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Doch, das kann sein!

Donnerstag, 12.04., 21:42 Uhr; letzter Blogeintrag: 04.04., Thema: Ostern.

Jut, das ist ja nun auch schon wieder lange vorbei und in dieser Woche hat sich wieder so viel getan. Ich habe gemerkt, dass ich es nicht schaffen werde, über jedes größere besondere Erlebnis zu schreiben. Es frisst einfach so viel Zeit, die ich manchmal lieber mit Musik hören, Lesen oder Schlafen zubringe, wenn ich mal Luft habe.

Aber gut, heute will ich euch noch von letztem Freitag berichten. Nicht so ausführlich, wie ich es gerne würde, aber so, dass etwas vom Erlebnis rüberkommt.

Der Freitag war frei, weil Orthodoxe Ostern und Anastasia und ich haben uns Mtskheta (ja, ich kanns mir inzwischen merken) als Tagesziel ausgesucht. Dazu sind wir erstmal mit der Metro nach Didube gefahren, unvorbereitet auf das, worauf wir dort stoßen würden. Ein Chaos sondergleichen. Ein basarartiges Gewusel, Verkaufsstände, aber vor allem Autos, Marshrutkas, Busse, Minibusse und Sammeltaxis. Ohne zentralen Platz oder Abfahrtsübersicht. Kommt man aus der Metrostation, wird man sofort von den Taxifahrern belagert. Sie stellen sich uns in den Weg, laufen uns nach, fragen, wo wir hinwollen. Kazbegi? Schüttelt man den Kopf oder ignoriert sie, leiern sie gleich die ganze Palette runter: Gori? Batumi? Borjomi? Svaneti? Uplistsikhe? Mtskheta? Einmal gezuckt und schon hat man den Salat. Der Taxifahrer redet auf uns ein, wird unfreundlich, versucht uns zu verkaufen, dass das Taxi weniger kostet als die Marshrutka. Und dann, dass nach Mtskheta gar keine Marshrutka fährt. Das entnehme ich seinem Gesicht, Tonfall und Anastasias Reaktion. Denn er spricht Russisch. Und ich nicht, deshalb ziehe ich Anastasia einfach weiter. No explanation needed. Nach viel Herumirren, dubiosen Auskünften und Nachlesen im Internet finden wir ein verstecktes cash desk. Zahlen einen Lari (30 Cent) und steigen als erste Passagiere in die Marshrutka nach Mtskheta. Wir setzen uns hinter den Fahrer auf die besten Plätze und warten, bis der Minibus voll ist und wir losfahren. Hier wirkt Tbilisi ganz anders, auf der 20-minütigen Fahrt fühle ich mich wie in einer ganz anderen Stadt, irgendwie südeuropäisch.

Photo: Anastasia

In Mtskheta steigen wir und die spanischen Touris aus. Hübsches Städtchen! Aufgeräumte Gasse, auf der Teppiche verkauft werden und Anderes, schöne Fassaden, im Hintergrund die Berge. Malerisch und touristisch.

Wir schauen uns die Kirche an, staunen über die durch die hohen Fenster wundersam einfallenden und sich brechenden Lichtstrahlen. Erfreuen uns draußen des sommerlichen Wetters und finden total verborgen das süßeste Café, in dem ich je war. Eine mini Terrasse mit drei Tischen, Efeuranken und ganz vielen kleinen liebevollen Details. Wir schlendern durch die Wohngebiete einen Hügel hoch.

Photo: Anastasia

Strahlend rosane und weiße Bäume hinter türkisen Gartenzäunen. Ein kleiner Junge, der aus einem Innenhof läuft. Ein mittelalter Mann, der rauchend auf dem Bürgersteig sitzt. Kinder, die auf der Straße Ball spielen. Sie lachen, weil der Hund auch mitspielen will. Der Ausblick auf Hügel, Fluss und Stadt unter uns. Auf der Wiese um uns Plastikmüll im Gras. Und eine einzelne Mohnblume.

Als wir wieder unten sind und durch den Park schlendern, hält an der Straße eine Marshrutka. თბილისი steht auf einem Schild an der Windschutzscheibe. Tbilisi, genau da wollen wir hin. Wir steigen ein und fahren zurück in die Stadt.

„Das kann doch nicht sein, dass unser Tag schon wieder so perfekt ist“, sagt Anastasia ungläubig grübelnd. Ich grinse. Wir sind glücklich.

Am Abend gehen wir in ein Café mit Live Blues Musik. Und wer mich kennt, der weiß: besser geht nicht für mich. Wir sitzen zu zweit bei Wein auf der Galerie des Cafés, hören den Musikern zu und lachen uns fröhlich an. Ich schließe die Augen, vergesse, wo ich bin, warum und mit wem; jenseits von Zeit und Raum, angefüllt mit allem und trotzdem so leicht, im Takt des Blues; keine Worte gibt es hier, nur unmittelbares Empfinden des Hier und Jetzt. Und als ich die Augen wieder öffne, blicke ich Anastasia geradewegs ins Gesicht und weiß, dass sie am selben Ort ist wie ich. „So viel Glück“ sagt sie und strahlt.

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