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Wahrnehmung und Realität in Tbilisi

Hello again!

Heute melde ich mich NICHT mit einem Bericht von meinem surreal schönen Tag gestern, weil ich das Gefühl habe, dieser Blog hat bis jetzt eine Überdosis an Positivem. Und zu viel von etwas ist schließlich nie gut, Harmonie ist ja bekanntlich der Schlüssel. Klar, ich hab‘ alles, was ich hier mit euch geteilt habe, genau so erlebt wie beschrieben. Aber es gibt auch normale Tage, an denen man sich nicht vorkommt, wie in einem Disneyfilm, sondern eher wie Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Gut, vielleicht nicht ganz so krass.

Was ich sagen will: ich bin mir darüber bewusst, dass ich durch das, was ich hier schreibe, ein bestimmtes Bild von Tiflis – vielleicht sogar von Georgien – in den Köpfen von denjenigen kreiere, die noch nicht hier waren. Dieses Bild ist aber nur ein Konstrukt, es existiert nicht. Weder Tiflis noch ganz Georgien könnten in einem einzigen Bild gefasst werden. Und deshalb will ich kurz auf etwas hinweisen, das ich wichtig finde:

Alles ist genau so, wie du es siehst. Ich sehe Tbilisi durch meine Augen und jeder einzelne Mensch, dem ich am Tag begegne, denkt anders über diese Stadt.

Bisher habe ich nur von extrem schönen Erlebnissen berichtet. Das heißt nicht, dass das Leben hier in Tbilisi eine Blumenwiese ist, auf der Sorgen nicht existieren. Es war auch nicht meine Absicht, dieses Bild entstehen zu lassen. Sondern ich will davon schreiben, was mich bewegt, begeistert und fasziniert und das gerne teilen. Und in den ersten beiden Wochen hier hat eben einfach sehr Schönes den größten Eindruck bei mir hinterlassen 🙂

Also eine kleine Bitte an alle, die meinen Blog lesen: setzt meine Wahrnehmung nicht gleich mit der Realität (in Tiflis/Georgien) und verallgemeinert einzelne Beobachtungen / Erlebnisse nicht. Ich zeige euch meine Wirklichkeit, trotzdem erschafft sich immer noch jede Person ihre eigene Welt. Mein Tbilisi ist anders. Anders als das des Straßenverkäufers, des Taxifahrers, der Erasmus-Studentin, anders als das jedes anderen Freiwilligen, jedes anderen Touristen und ganz sicher anders als deines, wenn du hier wärst.

Alles, worüber ich schreibe, sind nur kleine Ausschnitte aus meinem großen, bunten, chaotischen Leben hier. Subjektive und selektive Segmente, die viel darüber verraten, wie es mir geht, was mich beschäftigt und wer ich hier bin. Aber kaum was darüber, wie Tbilisi objektiv gesehen ist (sofern man an objektive Realitäten glaubt :D)..

Die Erzählung von dem schönen Tag gestern wird deshalb verschoben (aufgeschoben ist nicht aufgehoben), stattdessen will ich euch kurz an ein paar kleinen Dingen des Alltags teilhaben lassen.

Den absolut irrwitzigen Straßenverkehr hatte ich ja bereits erwähnt. Tbilisi ohne hupende Autos will ich mir inzwischen aber auch gar nicht mehr vorstellen. Nicht auszudenken, wie viele Unfälle passieren würden, wenn sich die Autofahrer nicht irgendwie warnen, bevor sie einfach drauf losfahren. Maximal verwirrt war ich übrigens auch, als mir einmal auffiel, dass ich gerade in einem rechtsgesteuerten Auto sitze. Hab ich etwa übersehen, dass hier Linksverkehr herrscht? Nö. Hier fährt man rechts; aber eben nicht nur in links-, sondern auch manchmal in rechtsgesteuerten Autos. So einfach ist das.

Dann sind da die vielen Straßenhunde. Hört sich vielleicht bedrohlich an, ist es aber nicht. Ich glaube, ich habe noch nie einen Straßenhund bellen sehen oder rennen hören (oder andersrum). Dafür sieht man sehr viele davon an allen möglichen Stellen in der Stadt einfach schlafen, oder zumindest teilnahmslos rumliegen.

Wer auch manchmal alleine, aber häufig in Grüppchen unterwegs ist: Security-Männer. Sie sind überall. Auffällig präsent, genau wie die Vielzahl an turtelnden Pärchen. Nur ein Zufall? Man weiß es nicht.

Auf meinem Arbeitsweg über die Brücke, von der aus man die auf einer Anhöhe thronende Sameba-Kathedrale gut sehen kann, beobachte ich täglich Menschen dabei, wie sie kurz hinüberblicken, stehen bleiben und sich dann mit gesenktem Kopf bekreuzigen. Die (Orthodoxe) Kirche scheint hier eine wichtige Rolle zu spielen.

Und zum Schluss zum Essen: Lebensmittelläden haben hier 24/7 auf, auch die kleinen. Unvorstellbar für die Arbeitskräfte, aber natürlich sehr praktisch – ich hab‘ mich sofort dran gewöhnt. Auch im Restaurant läuft’s anders, als ich es von zuhause kenne: geht man als Gruppe essen (oder auch nur zu zweit), ist es ganz normal, dass man nicht unbedingt zusammen isst. Wo ich bis jetzt überall an Bars / Cafés / Restaurants war, hat es allgemein relativ lange gedauert, bis das Essen serviert wurde. Und es kam gesondert und nicht gleichzeitig mit dem meiner Tischgenossen. Warten, bis auch die ihr Essen kriegen ist hier definitiv nicht die Lösung. Lieber allein essen als kalt ist das Motto. Nicht schlimm, nur anders. Die neidigen Blicke, wenn das eigene Essen als erstes kommt, muss man halt aushalten – oder eben teilen 😀

So, das war’s erstmal. Ich geh‘ jetzt ins Bett, habe einen relativ ermüdenden und langen Tag in der Arbeit hinter mir. Und generell immer noch das Gefühl, Schlaf nachholen zu müssen.

Also gute Nacht, ihr Lieben! Und was auch immer sonst so passiert, morgen ist ganz gewiss ein neuer Tag mit neuem Himmel und neuen Möglichkeiten 🙂

 

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