unterwegs in richtung unbekannt

Mit der Morgensonne auf der Nase, auf den Stufen des Zuges sitzend beginnt die kurze Reise ins Weite. Das Ziel heißt Piatra Mare, vorher fahren wir bis Predeal, einer kleineren Stadt kurz vor Brasov. In Begleitung habe ich Dennis, einen Local sozusagen. Dennis ist Abenteurer, Lebenskünstler und aktuell Medizinstudent in Bukarest. In seinen Worten war ich „stuck in Bucharest“, weshalb ich meinen Rucksack und die Wanderstiefel geschnappt habe, und mich mit ihm auf den Weg in die rumänischen Berge gemacht habe. Alleine hätte ich das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht gemacht, zumal ich meistens einen Anstoß von außen brauche, Dinge wie Wandern tatsächlich zu tun, und nicht nur realitätsfern die „wanderlust“ Bilder von anderen Menschen auf Instagram anzusehen. Schon das Zugfahren hat einen ganz anderen Flair als in Deutschland. Die Türen der Wagen gehen am Bahnhof immer zu beiden Seiten auf, damit Reisende aus der Tür rauchen können, und etwas frische Luft schnappen. Wenn man dann wie wir auf den Stufen sitzt, dann sieht man den Schotter unter sich, einige rostige Gleise und je nach Größe des Ortes ein Häuschen, das an einen Bahnhof erinnern soll. Der Zug rollt weiter, die Tür immer noch offen, und erst nach einigen Metern schließen die Türen sich langsam. Als ob die Türen einem noch eine letzte Chance geben, sich umzuentscheiden, und doch noch aus dem fahrenden Zug zu springen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich das wohl auch schon ausprobiert habe, etwas notgedrungen, auf dem Weg nach Fagaras zum Zwischenseminar. Wir waren im letzten Wagen und haben keinen Bahnsteig gesehen, dachten uns, wir sind bestimmt noch nicht da. Selten hab ich so schnell Sachen zusammen gepackt, als eine Dame „E Fagaras, mergeti!“ (etwa: Das ist Fagaras, bewegt euch!) gerufen hat.

rumänischer Provinzbahnhof

Doch zurück zu dieser Reise.Nach etwa zwei einhalb Stunden Fahrt steigen wir in Predeal aus, und Dennis schaut mich an, meint er hat eine Überraschung für mich. „Wir werden ein Stück trampen.“, sagt er, und grinst. Er weiß genau, ich bin eher so Model Komfort-Reisende, und bin wohl noch nie per Anhalter gereist. Aber – his country, his rules. Ein bisschen Offenheit tut mir gut, also lass ich mich selbstverständlich darauf ein. Er erklärt mir kurz, dass es wichtig ist, ein paar Dinge zu beachten, wo hinstellen, wie gestikulieren und so weiter. Für mich ist das ja neu, also komm ich mir noch ziemlich doof vor, als ich das erste Mal meinen Daumen rausstrecke. Ich bin mir sicher, meine Unsicherheit hätte man noch Kilometer weiter sehen können. Kein Wunder also, dass der neben mir stehende Dennis schmunzelt. Na der hat leicht reden, immerhin ist er schon viele Tausend Kilometer getrampt. Gut, also ein bisschen mehr Empathie und positive Ausstrahlung, bitte, Theresa. Keine fünf Minuten später sitzen wir im Auto eines Ehepaars, auf dem Weg zum Anfang des Wanderwegs. Unbewusstsein is a bitch, so klammer ich mich in meiner Unsicherheit an meinen Rucksack, versuche das wegzulächeln. Klappt nur so mittelmäßig, glaub ich. Dabei bin ich eigentlich total zufrieden, liebe das kleine Abenteuer dass ich da grade erleben darf. Dennis unterhält sich angeregt mit den beiden, mit einer Freundlichkeit und Herzlichkeit, die mich ziemlich beeindruckt. Später sagt er mir „du bekommst etwas von ihnen, umsonst, also gibst du etwas zurück, und unterhältst dich.“

Wir steigen aus, laufen los. Unser erster Stopp wird der „Canionul Șapte Scări” (https://ro.wikipedia.org/wiki/Canionul) sein. Mitten im Wald gelegen ist der Canyon mit den sieben Treppen ein bisschen touristischer. Einige Menschen warten Schlange, warten darauf die Treppen rauf und runter klettern zu können. Instruktionen gab es nicht wirklich, ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland. So nasse Eisentreppen sind ja schon eine rutschige Angelegenheit, da würde es von Warnschildern und Versicherungshinweisen nur so wimmeln. Kaum ist der Canyon vorbei, verlaufen sich die Massen der Menschen, und die wundervolle Ruhe im Wald kann wirken. Wir gehen den Wanderweg mit dem Namen Prăpastia Ursului“ (Urs = Bär), der wird etwa 4 Stunden dauern. Das liegt aber an meiner untrainierten Wenigkeit, Dennis wäre da vermutlich in einer knappen Stunde hochgesprintet. Bald treffen wir auf einen Mann, der Pause auf einem Stein macht. Ein bisschen unsicher sieht er uns an, fragt, ob wir Englisch sprechen. Einige Wanderer haben ihn gewarnt, ein Bär wäre auf dem Weg. Oh, nun, so eine direkte Konfrontation mit einem Bären brauche ich jetzt nicht unbedingt, denke ich. Aber was wäre die Alternative? Umdrehen? Auch irgendwie doof. Also gehen wir weiter, machen viel Krach und Lärm, denn die Bären bleiben dann wohl eher fern. Wir rufen nach dem Herrn Bären, ob er Stress will, lachen ziemlich viel dabei. Dennis lernt Deutsch, also üben wir Verbkonjugationen in einer Lautstärke, die den Bären wohl beeindruckt hat. „Laufen, lief, gelaufen. Hörst du, Herr Bär?“ Wir sind ihm nicht über den Weg gelaufen.

Ich bin am Ende meiner Kräfte, als wir an der Hütte ankommen. Der Ausblick ist der absolute Wahnsinn. Mir fehlen wirklich die Worte. Man sieht ganz Brasov, es ist einfach fantastisch. Ein paar Eselchen stehen auch herum, die runden das Panorama perfekt ab. Das Gipfelbier war wohl das Beste, dass ich je getrunken habe. Wir unterhalten uns gut und lange, die „Vibes“ sind super.

Leider fährt der letzte Zug in drei Stunden, stellt Dennis fest, und deshalb reicht uns die Zeit leider nicht, um die letzten Höhenmeter auf den Gipfel zu steigen. Also geht es dann mit ein bisschen schnellerem Tempo bergab, was mir schon wesentlich besser gefällt, ist weniger anstrengend, obviously.

Unten angekommen beginnt das gleiche Spiel wieder zurück, Daumen raus, zurück nach Predeal. Diesmal gefällt mir das schon besser, ich bilde mir ein ich bin entspannter bei der Sache. Und wieder, nach nicht mal fünf Minuten, sitzen wir auf der Rückbank eines jungen Pärchens. Für mich war das schon ein big deal, das Trampen, etwas Neues halt. Für jemanden mit Erfahrung liest sich das wahrscheinlich ziemlich komisch, aber das ist mir jetzt erst mal egal. Für mich war das cool und eine wertvolle Erfahrung.

Auf dem Weg zurück bin ich zwar erschöpft, aber auch super zufrieden. Normalerweise dauert die Heimfahrt gefühlt doppelt so lange, aber Dennis erzählt unermüdlich von seinen Wandergeschichten, ich höre interessiert zu, das sind Geschichten aus einer mir eher unbekannten Welt.

Jede Reise macht uns reicher, immer, egal wie man reist. Aber ironischerweise hat mir der Tag gezeigt, dass es nicht darauf ankommt, viel Geld beim Reisen auszugeben. Ich stelle jetzt mal die verrückte Theorie auf, dass man mit wenig Budget noch mehr erlebt, als mit einem Haufen Geld.

Ich kann sehr empfehlen, die rumänischen Berge zu besuchen.

Bis bald,
Theresa

 

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