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Vom Atmen.

Jetzt nur noch um die Kurve und ich sehe die schwarze, von Efeuranken eingerahmte Türe mit der weißen 6 darauf. Gott sei Dank. Ich sperre hinter mir ab und gehe langsam die Treppe hoch, Schritt für Schritt. Einatmen, letzte Stufe, ausatmen. Ich drücke die Türklinke zu meinem Zimmer runter, husche hinein und schließe die Tür sofort wieder hinter mir. Erleichtert atme ich ein, ganz tief diesmal, und habe erst jetzt das Gefühl, dass sich meine Lungen dabei auch tatsächlich füllen. Schön kühl.

Seit gut einer Woche bringt mich Tbilisi an meine Grenzen. Die Temperaturen sind bei über 40 Grad und die Stadt heizt sich enorm auf. Die Hitze wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus: ich habe keine Energie und manchmal ist es schlicht unmöglich, sich draußen aufzuhalten. Selbst wenn ich Lust habe, das Café mit dem schönen Ausblick auszuprobieren – die Strecke dorthin ist schlicht unüberwindbar. Auch nachts liegen die Temperaturen bei weit über 30 Grad und dazu kommen die Mücken, die mich langsam in den Wahnsinn treiben. Seit Tagen hangle ich mich mit 3 bis 4 Stunden Schlaf durch. Gehe freiwillig eineinhalb Stunden früher zur Arbeit, um bei 35 Grad und nicht bei 39 eine halbe Stunde quer durch die hügelige Stadt zu laufen. Und habe deswegen nachts Zeit, um mal wieder Blog zu schreiben.

Aber genug beschwert, denn ansonsten bin ich auf einem ziemlichen Höhenflug!

Mir ist bewusst, dass ich mich lange nicht gemeldet habe und das tut mir Leid für alle, die auf Neuigkeiten von mir gewartet haben. Die meiste Zeit ist nicht viel passiert, nach der Arbeit war ich einfach oft erschöpft und die Wochen zogen vorbei. Allerdings gab es einige ziemlich außergewöhnliche Erlebnisse zwischen diesen Wochen. Von diesen Dingen will ich nun erzählen, wenn auch nur viel zu knapp, um vermitteln zu können, welch einen prägenden Eindruck sie bei mir hinterlassen haben.

Im Mai möchte ich beginnen. Ich weiß, dass ich es zu dem Zeitpunkt schon sehr heiß fand in Tbilisi, aber rückblickend war es angenehm. Man machte sich auf den Weg wohin, ohne sich mit jedem Schritt zu wünschen, man wäre schon dort. Beim Einatmen tankte der Körper Energie. Trotzdem war die Luft ein bisschen raus. Die Routine war eingezogen, hielt mich morgens länger im Bett und ließ die Zeit im Büro nicht vergehen. Aufstehen, duschen, den immergleichen Weg zur Arbeit laufen. Den Hügel runter, über die Straße, über die Brücke, durch den Park den Hügel hoch, an der Rustaveli entlang, durch die Unterführung, die andere Straßenseite entlang, den letzten, steilen Hügel hoch. Im Büro. Acht Stunden später den gleichen Weg zurück. Erschöpfung, Essen, Musik und Bett. Und am nächsten Morgen dasselbe von vorne. Deshalb kam mir das Zwischenseminar Ende Mai sehr gelegen. Denn dafür ging es nach Almaty, Kasachstan!

Der Flug war sehr angenehm, kurz vor der Landung ging die Sonne unter. Zuerst über der Wüste, dann über den Bergen. Das erste, was ich sehe, als ich in Almaty aus dem Flugzeug steige: das Tien Shan Gebirge, eine Bergkette mit schneebedeckten Gipfeln, in den leuchtenden Farben der untergehenden Sonne. Nach der langen Zeit in Tbilisi verschlägt mir die schlichte Schönheit dieses majestätischen Naturschauspiels die Sprache.

Almaty war eine willkomene Auszeit von Tbilisi. Die Stadt ist im Schachbrettmuster aufgebaut, der Verkehr ruhiger und noch besser geregelt als in Deutschland. Überall sind Parks und Brunnen. Es gibt kein richtiges Zentrum, sondern nur einige Straßen, in denen sich Bars, Cafés und Restaurants nebeneinander reihen. Breite, grüne, ruhige Fußgängerwege, vereinzelte Menschengruppen. Keine hupenden Autos, kein lautes Rumgeschreie, kein Gedränge, keine aufdringlichen Bettler, keine stinkenden Abgase, keine starrenden Männergruppen, kein beißender Zigarettengestank. Almaty war wie ein kurzer Urlaub; ein Moment des Durchatmens nach einiger Zeit permanenter Aufmerksamkeit, kontinuierlicher Überflutung von Eindrücken, Geräuschen, Gerüchen und Gesehenem; so sehr hatte ich mich an die ständige Überforderung gewöhnt, dass mir erst beim Luftholen in Almaty bewusst wurde, wie oberflächlich das Atmen geworden war. In Almaty war es einfach. Die freundlich und milde lächelnden KellnerInnen mochte ich sofort. Und auch die anderen Menschen, denen wir begegneten und die ohne einen Blick an uns vorbeigingen. Frei. So fühlte ich mich in Almaty. Und kam nicht umher zu bemerken, wie sehr mich Tbilisi manchmal einschränkt, begrenzt und in die Ecke drängt. Es war, als könnte ich alles und jeder sein, rausgehen, die Stadt und dann die ganze Welt erobern. Und das ist ein ziemlich gutes Gefühl, wenn man davor seine ganze Energie und Aufmerksamkeit darauf verwendet, nicht mit Dingen und Personen zu kollidieren.

Das hört sich an, als wäre Tbilisi die Hölle und Almaty das Paradies; und vielleicht hinkt der Vergleich nicht in allen Aspekten. Denn auch wenn keine der beiden Städte dem Fegefeuer oder Garten Eden nahekommt, so wird ihr jeweiliger Charakter durch den Kontrast zur jeweils anderen offensichtlich. Denn alles, was Tbilisi hat, fehlt Almaty. Freiraum, Anonymität, Strukturiertheit, Vorhersehbarkeit, Diskretheit – all das kann entweder als einfach, befreiend und wunderbar unaufdringlich wahrgenommen werden. Oder als stumpf, langweilig und unaufregend. Weil ich aus Tbilisi kam, war es für mich ersteres. Wäre es andersherum gewesen – hätte ich all die Zeit in Almaty verbracht und wäre für eine Woche nach Tbilisi geflogen – ich wäre ganz aufgeregt gewesen, ganz hingerissen von der Intensität der Stadt, die ich in Almaty in all der Zeit wohl unterbewusst vermisst hätte. Es kommt immer auf die Perspektive an. In keiner der beiden Städte könnte ich auf Dauer leben, so viel steht fest, zu extrem sind sie mir in ihrer jeweiligen Eigenart.

So viel zu Almaty, ohne das leckere Essen erwähnt zu haben! Extrem gut waren auch die ausgefallenen Geschmackskombinationen der erfrischenden hausgemachten Limonaden: ob Melone-Apfel, Erdbeer-Minze-Kiwi oder Beeren-Ingwer, man konnte absolut nichts falsch machen mit diesen gewagten und gelungenen Mischungen!

Das Highlight des Seminars war sicher der Ausflugstag zum Big Almaty Lake auf 2500m, umgeben von den 4000er-Gipfeln des Tien Shan. Wo wir ein bisschen wanderten, um uns dann nach einem Picknick am See in die Sonne zu fläzen und friedlich den Gedichten zu lauschen, die uns in die Stille hinein so eindrücklich vorgelesen wurden.

Hier will ich ein paar Bilder an meiner Stelle sprechen lassen. Aber erst morgen, es fühlt sich an als könnte mein Schlafbedürfnis die Hitze heute endlich besiegen. Bilder folgen also noch hier, und es gibt noch so viel mehr zu erzählen!

Aber für heute erstmal genug, gute Nacht!

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