übers busfahren, entdecken und heimkommen.

April. Mein Reisemonat. Dieses Jahr sind hier in Rumänien ungewöhnlich lange Osterferien, fast drei Wochen. Jetzt, wo es noch nicht so unerträglich heiß ist, muss ich die Gelegenheit nutzen und mir Südosteuropa etwas genauer ansehen. Meine Faszination für Bukarest hat keineswegs nachgelassen, im Gegenteil, ich verteidige mein neues „Zuhause“ immer wehement, wenn jemand (vorschnell?) böse drüber redet. Aber Bukarest ist eine Gr0ßstadt, und somit kein Spiegel für das ganze Land, nicht einmal für die Region der Walachei. Über die Osterfeiertage habe ich aber erstmal ein anderes Ziel: μαυροδενδρι (Mavrodendri), ein Dorf in Griechenland, es liegt grob bei Kozani, noch gröber bei Thessaloniki. Von Bukarest aus sind das immerhin knapp 788 Kilometer, mit dem Reisebus also 12 Stunden Fahrt durch Bulgarien. Das mag nicht die allerschönste Aussicht sein, und ich war durchaus skeptisch, hab mich zwischendurch vor Reiseaufregung verrückt gemacht, habe mir gedacht das war die doofste Schnapsidee jemals. Aber ich hatte ja ein Ziel vor Augen: Osterfest in Griechenland, zusammen mit der Familie vom besten Copiloten der Welt! Und so waren die vielen Stunden Fahrt erträglich, eigentlich wirklich in Ordnung. Bulgarien liegt näher an Bukarest als ich es eingeschätzt habe. Nach einer knappen Stunde hat der Bus die im Abendlicht ziemlich genial aussehende Donau schon überquert. Der Nachteil einer Nachtfahrt: außer den erstaunlich penibel sauberen Raststätten hab ich von Bulgarien sonst nichts gesehen. Nicht einmal Sofia, schade aber auch. Wie sich herausstellen wird hab ich das auf der Rückfahrt ein zweites Mal verschlafen, aber dazu später! Um fünf Uhr fünfzig morgens schmeißt mich der Busfahrer also in Thessaloniki raus, und ich begeb mich auf die Suche nach dem Bus zum Busbahnhof. Dann ein Bus nach Kozani, eineinhalb Stunden Fahrt. Dann noch ein Regionalbus nach Mavrodendri. Das klingt jetzt einfach, und im Endeffekt ist es auch keine große Kunst, aber ich war doch ein bisschen stolz, so ganz ohne Verfahren oder dergleichen angekommen zu sein. Alex Oma, die dort wohnt, nimmt mich herzlichst in Empfang und ich fühle mich so richtig angekommen.
Es riecht nach Frühling, ist wahnsinnig grün, und die Idylle wird durch Kirchenläuten alle paar Minuten perfektioniert (Ein Brauch am Karfreitag, es erinnert die Christen an den Trauer über den Tod Jesu). Und so erlebe ich die Tage ganz viel, was beim griechischen Ostern dazugehört: Tsureki (Osterstollen), Eier schlagen (die Eier werden nur rot gefärbt, als Erinnerung an das Blut Jesu), die Gottesdienste (besonders emotional war der in der Nacht auf den Ostersonntag, hier wird die Auferstehung verkündet und das Fasten gebrochen) und die Familienessen. Und so vergehen ein paar wundervolle Tage wirklich schnell, und ehe ich mich versehe sitze ich schon wieder im Bus nach Bukarest. Der Abschied fällt schwer, natürlich wird es ein Wiedersehen geben, vielleicht sogar schon ganz bald, aber Trennung bleibt einfach unschön. Ich denke an Griechenland, aber noch mehr an den Co-Piloten.

… ein bisschen Gemüse am Ostersonntag

Ein ganzes Stück nördlicher liegt Sibiu. Meine zweite Reise diesen Monat. Der Rucksack aus Griechenland bleibt fast gleich gepackt, Dreckwäsche kurz raus, neue Sachen rein, viel braucht man ja nicht. Was man alles nicht braucht, auf Reisen, das merkt man spätestens dann, wenn man das ganze Gewicht auf dem Rücken trägt. Diesmal bin ich mit Yola und Henning unterwegs, zu dritt schlagen wir uns durch Siebenbürgen, entdecken Neues und bewundern Altes. Ganz anders als Bukarest ist es für einen Deutschen in Sibiu fast unmöglich, einen „Kulturschock“ zu verspüren. Dafür ist es zu sauber, zu renoviert – sowieso spürt man den Einfluss ‚deutscher‘ bzw ‚österreichischer‘ Kultur stark. Der fantastische Blick auf die Karpaten im Hintergrund der Skyline weckt Alpenfeeling, wie ich es nenne. Es gibt eine große evangelische Kirche im Zentrum von Hermannstadt, den Kirchturm sollte man unbedingt besteigen, wenn man dort ist. Ganz in der Nähe gibt es auch ein Pharmaziemuseum. In der vermutlich ersten Apotheke Rumäniens hat um 1777 der Begründer der Homöopathie, Samuel Habermann, Mittelchen gegen allerlei Wehweh erfunden. An die zweitausend hübsche kleine Fläschchen mit Globuli (ich vermute nicht mehr im Original…) und vergilbte Pulverfässchen kann man begutachten.

Die rumänisch-orthodoxe Kirche in Sibiu

Einenhalb Stunden von Sibiu entfernt liegt Sighisoara (auch bekannt als Schäßburg). Ja, es gibt da so eine Legende, dass Dracula, also Vlad Tepes, dort geboren sein mag. Ehrlich gesagt bin ich kein Fan dieser Mythen, sie vernebeln die historischen Grundlagen, und sagen meist mehr über den aktuellen Geist der RumänInnen aus, als sie über die Geschichte des ‚Volkes‘ erzählen. Sighisoara ist wirklich hübsch, die Altstadt liegt auf einem Hügel, viele Häuser haben bunte Fassaden und über die bekannte „Schülertreppe“ erreicht man das Gymnasium der deutschen Minderheit.

Der zweite Daytrip führte uns nach Păltiniș. Wir hatten zwar kalte Temperaturen erwartet, doch mit einem Meter Schnee hatten wir nicht gerechnet. Vom Spazieren sollte uns das aber nicht abhalten, es gibt dort schöne Wanderwege durch die dichten Wälder, manchmal trifft man sogar auf Bären oder Wölfe. Wir haben keine gesehen, und so im Nachhinein finde ich das ganz gut, glaube ich. Wir haben allerdings einen Anfängerfehler gemacht: Mit dem Bus von Sibiu sollte man am besten eine Station vor Păltiniș aussteigen, im Dorf davor. Von dort aus gibt es Wanderwege mit beeindruckender Aussicht auf die Karpaten, die kann man dann bis zur „Hohen Rinne“ laufen. Jetzt im April – die Skisaison ist eigentlich vorbei, der Sommer hat noch nicht begonnen, da ist es sehr verlassen und einsam in Păltiniș.

Siebenbürgen ist schön, wirklich hübsch und ästhetisch. Als wir im Bus zurück nach Bukarest sitzen, kommt ein Gefühl in mir auf: Ich bin auf dem Weg nach Hause. Ich hab schon ein bisschen Sehnsucht nach dem kaputten, unaufgeräumten, lauten, chaotischen, improvisierten, dem liebgewonnenen Bukarest.

Theresa

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