. Philosophiere beim Einschlafen darüber, ob und warum mir Schlaf wichtiger ist als Frühstück. Versuche zu planen, ob mir die übrige Zeit fürs Vespervorbereiten reicht.

8 Uhr. Der Wecker klingelt erneut. Ich bin doch nur Freiwillige und dazu auch noch krank. Okay, nur erkältet, aber mir geht es trotzdem nicht gut. Meine innere Stimme sagt: „Bleib liegen. Bleib liegen und mache dir heute einen gemütlichen aber produktiven Tag. Gönn dir Ruhe und werde endlich gesund.“

Mein Gewissen ist lauter. Ich stehe auf. Es ist kalt im Zimmer. Mein Hals ist vom gestrigen Rotwein trocken.

Ich richte mich eilig, trinke meine heiße Zitrone, stifte Chaos in der Küche, werfe sämtliches Geschirr um, schneide mich fast und laufe mit einem „Ich spüle mein Zeugs später ab“ schließlich los. Was für ein blöder Tag, denke ich. Du musst das Beste daraus machen, denkt mein anderes Ich.

Beim Hinlaufen zur Schule stelle ich fest: Ich möchte keinen Beruf mit geregelten Arbeitszeiten. Ich möchte aufstehen und zu Bett gehen, wann ich möchte und mich nach nichts und niemandem richten müssen. Dann hat sich die Idee mit dem Lehrerwerden ja erledigt.

In der überfüllten Metro versuche ich positiv zu bleiben und nicht daran zu denken, dass draußen die Sonne scheint und ich bis 6 Uhr abends an der Seite der Lehrerinnen absolut nichtstuend im Deutschunterricht sitzen werde.

Auf dem Weg zur Schule treffe ich auf Hühner

Als ich in der Schule ankomme, merke ich direkt, dass etwas anders ist. Es liegt daran, dass der Wachmann nicht seine übliche Uniform trägt –an der 83. Schule gibt es ein Security Team und sogar einen Überwachungsraum. Er ist ganz normal gekleidet.

Ich gehe wie gewohnt ins Lehrerzimmer, treffe dort auf meine Vertrauenslehrerin und darf erfahren, dass ich direkt wieder gehen darf. Die Begründung: es sind kaum Schüler zur Schule gekommen, da morgen ein Feiertag ist. Georgischer Karfreitag. Der Beitrag zu Ostern in Georgien folgt.

Jetzt würden andere an meiner Stelle vielleicht wütend werden. Ich war in dem Moment vor Glück erfüllt. Schnell habe ich mich von allen verabschiedet und bin ruck zuck nach draußen gelaufen.

Was nun?

Für mich gab es genau zwei Möglichkeiten. Beziehungsweise zwei Richtungen: Rechts oder Links?

Rechts liegt für mich das unbekannte Terrain. Das Ende der Stadt. Der Anfang von etwas Neuem. Der Gedanke in eine Marshrutka zu steigen und ins Unbekannte zu fahren reizte mich.

Links liegt die Innenstadt, mit der ich oberflächlich gesehen schon vertraut bin. In Wahrheit schlummern auch hier viele mir verborgene Orte vor sich hin. Außerdem liegt dort die National Parliamentary Library of Georgia, die ich schon lange durchstöbern möchte.

Die Möglichkeit, einfach nach Hause zu fahren und weiterzuschlafen, kam für mich nicht in Frage.

Plötzlich war ich voller Energie und Tatendrang und sprang in die nächste Marshrutka, die übrigens Richtung Innenstadt fuhr. Damit war mein weiterer Tagesablauf beschlossen.

Google Maps half mir bei der Gebäudefindung. Alleine hätte ich mich wohl nicht in das Gebäude reingetraut. Ich musste auch einige Male das Schild am Eingang lesen, um sicher zu gehen, dass es tatsächlich DIE Bibliothek ist und kein Amtsgebäude. Dann habe ich mich reingewagt. Ein Blick und ich ging sofort wieder raus. Man kam nur mit einer Karte durch ein Drehkreuz in die Bibliothek rein. Zurück auf der Straße lief ich ein paar Meter weiter und hielt nach einer öffentlich zugänglichen Bibliothek Ausschau.

Teil des Gebäudes der National Parliamentary Library of Georgia

Keine in Sicht. Noch ein Blick auf Google Maps. Bitte wenden. Also noch ein Versuch. Diesmal mutiger. Ich ging also noch einmal rein und fragte die Wachmänner auf Russisch, ob die Bibliothek öffentlich zugänglich ist. Sie bejahten und erklärten mir, dass ich mir einen Ausweis machen lassen muss. Auf meine Frage „wo“, war einer der Männer so freundlich mir den Weg zu zeigen. Im Büro angekommen hieß es, dass sie meinen Pass brauchen. Also nochmal heim laufen. Auf dem Weg nach Hause bei einem Friseur vorbeischauen. Endlich Harre Waschen-Schneiden-Föhnen für 6 Lari (2 Euro). Zu Hause eine Heiße Zitrone, frühstücken und Pass holen. Auf dem erneuten Weg zur Bibliothek auf Albert den Schuster treffen, der mich erneut zum Mofafahren einlädt. Ein kurzes „Nein danke“. Dann endlich wieder in der Bibliothek, mit Ausweis und 4 neuen Büchern.

 

In der Bibliothek gibt es einen Bereich vom Goethe-Institut und einen vom Institut Français, in denen man deutsch- und französischsprachige Literatur findet.

Nach meiner erfolgreichen Bücherbeute treffe ich mich auf einen Tee mit Tina. Anschließend schreibe ich das, was ihr jetzt lest und lächele in mich hinein. Schon wieder was gelernt heute: immer schön auf die innere Stimme hören. Meine ruft gerade „SCHLAFEN GEHEN!“.

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