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Zwischen Surfen, Arbeit und Streik

Ich hab schon echt viel von Chile gesehen: durch meinen Austausch 2015, Wochenendtrips, die Backpackertour und den Besuch meiner Eltern.
Bis auf den ‘ganz-ganz-oben-Norden’ hab ich nur noch ein Ziel gehabt, was ich definitiv noch sehen wollte: Pichilemu.
Alle waren schon mal dort, alle schwärmen davon. Also hab ich mir Charlotte und Jonas geschnappt und wir sind am langen Wochenende über den 1. Mai nach Pichilemu gefahren.
Über die Stadt an sich kann ich nicht so viel sagen.. wir sind vor allem zum Surfen hingefahren. 3 Nächte. 2 mal waren wir surfen. Den letzten Tag haben wir einen Spaziergang zum Punta de Lobos gemacht und den Surfprofis zugeguckt, weil wir selber zu erschöpft waren. Obwohl man (oder ich?) viel auf dem Brett rumsitzt oder liegt, ist es kräfteraubender als gedacht. Jeden Abend haben wir dann noch lecker gekocht. Und Hände und Gesicht sind von der Sonnen nochmal schön braun geworden (der Rest war ja vom Neopren überdeckt).
Also ein ziemlich gelungener Wochenendtrip.

Dann habe ich für den PASCH- Blog einen Wochenbericht geschrieben, um mal einen Einblick in meine Tätigkeit an der Schule zu geben:

„Montags um 7.45 geht´s los. Den ganzen Vormittag bis 14 Uhr begleite ich eine Lehrerin. Am Morgen haben die Klassen 10, 11 und 12 Unterricht, das heisst die grossen, das heisst ein höheres Deutschniveau. Letzte Woche habe ich für die verschiedenen Klassen verschiedene Arbeitsblätter erstellt. Thema Präteritum, wo ich das Märchen „Froschkönig“ ins Präsens umgeschrieben habe, damit die Schüler es wieder zurück- umschreiben. Dann noch ein Arbeitsblatt über Wechselpräpositionen und eins über Modalverben. Als diese dann in den Klassen ausgeteilt wurden, war ich schon ein bisschen stolz.
Mein Dienstag beginnt um 12.30 mit einer Vorbereitungsstunde für den B1 Zertifikatskurs. Eine Mitfreiwillige und ich übernehmen den am Dienstag und konzentrieren uns vor allem auf die Kompetenzen Hören, Sprechen und Lesen. Den grammatikalischen Teil übernimmt eine Lehrerin am Montag. Der B1 ist eins meiner Lieblingsbeschäftigungen. Sehr enger Kontakt mit den Schülern und von Woche zu Woche ist eine klare Verbesserung bemerkbar, noch mehr Interesse an Deutsch und Deutschland. 
Danach war ich mit im Unterricht bei einer 7. Klasse. Die Schüler konnten sich einen Sternchen-Stempel mit „super!“ abholen, wenn sie das Arbeitsblatt über Farben und Gegenstandsbeschreibungen fehlerfrei und bunt fertiggestellt haben. Der Andrang war gross, alle wollten diesen Stempel. Dann habe ich mich mit einzelnen Schülern zusammengesetzt, um Fehler zu erklären und viele viele Fragen zu beantworten. Eine erfolgreiche Stunde irgendwie.
Am Mittwoch ist meine erste Stunde auch um 12.30 in einem Nivelationskurs. Das bedeutet, dass alle, die neu auf dem Instituto Nacional sind und vorher nie Deutsch gelernt haben, zusammenkommen und den Stoff aufholen. Dieser Kurs ist auch ziemlich motiviert und freut sich über jede Hilfe.
Dann ist der A2- Zertifikatskurs. Hier ist unsere Aufgabe vor allem das Sprechen anhand von Themenkärtchen oder Fragen mit den Schülern zu üben. Die Angst und der Scham wird von mal zu mal weniger und das Deutsch besser. 
In meiner Projektstunde mache ich dann das, was so ansteht. Werbung für Wettbewerbe, Material vorbereiten oder mich mit meinem kulturweit- Projekt beschäftigen.
Und dann wieder den Unterricht begleiten.
 
Keine Woche ist wie die andere, kein Tag wie der andere. Ich fühle mich auch nach 8 Monaten noch sehr gebraucht und sinnvoll und die Mischung zwischen Unterricht, Zertifikatskursen und Projektstunden macht jeden Tag interessant.“

Heute habe ich vor allem Zeit diesen Blog zu schreiben, weil ich nach einer Stunde in der Schule wieder nach Hause gehen sollte. Die Schüler haben das IN besetzt. Keiner kommt rein und nur bestimmte Leute raus.
Vor ungefähr 2 Wochen haben die ersten Prostete und Demonstrationen angefangen. Mädels von einer öffentlichen Mädchenschule haben gegen einen frauenfeindlichen Pullover einer 12. Klasse von IN demonstriert. Der Unterricht ging aber normal weiter. Dann wurde Anfang dieser Woche eine Sitzblockade veranstaltet – irgendwie ein Aufstand gegen die Bildung von Seiten der Instituto Schüler und gleichzeitig wieder ein feministischer Aufstand der Mädchenschule. Und es gab auch eine öffentliche Demonstration auf der Hauptstraße. Aber auch hier ging der Unterricht mehr oder weniger weiter.
Teilweise werden die Proteste sogar im Fernseher ausgestrahlt.
Heute dann die Besetzung.
Ich dachte irgendwie, dass das Ganze viel später erst anfängt (im Juni) und irgendwie ‚respektloser‘ bzw. ‚gewaltvoller‘ ist, weil man ja schon einiges über den Streik der Schule gehört hat. Aber das kann ich so nicht bestätigen – zum Glück.

Heute zum Beispiel habe ich wie immer mein Fahrrad bei der Portería (dem Eingang) abgestellt. Als ich dann nach Hause geschickt wurde ‘zu meiner eigenen Sicherheit’ standen bestimmt 300-400 Schüler hinter dem mit Stühlen und Tischen bestücktem Zaun und mein Fahrrad da irgendwo mittendrin. Ich hatte schon ein bisschen Panik, dass das irgendwie kaputt geht und war mir sicher, dass ich das da heute niemals rausbekomme. Dann fragte mich ein Schüler, den ich nichtmal kannte, was ich denn hier wolle weil man aus dem Hauptausgang nicht rauskommt. Ich deutete etwas hilflos in die Richtung meines Fahrrads und meinte, dass ich schon gerne damit nach Hause fahren würde. Der kleine Junge, 14/15 vielleicht, brüllte dann mit einer Lautstärke in Richtung der Schüler, die sich um meinem Fahrrad versammelt haben, dass das mein Rad ist und die weggehen sollen, damit ich daran komme. Ich war etwas erstaunt von der Lautstärke und vor allem der plötzlichen Reaktion der angebrüllten Schüler. Ein anderer Schüler schrie dann noch ‘das ist die aus Deutsch’. Alle bildeten sofort eine Traube um mein Fahrrad und mich, verschoben Tische und Stühle, damit ich daran kam und zogen an ihren Mitschülern, damit diese auch noch Platz machten. Ich war etwas überfordert aber bedankte mich lieb und fragte, wo ich denn jetzt rauskommen würde, weil der Haupteingang ja offensichtlich unzugänglich und abgeschlossen war. Nach einigen Erklärungsversuchen, wo der Hinterausgang der Schule ist, begleitete uns ein Schüler dahin, redete noch mit dem Portier, dass wir ja bitte als erstes rausgelassen werden sollen; was dann auch so geschah.
Was lernen wir daraus?
1. Wenn schon vorhergesagt wird, dass die Schule besetzt wird, NICHT mit dem Fahrrad zur Schule kommen.
2. Die Schüler sind politisch sehr aktiv und motiviert- sind aber dennoch hilfsbereit, aufmerksam und respektvoll. Zumindest meiner heutigen Erfahrung nach.

Das war es dann erstmal wieder.
Herbstliche Grüße, ciao Kakao!

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